24
Jul
2013

Verpflichtung

"Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!" Unter Gleichgesinnten ist man solidarisch und hält zusammen. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe wird gesellschaftlich durch Berufe ausgewiesen und diese wiederum durch Uniformen und/ oder Titel. Je höher der Rang um so rücksichtsvoller und vorsichtiger begegnet man einander. Das starke Gefühl der Verbundenheit wird durch Vertrauen, Zuverlässigkeit und Toleranz ausgedrückt. Verstärkt wird diese Verbundenheit noch durch Parteien, Verbände und Gesellschaften. Das Ausbrechen aus einer solchen sozialen oder politischen Verflechtung gilt als Netzbeschmutzung oder gar als Verrat. Alltagspolitik ist der für jeden sichtbare, tägliche Ausdruck netzgebundenen Verhaltens. Solche, durchaus lebewesenhaften Verflechtungen werden häufig vorschnell als Verfilzung missgedeutet. Je höher jemand im Rang steigt um so mehr setzt er sich der Gefahr einer Netzabhängigkeit aus. Er muss über eine starke Persönlichkeit verfügen, um ständig aufgrund natürlich gewachsener Verflechtung und gegen Verstrickung zu unterscheiden und widerstehend entscheiden zu können. Aber natürlich gewachsene Netze enthalten auch in ungewöhnlicher Verdichtung kritische Netzpunkte, über welche das gesamte Netz im günstigen Fall unter Wahrung netzeigener Regeln und Gesetze geregelt wird. Für das Netz der Wissenschaft hat Aristoteles vor gut zwei Jahrtausenden einen solchen wesentlichen und heute noch gültigen Punkt geschaffen. Das, was diese Keimzelle des Netzes der Wissenschaft vor allem ausmacht, ist die persönliche Verpflichtung dem Wesen des Wissens gegenüber.

r. n. 13

23
Jul
2013

Heilung

Die Kunst der Heilung und Selbstheilung liegt in der Kraft der Antizipation von Gesundheit. Antizipation ist die vorstellungsmäßige Vorwegnahme einer zukünftigen Situation, also Umsetzung eines möglichen Bildes von Krankheit in ein wirkliches Bild von Gesundheit. Weil das Gehirn körperliche Vorgänge gemäß der Vorstellung steuert, die es von diesen Vorgängen hat, ist es sehr wichtig, sich eine klare Vorstellung von dem erstrebenswerten Gesundheitszustand zu verschaffen. Damit das Gehirn die Gesundung überhaupt einzuleiten vermag, bedarf es der Anregung durch das limbische System, also eines starken Glaubens. Fremd- wie Selbstheilung hängen unabdingbar von Vertrauen in den Erfolg ab.

r. n. 12

22
Jul
2013

Gewissheit des Glaubens

Glauben ist eine besondere Spielart des Denkens. Als Duplizität von Bilder-Leben der Vernunft und Bild-Erleben des Verstandes wird Denken sowohl von Intuition als auch Logik bestimmt. Die Stärke des Glaubens hängt vor allem von der Fantasie ab. Als Vorstellungskraft spielt die Fantasie mit Möglichkeiten, die der Verstand nicht nutzen will oder kann. Die Gewissheit starken Glaubens wird sprachlich durch die innere Stimme und bildlich durch Visionen vermittelt. Ausgelöst wird Glauben durch das Empfinden von Mangel. Die Sehnsucht, solchen Mangel aufzulösen, wird häufig durch gewisse Übungen zu stillen versucht.

r. n. 11

21
Jul
2013

Gewissheit des Nichtwissens

Was geschieht, wenn man Feuer auf Wasser gießt? Dasselbe wie wenn der Verstand die Liebe erklärt. Wissen vermag Gefühlen keine Gewissheit zu geben. Die Gewissheit von Gefühlen beruht auf Glauben wie die Gewissheit von Wissen auf Beweisen beruht. Glauben versetzt Berge. Glauben beginnt dort, wo Wissen endet. Manche Menschen überleben, weil ihr persönlicher Glaube an Heilung stärker ist als das objektive Wissen der Medizin. Die Gewissheit des Glaubens wird wie die Gewissheit des Wissens vom Denken erzeugt. Aber das Denken des Glaubens ist nicht das Denken des Wissens. Das Denken des Glaubens ist das Erkennen der Seele oder die Intuition. Das Denken des Wissens ist das Denkens des Geistes oder die Logik.

r. n. 10

20
Jul
2013

Bescheidenheit

Die Sicherheit einer mathematischen Definition lässt sich nicht auf philosophische Bestimmungen übertragen. Wie die Mathematik so hat es die Philosophie zwar ebenfalls mit dem alle Sinne übersteigenden Wesentlichen zu tun, aber eine philosophische Aussage lässt sich nicht durch Berechnung beweisen. Also sucht Aristoteles nach einer streng analogen Genauigkeit. Aristoteles entdeckt die Axiome als von sich her einsichtige Grundsätze, die keines Beweises mehr bedürfen. Das bekannteste Axiom ist wahrscheinlich der Satz der Identität "a = a". Wissen liegt dann vor, wenn ein Satz vollständig durch Axiome abgesichert wird. Wissen trifft allerdings nur innerhalb des Systems zu, auf dessen Grundlage es beruht. Der Inhalt einer mathematischen Aussage beispielsweise trifft nicht auch philosophisch zu. So existiert ein geometrisch definierter Kreis in Wahrheit für die Philosophie nicht. Kreise existieren in Wahrheit nicht wirklich, sondern allein als geometrische Vorstellung.

r. n. 9

19
Jul
2013

Scheinwissen

Angesichts der aufgrund der Prinzipien des Verstandes erforderlichen Weite des Bewusstseins scheint Wissen unerreichbar zu sein. Die ersten Philosophen haben dieses Problem von Anfang an erkannt und auf unterschiedliche Art und Weise zu lösen versucht.
Während Heraklit und Kratylos angesichts der allgegenwärtigen Veränderung der Natur in allem keine Möglichkeit für unveränderliches Wissen sehen, betrachten Sokrates und Platon die Abwendung vom sinnlich Vernehmbaren als Lösung. Sie entdecken das sinnlich nicht vernehmbare Sein als das alles Seiende umfassende Unveränderliche als Bedingung der Möglichkeit von Wissen. Aristoteles, der Schüler Platons, nimmt zwar die Idee vom unveränderlichen Sein auf, folgt aber in der Ausführung dem Ansatz des Thales. Thales gibt sich nicht mehr mit erfahrungsbezogenen Auslegungen von Sinneseindrücken zufrieden. Es genügt ihm nicht, wenn ihm jemand eine geometrische Figur benennen kann. "Nicht nur benennen, sondern auch erkennen!", fordert er. Im Gegensatz zum bloßen Benennen bedeutet Erkennen, Wahrgenommenes zu durchschauen, also zu wissen, weshalb und warum etwas so ist, wie es ist. Thales erkennt, dass Wahrnehmen allein so etwas nicht zu beantworten vermag. Wahrnehmen muss notwendigerweise durch eine Fähigkeit ergänzt werden, die er ermöglicht, Wahrnehmungsinhalte durch Vergleichen so zu ordnen, dass sie Regeln oder gar Gesetze erkennen lassen. Die Suche nach dieser Fähigkeit lässt ihn die Kunst des Vereinfachens erkennen. Schon Zeichnungen von Kindern zeugen von dieser Kunst, indem sie Wahrnehmungsinhalte auf Formen, zumeist Linien oder Striche, reduzieren. Thales entdeckt die Technik der Reduktion auf die wesentliche Form. Der Verlauf der Sonne während eines Tages beschreibt einen Halbkreis, und die Form der Sonne selbst. Erkenntnis setzt voraus, das zu Erkennende aufgrund seiner Eigenschaften eindeutig bestimmen zu können. Wer einen Kreis sieht und sagt, dass er rund sei, bestimmt seine Wahrnehmung nicht eindeutig, denn auch sie Sonne, das Rad oder der Vollmond sind rund. Eine mehrdeutige Bestimmung aber ist keine Erkenntnis. Ein Kreis lässt sich eindeutig bestimmen als geometrische Linie, deren Punkte alle den selben Abstand von einem gegebenen Punkt M haben. M ist der Mittelpunkt des Kreises. Jeder Kreis lässt sich eindeutig bestimmen und konstruieren durch Angabe von M und dem genauen Abstand zwischen M und einem Punkt des Kreises mit dem Radius r = MP. Aristoteles kommt es nun vor allem darauf an, die von Thales geforderte mathematische Sicherheit nicht nur zu erhalten, sondern unter Verwendung der Prinzipien des Verstandes wesentlich zu erweitern.

r. n. 8

18
Jul
2013

Prinzipien des Verstandes

Ich weiss etwas dann, wenn ich über dessen Grund und Zweck (1) in Hinsicht auf seine Ursache und Wirkung (2)verfüge, und zwar nach Art/Weise und Umstand (3) der auffälligen Eigenschaften seines Wesens (4) unter Berücksichtigung des Mittels und Ausmaßes (5) in Raum und Zeit (6) seines Vorscheins.
Die Prinzipien des Verstandes sind also: Grund und Zweck (1), Ursache und Wirkung (2), Eigenschaften und Wesen (3), Art/Weise und Umstand (4), Mittel und Maß (5), Raum und Zeit (6). Diese natürlichen Prinzipien scheinen wahre Einsicht zumindest schwer erreichbar, wenn nicht gar unerreichbar zu machen. Da aber diese Dimensionierung des Geistes von Natur aus gegeben ist, muss diese den menschlichen Verstand übersteigende Gabe von einem höheren Geist kommen. Der Mensch vermag zwar diese Prinzipien zu erkennen, aber kann sie nicht in eins erfassen, um sie in Einsicht zu überführen. Das übersteigt bei weitem das Fassungsvermögen des menschlichen Bewusstseins.

n. r. 7

17
Jul
2013

Schöpfung

Die Vernunft glaubt an Gott. Der Verstand kann die Existenz Gottes weder verifizieren noch falsifizieren. Aporien dieser Art wecken wie alles Ungelöste Neugier und veranlassen den Verstand nach Auflösungen zu suchen. Die Nichtexistenz eines Schöpfers oder einer Schöpferin widerspricht dem Verstandesgrund bzw. Prinzip, nach dem jede Wirkung ihre Ursache hat. Jedoch müsste die Existenz Gottes allen sechs Prinzipien des Verstandes genügen, um einsichtig sein zu können.

r. n. 6

16
Jul
2013

Zweierlei Maß

Im Alltag des Menschen überwiegt die Vernunft. Der Beitrag des Verstandes wird auf nur 1% geschätzt. Der bevorzugte Gebrauch der Vernunft wird durch den philosophischen Namen des Menschen "vernunftbegabtes Lebewesen" zum Ausdruck gebracht. Menschliches Verhalten beruht also vornehmlich auf Emotionen, Meinungen, Vermutungen und Annahmen des Glaubens. Logik und Intelligenz des Verstandes spielen kaum eine Rolle. Der vorherrschende Eindruck logischen Verhaltens beruht auf der Eigenschaft der Vernunft, erfolgreichen Erfahrungen bzw. bewährten Gewohnheiten oder Konzepten zu folgen. Dass Unterricht üblicherweise mit Wiederholung beginnt, erscheint zwar aufgrund gängiger Erfahrung folgerichtig, ist aber nicht logisch. Da wir nur aus Fehlern lernen können, drängt sich Experimentieren als intelligenter Beginn des Unterrichts auf, denn wir ändern unser Verhalten frühestens, wenn uns Fehler unterlaufen. Grundsätzlich beteiligt sich der Verstand nicht, solange Verhalten auf verfügbaren Mustern wie das Telefonieren beruht. Während die Vernunft Gewohnheiten oder Anleitungen folgt, meldet sich der Verstand erst, wenn es um Neues geht. Vieles wird für intelligent gehalten, was in Wahrheit nur gut gemeint ist. Vernünftige Ergebnisse werden in der Regel nach Geschmack beurteilt, intelligente Ergebnisse aufgrund von Einsicht.

r.n. 5

15
Jul
2013

Menschwerdung

Im Streit zwischen Seele und Geist kristallisiert sich zweifaches Denken heraus: das Bilder-Leben der Vernunft und das Bild-Erleben des Verstandes.
Bilder-Leben und Bild-Erleben werden gleichzeitig als Bilderleben bewusst. Als Denken der Vernunft steht der Glaube im Gegensatz zum Wissen als Denken des Verstandes. Was man weiß, wird auch geglaubt, aber was man glaubt, wird nicht gewusst. Die Gewissheit des Glaubens beruht auf subjektivem, nicht unbedingt für jeden nachvollziehbarem Gefühl. Die Gewissheit des Wissens beruht auf objektiven, für jeden nachvollziehbaren Beweisen.

r.n. 4

14
Jul
2013

Streit

Bewusstwerden ständiger Veränderung weckt Schutzbedürfnisse und zugleich in eins Neugier.
Neugier will erfahren, wie alles geworden, was gegenwärtig ist, und wie alles werden wird, was jetzt noch nicht ist. Neugier ist Erfahrung ständiger Veränderung und Suche nach Halt. Neugier versucht, das Schutzbedürfnis zu befriedigen. Mit der Unruhe der Seele durch Neugier verflüchtigt sich die ursprünglich vollkommene Harmonie von Fühlen und Denken, und der Mensch stürzt in den Zwiespalt von Seele und Geist. Statt im Paradies findet er sich in deren Streit gegeneinander wieder.

r.n. 3

13
Jul
2013

Alles in Allem

Vor allem ist Geist und Energie. Indem Energie informiert wird, entsteht Materie, und aus Nichts wird Sein. Aus der Einheit von Information und Energie wird die Duplizität von Geist und Materie. Diese Zweiheit gestaltet sich im Menschen als Seele und Körper und wird als Fühlen und Denken bewusst. Religion oder Mythos sind Namen für die ursprüngliche Einheit von Fühlen und Denken. Diese Einheit wird als Paradies erfahren.

(regula naturae 2)

12
Jul
2013

Vor Allem

Mögliche Möglichkeiten spielen mit sich selbst. Mögliche Möglichkeiten gewinnen wirkliche Möglichkeiten. Wirkliche Möglichkeiten informieren Energien. Informierte Energien formen Materie. Materie bindet und löst, vereinfacht und vervielfacht, gleicht an und unterscheidet, Entstehen und Vergehen gestaltend.

(regula naturae 1)

11
Jul
2013

Inneres Licht

Die kleine Flamme des inneren Lichts erstickt unter menschlicher Eitelkeit. Das Loslassen der Leidenschaften schützt das innere Licht.

Körperliche, seelische und geistige Askese ernähren das innere Licht.

Der natürliche Weg zum inneren Licht lässt sich nicht lernend finden sondern braucht Erziehung, um den Zugang vor unbefugten Einflüssen zu schützen.

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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