18
Feb
2012

Frühe Mahnung

 
Mahnung

© urs

Lethe setzt ihre Information über Demtia fort. “Demenz ist ein Syndrom bzw. ein Komplex von Symptomen, in der Regel als Folge einer meist chronischen bzw. fortschreitenden Krankheit des Gehirns. Es werden höhere kortikale Funktionen gestört. Dazu zählen alle wichtigen Funktionen des Bewusstseins und des Gedächtnisses. Das bedeutet, dass ihr alle drei insofern davon betroffen seid, als die Fantasie schwindet, die Vernunft geschwächt wird und der Verstand sich auflöst. Deshalb finde ich es auch sehr gut, dass Ihr in Dementia Halt gemacht habt, um Euch mit Euren möglichen existentiellen Bedrohungen auseinanderzusetzen."

Die drei sehen sich voller Betroffenheit an. Lethe setzt fort und fügt hinzu, dass allerdings das Gefühl vom gesamten Schwund kaum betroffen wird. Das Schwinden selbst geht längere Zeit vor sich und sollte etwa ein halbes Jahr beobachtet werden können.

Die Vernunft erkundigt sich bei Lethe, ob es denn keine Möglichkeiten gibt, dagegen etwas zu unternehmen. Lethe wird sehr ernst und erklärt, dass das Problem darin liegt, einem gesunden Menschen zu erklären, dass er Maßnahmen ergreifen muss, um die Möglichkeit auszuschließen, dement zu werden. Lethe verspricht den dreien, ihnen nach und nach diese Maßnahmen zu erklären.

“Zunächst muss ich aber noch erwähnen, was die Beeinträchtigung des Gedächtnisses angeht, dass mindestens eine der folgenden Störungen hinzukommen muss:
Aphasie, das bedeutet Störung der Sprache,
Apraxie: das meint die Beeinträchtigung der Fähigkeit, motorische Aktivitäten auszuführen,
Agnosie, das ist die Unfähigkeit, Gegenstände zu identifizieren bw. wiederzuerkennen
und schließlich die Störung der Exekutivfunktionen wie Planen, Organisieren, Einhalten einer Reihenfolge u.dgl. mehr."

Die Fantasie bemerkt, dass sie sich weniger allein für die Fakten interessiert, sondern vielmehr in Verbindung damit für rechtzeitige vorbeugende Maßnahmen. Lethe macht auf die großen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dementer Störung und einer entsprechenden vorbeugenden Maßnahme aufmerksam. Diese Schwierigkeit ist aber nichts anderes als jene, welche Gesunde haben, wenn sie einer möglichen Erkrankung vorbeugen sollen. “Solange nämlich der Körper nicht mit massiven Störungen droht, sehen sie sich auch nicht veranlasst, vorbeugende Maßnahmen zu treffen!”

Die Fantasie wendet ein, dass sie sich aber nun gerade deshalb in Dementia aufhalten, um Wesentliches über Demenz zu erfahren. Lethe bittet sie, ihre Ungeduld doch zu zügeln. Sie wird bestmöglich versuchen, ihrem Anliegen gerecht zu werden. “Aber dazu muss ich wissen, was Eure eigentliche Intention ist. Ganz einfache Frage an Euch: Warum seid Ihr überhaupt nach Dementia gekommen? Was genau erwartet Ihr von hier?”
 

17
Feb
2012

Neuronaler Terror

 
neuronaler-terror

© urs

"In der Grundschule wird nahezu alles vermieden, was dem Gehirn gut tun würde. Die Kinder kommen zwar aus ihrer Spielwelt, aber Spielen ist in der Grundschule plötzlich verboten. Sie sind gewohnt, sich frei zu bewegen. Aber sich frei zu bewegen, das ist in der Grundschule verboten. Die Verbote des Spielens und der freien Bewegung rauben dem sich entwickelnden Gehirn die wichtigsten Voraussetzungen spielerischen Lernens und damit die Bedingungen der Möglichkeit schöpferischer Einfälle."

Lethe wird nun noch ernster. "Aber das Schlimmste ist, dass sich die meisten, die Kinder lehren, gar nicht aufs Lehren verstehen. So ist ihnen beispielsweise völlig fremd, dass das kindliche Gehirn nicht in der Lage ist, Fehler zu machen. Wenn das Kind etwas falsch macht, dann nur deshalb, weil es ihm nicht richtig erklärt worden ist.

Das größte Missverständnis besteht in dem, was Lernen durch Nachahmen genannt wird. Das Gehirn imitiert nicht nur, sondern versucht das Gesehene den eigenen Möglichkeiten anzugleichen. Dazu muss es aber zuerst herausfinden, wie das geht. Das, was dann wie Nachahmung aussieht, ist das Ergebnis sorgfältigen Beobachtens, Analysierens und Adaptierens des Wahrgenommenen."

Der Verstand wünscht sich von Lethe ein Beispiel. “Selbstverständlich! Nehmen wir zum Beispiel einmal das Verbot, mit Hilfe der Finger zu rechnen. Dabei werden mit dem Fingerrechnen grundlegende Entwicklungsschritte vollzogen. Es ist für das Gehirn unumgänglich, die Finger zu benutzen, wenn es die Ergebnisse rechnerischer Operationen ermitteln soll. Um nämlich einen ordinalen Zahlbegriff bzw. Ordnungszahl auszubilden, ist es z.B. notwendig, an den Fingern Eins und Eins zählen zu können, um eindeutige Zuordnungen herzustellen. Nur so kann man ganz klar sehen, dass Zusammenzählen (Addieren) ein Zunehmen an Menge, ein Hinzufügen bedeutet. Auf dem Fingerrechnen als Methode durch systematischen Einsatz der Finger zu rechnen beruht schließlich der Erfolg des Dezimalsystems, weil eben das Wechseln auf die nächsthöhere Stelle am Ende der Fingerzahl praktisch ist."

Der Vernunft ist das, was Lethe zu erklären versucht, noch nicht deutlich genug. Deshalb möchte sie selbst versuchen, das noch einmal für sich zu klären.
 

16
Feb
2012

Weniger ist mehr

 

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Die Tragödie der Demenz nimmt ihren Anfang vor allem mit der schulischen Erziehung. Ein Kind, das vor seiner Schulzeit im englischsprachigen Ausland aufwächst, lernt die englische Sprache spielend allein, und zwar innerhalb weniger Monate. Wenn aber ein Kind in der Schule Englisch lernt, braucht es mehrere oder sogar viele Jahre dazu. Nicht selten lernt es diese Sprache überhaupt nicht mehr. Das Erlernen von Fremdsprachen scheitert wie vieles Andere vor allem an der Sparsamkeit des Gehirns, das alles Überflüssige ablehnt.

Beispiel: Um einen Wahrnehmungsinhalt zu nennen, braucht das Gehirn nämlich nur ein Wort. Das Wort “Haus” nennt das Gemeinte klar beim Namen. Das Wort “Haus” zusätzlich noch mit dem Wort “house” zu verknüpfen, erscheint einem hoch kritischen Gehirn ganz und gar nicht sinnvoll und wird deshalb oft auch abgelehnt.

Niemand isst freiwillig eine saure Zitrone. Um das zu machen, bedarf das Gehirn eines Grundes, der es veranlasst, seine Ablehnung aufzugeben. Ohne Grund macht das Gehirn überhaupt nichts. Wird aber behauptet, die Zitrone sei eine erfolgreiche Vorbeugung gegen Erkältung, dann wird das Saure in Kauf genommen und die Zitrone gegessen. Im Fall einer Vokabel erscheint der Grund aber oft nicht plausibel. Das änderte sich allerdings mit der zunehmenden Nutzung des Internets und elektronischer Medien, denn Englisch ist die Sprache des Internets und damit vernetzter Medien. Grund genug für Kids, Englisch zu lernen.

“Aber dennoch fällt das Vokabel-Lernen immer noch nicht leicht!” wendet die Vernunft ein. Lethe erklärt, dass angesichts eines akzeptablen Beweggrundes die Sparsamkeit des Gehirns nicht außer Acht gelassen darf. "Das bedeutet, dass eine Vokabel so angeboten werden muss, dass sie möglichst einfachst behalten werden kann. Wird das Gehirn gar humorvoll angesprochen, dann merkt es sich auch eine Vokabel. Beispiel: Im Haus zum Essen bleiben = house; “o” ist Symbol für Teller! Oder: Regen im Rheingebiet = rain!

Nun wird aber in Schulen Lernen nicht begründet und humorvoll erleichtert, sondern mit der Androhung schlechter Noten aufgezwungen. Das hat zur Folge, dass das Gehirn lernt, etwas nur so lange zu behalten oder zu können wie es bedroht wird. So kommt es, dass Kinder, die in der Schule Schwierigkeiten mit Rechnen haben, solche Schwierigkeiten verlieren, sobald sie in einem Kaufhaus mit ihrem Taschengeld berechnen müssen, ob oder wann sie sich ihren Wunsch erfüllen werden können.

Die Schule lehrt also dem Gehirn das Einrichten eines situativen Gedächtnisses, das ist eine neuronale Region, die Gedächtnisinhalte nur nach Bedarf festhält. So vergessen nicht wenige sofort nach dem Vokabeltest die gelernten Vokabeln wieder. Da aber das Einrichten zeitweilig relevanter Gedächtnisteile unbewusst automatisiert geschieht, hat das Bewusstsein keinerlei Einfluss darauf, was noch behalten werden soll. Das Problem besteht darin, dass das Gehirn die neuronale Regionalisierung automatisiert und immer dann Erinnerungen blockiert, wenn es instinktiv erfasst, dass diese nicht mehr benötigt werden. Dabei kann es zu bösen Diskrepanzen zwischen Instinkt und Bewusstsein kommen. So kann es geschehen, dass das Unbewusste Erfahrungen blockiert, auf die das Bewusstsein zwecks Orientierung noch angewiesen ist."

Der Verstand widerspricht Lethe: "Es gilt doch bislang als eine Grundeigenschaft des Gehirns, nichts zu vergessen! Was Du aber erzählst, widerspricht dem doch ganz und gar!” Lethe korrigiert den Verstand: “Natur geht für das Gehirn vor Kultur, und für das Bewusstsein ist es umgekehrt! Aber neuronale Regionalisierung ist nur eine der Ursachen der Demenz.”
 

15
Feb
2012

Vergessen verlernen

 

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“Das Vergessen ist am besten zu verlernen, indem man seine Aufmerksamkeit trainiert!” Und Lethe fügt hinzu: “Das Gehirn prägt sich nämlich selbstverständlich alles nur so klar ein wie es erfasst worden ist! Unaufmerksamkeit ist das größte Übel einer schnelllebigen Zeit! Viele Leute wissen oft nicht mehr, ob sie abgeschlossen, das Licht oder den Herd ausgemacht haben, nicht etwa weil sie zu vergesslich sind, sondern weil sie zu unaufmerksam waren während sie das taten!”

Die Vernunft wird jetzt doch neugierig und erkundigt sich bei Lethe, warum sie eigentlich ihnen das alles erzählt. Lethe reagiert erstaunt, weil sich ihrer Ansicht nach alle, die in Dementia Halt machen, für den Vorgang des Vergessens interessieren. Der Verstand unterstützt die Vernunft und erklärt, dass sie nicht mit Selbstverständlichkeiten behelligt werden möchten, sondern sich vielmehr allein für das Wesentliche interessieren.

Auf den Einwurf des Verstandes erklärt Lethe, dass Vergessen eine Verweigerung des Gehirns ist, Erinnerungen freizugeben. Der Grund dieser Blockade ist die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu reparieren.
Das Vergessen dient wider allen Anscheins ganz offensichtlich einer Selbstschutzmaßnahme. “Ich weiß, dass das angesichts der Tragödie schwer verständlich ist. Dehalb will ich versuchen, Euch das zu erklären!”
 

14
Feb
2012

13
Feb
2012

Das Wesentliche

 

© urs

Um das Wesentliche schauen zu können, muss natürlich alles Unwesentliche losgelassen werden. In Dementia bietet es sich deshalb an, dass Lethe, das Vergessen, zunächst einmal Besucher des Gedankenlabors anleitet. Lethe macht von der Gabe der Introspektion und des unsinnlichen Wahrnehmens (gr. idein) Gebrauch.

Nachdem Lethe die Fantasie, Vernunft und Verstand begrüßt hat, erklärt sie das Vergessen als das Auflösen neuronaler Bindungen. “Erinnern bedeutet, Bilder vergangener Erfahrungen bewusst werden zu lassen. Das gelingt am einfachsten durch ein eine solche Erinnerung ins Kurzzeitgedächtnis zurückrufendes Wort wie Vater, Mutter, Schwester, Bruder.

Das Wort ‘Vater’ projiziert die Gestalt der Person des Vaters spontan ins Bewusstsein. Wir wollen uns jetzt aber nicht mit unserem Bild des Vaters beschäftigen, sondern wir wollen uns vielmehr anschauen, was dieses Bild in unserem Bewusstsein mit uns macht.
Wenn Ihr Euch das Wirken dieses Bildes in Euch behutsam erspürt, dann könnt Ihr es fühlen, wahrnehmen, also es Euch genau vorstellen und werten bzw. bewerten. Unter Umständen verschlechtert oder verbessert sich sogar Eure Stimmung, also die augenblicklich selbst gefühlte eigene Befindlichkeit. Jetzt schaut Euch an, was ein Wort macht und beobachtet dabei, ob sich irgendwelche Bilder darüber in Euch entwickeln. Wenn Ihr genau auf das innere Geschehen achtet, dann werdet Ihr eine wortvermittelte gefühlt wahrgenommene, bewertete Vorstellung oder Projektion erleben. Ihr könnt sogar eine Zeitenfolge während des Projizierens beobachten. Hegt Ihr beispielsweise sehr positive oder sehr negative Gefühle Eurem Vater gegenüber, dann fühlt Ihr, bevor überhaupt die Gestalt erscheint. Im neutralen Fall erscheint zunächst die Gestalt und dann das Gefühl dem Vater gegenüber. Das Erscheinungsmoment des Gefühls zu einem Bild sagt also sehr viel über Euer Verhältnis zu dem aus, was Euch das Bild gerade zeigt. Da in der Regel sinnliche Wahrnehmungen und Bilder affizieren, erscheinen Gefühle im umgekehrten Fall des Erinnerns gewöhnlich auch, bevor sich eine entsprechende Vorstellung entwickelt.

Wenn Ihr mir aufmerksam genug gefolgt seid, dann seid Ihr jetzt auch in der Lage, Euch die Projektion angemessen zu vergegenwärtigen, d.h., Ihr könnt Euch ein Bild davon machen!

Falls Ihr in der Lage seid, das Fühlen, Wahrnehmen und Werten während des Projizierens zu sehen, dann schaut Ihr das Wesentliche einer Projektion, also das, was eine Projektion ausmacht und maßgeblich bestimmt."
 

12
Feb
2012

Im Gedankenlabor

 

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Am Eingang des Gedankenlabors werden Fantasie, Vernunft und Verstand gefragt, wie sie sich durch das neuronale Netz bewegen möchten. ”Was ist denn hier das sicherste Verkehrsmittel?”, möchte die Vernunft wissen. “Was meinst Du mit Sicherheit? Wir kennen hier nämlich nicht, was Du Sicherheit nennst!”, hört sie eine Stimme. Die Vernunft erklärt, dass sie reisen möchte, ohne Schaden zu nehmen. Jedoch auch das Wort Schaden ist hier völlig unbekannt. Der Verstand erklärt der Vernunft, dass Sicherheit, Schaden oder dergleichen Vokabeln von Wesen sind, die das aus Erfahrungen bzw. aus ‘Versuch und Irrtum’ lernen müssen. Seiner Ansicht nach sind hier Störungen aber kein Thema, weil alles augenblicklich geschieht. Es lohnen sich Vergleiche zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, so gut wie gar nicht.

Die Fantasie ergänzt: "In der Natur existiert nur das Alles-oder-Nichts-Gesetz. Entweder Du lebst oder Du bist tot. Entweder Du wächst und entwickelst Dich oder Du hörst spontan auf zu werden!”
Dann macht sie klar, dass “-” (minus) oder “+” (plus) nur das Entweder-Oder zulassen, und zwar vollkommen und niemals teilweise oder gestört. "Insofern ist auch Krankheit unbekannt. “-” bedeutet die Richtung ins Nichts oder Nichtige in Gestalt von Zerfallen, und “+” ist die Richtung ins Sein in Gestalt von Wachsen bzw. Entwickeln!"

Die Vernunft ist reichlich irritiert und auch etwas sauer auf den Verstand, der gerade so tut, als kenne er sich hier aus. Die Fantasie beruhigt die Vernunft und weist sie darauf hin, dass sie sich darüber klar werden müsse, wo sie sich eigentlich befindet. Sie fügt noch hinzu: “Ein Gedankenlabor ist kein Auskunftsbüro!” “Was soll ich in einem Gedankenlabor, wenn ich nichts in Erfahrung bringen kann?”, entgegnet die Vernunft.

Und wiederum vernimmt sie diese Stimme: “Wer ein Gedankenlabor betritt, lässt sich darauf ein, dass seine Gedanken von ihren Erfahrungen befreit werden. Er möchte nicht mehr erinnerten, modellierten zurechtgemachten Bildern anhaften, sondern sich vielmehr von sich selbst erholen. Weil er sich in ein Gedankenlabor in Dementia begibt, möchte er sich gerade von Grund auf neu denken!”

“Wie soll das gehen?”, mault die Vernunft. “Und was hätte ich eigentlich davon?” Die Fantasie: “Ohne Deine Erfahrungen könntest Du sehen, was wesentlich in Dir ist!” Das scheint die Vernunft nun doch zu beeindrucken und sie gesteht, dass sie das doch ganz gern kennenlernen möchte.
 

11
Feb
2012

Glaube Hoffnung Liebe

 

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Selbstbewusstsein setzt die enge Bindung von “Ich stelle mir das so vor” (Vorgabe), “Ich mache das so!”(Maßnahme) und “Ich erfahre, dass es so geht, wie ich mir das vorgestellt habe!” (Wertung). Diese empfundene Ich-Geschlossenheit (Konsistenz) von Erwartung, Tun und Erfolg bzw. Erfüllung bildet die Bedingung der Möglichkeit eines in sich ruhenden Wesens. Und nur unter dieser Voraussetzung kann eine intakte neuronale Verbindung zwischen Nervenzellen hergestellt werden.

Das Glauben beruht als Empfindung auf der elektrischen Erregung der Nervenzelle, das Hoffen beruht als Einstellung auf der verfügbaren Energie, und das Lieben bezieht sich auf das chemische Weiterleiten der Erregung mittels Botenstoffe. Glaube, Hoffnung, Liebe sind folglich die gefühlte Widerspiegelung des neuronalen Tripels Erregung, Energie und Weiterleitung bzw. Feuerung, gleichsam ein neuronaler Vektor, dessen Information aus Initiationspunkt, Betrag und Richtung (Reizung) besteht.

Fantasie, Vernunft und Verstand folgen aufmerksam den Ausführungen Yiatros’. Dieser erklärt weiterhin, dass das Phänomen der Demenz dann auftritt, wenn Nervenzellen ihre Erregung dementieren und deren Weiterleitung verweigern. “Mich würde ja sehr interessieren, was da genau geschieht, wie es zu dieser Verweigerung kommt!”, unterbricht die Fantasie Yiatros.

“Oh, da muss ich etwas ausholen! Jede Nervenzelle bildet ein eigenes Informationsverarbeitungssystem, durch das eine jeweils eigene Entscheidung über die Weiterleitung eines Signals getroffen wird. Wenn eine Weiterleitung möglicherweise gar nicht zustande kommt, weil die hierfür erforderlichen Neuronen sich als nicht empfangsbereit erweisen, dann wird ein Signal natürlich auch gar nicht erst gesendet. Sehr viele Nervenzellen haben aber durch Bildung, genauer: Missbildung gelernt, dass sie Teil eines neuronalen Flickwerks sind. Neuronale Flickwerke bilden Neuronen, die Bestandteile einer gestörten Regelung sind, das ist eine Aufgabe, deren Lösung in der Aporie endet.

Ein Beispiel für eine solche Aufgabe ist die Definition eines Begriffs. Diese Aufgabe ist unlösbar, weil sie unsinnig ist. Wird das lateinische Wort Definition nämlich übersetzt, dann lautet die Aufgabe: ‘Begriff für Begriff!’. Schule und Hochschulen vermitteln unzählige solcher falsch gebrauchter Begriffe. Solches Vermitteln unscharfer Begriffe aber führt zu unzähligen neuronalen ‘Sackgassen’, welche das Gehirn, weil unbrauchbar, abzubauen versucht.

Das neuronale Zurückbauen geschieht unbewusst. Ist der neuronale Rückbau wesentlich stärker als der neuronale Aufbau, dann betrachtet das Gehirn das Zurückbauen als seine Hauptaufgabe, und der Abbau neuronaler Netzwerke wird chronisch."

Der Arzt beklagt, dass sich z.B. kein Pädagoge in der Lage zeigt, irgendeinen pädagogischen Begriff oder sogar selbst den Begriff Pädagogik zu erklären. Indem Pädagogen aber Lehrer ausbilden, multiziplieren sie die Ausbreitung unscharfen, dementen Denkens.
 

10
Feb
2012

Demenz

 

© urs

Der ICE fährt in Dementia ein. Die drei verlassen ihr Bewusstsein und versuchen sich zu orientieren. Zu ihrer Überraschung wirkt alles, was sie in dieser ICE-Station wahrnehmen, völlig fremd auf sie.

“Wo ist denn hier nur der Ausgang?” fragt sich die Vernunft laut. Sie geht zu einem der Informationsstände, um sich zu erkundigen: ”Eine Frage bitte: Wo geht es hier zum Ausgang?” Die Antwort erscheint der Vernunft rätselhaft: “Den Ausgang finden Sie ganz leicht, wenn Sie den Eingang kennen!” Die Vernunft ist verwirrt, wird aber vom Verstand darauf hingewiesen, dass an einem Bahnhof der Ausgang immer auch der Eingang ist. Also geht die Vernunft noch einmal zur Informationsstelle: ”Wo bitte ist hier der Eingang?” Die Antwort aber überrascht sie erneut: ”Den Eingang brauchen Sie nicht, denn Sie sind ja bereits mitten drin!”

“So komme ich nicht weiter!”, klagt die Vernunft und stellt dann überrascht fest, dass sie nirgendwo eine Uhr sieht. Und noch einmal geht sie zu einem Infostand: ”Können Sie mir bitte sagen, wann der nächste ICE nach Ens fährt?” “Ja gerne!”, antwortet das freundliche Wesen. “Der nächste ICE nach Ens fährt genau im rechten Augenblick!” Allmählich dämmert es der Vernunft, dass sie hier keine Information erwarten darf, mit der sie etwas anfangen kann.

Da erblickt die Vernunft einen Reisenden, bei dem es sich ganz offensichtlich um einen Ausländer handelt. Die Vernunft geht auf ihn zu, um ihn zu fragen, ob er sich in Dementia auskennt. Der Fremde bejaht, betont aber zugleich, dass er in Dementia incognito unterwegs ist.

Die Vernunft möchte gern von ihm erfahren, was es mit diesem Ort auf sich hat. Der Fremde lächelt: “Dementia ist ein Ort des Vergessens. An diesem Ort verlieren die Wesen zuerst ihr Selbstbewusstsein und dann ihr Bewusstsein!” Weil der Fremde beobachtet, wie sich die Vernunft erschrickt, fügt er sogleich hinzu: “Aber das betrifft nur die verlorenen Wesen!” Natürlich will die Vernunft wissen, was verlorene Wesen sind.

Verlorene Wesen sind Wesen, die kein neuronales Feuer mehr in sich haben und dehalb zusehen müssen, wie ihre neuronalen Netze reißen und ihre Verhaltensmuster zerstört werden. Verlorene Seelen entfremden sich selbst, so dass ihr Ich sich selbst nicht mehr wahrnehmen kann. “Wenn Du willst, kannst Du Dir das einmal bei Betroffenen ansehen!” Die Vernunft erzählt dem Fremden, dass sie nicht allein, sondern gemeinsam mit der Fantasie und dem Verstand reist. “Okay, Deine Gefährten können ruhig mitkommen, wenn sie wollen. Das macht gar nichts! Frage sie doch ganz einfach. Ich warte hier so lange!” Die Vernunft sucht die beiden, läuft zu ihnen, um von ihrer Begegnung mit dem Fremden zu erzählen.

Die beiden werden natürlich neugierig und entscheiden sich deshalb sofort mit zu kommen.

Der Fremde, der sich mit dem Namen Yiatros vorstellt, lädt die drei Reisenden in sein Labor nach Ergasterio ein. Ergasterio ist ein Bezirk von Dementia, in dem die wichtigsten Forschungseinrichtungen liegen.

Nach kurzer Fahrzeit mit einem ICE-Transfer betreten sie das Labor von Yiatros. Sie befinden sich in einem Raum, der sich Bildungslandschaft nennt und aus lauter unterbrochenen neuronalen Linien besteht. Yiatros erklärt den dreien, dass sie sich im Kurzzeitspeicherteil des Arbeitsgedächtnisses eines normalen Pädagogen befinden und dass sie hier ein typisches Erscheinungsbild von Demenz sehen können. Und er erklärt, dass Demenz eine Folge der Bildung, wie sie von Pädagogen vermittelt wird, darstellt.

Die Vernunft vermag das Gesagte noch nicht recht nachzuvollziehen. “Ich verstehe noch nicht, inwiefern Pädagogen andere Wesen mit Demenz infizieren sollen." Yiatro erklärt: “Mir ist kein einziger Gedankengang bekannt, den ein Pädagoge jemals zu Ende geführt hätte. Dadurch aber wird das Gehirn über Jahre konditioniert, neuronal vollständige Linien erst gar nicht herzustellen bzw. bereits vorhandene zu unterbrechen. Da dieses neuronale Vorgehen auch intakte alltagsbezogene Verbindungen betrifft, fallen nach und nach zur Bewältigung des Alltags erforderliche Verhaltensmuster aus!” Die Vernunft unterbricht Yiatro: “Dann ist Demenz also eine Kulturkrankheit?”

Yiatro bejaht das. “Und kann man dieser Erkrankung entgegenwirken?”

Yiatro nickt: “Da wir nun wissen, wie Demenz entsteht, können wir auch dem Verfall neuronaler Verbindungen entgegenwirken!” - “Werden Sie uns das zeigen?", will die Vernunft wissen. “Wenn Ihr das wollt, sehr gern!”
 

9
Feb
2012

Fehlzündung

 

© urs

"Emotionen, die aus Grundbedürfnissen und Trieben entstehen, zeigen einem Wesen, dass es lebendig ist! Und genau diese Lebendigkeit ist auch die Bedingung der Möglichkeit für jene Lebendigkeit, welche hoch initiative Emotionen bzw. zündende Funken erst ermöglicht!”
Der Verstand zeigt sich etwas unzufrieden: "Das klingt zwar recht einleuchtend, aber ziemlich unpraktisch, weil ich keine Nutzanwendung sehe!”
“Aus dem, was ich sage, ergibt sich doch, dass man sich lebendig erhalten muss, wenn die Neuronen weiterhin feuern sollen. Das Bewusstsein lebt nun einmal vom neuronalen Blitzlichtgewitter!”
Jetzt wendet auch die Vernunft ein: “Ein Einsiedler ist doch auch höchst lebendig, obwohl er gerade auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen verzichtet und sich seinen Trieben widersetzt!”
Die Fantasie reagiert leicht erbost: "Ja, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Askese nur Verzicht bedeutet. Das Gegenteil ist der Fall, denn der Verzicht ist gerade ein sehr brauchbares Mittel zum Zweck höchster Selbstbefriedigung in Gestalt stark ausgeprägter Selbstliebe. Das Ich opfert sich auf, um vom Selbst höchste Anerkennung zu erfahren. Das Selbstbewusstsein erhöht sich durch innigsten Kontakt zum höchsten Wesen. Da aber jeder, der sich selbst erhöht, erniedrigt werden wird, besteht der Trick darin, das durch Verzicht vorweg umzukehren, also sich als bettelarm vor der Welt zu erniedrigen. Diese Selbstinszenierung erzeugt im Gehirn jenes Feuerwerk der Nervenzellen, welches sogar als Glück erfahren wird. Inneres Sehen durch mystisches Schauen und inneres Bewegen durch Fortschreiten im Denken erzeugt eine vergleichbare Wirkung wie sinnliches Sehen und körperliches Bewegen. Spitzensportler nutzen diese Tatsache durch Methoden mentalen Trainings. Insofern zählt Denken unter körperlichem Aspekt sogar zum Sport!”
Der Verstand unterbricht die Fantasie: “Das hängt aber doch wohl ganz entschieden von der Qualität des Denkens ab!”
“Selbstverständlich, ein Denken, das sich nicht als Gleichzeitigkeit von Wahrnehmen, Betrachten, Beobachten und Begreifen vollzieht, vermag kein schöpferisches Bilderleben zu sein! ‘Denk’ Dich fit!’ ist ein Motto, das sich auf diese Qualität des Denkens bezieht. Überhaupt lässt sich wahres Denken leicht daran erkennen, dass es immer entdeckendes Denken ist, denn nur durch das Feuerwerk der Nervenzellen werden neue neuronale Cluster erzeugt. Bleibt dieses aus, dann verfällt das Gehirn, das sich allein durch ständigen neuronalen Zuwachs lebendig erhält!”
Die Vernunft unterbricht die Fantasie: “Ich bin unbedingt dafür, dass wir unsere Fahrt an der kommenden Station unterbrechen, denn dann können wir selbst sehen, was uns die Fantasie hier erzählt!”
Der Verstand sucht im Reisbegleiter des ICE den nächsten Ort und stellt fest: “Das ist Dementia!”
 

8
Feb
2012

Der zündende Funke

 

© urs

Nichts passiert ohne den ersten Funken, die „zündende Idee“. Kein noch so fantasiebegabtes Wesen vermag sich ohne diesen hoch sensiblen Beweggrund auf Dauer schöpferisch zu verhalten. Solche Funken sprengen längst erstarrte neuronale Strukturen.

“Ja aber woher kommt dieser Lust auslösende Funke?”, will die Vernunft von der Fantasie wissen. Zur großen Überraschung von Vernunft und Verstand erklärt die Fantasie, dass dieser Funke weder geistig noch seelisch, sondern körperlich entzündet wird, denn ein derartiger neuronale Impuls setzt eine grundbedürfnis- oder besser noch eine triebbedingte Erregung voraus.

Und die Fantasie setzt ihre Erklärung fort: “Am Beispiel des Kaufimpulses lässt sich das einfach zeigen. Während eines Stadtbummels wird plötzlich Hunger ausgelöst, also ein Grundbedürfnis, das die Suche nach etwas Essbarem hervorruft. Je mehr dieses Bedürfnis auf Befriedigung drängt, um so dringlicher die Suche also wird, um so mehr Möglichkeiten an Angeboten von Essbarem fallen dem Betroffenen auch ein. Spontan entsteht zum Beispiel die Idee “Ich habe Lust auf ein Croissant!”
 

7
Feb
2012

Zurechtweisung

 

© urs

Die Fantasie weist Vernunft und Verstand wegen ihres ungebührlichen Betragens scharf zurecht. Sie empfindet es als außerordentlich anstößig, wenn Komplemente sich so abstoßend verhalten, statt, wie es sich gehört, sich wechselseitig zu ergänzen. ”Wenn das Gezänke so weitergeht, werden wir nie in Ens ankommen!”
Die Fantasie beobachtet sehr wohl, dass Vernunft und Verstand sie überhaupt nicht verstehen. “Oh ja, ich sehe Euch an, dass Ihr mich überhaupt nicht begreifen könnt, weil Ihr noch nie über Euch selbst nachgedacht habt. Wer sich aber niemals hinreichend Gedanken über sich selbst gemacht hat, darf nicht versuchen wollen, andere zu verstehen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, da wesentliche Erfahrungen fehlen. Jedes Wesen hat nämlich drei Feinde zu besiegen, die ihn daran hindern, zum Wesentlichen seines Selbst zu gelangen. Diese drei Erzfeinde sind: die Fäulnis der Fantasie, das Desinteresse des Verstandes und der nicht wollende Wille der Vernunft. Dies sind Defekte des Instinkts, also der neuronalen, subjektiven Grundausstattung und deshalb nur unter größten Anstrengungen zu beheben.
Wenn die Vorbilder, die für jedes Wesen Verhaltensvorlagen liefern, weder fantasievoll, geistreich noch engagiert sind, dann führt das zwangsläufig zur Fantasielosigkeit, Dummheit und Faulheit. Die Dummheit verhindert, sich diese Defekte einzugestehen. Die Fantasielosigkeit blockiert alle Möglichkeiten eines Auswegs und die Faulheit hemmt alle Möglichkeiten einer Initiative. Vielleicht ist die Dummheit unser ärgster Feind, weil sie sämtliche Mängel schönfärbt, da wir sie angeblich doch nicht zu beseitigen vermögen!”
“Warum erzählst Du uns das alles?”, will die Vernunft wissen. “Weil Ihr ohne Erfahrungen mit einfallslosen, dummen und willenlosen Wesen nicht beurteilen könnt, ob das geschilderte Verhalten nicht vielmehr durch diese Mängel gestört ist. Schaut deshalb noch einmal in der geschilderten Geschichte nach, ob Ihr Einfallsreichtum, Klugheit oder Engagement entdecken könnt!” Die Vernunft stutzt und gibt zu, dass sie von diesen drei Eigenschaften nichts zu entdecken vermag. Die Fantasie empfiehlt ihr, dann auch die Schlussfolgerungen aus den Verhaltensweisen zu korrigieren. Das kleine Wesen hätte nämlich natürlicherweise dann auch kein kreatives, intelligentes und engagiertes Verhalten durch Nachahmung lernen können.

Der Verstand blickt die Fantasie irritiert an und fragt, ob sie denn nicht die Möglichkeit der Erziehung als Selbstbefreiung außer Acht lässt. “Natürlich nicht! Aber das setzt doch dann voraus, dass die Entwicklung eines Wesens auch die entsprechende Hilfe zur Selbsthilfe erfährt, denn niemand kann sich selbst aus einem Sumpf befreien!”
“Und doch ist das fantasiebegabte Wesen mit der Fähigkeit der Selbstreparatur ausgestattet!”, wendet die Vernunft ein.
 

6
Feb
2012

Rückkehr

 

© urs

“Wenn Du einen Blick in die Welt des Sinnlich-nicht-Vernehmbaren tun willst, dann muss Dir klar sein, dass dort die üblichen raum-zeitlichen Grenzen nicht gelten. Du kannst also jeden Ort Deiner Geschichte zu jeder gewünschten Zeit aufsuchen. Voraussetzung ist natürlich, dass Du Dich in dieser Geschichte gut auskennst und Dich an die von Dir ausgewählte Situation gut erinnerst! Aber denke jetzt nicht, dass dieses Schauen, von dem ich spreche, bloßes Erinnern ist. Voraussetzung ist natürlich, dass Du emotional beteiligt und neugierig bist, weil Du eben etwas in Erfahrung bringen möchtest, was Dir bislang noch rätselhaft, weil verschlossen bleibt. Mit Schauen meine ich also, dass Du wahrnehmen darfst, wie sich Dir ein Geheimnis offenbart. Meistens ist es so, dass Dir solche beschaulichen Augenblicke wie angeflogen erscheinen. Es verhält sich auch so, dass Du sie auf keinen Fall planen kannst, denn Dein Unterbewusstsein oder Unbewusstsein bestimmt, wann es Möglichkeiten für solche Augenblicke freigibt. Natürlich muss Dich eine gefühlte Frage, die Dich beschäftigt, zu einer solchen Gelegenheit hinführen. Aber es kann auch ein Nachttraum sein, der eine solche Hinführung übernimmt.
Die Geschichte, die ich vorhin ganz schnell notieren musste, ohne mich durch Deine Frage stören zu lassen, wurde mir im Traum diktiert. Ich habe sogar während des allmählichen Wachwerdens noch geglaubt, dass ich gar nichts vergessen kann, weil ich ja alles aufschreibe. Erst als ich vollends wach wurde, um sofort nachzusehen, wo ich meine Notizen habe, bemerkte ich, dass alles lediglich geträumt war. Also habe ich mich gleich hingesetzt und sofort alles aufgeschrieben. Das alles habe ich vorhin noch einmal tagträumend nachvollzogen. Das hat jetzt den Vorteil, dass ich noch alles gegenwärtig habe und Dir davon erzählen kann!“
Der Verstand wundert sich, wie ungewöhnlich gesprächig die Vernunft sich zeigt. Er zeigt sich allerdings nicht mit allem einverstanden, was ihm die Vernunft da erzählt. “Mir gefällt nicht, was Du als Grund für den Augenblick Deines metaphysischen Einblicks angibst! Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Moment so einfach für Dich mehr oder weniger zufällig aus dem Unbewussten hervorscheint!”

“Natürlich nicht! Hoch wahrscheinlich ist der unmittelbare Anlass für diesen Moment der Spielfilm ‘Die Schatten, die dich holen’, der von einer erfolgreichen Unternehmerin erzählt. Diese verschweigt ihrem Mann ihre Vergangenheit als Prostituierte, bis alles durch ihren ehemaligen Zuhälter, der sie erpresst, ans Licht kommt. Ein weiterer Grund für meinen Traum liegt in der Vergangenheit eines geliebten Wesens, die sich diesem nur sehr wenig offenbart!”

“Und, was erfährst Du nun durch diesen Traum?”, fragt der Verstand die Vernunft. Die Vernunft wirkt gedrückt, als sie dem Verstand antwortet: "Der Traum versetzt mich in die Situation dieses Wesens. Er vergleicht den Ehemann von dessen Mutter mit dem Zuhälter aus dem Film. Jedenfalls erlebt ihn dessen Ehefrau genau so. Sie empfindet, dass er sie wie eine Hure behandelt. Aber sie verschweigt das und verbirgt diese ihre Rolle vor ihren Kindern. Vor sich selbst spielt sie die Märtyrerin, die Zeugnis für einen Wolf im Schafspelz ablegt und durch ihr Leiden ihre Glaubensstärke beweist. Aber sie erduldet ihr Leid nicht nur, sondern fühlt sich zugleich als Racheengel auserkoren, dieses Ungeheuer im Namen Gottes zu bestrafen. Sie enthält ihm das vor, was er sich am sehnlichsten wünscht und weshalb er sie ja als junge Bäuerin und Kriegerwitwe mit ihren Kindern letztlich auch nur geheiratet hat. Schließlich ist er allein aus Not Hirte im Hause seines Herrn geworden. Zu gern hätte er ihren großen Hof mit der für ihn vorgesehenen kleinen Dorfkirche getauscht. Aber sie wollte ihm diese Hoffnung nicht erfüllen und so das Andenken an ihren geliebten ersten Mann schänden, zumal sie sich auch noch durch ihn getäuscht sah. Sie setzte aus Not und Angst auf einen Mann der Kirche, der zudem noch ihr Ansehen steigern würde. Weil sich die beiden einander im gefühlt Wesentlichen verschweigen, wird durch ihre Beziehung unsäglicher Hass geboren.”
Der Verstand unterbricht die Vernunft mit einer Frage: ”Sprach denn keiner der beiden jemals mit einem seiner Kinder?” Die Vernunft antwortet spontan aus der Sicht der getäuschten und maßlos enttäuschten Frau:

“Würdest Du diese pervertierte christliche Nächstenliebe und wie Du Dich wiederholt auf sie eingelassen hast, ans Tageslicht kommen lassen wollen? Ihre Rachedurst hat sie mit der Hoffnung gestillt, dass es ihm ihr kleines Mädchen eines Tages zeigen wird. Wie schon bei Ego beobachtet, eine Mutter gibt ihre wesentlichen Gefühle ihrem Kind mit auf seinen Lebensweg. Das ist in diesem Fall wohl eine unglückliche Mischung aus Scham und Ehrgeiz!”

Der Verstand unterbricht die Vernunft und wendet ein: ”Was soll ein Kind mit einem solchen negativen Gefühl? Es muss ihm ja ergehen wie jemandem ohne Möglichkeiten in Utopia. Da siehste einmal, was Du von Träumen hast! Nichts als dichter Nebel, der sich nicht auflöst! Zudem erscheint es mir nicht hilfreich, den eigenen Weg mit einer anderen Geschichte auszulegen!”

Die Vernunft wirft sich entrüstet vor: “Ich hätte es wissen müssen, dass die Angelegenheiten der Vernunft dem Verstand verborgen bleiben! Was glaubst Du eigentlich, warum ich nach Ens fahre?”

Für die Fantasie scheint es jetzt höchste Zeit einzugreifen: “Was streitet Ihr Euch eigentlich? Wo bleibt denn nur der Verstand der Vernunft und die Vernunft des Verstandes?" Die beiden blicken sich überrascht an. Welch’ merkwürdige Aussage der Fantasie!
 

5
Feb
2012

Befreiung

 

© urs

Erziehen bezeichnet ursprünglich die Tätigkeit der Hebamme. Erziehen bedeutet also befreien. Das Ich wird durch Hilfe zur Selbsthilfe zum Selbst. Aber wenn sich das Ich jemals aus entfremdetem Selbst befreien will, muss es aus seinem Leben eine Geschichte des Ungehorsams machen.

Die Vernunft beunruhigt diese Feststellung, bedeutet das doch für sie als Reglerin des Ichs, den Verstand als Regler des Selbst als Führungs- bzw. Sollgröße anzuerkennen. Sie, die sich vor allem durch Gefühle leiten lässt, mag eine Emanzipation durch das Wissen nicht anerkennen. “Dummes Philosophengeschwätz!” murmelt sie vor sich hin. “Was denkst du für Merkwürdigkeiten?”, fragt sie der Verstand neugierg. Aber die in Tagträume zurückgefallene Vernunft überhört diese Frage. Sie zerfließt in bewegten Erzählungen eines geliebten Wesens. Zerrissene Wortfetzen schweben wieder über eine friedvoll versuchte dörfliche Sphäre. Es sind jene scheinheiligen Eitelkeiten, welche sie so sehr hasst. Aber sie hat ja ihr kleines Mädchen, ihre zukünftig Große, die ihm das Handwerk legen soll. Sie ahnt ja nicht, wie sehr er sein Amt hasst und wie abgründig tief er ihm aufgezwungene biblisch verbrämte Notlügen zu seinem scheinheiligen sonntäglichen Wort an die dumm bäuerliche Gemeinde mühsam zusammenflickt. Er betreibt dieses perverse Zeug so heftigt, dass er eine Gemeinde gut eine Stunde damit hinhält. Aber vor allem straft er damit sein notdürftig frömmelndes Weib, die sich ihm ständig verweigert. Ha, eine große Lust überkommt ihn. Jetzt muss sie ihm zuhören. Jetzt vergewaltigt er sie mit seinem schwülstigen Wortgekeife. Er rächt sich an allen mit seinem pastoralen Geheimnis. Voll gnadenvoller Potenz predigt er wie immer bis zum überaus hart erkämpften Orgasmus. Während seines pastoralen Rede-Ergusses sinnt sie nach rächenden Maßnahmen, während sie ihrem ahnunglosen Töchterchen einen liebevoll gespielten Blick zuwirft. Das kleine Mädchen lenkt das für sich in einen abschätzigen Blick auf die völlig in Heiligkeit verkrampft himmelnde Diakonisse neben ihr um.

Die Vernunft verabschiedet sich von ihrem Tagtraum und entschuldigt sich beim Verstand, dass sie nicht auf seine Frage eingegangen ist. “Aber ich war in einem jener hellsichtigen Augenblicke, auf welche ich mich spontan einlassen muss. Ansonsten sind sie für mich ein für alle Mal verloren." “Was sind das für Augenblicke?”, will der Verstand wissen.“Willst Du das wirklich wissen?” - Der Verstand nickt. “Okay, als Vernunft habe ich die Fähigkeit, hinter die Welt des sinnlich Vernehmbaren zu schauen. Zu Beginn der Geschichte des Denkens wurde das “εἶδος”(eidos) genannt, was so viel wie Blick in das sinnlich nicht Vernehmbare bedeutet. Von “idein”, also dieser Art und Weise des Schauens, leitet sich auch “Idee” ab. Also, was ich meine, ist, dass εἶδος der Augenblick der Geburt einer Idee ist. Und in dem Augenblick, in dem Du mir Deine Frage stelltest, hatte ich gerade die Idee (ἰδέα), dass es für ein Wesen ohne Schwierigkeit möglich ist, durch “ἰδέα” oder “εἶδος” einen Blick in die eigene Geschichte oder die eines anderen Wesens zu tun. Und das musste ich natürlich gleich ausprobieren!” Natürlich interessiert sich der Verstand dafür wie das geht.“ Du musst Dich nur in einen Augenblick der zu schauenden Geschichte versetzen und die Gedanken fließen lassen, indem Du versuchst, diesen Augenblick so genau wie irgend möglich zu beschreiben. Auf keinen Fall darfst Du dabei irgend etwas analysieren wollen!” Der Verstand möchte das selbstverständlich gern nachvollziehen. Deshalb bittet er die Vernunft, ihm das doch zu erklären.
 

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Wolfgang F.A. Schmid

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