Notfall

 

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Es ist nicht ungewöhnlich, dass auf dem Bahnsteig bereits der Krankentransport-Wagen des Notarztes wartet, während der ICE einfährt. Weil unentdeckte Krankheiten manche der Reisenden begleiten, kommt es immer wieder vor, dass einer der Reisenden seiner Krankheit nicht länger zu entrinnen vermag und von ihrem Ausbruch überrascht wird. Aber es gehört zum Service der DB solche Notfälle so unauffällig wie möglich zu erledigen.

Meistens beginnt es mit einer freundlichen, völlig harmlos erscheinenden Durchsage “Falls sich ein Arzt im Zug befindet, bitte beim Schaffer melden!” Es ist die gleiche freundiche Stimme, die sonst die Sonderangebote des Zugrestaurants durchgibt. (Menschenleben scheinen der DB nicht wert, einen Arzt als Zugbegleiter mitreisen zu lassen.) Nicht selten wird diese Durchsage wiederholt.

Aber heute hat keine Durchsage einen Notfall angekündigt. Dennoch scheint der Notarzt aus Kassel-Wilhelmshöhe ungewöhnlich lange beschäftigt. Zugbegleiterinnen bewegen sich offensichtlich aufgeregt durch den Zug. Schließlich fragt er eine junge Schaffnerin, die, wohl leicht überfordert, eine Auskunft gibt, welche ihr gewiss von der DB untersagt würde: “Ach, wir hier sind heute ohne Lokführer eingefahren. Weil unser Lokführer einen Schlaganfall erlitten hat, müssen wir jetzt auf Ersatz warten!” Nach einer Viertelstunde eine Durchsage, dass sich die Weiterfahrt des Zuges noch wenige Minuten wegen einer notärztlichen Versorgung verzögern wird! Alle Reisenden bleiben verständnisvoll ruhig. Schließlich kann es jeden treffen. Zudem handelt es sich dieses Mal ja um keine der häufigen betriebsbedingten Störungen. Und tatsächlich fährt der Zug dann auch weiter.


Tarnung

Während der Zug sanft durch die Rhön gleitet, beschäftigt ihn immer noch der Schlaganfall des Lokführers. Die automatisierte Technik der Zugführung hat diese Tragödie unauffällig bleiben lassen. Nach Ansicht der Bahn ist der Schlaganfall eines Lokführers Privatsache, die keinen Reisenden etwas angeht. Die junge Reisbegleiterin war noch zu unerfahren, um das zu begreifen. In ihrer Naivität war sie zu gerührt, um den Notfall für sich behalten zu können. Für die Reisenden, denen sie sich mitteilte, erschien die Wahrheit als wohltuende Abwechslung zum üblichen DB-Wulffen.

Dummerweise erkundigte sich einer der Reisenden beim Zugführer nach dem Gesundheitszustand des Lokführers. “Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft erteilen!” Nur wenige Minuten später trifft sein Zorn die junge Kollegin. “Was erlauben Sie sich eigentlich? Wie können Sie den Reisenden nur von diesem Schlaganfall berichten? Es hätte ja eine Panik ausbrechen können. Jedenfalls wird das Folgen für Sie haben!” Weinend verlässt die junge Frau das Dienstabteil des Zugführers, ohne recht zu verstehen, was sie eigentlich falsch gemacht hat.

Niemand sagt ihr, dass sie gegen das Unauffälligkeitsprinzip verstoßen hat. Nach diesem Prinzip müssen alle Fehler, die den Betriebsverlauf stören, möglichst unauffällig beseitigt werden. Wenn sich jemand vor den Zug wirft, ist das kein Suizid, sondern eine betriebsbedingte Störung, die man, um unliebsames Nachfragen von Reisenden zu vermeiden, am besten wie üblich per Durchsage als Signalstörung kaschiert. In einer Gesellschaft, in der Werte schwinden, gehört die Tarnung persönlich relevanter Ereignisse zur allgemein verbindlichen Norm. Als Vorbild einer solchen Gesellschaft zeigt doch das Staatsoberhaut, wie sich Unannehmlichkeiten wulffen, also geschickt unter den Teppich kehren lassen. Wer die Wahrheit nicht wulfft bzw. tarnt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er erfolglos bleibt.
 

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Wolfgang F.A. Schmid

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