10
Jul
2013

Selbstfindung

Selbstfindung ist der die Pubertät maßgeblich bestimmende Prozess. Das Ich beginnt sich auf den Weg zu machen, um sein Selbst zu suchen. Die Fantasie orientiert sich an Vorbildern und entwirft Ideen, die Vernunft eifert Idolen nach und engagiert sich für Ideale, und der Verstand erforscht bzw. erfragt Möglichkeiten, indem er Modelle durchspielt, um für sich ein tragfähiges Vorbild zu entdecken, das die Selbstverwirklichung antizipiert.

Die Selbstfindung während der Pubertät beruht auf der Ichfindung während der ersten Lebensmonate. Die Ichfindung wird durch Empfinden, sinnliches Erfassen und durch Erfahren ermöglicht. Durch das Wechselspiel von gefühltem aufmerksamen Aufnehmen und gefühltem, konzentriertem Erinnern entstehen sich wiederholende neuronale Regelungen. Aus den positiv empfundenen Wiederholungen des immer Gleichen erwachsen Regler für angesagtes und nicht angesagtes Verhalten.

So wird erfolgreiches Schreien von weniger erfolgreichen Verlautbarungen unterschieden und nach und nach eingesetzt bzw. als neuronale Grundmuster ausgeprägt. Erfolge verhelfen zu beschleunigtem Differenzieren der Verlautbarungen und so zum Fortschreiten des Spracherwerbs. Das gelingt allerdings vorwiegend nur dann, wenn sich die Bezugspersonen liebevoll und schlüssig verhalten.

Inkonsequentes Verhalten dagegen liefert nicht nur keine brauchbaren Verhaltensvorlagen, sondern chaotisiert auch neuronale Netze. Inkonsequentes Verhalten der Bezugspersonen bzw. widersprüchliches Verhalten zwischen den Bezugspersonen verhindert das Entstehen wichtiger Konstituenten für geordnetes, zielgerichtetes Verhalten. Es können dann kaum mehr erfolgreiche Strategien entwickelt werden.

Um durch solche möglichen neuronalen Missbildungen nicht lebenslang gehemmt und behindert zu werden, unternimmt das Gehirn während der Pubertät radikale selbstreparierende Maßnahmen. Unbrauchbare neuronale Bindungen werden dann schlichtweg aufgelöst und gelöscht. Dieser Maßnahme fallen dann auch frühe Kindheitserinnerungen zum Opfer. Für die gesamte spätere Entwicklung des Gehirns sind solche Streichungen aber nicht bedeutsam, bis vielleicht auf die Tatsache, dass in derartigen Fällen Gehirne zu radikalen Löschungen (Vergessen) neigen. Diesem neuronalen Radikalismus lässt sich aber wiederum durch geeignetes Training entgegenwirken.

Der Verstand unterbricht die Darstellung der introspektiven Fantasie.”Was mir an dieser Darstellung missfällt, das ist die einseitige Betonung des informativen oder geistigen Aspekts! Es gibt doch auch unbestreitbare nachteilige körperliche Einflüsse auf das Gehirn oder etwa nicht?” Die Fantasie blickt den Verstand sehr erstaunt an: “Das ist doch auch eine Frage der Priorität! Das Gehirn jedenfalls hält es mit dem Grundsatz, dass das Sein und damit auch das Daseins im Bewusstsein entschieden wird und insofern jeder wird, was er sich vorstellt! Wie Du Dich selbst im Spiegel siehst, das strahlst Du auch aus!” Die Vernunft will von der Fantasie wissen, warum es denn so schwer für das Ich ist, das Selbst zu sehen. “Das Selbst erscheint dem Ich in seinen Träumen und Tagträumen. Deren Bejahung in täglichen kleinen Schritten, das ist der Weg!”

9
Jul
2013

Verlust des Paradieses

Der Mythos schildert die Dämmerung der Vernunft als Vertreibung aus dem Paradies. Das Paradies wird in der Mythologie als Harmonie oder Einheit von Körper, Seele und Geist überliefert. Der Mensch erlebt Gott intinktiv. Durch die Entdeckung des Werkzeugs beginnt der Geist, sich der Seele und des Körpers zu bemächtigen. Aber indem der Verstand mit der ursprünglichen Harmonie bricht, verliert er die Nähe zu Gott. Gott ‘bestraft’ ihn, indem er den Blick des Menschen verdreht. Dessen Augen tasten von nun alles daraufhin ab, ob es als Mittel zum Zweck taugt. Nicht mehr die Liebe, sondern der Trieb regelt von nun an das Wahrnehmen. Die Wahrnehmung des Verstandes aber lässt den Menschen sich selbst und den anderen vor allem als Mittel zum Zweck der Fortpflanzung erkennen. Weil der Menschen nicht mehr mit seinem Herzen sieht, erkennt er erst, dass er nackt ist.

8
Jul
2013

Utopie

Utopie ist eine noch unverwirklichte existentielle Vorstellung. Utopie ist ein Ort, an dem ein Mensch noch nicht angekommen ist. Die häufigste Utopie ist das Bestreben des Ichs in sich selbst anzukommen. Der Wunsch nach Selbstfindung entspringt unerfüllten Bedürfnissen. Die Selbstverwirklichung ist allerdings eine negative Utopie, ein Weg also, der in Wahrheit nicht existiert. Das Selbst als das vollendete Ich kann allein durch vollkommenes körperliches, seelisches und geistiges Loslassen erreicht werden. Das schließt den Verzicht des Ichs auf das Streben nach seinem Selbst mit ein. Die Vorstellung, die hinter dem Wunsch nach Selbstverwirklichung steckt, ist der Traum vom vollkommenen Glück. Dieses Glück setzt aber körperliche, seelische und geistige Bedürfnislosigkeit voraus. Das Streben nach Glück ist ein existentielles Paradoxon.

7
Jul
2013

Einkehr in früher Kindheit I

Ihre früheste Erinnerung führt sie in ihr Elternhaus zurück. Sie betritt das kleine Bauernhaus, steigt die schmale Treppe zu ihrem Kinderzimmer hinauf und betritt dieses nach sehr langer Zeit. Überraschenderweise findet sie ihr Zimmer aufgeräumt vor. In den Strahlen der untergehenden Sonne spielt der Staub in der muffigen Luft des länger nicht gelüfteten Raumes. Sie öffnet die unterste Schublade des kleinen Schrankes und erblickt ihre Lieblingspuppe. Sie ergreift sie und betrachtet sie liebevoll. Lisa, so heißt die Puppe, trägt noch ihr hellblaues Strickkleid mit passender Mütze, die ihr die Oma einmal zu Weihnachten gestrickt hatte. Sie betrachtet die Schuhe, wohl eher Pantöffelchen aus der gleichen Wolle wie Kleid und Mütze. Sie hätte gewettet, dass Lisa rote Schühchen trug. Ob ihre Oma diese wohl auch gestrickt hatte? Aber da lässt sie ihre Vorstellungskraft schon das Weihnachtspäckchen öffnen und die erwachsene Frau sieht sich als kleines Mädchen, Kleid, Mütze und Schuhe auspacken. Also doch!

6
Jul
2013

Wege nach innen brauchen das Gedächtnis

Der einfachste und deshalb auch der meistgenutzte Weg nach innen besteht aus dem Vergegenwärtigen von Erinnerungen. Dabei werden zunächst die Erinnerungen geweckt, die noch unmittelbar zur Verfügung stehen. Memotechnische Maßnahmen können im Festhalten früher Ereignisse in Zeichnungen, Notizen oder im Anschauen von Fotografien bestehen, wobei Bilder oder Symbole am ehesten hilfreich sind, weil sie der Fantasie den größten Spielraum bieten. Die Vorstellungskraft schmückt die frühen Erinnerungen so konkret aus, dass sie einem wieder lebendig vor Augen stehen. Die Erfahrungen mit Gedächtnistraining zeigen, dass frühe Erinnerungen noch weiter zurückliegende Erinnerungen um so eher wecken, je genauer sie vergegenwärtigt werden. Viele fasziniert dabei, dass spontan Dinge aus dem Gedächnis auftauchen, die sie gar nicht mehr wussten.

5
Jul
2013

Wege hinter den Horizont der Wirklichkeit

Der körperliche Weg der Askese, insbesondere der buddhistische baut durch Verzicht und Überwindung auf die Selbstreinigung des Wahrnehmens. Der seelische Weg der Kunst sieht im emotionalen Ausdruck erfahrener Wirklichkeit die Möglichkeit einer Widerspiegelung des Selbst, die das Ich verstehen kann. Der philosophische Weg, aus dem körperlichen und seelischen Weg hervorgegangen, glaubt aus wesentlichen Eigenschaften der Abildung von Wirklichkeit das Original rekonstruieren zu können. Aus verschiedenen Vorgehensweisen des Rekonstruierens sind die einzelnen Wissenschaften hervorgegangen. Als Fantasie des Verstandes überzieht die Mathematik allen Theorien voran mittels naturwissenschaftlichen, berechenbaren Modellen die Wirklichkeit und Religion, Philosophie verlieren zunehmend an Bedeutung.

4
Jul
2013

Künstler der Wirklichkeit

Das bewusstgewordene Bild der Wirklichkeit, kurz "Bewusstsein", wird gestaltet von den Empfindungen des Körpers, von den Gefühlen der Seele, von den Vorlagen des Bewusstseins und Erfahrungen des Bewusstseins. Die Wirklichkeit wird durch das Zusammenspiel der Sinneseindrücke, der Gefühle und verfügbarer Erfahrungen künstlerisch ins Werk gesetzt. Bewusst wird immer nur ein Abbild von Wirklichkeit, niemals die Wirklichkeit selbst.
Da verwundert es nicht, wenn manches vernunftbegabte Lebewesen den Wunsch verspürt, gleichsam hinter den Vorhang gefilterter Wirklichkeit zu schauen. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, ersannen sich Menschen Wege, um hinter den Horizont der Wirklichkeit zu gelangen. Der körperliche Weg der Askese, der religiöse Weg der Seele und der philosophische Weg des Verstandes gelten noch heuzutage als aktuell, wobei vor allem in der Kunst diese Wege nicht isoliert verlaufen, sondern sich in der jeweiligen künstlerischen Komposition von Formen, Farben, Worten und Tönen vereinen.

3
Jul
2013

Bilder einer Ausstellung

Bewusstwerden ist unaufhörliches Gestalten von Bildern. An dieser Gestaltung wirken sinnliche Wahrnehmungen, Erinnerungen und Gefühle mit. Die Natur hat Lebewesen mit Vernunft ausgestattet, um sie die gestalteten Bilder betrachten und auf sich wirken zu lassen. Dieses Bilderleben kann vom Verstand beobachtet und unter gewissen Bedingungen auch verstanden werden. Die Geschichte des Denkens macht es schwierig, zwischen Vernunft und Verstand zu unterschieden. Der älteste Name für das Bilderleben ist "Denken", wobei das Bewusstwerden der Bilder, also das Bilder-Leben den Anteil der Vernunft ausmacht und das Bewusstsein, also das Bilder-Erleben den Anteil des Verstandes. Vereinfacht ausgedrückt verhält es sich so, dass die Vernunft die Seele zum Vorschein bringt und sich der Verstand mit dem Geist dieser inneren Erscheinungen beschäftigt.

2
Jul
2013

Existentielles Tabu


Als Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft ereignet sich Gegenwart als Tagtraum. Gegenwart ist die Verführung des Verstandes durch die Vernunft der Seele. Das vernunftbegabte Lebewesen ist ein träumendes Lebewesen, das seine Wirklichkeit im Vorschein der Wahrnehmung aus Formen seiner Erfahrungen und Farben seiner Gefühle gestaltet. Wahrnehmen ist in Wahrheit ein Für-Wahr-Nehmen. Sobald wir wahrnehmen, gestalten wir und legen so die Wirklichkeit für uns zurecht. Dies erahnend fragen wir uns bisweilen, wer und was wir wirklich sind. Wissenschaften erzeugen in uns Illusionen, dass wir darauf tatsächlich zu antworten vermögen. Als Fantasie des Verstandes überzeugt Mathematik, indem sie modellierte Wirklichkeiten wie den geometrischen Raum für jederman nachprüfbar berechnet. Visionen von allgemein Gültigem verschaffen sich den Glauben an die Macht des Wissens. Der Verstand ringt der Vernunft den Glauben ab und täuscht durch die Illusion des Wissens.

1
Jul
2013

Wesen des inneren Lichts

Als Wesen des inneren Lichts offenbart sich Wahrheit jenseits von Glauben und Wissen. Jenseits von Glauben und Wissen gestaltet sich Denken durch natürliches Empfinden. Von überkommener Normierung befreit, empfindet es und spürt es auf, was Vernunft und Verstand verborgen bleibt. Das Geheimnis von Lichtwesen besteht im Reichtum ihrer Natur, der sich in Überfülle über sie ergießt. In ihrer Bescheidenheit bewahren sie ihr Geheimnis. Siddharta Gautama, Francesco Bernardone, Mohandas Karamchand Gandhi oder Agnes Gonxha Bojaxhiu offenbaren durch ihre Existenz den Reichtum ihrer Natur als helfendes religiöses Verhalten. Religion bedeutet Glauben an das innere Licht und die Kraft, die Hoffnung als schöpferische Utopie zu lieben.

30
Jun
2013

Mehr sehen als wahrnehmen

Wenn wir uns ein Foto aus unserer Kindheit ansehen, dann erinnern wir uns spontan an Ereignisse, die damit zusammenhängen. Wir sehen also mehr als wir sinnlich wahrnehmen. Es sind Erinnerungen, die uns das wahrgenommene Bild in ein Innenbild übersetzen. Das Foto veranlasst uns, uns in die Geschichte der eigenen Kindheit zurückzuversetzen. Dieser Rückblick wird sowohl durch spätere Erfahrungen und durch die gegenwärtige Situation interpretiert und unter Umständen durch die Fantasie umgestaltet. Die Art und Weise der gestalterischen Veränderung wird uns allerdings nicht bewusst. So entsteht die Gefahr, dass wir uns unsere Vergangenheit unserer gegenwärtigen Stimmung und Einstellung anpassen und uns zurechtlegen. Diese fantasievolle Gestaltung von Erinnerungen lässt sich nicht bereinigen. In vielen Fällen wissen wir nicht einmal, ob es sich tatsächlich um eigene Erinnerungen handelt oder ob uns das irgendwann erzählt worden ist. Es könnte sich dabei auch um Fotos handeln, die wir irgendwann gesehen haben. Auch bei Erinnerungen jenseits unseres Bewusstsein unter Hypnose sind wir nicht vor umgestalteten Erinnerungen sicher.
Manche Künstler gestalten, indem sie gewisse Motive variierend wiederholen. Handelt es sich dabei um Kindheitsmotive, dann stellt sich die Frage, ob das Betrachten solcher Bilder eher Aufschluss gewährt als gezieltes bewusstes Erinnern. Diese Frage lässt sich wahrscheinlich nicht mit Sicherheit beantworten. Und doch könnte es sein, dass solche künstlerischen Kompositionen jenes Denken wachrufen, welches uns zur Zeit der Entstehung des Motivs umtrieb. Friedrich ist mit Singvögeln aufgewachsen, und er liebt noch heute den Gesang von Vögeln. So ist nachvollziehbar, dass in seinen Musikkompositionen immer wieder Vogelstimmen imitiert werden. Aber auch hier kann nicht mehr ausgesagt werden als dass Friedrich diese Tiere liebt. Man könnte jetzt mutmaßen, dass diese Tierliebe Friedrichs auf die Liebe zu seinem Vater verweist, von dem Friedrich diese Vorliebe übernommen hat. Allerdings entwirft gerade dieser Rückverweis einen Einblick in eine wesentliche Eigenschaft, die Friedrich mehr oder weniger verdrängte. Die Liebe zu seinem Vater wurde Friedrich letztlich nie bewusst. So hätte er bis zur Betrachtung des künstlerischen Motivs der Vögel die Frage, ob er seinen Vater geliebt habe, nicht recht beantworten können. Das Betrachten eines künstlerischen Werks hat folglich weitergeführt. Friedrich fällt nämlich auf, dass er ganz offensichtlich gefühlsarm aufgewachsen ist. Würde es also eher helfen, auf seine Vorlieben, Eigenarten oder 'Ticks' zu achten, als Fotos zu betrachten?

29
Jun
2013

Existentielles Dilemma

Der Philosoph Ernst Bloch beginnt seine Einleitung in die Tübinger Philosophie mit den Worten "Wir sind. Aber wir haben uns noch nicht. Darum werden wir erst." Mit drei Sätzen beschreibt er die Selbstwerdung als wesentliche Aufgabe der Philosophie. Der Verlust des Paradieses als aus der Einheit von Ich und Selbst geborenes ursprüngliches Glück hat in der Seele des Menschen die Sehnsucht, sich wieder zu finden, tief eingegraben. Viele haben viele Wege entdeckt, aber alle haben erfahren, dass jeder seinen eigenen Weg entdecken muss. Für dieses Abenteuer hat die Natur jeden von uns hinreichend ausgestattet. Diese Gaben bündeln sich in der Begabung innerer Wahrnehmung. Im Dunst des Milieus eigener Entwicklung geht vielen leider nach und nach der klare Blick nach innen verloren. Trotz getrübter Innensicht hält sich die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung aufrecht. Dieser Beweggrund treibt die Suche nach dem rechten Weg an. Eines Tages findet sich die Seele an einem Wegkreuz vor die Entscheidung gestellt. Diese Gabelung erscheint als Alternative zwischen Kunst und Philosophie. Es ist die Wahl zwischen Glauben und Wissen. Da aber bei einem zwei-, drei- oder vierjährigen Kind Vernunft und Verstand noch nicht hinreichend entwickelt sind, entscheidet das Gefühl.
Kunst und Philosophie unterscheiden sich nicht durch das innere Formen, sondern wesentlich durch das Gestalten. Während Kunst vor allem durch physisches Gestalten Innenbilder sichtbar werden lässt, gestaltet sich Philosophie vor allem metaphysisch, also jenseits alles sinnlich Vernehmbaren.

28
Jun
2013

Dämmerung der Vernunft

Der Mythos schildert die Dämmerung der Vernunft als Vertreibung aus dem Paradies. Paradies ist der Name für die vollkommene Harmonie von Körper, Seele und Geist. Alle Lebewesen des Paradieses existieren und erfahren die Gegenwart Gottes noch instinktiv.
Indem Lebewesen Werkzeuge entdecken, erfahren sie ihren Körper plötzlich als Mittel zum Zweck der Nahrungsbeschaffung.
Mit erwachendem Bewusstsein leben sie nicht mehr von der Hand in den Mund, sondern fangen an zu sammeln. Als Mittel zum Zweck des Ernährens erfahren die Hände das Greifen. Die Sinne erschließen Greifbares als Verzehr- oder Machbares.
Steine taugen nicht, um sich zu ernähren, aber um sich Nahrung zu beschaffen. Sie taugen, um Nüsse aufzuschlagen oder Stöcke, um nach Nüssen auf Bäumen zu schlagen.
Mit dem Greifen geht Vergleichen einher. Das Entwickeln von Alternativen des Entweder – Oder prägt sich aus. Mit der Entstehung von Alternativen werden Konsequenzen entwickelt. Entweder taugt etwas zum Essen oder zum Bearbeiten von Früchten. Wenn Nüsse mit Steinen aufgeschlagen werden, dann können sie gegessen werden. Alternativen und Konsequenzen setzen das Vergleichen voraus. Vergleiche schaffen Voraussetzungen, aus denen Schlüsse gezogen werden können. Mit der Entdeckung von Dingen in der Natur entwickelt sich zugleich logisches Denken.
Einmal entwickelte, erfolgreiche Verhaltensmuster werden gemerkt und wiederholt. Die Entstehung eines Repertoires von Verhaltensmustern ermöglicht das Vorhersehen und Planen von Aktionen. Die Entwicklung logischen Denkens fördert zugleich das Entstehen der Fantasie. Denken wird als Bilderleben der Fantasie erfahren.
Erst mit dem Philosophieren wird diese Erfahrung als Bild-Erleben der Vernunft und als Bild-Erleben des Verstandes erlebt.
Das rein fantastische Erfahren des Bilderlebens der vorphilosophischen oder mythologischen Zeit wird noch von Trieben oder Bedürfnissen geregelt. Anstelle der Neugier bestimmt noch der Nahrungstrieb das Verhalten.
Indem sich die Vorstellungskraft entwickelt, formt sich das Vermögen, das eigene Tun wahrzunehmen und zu betrachten. Durch das Reflektieren des Bilderleben wird vor allem Vernunft und Verstand unterschieden und das Augenmerk weniger auf die Seele gerichtet.
Das Erwachen seiner Vernunft bezahlt das Lebewesen mit dem Verlust seines Paradieses. Zurück bleibt ein tiefes Gefühl des Verlustes. Das Ich hat einen wesentlichen Teil seines Selbst verloren. So suchen manche vernunftbegabte Lebewesen ihr Leben lang nach dem Selbst, ohne sich darüber bewusst zu werden, dass sie in Wahrheit das Paradies meinen.
Um die tiefe Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies zu stillen, bieten esoterische Scharlatane und Gurus Scheinwege an und lassen sich solches Vorgaukeln nicht selten teuer bezahlen. Aber letztendlich sind auch die kleinen Leidenschaften des Alltags Überbleibsel des ursprünglichen Triebs oder des Instinkts auf der Suche nach verlorener Glückseligkeit.

27
Jun
2013

Getäuschte Zeit

 
 

Religiöse Gefühle sind im Gehirn des Menschen von Natur aus angelegt und versuchen das Denken, sich über sich hinaus zu bewegen. Die natürliche Erscheinung der inneren Stimme verführt allzuleicht zu Missdeutungen. Religiöses Denken gefährdet im Gegensatz zum Glauben das Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist. Unaufgeklärtes Denken verirrt sich allzuleicht in wirren Fantasien oder haltlosen existentiellen Annahmen. Sobald Körper, Seele und Geist nicht mehr gleichwertig erscheinen, verliert das Denken das innere Licht der Wahrheit. Kartenleger, Hellseher und Astrologen lassen glauben, dass sie das ausgleichen und die Gegenwart deuten und die Zukunft vorhersagen können. Verzicht auf das Loslassen durch Zuwendung an Befriedigung minderwertiger Bedürfnisse lässt das Leben nicht nur an Zeit, sondern auch an seelischer Qualität verlieren.

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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