Befreiung

 

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Erziehen bezeichnet ursprünglich die Tätigkeit der Hebamme. Erziehen bedeutet also befreien. Das Ich wird durch Hilfe zur Selbsthilfe zum Selbst. Aber wenn sich das Ich jemals aus entfremdetem Selbst befreien will, muss es aus seinem Leben eine Geschichte des Ungehorsams machen.

Die Vernunft beunruhigt diese Feststellung, bedeutet das doch für sie als Reglerin des Ichs, den Verstand als Regler des Selbst als Führungs- bzw. Sollgröße anzuerkennen. Sie, die sich vor allem durch Gefühle leiten lässt, mag eine Emanzipation durch das Wissen nicht anerkennen. “Dummes Philosophengeschwätz!” murmelt sie vor sich hin. “Was denkst du für Merkwürdigkeiten?”, fragt sie der Verstand neugierg. Aber die in Tagträume zurückgefallene Vernunft überhört diese Frage. Sie zerfließt in bewegten Erzählungen eines geliebten Wesens. Zerrissene Wortfetzen schweben wieder über eine friedvoll versuchte dörfliche Sphäre. Es sind jene scheinheiligen Eitelkeiten, welche sie so sehr hasst. Aber sie hat ja ihr kleines Mädchen, ihre zukünftig Große, die ihm das Handwerk legen soll. Sie ahnt ja nicht, wie sehr er sein Amt hasst und wie abgründig tief er ihm aufgezwungene biblisch verbrämte Notlügen zu seinem scheinheiligen sonntäglichen Wort an die dumm bäuerliche Gemeinde mühsam zusammenflickt. Er betreibt dieses perverse Zeug so heftigt, dass er eine Gemeinde gut eine Stunde damit hinhält. Aber vor allem straft er damit sein notdürftig frömmelndes Weib, die sich ihm ständig verweigert. Ha, eine große Lust überkommt ihn. Jetzt muss sie ihm zuhören. Jetzt vergewaltigt er sie mit seinem schwülstigen Wortgekeife. Er rächt sich an allen mit seinem pastoralen Geheimnis. Voll gnadenvoller Potenz predigt er wie immer bis zum überaus hart erkämpften Orgasmus. Während seines pastoralen Rede-Ergusses sinnt sie nach rächenden Maßnahmen, während sie ihrem ahnunglosen Töchterchen einen liebevoll gespielten Blick zuwirft. Das kleine Mädchen lenkt das für sich in einen abschätzigen Blick auf die völlig in Heiligkeit verkrampft himmelnde Diakonisse neben ihr um.

Die Vernunft verabschiedet sich von ihrem Tagtraum und entschuldigt sich beim Verstand, dass sie nicht auf seine Frage eingegangen ist. “Aber ich war in einem jener hellsichtigen Augenblicke, auf welche ich mich spontan einlassen muss. Ansonsten sind sie für mich ein für alle Mal verloren." “Was sind das für Augenblicke?”, will der Verstand wissen.“Willst Du das wirklich wissen?” - Der Verstand nickt. “Okay, als Vernunft habe ich die Fähigkeit, hinter die Welt des sinnlich Vernehmbaren zu schauen. Zu Beginn der Geschichte des Denkens wurde das “εἶδος”(eidos) genannt, was so viel wie Blick in das sinnlich nicht Vernehmbare bedeutet. Von “idein”, also dieser Art und Weise des Schauens, leitet sich auch “Idee” ab. Also, was ich meine, ist, dass εἶδος der Augenblick der Geburt einer Idee ist. Und in dem Augenblick, in dem Du mir Deine Frage stelltest, hatte ich gerade die Idee (ἰδέα), dass es für ein Wesen ohne Schwierigkeit möglich ist, durch “ἰδέα” oder “εἶδος” einen Blick in die eigene Geschichte oder die eines anderen Wesens zu tun. Und das musste ich natürlich gleich ausprobieren!” Natürlich interessiert sich der Verstand dafür wie das geht.“ Du musst Dich nur in einen Augenblick der zu schauenden Geschichte versetzen und die Gedanken fließen lassen, indem Du versuchst, diesen Augenblick so genau wie irgend möglich zu beschreiben. Auf keinen Fall darfst Du dabei irgend etwas analysieren wollen!” Der Verstand möchte das selbstverständlich gern nachvollziehen. Deshalb bittet er die Vernunft, ihm das doch zu erklären.
 

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