Wartezeit

 
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Unser Gehirn kann seine Arbeit reflektieren, indem es sie in Bildern widerspiegelt. Da diese Spiegelungen während des Bewusstwerdens entstehen, können wir sie mit erleben. Es sind seelische Schwingungen, die für uns Gestalten stimmungsvoll formen. Wir begegnen diesen Gestalten, indem wir uns auf sie einlassen und beschreibend festzuhalten versuchen, was sie uns mitteilen. Diese neuronalen, für uns personifizierten Gestaltungen treten gewöhnlich als Leitbilder oder Vorbilder auf und wirken demzufolge auf uns wie Wegmarken. Wir brauchen aber nichts einfach nur hinzunehmen, sondern können den durch sie vorgezeichneten Weg beeinflussen. Um das zu erreichen, müssen wir ihnen aber zuhören und mit ihnen ins Gesprächs kommen.

Dass das so ist, erfahren wir durch Eingebungen von Gedanken, die wir aufschreiben. Durch diese Art und Weise des neuronalen Diktats des Gehirns erhalten wir gleichsam szenische Beschreibungen der Situationen, in denen wir den Figuren in ihren verschiedenen Rollen begegnen werden. Manches Mal wird ein wichtiges neuronales Ereignis sogar durch einen banalen alltäglichen Gegenstand wie eine Bahnhofsuhr vermittelt.

Wer nämlich viel unterwegs ist und dank der vielen Unpünktlichkeiten der Bahn immer wieder warten muss, ist gewiss manches Mal auf meditative Weise mit der Bahnhofsuhr in einen schweigenden Dialog getreten.

Auf weißem Grund bewegt sich sanft der rote Sekundenzeiger entlang der kleinen schwarzen, im Kreis angeordneten Striche, die nach je fünf Strichen durch einen etwa doppelt so dicken und dreimal so langen schwarzen Balken unterbrochen werden. Diese werden zusätzlich jedes dritte Mal unauffällig verlängert und erzählen auf diese Weise, dass wieder ein Viertel einer Minute vergangen ist.

Es sind viele tagträumerische Minuten, in denen der häufig auf einem Bahnsteig Wartende dem beruhigend fließenden Gleiten des dünnen roten Sekundenzeiger folgt, in Hamburg-Altona oder im Hauptbahnhof während des Wartens auf das Bereitstellen des ICE, in Hannover, Kassel, Fulda oder Frankfurt nach dem Umsteigen mangels durchgehender Verbindungen.

Die Erfahrung der Zeit verändert sich dadurch. Durch das Warten zwanghaft auffällig geworden, wird die abfließende Zeit unversehens erlebt.
Der kleine rote sich von innen nach außen hin verjüngende Zeiger wird am Ende des letzten Viertels seiner Länge nach außen hin durch einen kräftigen Kreis unterbrochen.
Dieser Kreis, der sich Minute um Minute über weißem Grund an den schwarzen Sekundenmarken vorbei bewegt, wirkt auf den wartenden Reisenden wie ein sensibler Punkt. Er steigert die Freude auf dem Weg nach Hause oder trübt die Stimmung, wenn es wieder in die Ferne geht. Nachts wirkt er wie verloren und der Wartende fühlt sich irgendwie mit ihm solidarisch. Es ist tröstlich, dass dieser kleine rote Zeiger von Bahnhofsuhren überall der gleiche bleibt. Aber charakterlich zeigt er sich allerdings im Süden lebhafter, wenn er um die Stellung der Zwölf federnd springt, während er sich im Norden an dieser Zeitstelle sanft voreilig verhält.

Bahnhofsuhren zeigen zwar die Flüchtigkeit der Zeit an, gemessen aber wird sie während des Betrachtens mit der inneren Uhr. Niemand hat zu wenig Zeit, aber jeder hat viel zu viel Zeit, die er nicht nutzt. Minuten der Besinnung, die der ruhig gleitende Zeiger dem versunkenen Betrachter verschenkt, offenbart das Werden im Augenblick und dessen Verlängerung durch die Geschichten, die einige Sekunden erzählen. Jedem gehören nur die drei Sekunden des Augenblicks, aber das ist viel, wenn sie glücklich sind. Gehört dazu der letzte Augenblick, dann wird er zum Kostbarsten, was das Leben zu schenken vermag.

Im nächsten Augenblick fährt der Zug ein. Durch seine Geschwindigkeit wird er die Zeit dehnen. Viele Geschäftige beschäftigen sich mit Zerstreuungen, um der Langeweile der Hochgeschwindigkeitsträgheit zu entfliehen. Stolz, so viel Zeit gewonnen zu haben, fällt ihr Blick beim Verlassen des Zuges auf eine Bahnhofsuhr ohne Sekundenzeiger.
 

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