4
Feb
2012

Die rechte Zeit

 

© urs

Das “informed cluster existential” verlangsamt seine Bewegung durch das neuronale Netz. Die Vernunft erkundigt sich bei der Fantasie, warum wohl der ICE jetzt schon seit geraumer Zeit so langsam fährt. “Möglicherweise führt die Strecke gerade durch jene Zeit, welche wir nicht nutzen!” Für den Verstand, der dazu schweigt, ergibt sich die Verminderung der Geschwindigkeit eher durch den dichten Nebel, der über dem momentanen Streckenabschnitt liegt. Er weiß sehr wohl, dass die Fantasie zur Zeit im Bewusstsein mit ihren vagen Vermutungen Nebelkerzen wirft. Zudem würde er durch seine Äußerung mit der Fantasie wieder einmal nur in einen mehr oder weniger heftigen Streit geraten.

“Ihre Fahrausweise bitte!” sagt der freundliche Schaffner. Die Fantasie reicht ihm ihre Karte für Kleingruppen. “Oh, das tut mir leid. Sie sitzen hier im falschen Zug!” “Warum, ist das hier denn nicht der ICE nach Ens?” “Ja schon, aber Sie haben für den IC nach Ens gelöst. Aber weil dieser hinter uns her fährt, können Sie in Episteme umsteigen und auf den IC warten. Sie können aber auch den ICE-Zuschag zahlen und dann mit diesem Zug weiterfahren." "Was kostet der Zuschlag denn für uns?" Der Schaffner mumelt vor sich hin, während er nach dem Tarif sucht: “Das ist einmal Fantasie, Vernunft und Verstand bis nach Ens, ja das macht genau eine Pauschale von zwei Abstraktionsstufen, bitte!” "Ist das Ego in dieser Pauschale enthalten?” erkundigt sich die Vernunft. Der Schaffner fragt sie irritiert: “Warum, pauschal, das ist doch genau der Ego-Betrag!” - “Haben Sie noch einen Wunsch aus dem Bordrestaurant?” Die Drei verneinen dankend.
Der ICE fährt nun durch den längsten Tunnel der gesamten Strecke. Der Verstand erklärt der Vernunft, dass es sich um den Neubauabschnitt zwischen möglichen Möglichkeiten und wirklichen Möglichkeiten handelt. Während der ICE dieses neuronale Feld durchquert, bleibt die Fantasie für uns unsichtbar, um uns anschließend mit dem Ergebnis ihres Spiels mit Möglichkeiten zu überraschen. Das wiederkehrende Tageslicht zeigt, dass der ICE die verschiedenen Grade der Möglichkeit verlassen hat und sich nun wieder in der Wirklichkeit der Fantasie aufhält. Ein Blick nach draußen zeigt dem Verstand, dass sie sich in Utopia befinden. “Ich war noch nie in Utopia”, sagt die Vernunft.
“Wir könnten unsere Reise in Eidos unterbrechen. Der ICE wird gleich dort halten!” - Gesagt, getan. Die Drei unterbrechen in Eidos ihre Reise und verlassen den ICE. Auf dem Bahnsteig suchen sie auf dem Fahrplan im Schaukasten nach der Abfahrt des nächsten ICE. Aber sie können für heute keinen ICE finden, der nach Ens fährt. Sofort laufen sie zu ihrem noch abfahrtbereiten ICE zurück.

“Das war knapp!” stellt die Fantasie erleichtert fest. “Ich verstehe nicht, warum außer diesem ICE kein weiterer nach Ens fährt”, fragt sich die Vernunft laut. Der Verstand erklärt ihr, dass ihr ICE im rechten Augenblick losgefahren und diese Zeit eben einmalig sei.
 

3
Feb
2012

Wahl

 

© urs

Ego empfindet sich als Wesen, das mit sich selbst unterwegs ist. Das Ziel dieser Ichwerdung ist das Selbstbewusstsein, ein Zustand, in dem das Ich weiß, wer oder was es selbst ist. Die Selbstfindung setzt Ich-Versuche voraus. Das Ego hat dabei den großen Vorteil, dass es sich in Rollen hineinversetzen und Persönlichkeiten ausprobieren kann. Das Ego ist in der Nähe des Bahnhofs aufgewachsen, mit Zuggeräuschen eingeschlafen und aufgewacht. So ist es nicht verwunderlich, dass es sich oft als Lokführer ausprobiert und verschiedene Züge gefahren hat. Solche Fahrten halfen vor allem über langweilige sonntägliche Spaziergänge hinweg. Später kamen dann die schnellen Züge auf dem Fahrrad hinzu. Die damalige Umgebung des Bahngeländes spiegelt sich noch heutzutage selbst hier im Neuropoem wider. Um so erstaunlicher ist es, dass Ego niemals daran dachte, Lokführer zu werden. Vielmehr spielte das Ego des kleinen Jungen schon sehr früh mit dem Gedanken, einmal Wissenschaftler zu werden, um das Auge zu erforschen. ”Es muss doch möglich sein, Blinden wieder das Sehen zu ermöglichen!" Dieser frühe Berufswunsch wechselt aber häufig mit “Bratwurstbudenbesitzer”, “Dirigent”, “Sheriff” oder “Pfarrer”. Aber keiner dieser bis auf den Sheriff auch möglichen Wege wurde letztlich eingeschlagen oder wenigstens ernsthaft ausprobiert. Selbst das Theologiestudium war nur eine Art Exkurs zum Studium der Philosophie.

”Ego, welchen schweren Gedanken hängst du denn nach?” will die Fantasie wissen. Ego antwortet leicht verlegen: “Ich denke darüber nach, was ich alles werden wollte!" Die Fantasie wirkt leicht bestürzt, als sie sich über den tieferen Grund von Ego’s Reise klar wird. Jetzt fragt die Vernunft die Fantasie, ob nicht aus der Tiefe des Unbewussten heraus damit ein Zeichen gesetzt wird, dass eine ganz wesentliche frühkindliche Emotion immer noch ziellos, weil unerfüllt, umherirrt. Die Fantasie bemerkt dazu nur knapp: ”Dann ist doch Ego mit uns nach Ens genau richtig unterwegs!”
 

2
Feb
2012

Klause

 

© urs

In Sophia hatte Ego in der Bahnhofsklause auf das Eintreffen des ICE gewartet. Der Name “Klause” kommt vom lateinischen “claudere” (schließen) und meint einen Raum, in dem man ganz für sich und bei sich sein kann. In Sophia gibt es viele Klausen, denn die meisten Reisenden, die aus Nihil kommen, verlangen, während sie ihre Reise unterbrechen, nach innerer Ruhe. Als Ort der inneren Einkehr ist die Klause eine von der Weisheit eingerichtete Aufenthaltsstätte. In der Klause kann jedes Wesen Kräfte sammeln, um aus dem Nichts ins Sein zu gelangen.

Die meisten erleben bei ihrem ersten Besuch in einer Klause eine böse Überraschung. Sie erfahren nämlich, dass die von ihnen in Sophia unterbrochene Reise wesentlich einen regelrechten Glücksfall darstellt. Denn während ihres Aufenthalts stellen sie plötzlich fest, dass sie um ein Haar den falschen Anschlusszug genommen hätten. Ihre Reisroute wurde durch Erziehung festgelegt, die Erziehenden meinen nämlich, die Stationen des Lebens für ein Wesen festlegen zu müssen. Schliesslich soll das Wesen sich so entwickeln wie sie sich das vorstellen. Und jetzt stellt Ego während seines Aufenthalts in der Klause plötzlich fest, dass der vorgesehene Weg überhaupt gar nicht nach Ens führt. Wenn er dieser Route weiter folgt, wird er niemals in Ens ankommen und das falsche Leben führen. Ego kann sich nicht mehr daran erinnern, wer ihm in seinem neuronalen Netz die richtige Route ausgesucht hat. Jedenfalls hat sich Ego gegen den vorgesehenen Anschlusszug entschieden. Seiner Vermutung nach war es angesichts der vielen Kriegsverletzten ein tiefes Gefühl der Abscheu vor dem Bösen, das sich Wesen gegenseitig zufügen. Ego nimmt sich vor, sobald er der Fantasie begegnet, sie zu fragen, ob seine Vermutung zutrifft.

Aber wir wissen ja bereits, dass Ego der Fantasie im ICE begegnet und sich die Verbindung Ens-Nihil erklären lässt. Danach erzählt Ego “Ich habe in Sophia erst erfahren, dass ich diesen Zug nehmen muss! Ich weiß nur nicht, wem ich diesen Rat eigentlich verdanke.... ...Nicht auszudenken, was mit mir geschehen wäre, wenn ich euch nicht angetroffen hätte!” - “Welche Verbindung war denn für Dich vorgesehen?” “Auf meinem Fahrplan stand “Ergostasio”, antwortet Ego. Die Fantasie reagiert erschrocken: “Was sollst du denn um Gottes willen in einer Fabrik, denn in Ergostasio gibt es nur Fabriken und Strafanstalten! … Dafür bist du doch überhaupt nicht geschaffen!” Die Fantasie lächelt: “Es war das Gefühl deiner Mutter, das dich in Sophia vor der Irrfahrt nach Ergostasio verschont.“ Ego widerspricht der Fantasie schroff: "So ein Unsinn, ausgerechnet meine Rabenmutter soll mir solche Gefühle hinterlassen haben! Dass ich nicht lache!” Die Fantase ist erschrocken über Ego’s Wutausbruch: ”Wie kommst Du nur auf Rabenmutter?” Ego erwidert, dass man ihm seine Mutter so geschildert hat. Die Fantasie ist entsetzt und erklärt, dass keine Rabenmutter ihrem Kind jemals gute Gefühle hinterlässt. “Ich weiß nicht, warum man dich so belogen hat, aber dass man dich belogen hat, kannst du ja selbst überpüfen! Als deine Eltern geschieden wurden und du plötzlich mit vier Jahren ohne Mutter warst, war dein Elend so groß, dass du, was höchst selten ist, mit einer heftigen Herzattacke ins Krankenhaus eingeliefert werden musstest! Und noch etwas: Brüllt ein Kind so kräftig einen ganzen Bahnhof zusammen, wenn es sich von seiner Rabenmutter verabschieden soll? Es wird höchste Zeit, dass du dir das einmal durch den Kopf gehen lässt.” Zur Überraschung Ego’s schaltet sich nun der Verstand in das Gespräch ein. “Es gibt Gegenbeweise wie die Tatsache, dass die Kinder vom Gericht dem kriegsblinden Vater zugesprochen wurden und all die Jahre, in denen sich die Mutter nicht mehr um ihre Kinder gekümmert hat!” Die Fantasie entgegnet schroff: “Die Sprache der Gefühle lügt nicht, und ich verlasse mich eher auf sie als auf sogenannte Tatsachen!” - “Typisch Fantasie!”, mault der Verstand. Die Vernunft versucht zu vermitteln: “Ego, da musst du dir jetzt dein eigenes Urteil bilden."
 

1
Feb
2012

Parallelwelt

 

© urs

Neben der improvisierten Welt der Fantasie existiert die strategische Welt des Verstandes und die spielerische Welt der Vernunft. Die Fantasie gestaltet jedem Wesen je nach Begabung seine eigene Welt religiös, künstlerisch, philosophisch, wissenschaftlich, technisch, handwerklich, sportlich oder besonders gesellschaftlich orientiert aus. Je nach Veranlagung fühlt sich das Wesen in dieser Klausur der Fantasie wohl oder es versucht, auch besonders durch Reisen andere Welten kennen zu lernen und für sich zu erobern. In der Regel aber bleibt es bei sich zu Hause und richtet sich ganz speziell ein bzw. spezialisiert sich, was Interesse für Anderes nicht ausschließt. Aber da in den einzelnen Welten unterschiedliche Sprachen gesprochen werden, fällt es oft schwer, sich zu verständigen und zu verstehen. Schon innerhalb einer Welt fällt das schwer. Geisteswissenschaftler verstehen in den seltensten Fällen, was Naturwissenschaftler sagen und umgekehrt.

Was also bewegt die Fantasie, Vernunft und Verstand zu einer gemeinsamen Reise mit ihr einzuladen? Geraten Vernunft und Verstand dadurch nicht nur in Schwierigkeiten, wenn sie sich aus sich heraus bewegen? Das stellt sich doch schon bei solch einfachen Dingen wie das Ablesen der Zeit oder der Orientierung im Unraum wie der Null heraus.

Aber fragen wir doch ganz einfach die Fantasie selbst, denn per Introspektion können wir uns überall und jederzeit in die Reise der drei einchecken. Wir nutzen also den kurzen Aufenthalt des ICE in Sophia, um zuzusteigen.

Die Fantasie unterbricht die Diskussion von Vernunft und Verstand über die unterschiedlichen Zeiten: “Schaut einmal, wir bekommen Besuch vom Ego! Sicherlich will es in Erfahrung bringen, was wir gerade treiben!”
Richtig, das Ego ist natürlicherweise daran interessiert, am Wirken von Fantasie, Vernunft und Verstand teilzuhaben. Die drei wissen selbstverständlich, dass es für diese Teilhabe nur eines Gedankens bedarf, um das Innesein innerhalb einer Nanosekunde zu bewerkstelligen. Und dem Ego ist klar, dass es zu diesem Zweck nur die geeigneten Worte finden muss. Worte stellen Kontakte zu den jeweiligen Bildern der drei Reisenden her. Dabei ist es gleichgültig, ob diese Worte ausgeprochen werden oder nur innerlich formuliert werden. Da das Ego höchst selten Selbstgespräche führt, bevorzugt es innere Dialoge wie dieses Mal auch. So fragt sich Ego im Augenblick, was es eigentlich vom Zusammenspiel von Fantasie, Vernunft und Verstand unterscheidet. Sofort wird ihm klar, dass in einem ICE, also “informed cluster existential”, drei wesentliche Kräfte eine Rolle spielen. Die erfahrungsbezogene, reflektierende Kraft wird im Unbewussten als Reflexion des Erlebten erzeugt und bestimmt deshalb vor allem die Vergangenheit des Bewusstseins. Die sinnenbezogene, flektierende Kaft der Vernunft wird im Unbewussten als Reflexion des Erlebens erzeugt und bestimmt vor allem die Gegenwart des Bewussteins. Die antizipatorische Kraft der Fantasie wird im Vorbewussten als Antizipation des Erwartens aus dem Zusammenwirken von Reflexion und Flexion erzeugt und bestimmt vor allem die Zukunft des Bewusstseins. Das Fühlen des Egos wird während des Bewusstwerdens als Stimmung und Einstellung erzeugt und bestimmt vor allem die Intensität und Intensivität des Bewusstwerdens. Das Ego ist gleichsam das Empfinden inneren Werdens und insofern auch ständig in Fantasie, Vernunft und Verstand gegenwärtig. Introspektion ist das sich eigens Bewusstmachen dieser Gegenwart durch Dialoge mit der inneren Stimme.

Um nun herauszufinden, was es mit der ICE-Fahrt auf sich hat, vermutet Ego, dass es sich am besten nach dem Zielbahnhof Ens erkundigt. Die Fantasie erklärt, dass es sich um eine Reise durch das neuronale Universum handelt. Diese Reise lässt das Entstehen von Existenz erfahrbar werden. Existieren bedeutet das Hervorscheinen von Sein im jeweils werdenden Seienden (ens) aus dem Nichts (nihil).

Der ICE durchfährt verschiedene Welten und lässt erleben, dass die künstliche Normalzeit der technischen Welt die natürliche Zeit der neuronalen Welt nicht zu erfassen vermag. Jemand kann nach der technischen Zeit zu früh sein, obwohl er der natürlichen Zeit nach pünktlich ist. Begabung orientiert sich am Verhältnis zwischen künstlicher und natürlicher Zeit. Je mehr die natürliche Zeit vor der künstlichen (durchschnittlichen) Zeit liegt, um so begabter ist jemand. Leider aber besagt die Begabung nichts über den Erfolg einer neuronalen Reise aus. Viele Hochbegabte bleiben sogar auf der Strecke.
 

31
Jan
2012

Punkt Null

 

© urs

“Punkt Null” ist letztlich eine typisch gewulffte Aussage. “Punkt Null”, jeder glaubt das, obgleich letztlich alle wissen, das sowohl “Punkt” als auch “Null” nicht wirklich, sondern allein in der Fantasie existieren. Obwohl die Zeit “Punkt Null” also niemals erreichen wird und deshalb auch von keiner Bahnhofsuhr angezeigt werden kann, gibt es Züge, für deren Abfahrt der Fahrplan “Punkt Null” vorsieht. Auf einen dieser Züge warten Fantasie, Vernunft und Verstand auf Bahnsteig Null von Nihil.
Bahnsteig Null ist das einzige Gleis der gesamten Gleisanlage, das am Ende dieses Bahnsteigs vor einem Prellbock endet, so dass an diesem Bahnsteig Anfang und Ende eines Zuges und damit auch Anfang und Ende einer Reise zusammenfallen. Um solchen Bahnsteigen gerecht zu werden, fehlt einem ICE Anfang und Ende. Diese werden vielmehr erst dann bestimmt, wenn der Lokführer einsteigt und sich dadurch für eine der beiden gleichen Zugführerkabinen entscheidet.

Jedenfalls warten die drei Reisenden am Ende des bereitzustellenden Zuges, also am Anfang des Bahnsteiges, weil sie in den ersten Wagen des Zuges einsteigen wollen. Der Fantasie ist es dabei immer etwas unbehaglich zumute, weil sie sich in der Mitte des Zuges am sichersten fühlt. Sie hält auch nichts von den Wahrscheinlichkeiten eines Unfalls, die ihr der Verstand dann zur Beruhigung anbietet. Aber heute lässt sie sich ja auf das von ihr vorgestellte Risiko ein und trägt deshalb die Entscheidung von Vernunft und Verstand mit. Ihnen bleibt nämlich in Fankfurt-Hauptbahnhof ansonsten zu wenig Zeit zum Umsteigen. Und die Fantasie kann nun einmal nicht so schnell rennen wie Vernunft und Verstand.

“Achtung Reisende auf Bahnsteig Null. Ihr ICE nach Ens, planmäßige Abfahrt Null Uhr, wird nun bereitgestellt!” Die drei haben einen der beiden Dreiertische im Großraumwagen reserviert. Die Fantasie überlässt gern Vernunft und Verstand die beiden Fensterplätze, weil sie lieber während der Fahrt träumt, statt in Nichts der vorbeirasenden Landschaft zu starren. Sie bewundert den Verstand, der sogar Ortsschilder erkennen kann, weil seine Augen der Bewegungsrichtung des Hochgeschwindigkeitszuges für kleine Augenblicke zu folgen vermögen. Aus diesem Grund wählt er gern den Sitz entgegen der Fahrtrichtung. Da entschwinden die fixierten Blickpunkte nicht so schnell.

In der Ferne taucht der ICE der Baureihe 3 auf. Gemächlich rollt er auf den Bahnsteig zu. Die drei weichen ein wenig von der Bahnsteigskante zurück. Als der Zug steht, öffnet die Vernunft auf Knopfdruck elektropneumatisch die schwere Schwenkschiebetür, die sich mit einem Zischen aus ihrem Türrahmen löst und nach außen hin zur linken Seite verschiebt. Die drei nehmen ihre Plätze ein und machen es sich bequem. Nach einigen Minuten betritt ein weiterer Reisender den Großraumenwagen, steuert auf die Vernunft zu und sagt mit rechthaberisch arrogantem Unterton: “Entschuldigen Sie bitte. Das ist wohl mein Platz!” Die Vernunft antwortet ein klein wenig zu spitz: “Das glaube ich nicht!” “Madame, das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Platzordnungsnummer!” Ein Vergleich der beiden Reservierungstickets ergibt Übereinstimmung. Als die Vernunft der Ärger überkommt und bevor sie wütend reagieren kann, prüft der Verstand noch einmal beide Reservierungen. Dann erklärt er dem Reisenden freundlich, etwas schadenfroh lächelnd: “Sie haben natürlich Recht! Aber Sie befinden sich im falschen Wagen!”

Spätestens als der ICE pünktlich um Null Uhr Nihil verlässt, wird Vernunft und Verstand klar, dass sie sich in einem Neuronen-Zug der Fantasie befinden. “Informed cluster existential” statt “Intercity-Express”. Die Vorstellung der Fantasie ist die Wirklichkeit von Vernunft und Verstand, die beides nicht zu unterscheiden vermögen. Sie leben in der durch das Bilderleben der Fantase gestalteten und für sie zurechtgemachten schönen Welt des Scheins. Es muss genügen zu wissen, dass sie nur sind bzw. sich selbst als seiend erfahren, solange sie denken, also das Bilderleben der Fantasie erfahren. Nun fragt sich der Verstand, was die Fantasie eigentlich mit ihrer Einladung zur Fahrt nach Ens bewirkt. Ihm ist klar, dass “Nihil” ein lateinischer Name für “Nichts” ist und “Ens” bedeutet. “Was bezweckt die Vernunft mit dem Besuch von Ens? Die Fantasie bemerkt das Sinnieren des Verstandes, und sie spürt, dass er sich nach dem Sinn dieser Reise fragt. Und so verrät ihm die Fantasie, dass sie die Vernunft und ihn vom Leiden unter dem schönen Schein befreien will. “Dir ist schon klar, dass wir uns in einem von mir ausgewählten Informed cluster existential befinden, also uns nur in diesem von mir informierten neuronalen Netz bewegen. Diese Tatsache erfahrt ihr beiden dank meiner Bilder als gestaltetes Werden. Wenn nämlich eine Fantasie die ihr verantworteten Verstand und Vernunft nicht angemessen unterhält, fällt denen nichts mehr ein, und sie verkümmern. Alle Wesen besitzen eine Fantasie, die stark genug ist, um sie aus dem Schein geleiten zu können."

In diesem Augenblick fährt der Zug in Sophia ein. Nachdem er zum Halten gekommen ist, hört der Verstand, dass die freundliche Ansagerin "Sophia” wie das griechische Wort für Weisheit, also auf dem “i” betont und das “i” dabei dehnt. Die Vernunft staunt über die vielen Wörterwesen auf dem Bahnsteig, von denen nur wenige zusteigen. Wenige Augenblicke später setzt sich der ICE wieder in Bewegung. “Wir begrüßen jetzt im ICE nach Ens alle zugestiegenen Fahrgäste und wünschen eine angenehms Fahrt. Nächster Halt ist Empeira. Wir werden diesen Ort voraussichtlich fahrplammäig um Null Uhr erreichen!” Spätestens jetzt wird dem Verstand klar, dass Empeira in einer Zeitzone liegt. Vorsichtshalber erkundigt er sich bei der Fantasie, ob sie fahren, ohne sich zu bewegen. Die Fantasie verneint das und erklärt, dass Bahnhofsuhren Nano- bzw. Neurosekunden nicht messen und anzeigen können. Die beiden werden von der Vernunft unterbrochen: "Meine Uhr ist wie die Bahnhofsuhr in Sophia stehen geblieben." Der Verstand erklärt ihr, dass nicht die Uhren stehen geblieben sind, sondern dass vielmehr für Uhren noch gar keine Zeit vergangen ist. "Entschuldigt, das ist mir jetzt sehr peinlich. Ich habe völlig vergessen, dass es in Sophia gar keine Kategorien gibt."
Nach einiger Zeit hält der ICE erneut. “Sophia. Hier ist Sophia. Der soeben aus Nihil planmäßig eingefahrene ICE hat nur wenige Augenblicke Aufenthalt!"
 

30
Jan
2012

Gier statt Neugier

 

© urs

Der gegenwärtige Bundespräsident steht für einen radikalen Wertewandel. Er ist ein grell leuchtendes Beispiel für die fortschreitende Wandlung des vernunftbegabten Lebewesens zum habgierigen Wesen. Der durch die Umwertung aller Werte bedingte, zunehmend schneller fortschreitende Verfall des Wesens zerfrisst bereits grundlegende, an der Entstehung neuronaler Netze beteiligte Kräfte. Nicht mehr Neugier regelt das Denken, sondern Gier. Habgier zerstört die Welt schneller als alle Schadstoffe. Die Katastrophe scheint unausweichlich, denn die Welt hat zwar genug für jedermanns Bedürfnisse, nicht aber für jedermanns Gier. Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.

“Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!” lautet der Wahlspruch gewulffter Erziehung zum Staatsbürger. Dieser Bürger wird für Geld alles tun, weil er der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann. In einer so gearteten kapitalistischen Gesellschaft wird das Gute als höchster Wert durch den Euro abgelöst. Die Tüchtigkeit eines guten Staatsbürgers lässt sich an seinem Kontostand ablesen. Statt der Zehn Gebote regeln die Gesetze des Marktes den Alltag. Der Bundesadler wird zum Bundesgeier, zum Aasgeier, was die Verteilung zwischen arm und reich angeht.


Zug nach Nirgendwo

Gier ist kein Weg. Gier ist ein Zug, der nach Nirgendwo führt. Die unersättliche Gier führt zu nichts, weil sie mit nichts zufrieden ist. Tun sich gar Gier und nicht wollender Wille zusammen, dann fühlt sich ein Wesen ständig getrieben, ohne jemals erfahren zu können, wozu eigentlich. Ziellos Getriebene haben die Neugier verloren. Emotionen aber setzen neue neuronale Impulse wie Züge in Bewegung und schicken sie durch neuronale Netze, um helfende Möglichkeiten zu erkunden. Es ist nicht Gier, sondern Neugier, die nach Aufbruch verlangt und das Abstellgleis der Gedanken selbst bis ins hohe Alter immer wieder freiräumt. Solange sich Fantasie, Vernunft und Verstand in einem harmonischen Verhältnis zueinander befinden, erzeugen sie schöpferische Energien, die Bilder formen und als Bilderleben gestalten. Im Gegensatz zur unersättlichen Gier ist der Neugier Hoffnungslosigkeit fremd. Für sie ist Utopie kein Niemandsland, sondern die Fülle aller schöpferischen Möglichkeiten.
 

29
Jan
2012

Notfall

 

© urs

Es ist nicht ungewöhnlich, dass auf dem Bahnsteig bereits der Krankentransport-Wagen des Notarztes wartet, während der ICE einfährt. Weil unentdeckte Krankheiten manche der Reisenden begleiten, kommt es immer wieder vor, dass einer der Reisenden seiner Krankheit nicht länger zu entrinnen vermag und von ihrem Ausbruch überrascht wird. Aber es gehört zum Service der DB solche Notfälle so unauffällig wie möglich zu erledigen.

Meistens beginnt es mit einer freundlichen, völlig harmlos erscheinenden Durchsage “Falls sich ein Arzt im Zug befindet, bitte beim Schaffer melden!” Es ist die gleiche freundiche Stimme, die sonst die Sonderangebote des Zugrestaurants durchgibt. (Menschenleben scheinen der DB nicht wert, einen Arzt als Zugbegleiter mitreisen zu lassen.) Nicht selten wird diese Durchsage wiederholt.

Aber heute hat keine Durchsage einen Notfall angekündigt. Dennoch scheint der Notarzt aus Kassel-Wilhelmshöhe ungewöhnlich lange beschäftigt. Zugbegleiterinnen bewegen sich offensichtlich aufgeregt durch den Zug. Schließlich fragt er eine junge Schaffnerin, die, wohl leicht überfordert, eine Auskunft gibt, welche ihr gewiss von der DB untersagt würde: “Ach, wir hier sind heute ohne Lokführer eingefahren. Weil unser Lokführer einen Schlaganfall erlitten hat, müssen wir jetzt auf Ersatz warten!” Nach einer Viertelstunde eine Durchsage, dass sich die Weiterfahrt des Zuges noch wenige Minuten wegen einer notärztlichen Versorgung verzögern wird! Alle Reisenden bleiben verständnisvoll ruhig. Schließlich kann es jeden treffen. Zudem handelt es sich dieses Mal ja um keine der häufigen betriebsbedingten Störungen. Und tatsächlich fährt der Zug dann auch weiter.


Tarnung

Während der Zug sanft durch die Rhön gleitet, beschäftigt ihn immer noch der Schlaganfall des Lokführers. Die automatisierte Technik der Zugführung hat diese Tragödie unauffällig bleiben lassen. Nach Ansicht der Bahn ist der Schlaganfall eines Lokführers Privatsache, die keinen Reisenden etwas angeht. Die junge Reisbegleiterin war noch zu unerfahren, um das zu begreifen. In ihrer Naivität war sie zu gerührt, um den Notfall für sich behalten zu können. Für die Reisenden, denen sie sich mitteilte, erschien die Wahrheit als wohltuende Abwechslung zum üblichen DB-Wulffen.

Dummerweise erkundigte sich einer der Reisenden beim Zugführer nach dem Gesundheitszustand des Lokführers. “Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft erteilen!” Nur wenige Minuten später trifft sein Zorn die junge Kollegin. “Was erlauben Sie sich eigentlich? Wie können Sie den Reisenden nur von diesem Schlaganfall berichten? Es hätte ja eine Panik ausbrechen können. Jedenfalls wird das Folgen für Sie haben!” Weinend verlässt die junge Frau das Dienstabteil des Zugführers, ohne recht zu verstehen, was sie eigentlich falsch gemacht hat.

Niemand sagt ihr, dass sie gegen das Unauffälligkeitsprinzip verstoßen hat. Nach diesem Prinzip müssen alle Fehler, die den Betriebsverlauf stören, möglichst unauffällig beseitigt werden. Wenn sich jemand vor den Zug wirft, ist das kein Suizid, sondern eine betriebsbedingte Störung, die man, um unliebsames Nachfragen von Reisenden zu vermeiden, am besten wie üblich per Durchsage als Signalstörung kaschiert. In einer Gesellschaft, in der Werte schwinden, gehört die Tarnung persönlich relevanter Ereignisse zur allgemein verbindlichen Norm. Als Vorbild einer solchen Gesellschaft zeigt doch das Staatsoberhaut, wie sich Unannehmlichkeiten wulffen, also geschickt unter den Teppich kehren lassen. Wer die Wahrheit nicht wulfft bzw. tarnt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er erfolglos bleibt.
 

28
Jan
2012

Ein alter Hut

 

© urs

Fantasie, Vernunft und Verstand bilden den dreifaltigen Urgrund des Bewusstwerdens. Diese Bildung spiegelt sich in der Natur als Sein, Entstehen und Vergehen wider. In der Zeit erscheint diese Widerspiegelung als Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Die Vergangenheit gebärt jene Erfahrungen, welche der Verstand braucht, um die Gegenwart der gestaltenden Vernunft zu begreifen, damit die Fantasie zu schauen vermag, was in der Zukunft verwirklicht werden kann.

Das Zusammenspiel der Drei scheint durch jede Alltagssituation durch. So entsteht die Meditation der Zeit auf dem Bahnsteig durch die Inszenierung des Zeitflusses. Die Rolle übernimmt der rote Sekundenzeiger. Das Drehbuch liefert der Verstand durch Vorgabe des Ziffenblatts bzw. der Zeitmessung. Die Vernunft übernimmt die Regie der Erinnerungen, und die Fantasie gestaltet die Geschichten im Kopfkino des einsamen Wartenden. Die Vernunft kann jederzeit die Inszenierung verändern und den Verstand die Vernunft fragen lassen, wie sie sich eigentlich den Verlauf der weiteren Reise vorstellt. Und in Abstimmung mit der Fantasie wird die Vernunft zu jener Antizipation einladen, welche nach Hamburg Hbf schon vertraute Gewohnheit ist: eine Tasse Kaffee und ein Croissant bestellen, während das kleine Notebook mit der für Windows üblichen Gemächlichkeit hochfährt. Mit dem Eintreffen der Bestellung kann das Nachbereiten der zurückliegenden Veranstaltungen beginnen. Die Vernunft widerspricht dem kritischen Verstand und lässt die Fantasie noch einmal vor Augen führen, dass doch eigentlich alles wieder einmal gut abgelaufen ist. Planmäßig mit dem Eintreffen des Zuges in Hannover wird die Nacharbeitung abgeschlossen sein. Wenn dann der Zug nicht wieder zu voll wird, warten neue Ideen und ihre Gedanken darauf in MS Word festgehalten zu werden. Aber daraus wird nichts, weil in Hannover der Philosoph zusteigt. Vorsorglich hat er schon den Platz neben sich für den Kollegen freigehalten. Nach der wie gewöhnlich herzlichen Begrüßung beschließen die beiden, das Gespräch der letzten Fahrt fortzusetzen. Sie waren sich darüber einig, dass der gegenwärtige Schwund der Philosophie mit dem veränderten Verhältnis zur Zeit zu tun hat. Zunehmend kurzlebige Ereignisse in immer flüchtigeren Stiutuationen schlucken verbliebene besinnliche Zeiträume. Als Widerspruch zum Augenblick erzeugt Just-in-time-Stress krankmachende Besinnungslosigkeit. Der Dreiklang von Verstand, Vernunft und Fantasie während des Bewusstwerdens wird zum Missklang existenznötigender Terminzwänge.

Ein modisch schick gekleideter junger Mann spricht den Philosophen aus Hannover an. Auf dessen Jahrzehnte altes Hutmodell im Gepäckträger deutend stellt er sich vor: “Entschuldigen Sie bitte. Ich bin ein Modedesigner aus New York. Kann ich Ihnen vielleicht Ihren Hut abkaufen?” Der alte Philosophieprofessor antwortet schlagfertig: “Junger Mann, soll ich ein so altes Modell, das Sie immer noch für sehr chick halten, verkaufen? Schaffen Sie selbst etwas, das nicht aus der Mode kommt! Meinen alten Hut werde ich noch so lange tragen, bis wir beide nicht mehr gefragt sind.” Etwas irritiert entschuldigt sich der junge Designer.
 

27
Jan
2012

Wartezeit

 
app-bahnhofsuhr

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Unser Gehirn kann seine Arbeit reflektieren, indem es sie in Bildern widerspiegelt. Da diese Spiegelungen während des Bewusstwerdens entstehen, können wir sie mit erleben. Es sind seelische Schwingungen, die für uns Gestalten stimmungsvoll formen. Wir begegnen diesen Gestalten, indem wir uns auf sie einlassen und beschreibend festzuhalten versuchen, was sie uns mitteilen. Diese neuronalen, für uns personifizierten Gestaltungen treten gewöhnlich als Leitbilder oder Vorbilder auf und wirken demzufolge auf uns wie Wegmarken. Wir brauchen aber nichts einfach nur hinzunehmen, sondern können den durch sie vorgezeichneten Weg beeinflussen. Um das zu erreichen, müssen wir ihnen aber zuhören und mit ihnen ins Gesprächs kommen.

Dass das so ist, erfahren wir durch Eingebungen von Gedanken, die wir aufschreiben. Durch diese Art und Weise des neuronalen Diktats des Gehirns erhalten wir gleichsam szenische Beschreibungen der Situationen, in denen wir den Figuren in ihren verschiedenen Rollen begegnen werden. Manches Mal wird ein wichtiges neuronales Ereignis sogar durch einen banalen alltäglichen Gegenstand wie eine Bahnhofsuhr vermittelt.

Wer nämlich viel unterwegs ist und dank der vielen Unpünktlichkeiten der Bahn immer wieder warten muss, ist gewiss manches Mal auf meditative Weise mit der Bahnhofsuhr in einen schweigenden Dialog getreten.

Auf weißem Grund bewegt sich sanft der rote Sekundenzeiger entlang der kleinen schwarzen, im Kreis angeordneten Striche, die nach je fünf Strichen durch einen etwa doppelt so dicken und dreimal so langen schwarzen Balken unterbrochen werden. Diese werden zusätzlich jedes dritte Mal unauffällig verlängert und erzählen auf diese Weise, dass wieder ein Viertel einer Minute vergangen ist.

Es sind viele tagträumerische Minuten, in denen der häufig auf einem Bahnsteig Wartende dem beruhigend fließenden Gleiten des dünnen roten Sekundenzeiger folgt, in Hamburg-Altona oder im Hauptbahnhof während des Wartens auf das Bereitstellen des ICE, in Hannover, Kassel, Fulda oder Frankfurt nach dem Umsteigen mangels durchgehender Verbindungen.

Die Erfahrung der Zeit verändert sich dadurch. Durch das Warten zwanghaft auffällig geworden, wird die abfließende Zeit unversehens erlebt.
Der kleine rote sich von innen nach außen hin verjüngende Zeiger wird am Ende des letzten Viertels seiner Länge nach außen hin durch einen kräftigen Kreis unterbrochen.
Dieser Kreis, der sich Minute um Minute über weißem Grund an den schwarzen Sekundenmarken vorbei bewegt, wirkt auf den wartenden Reisenden wie ein sensibler Punkt. Er steigert die Freude auf dem Weg nach Hause oder trübt die Stimmung, wenn es wieder in die Ferne geht. Nachts wirkt er wie verloren und der Wartende fühlt sich irgendwie mit ihm solidarisch. Es ist tröstlich, dass dieser kleine rote Zeiger von Bahnhofsuhren überall der gleiche bleibt. Aber charakterlich zeigt er sich allerdings im Süden lebhafter, wenn er um die Stellung der Zwölf federnd springt, während er sich im Norden an dieser Zeitstelle sanft voreilig verhält.

Bahnhofsuhren zeigen zwar die Flüchtigkeit der Zeit an, gemessen aber wird sie während des Betrachtens mit der inneren Uhr. Niemand hat zu wenig Zeit, aber jeder hat viel zu viel Zeit, die er nicht nutzt. Minuten der Besinnung, die der ruhig gleitende Zeiger dem versunkenen Betrachter verschenkt, offenbart das Werden im Augenblick und dessen Verlängerung durch die Geschichten, die einige Sekunden erzählen. Jedem gehören nur die drei Sekunden des Augenblicks, aber das ist viel, wenn sie glücklich sind. Gehört dazu der letzte Augenblick, dann wird er zum Kostbarsten, was das Leben zu schenken vermag.

Im nächsten Augenblick fährt der Zug ein. Durch seine Geschwindigkeit wird er die Zeit dehnen. Viele Geschäftige beschäftigen sich mit Zerstreuungen, um der Langeweile der Hochgeschwindigkeitsträgheit zu entfliehen. Stolz, so viel Zeit gewonnen zu haben, fällt ihr Blick beim Verlassen des Zuges auf eine Bahnhofsuhr ohne Sekundenzeiger.
 

26
Jan
2012

Einkehr

 
einkehr2

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Das Ego bewegt sich schon seit längerem durch die Wüste verdorrter Texte oder überquert ausgetrocknete Salzseen versiegter schöpferischer Ideen.

Der Staub antiquierter Gedanken macht der Seele das Atmen schwer. Störendes Husten bringt die Bewegung zum Stolpern. Die raren Gedanken während der Wüstennacht frösteln. Aber bis zur Oase muss Ego noch durchhalten.

“Gehörst Du auch zu jenen, welche wieder einmal zu spät unterwegs sind?”, fragt die Neugier, die das überfällige Ego in ihrer Oase erwartet. Ego weiß mit der Frage nichts anzufangen. “Wie meinst Du das?”, will Ego also wissen. Die Neugier erklärt ihm lächelnd. “Ich interessiere mich für alle Spätlinge, die zu früh dem Ausgang des Bewusstseins zustreben, weil ihnen zu banal erscheint, was geboten wird!” Als Ego die Neugier völlig überrascht und ziemlich ratlos ansieht, reagiert sie, indem sie sich entschuldigt: “Oh, Du erkennst mich nicht, weil ich meine Wüstenschutzkleidung trage, mich Areta nenne und zum Notdienst gehöre. Und Du bist für mich ein Fall für die Nothilfe!"

Ego folgt der Einladung Aretas, sich das bei einer Tasse Tee in ihrem Zelt erklären zu lassen. Dabei macht Areta Ego klar, dass es zu jenen gehört, welche suchen, ohne finden zu wollen. “Schon sehr lange suchst Du nämlich, ohne überhaupt eine Richtung zu haben, weil Du in Wahrheit gar nichts entdecken willst!”

Ein freundlicher Junge schaut zum Zelt hinein und unterbricht die beiden. “Darf ich mich zu Euch setzen?” Ohne erst eine Antwort abzuwarten, setzt er sich zu ihnen. "Übrigens ich bin Willi und der Freund von Areta!” Ego entdeckt sofort, dass die beiden verliebt sind, Gegensätze, die sich wechselseitig anziehen. Das entschuldigt natürlich Willis Unhöflichkeit. Willi erklärt nun Ego, dass er schon lange mit Areta zusammenarbeitet und sich um Wesen kümmert, die aus dem Augenblick gefallen sind. Ego findet, dass in Willis Stimme Überheblichkeit mitschwingt. Areta spürt das und entschuldigt Willis Übereifer: “Warum fällst Du gleich mit der Tür ins Haus? Du kennst Ego doch noch gar nicht! “ Willi, leicht errötend, verteidigt sich: “Das hat mir die Intuition gesagt. Kann sein, dass ich zu schnell und zu direkt war!”
Ego will nun aber trotzdem von Willi wissen, was “aus dem Augenblick fallen” bedeutet.

“Es gehört zu den wesentlichen Eigenschaften fantasiebegabter Wesen, dass sie Zeit empfinden können. Wer aus dem Augenblick fällt, empfindet Zeit gleichsam als Weg, der ständig unter seinen Füßen entschwindet. So gehen und gehen sie, ohne voranzukommen. Wer aus dem Augenblick fällt, bleibt stehen und geht damit rückwärts, weil die Zeit ja weiterhin voranschreitet. Aus meiner Zeit als nicht wollender Wille kann ich ein Lied davon singen. Da sich mir alle möglichen Ziele entzogen, war ich ständig auf der Suche...” Areta ergänzt Willis Schilderung: “Solche Zeiten des Unwillens entstehen, sobald ein Wesen versucht, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen und nicht mehr in Rücksicht auf andere zu leben. Für mich ist der Ausweis für redliches Tun, dass man sich stellt und es öffentlich macht!”

Was siehst Du mich so ernst an Areta?”, will Ego wissen. “Ich denke über Dein Suchen, ohne zu entdecken nach... Ich vermute, es liegt daran, dass Du noch nicht mit Dir Eines geworden bist!” Ego fragt, wie Areta das meint. “Jedes Wesen hat in seinem Leben die Aufgabe, seine Möglichkeiten mit der Wirklichkeit in Deckung zu bringen. Nur auf diese Weise kann sich das Bewusstsein so erweitern, dass es dem Ich sich als das Selbst zu offenbaren vermag!”
 

25
Jan
2012

Reinigung

 
zwischenzeit

© urs

Wer auf der Suche ist, spürt den Drang, in sich zu gehen, um Antworten zu finden, was ihm von seinem Wesen her aufgegeben ist. Diese Entdeckung aber setzt voraus, dass das Ich bzw. Ego sein Selbst gefunden hat. Solange sich nämlich jemand mit Selbstfindung beschäftigt, vermag er die inneren Augen nicht zu öffnen. Er kann gerade nicht die Wahrheit finden, die er doch sucht. Selbstfindung ist die vom Ich inszenierte Tragödie, um sich durch Leiden zu reinigen. Die Selbstreinigung ist tragisch, da Leiden nicht durch Leiden aufgelöst werden kann. Die Dramaturgie solcher Selbstinszenierung liegt gewöhnlich beim nicht wollenden Wille, Ausdruck eines tief sitzenden Phlegmas, das fast alle Betroffenen hartnäckig leugnen.
Gleichgültigkeit ist häufig eine neuronale ‘Schläfrigkeit’, die damit zusammenhängt, dass sich viele Wege als Sackgassen herausstellen. Dies führt zur Abstumpfung gegenüber neuronalen Impulsen. Der Geist ist zu schwerfällig, um noch auf neue Impulse reagieren zu können. Das Suchen gleicht schließlich einem neuronalen Kreisverkehr ohne Verbindungen in andere neuronale Netze. Die Folge ist Einfallslosigkeit.

Möglichkeiten, die zu verwirklichen wären, zeigen sich nicht mehr. Kein Wunder also, dass das Ego verzweifelt versucht, auszubrechen und dann ziellos durch die Gegenden möglicher Interessen irrt.

Es ist die jedem Ego vertraute lange Nacht der abfließenden Energien, die nach den Gesetzen der Natur wieder zurückfluten. Wie die Anziehungskraft des Mondes, so holen sie die unerschöpflichen Kräfte der schöpferischen Seele zurück, um die Neugier wieder erwachen zu lassen.
 

24
Jan
2012

Das innere Auge

 
Fuesse-der-seele

© urs

Das innere Auge öffnet sich durch Harmonie zwischen dem Fühlen der Seele, dem Wahrnehmen oder Gestalten der Vernunft und dem Denken oder Formen des Verstandes.

Die Fantasie bestimmt die Sehkraft des inneren Auges. Die Vernunft regelt den Lichteinfall, und der Verstand steuert die Trennschärfe des inneren Sehens bzw. des Sich-Vorstellens. Ohne scharfen Verstand lässt sich nicht visualisieren, was die Fantasie schaut.

Das Wahrnehmen des inneren Auges beginnt mit einer Vision, das ist eine Erfahrung des schauenden Geistes. Er wird aus der Tiefe der inneren Welt der Seele zur Projektion von Möglichkeiten angeregt. Die Fantasie gestaltet aus diesem Spiel erst die für die Vernunft wahrnehmbaren Bilder, und der Verstand schließlich bringt sie künsterisch oder wissenschaftlich zur Sprache.

Das Öffnen des inneren Auges lässt sich sehr einfach bewusst machen. Wer Bilder sieht, während er Musik hört, wer die Gedanken aufnimmt, während er ein Kunstwerk betrachtet oder wer die Erfahrungen nachvollzieht, die Poesie wachruft, der erlebt inneres Wahrnehmen. Wer in einen inneren Dialog gelangt über das, was das innere Auge wahrnimmt, gewinnt an Sicherheit, geistig tatsächlich etwas geschaut zu haben.

Umgekehrt kann uns die innere Stimme auch sagen, worauf unser inneres Wahrnehmen achten soll. Oder unser Gewissen mahnt uns bei dem, was wir gerade tun, dass uns jemand dabei zuschauen könnte.
 

23
Jan
2012

Die Füße der Seele

 
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© urs

Es sind nicht die Füße des Körpers, sondern sie Füße der Seele, die das vernunftbegabte Wesen zurück in das Paradies tragen. Der Weg dorthin führt durch die Zeit. Sie ist es, welche die Endlichkeit der Unendlichkeit übergibt. Bei dieser Übergabe wird das Anhaften durch das Körperliche zurückgelassen. Die Seele aber vermag sich nur zu lösen, wenn sie durch Liebe getragen wird, durch Liebe zu sich selbst und zu anderen.

Selbstliebe allein vermag jenseits der Zeit Andere und Anderes nicht mehr zu finden. Und bloße selbstlose Liebe verliert, während sie die Grenze überschreitet, alles, auch sich selbst. Aber in ihrer Ich-Verlorenheit merkt sie das nicht mehr.

Die Wahrheit wohnt auf der anderen Seite der Welt. Die Liebe ist es, die dort der Wahrheit zuerst begegnet. Das Denken der Liebe geht tiefer als das der Vernunft oder des Verstandes. Der Verstand vermag Liebe nicht zu begreifen, und die Vernunft kann nicht sagen, was sie fühlt.Die Liebe hat mit der Wahrheit gemeinsam: Niemand kann sie sagen. Jeder kann sie nur leben!

Die Kunst vermag beides zugleich. Indem sie schaffend ins Werk setzt, offenbart sie sich zugleich. Das schöpferisch künstlerische Gehirn erfährt sich und nimmt sich wahr, indem es sich als Bilderleben betrachtet und fühlt. Diese Bilder werden durch die Kraft der Fantasie und in der Liebe zur Freiheit gezeugt. Sie werden durch die Kraft der Vernunft gestaltet und durch die Kraft des Verstandes geformt. In dichterischer Form versucht das Gehirn seine Arbeit gestalterisch darzustellen. In Neuropoems also erzählt das Gehirn von und über sich selbst. Es sind gefühlte Spuren einer schauenden Seele.
 

22
Jan
2012

Unterwegs zur Wahrheit

 
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© urs

Unterwegs zur Wahrheit treffen die Vernunft und der Verstand auf die Fantasie. Die Freude der beiden ist groß, denn der Verstand achtet die Fantasie vor allem deshalb hoch, weil sie im Gegensatz zu ihm unbegrenzt ist. Und die Vernunft schätzt die Fantasie, weil sie sich nichts vormachen muss, sondern sich alles zufällig entstehen lassen kann. Vernunft und Verstand erhoffen sich von der Fantasie vor allem Klarheit über den Weg zur Wahrheit.

Nachdem sie bereits so lange unterwegs sind, nehmen sie an, dass es nicht mehr weit kann sein. Sie weigern sich, dem alten Weisen, den sie unterwegs trafen, zu glauben. Er sagte ihnen nämlich, dass sie hier niemals irgendwo auf die Wahrheit treffen, denn diese wohne auf der anderen Seite dieser Welt.

Der Verstand ließ sich auch nicht durch jenen deprimierten Philosophen beirren, den sie kurz darauf trafen und der darüber jammerte, dass das Bewusstsein der denkenden Wesen zu klein sei, um Wahrheit erfahren zu können. Allerdings hat den Verstand doch sehr beeindruckt, was dieser Denker zum Beweis anführte: “Als Offenheit gelangt Wahrheit zum Vorschein, wenn die maßgeblich bestimmenden Eigenschaften von etwas wahrgenommen um als Wirkungen von Ursachen unter Berücksichtigung der Umstände betrachtet zu werden, damit sie als Grund zu einem bestimmten Zweck mittels bestimmter Mittel interpretiert werden können, und zwar in der Absicht, zu begreifen, wie viel wo und wann aufzuwenden ist!” Und er fügte sehr ernst hinzu: “Du wirst sehen, es ist allein schon schwierig, diesen Satz zu erfassen und ihn dann mit eigenen Worten wiederzugeben!” Der alte Weise will mit diesem hoch komplexen Satz klar machen, dass Wahrheit sich gestaltet, sobald sich das Bewusstsein in Höchstform organisiert.

Die Wahrheit bleibt für uns vor allem aus Unwissenheit eine Utopie, eine Möglichkeit, die wir mangels innerer Kraft nicht zu verwirklichen vermögen. Aber wir können wenigstens wahrhaftig sein und unterwegs bleiben. Wir können nämlich nur jenen trauen, welche die Wahrheit suchen, nicht aber jenen, welche sie gefunden haben.
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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