23
Jan
2013

Utopie der Erziehung

 
Utopie ist die Vision von einer noch nicht erreichten existentiellen Stelle, zu der hin ein vernunftbegabtes Lebewesen strebt.

Selbst-Erziehung wird einem Lebewesen zwar als Wille der Selbstfindung bewusst, aber es vermag diesem Willen nicht zu entsprechen, da sein Gefühl zu vage ist. Das Selbst zeigt sich dem Ich nicht.

Es fehlt an Klarheit, um sich hinreichend selbst erkunden zu können.

Viele bauen auf das Führen eines Tagebuchs, um sich Klarheit über sich zu verschaffen.

Erziehung als Befreiung des Ichs erscheint umso mehr als negative Utopie, je länger die Selbst-Suche andauert.
 

22
Jan
2013

Fortschreitende Vergesslichkeit

 
Zu den größten bestgehütetsten Geheimnissen gehört wohl das Tabu der Unberührtheit des eigenen Seinsgrundes. Der Frage, warum wir sind, wie wir sind, gerät letztlich in Vergessenheit.

Diese Vergesslichkeit wiederholt sich bei jedem Menschen, der sich diese Frage stellt. Erwachsenwerden vollzieht sich als unmerkliches Verdrängen dieser Wesensfrage und zugleich als schleichende Anpassung vorgebender, überkommener Antworten auf diese Frage.
 

21
Jan
2013

Ergebnis existentieller Färbung

 
Denken folgt niedrigen Beweggründen, sobald sich Vernunft der Seele und Verstand des Geistes nicht mehr im Gleichgewicht befinden. Dieses Ungleichgewicht geht mit dem Verlust des Gewissens einher. Werte und Normen, Gesetze und Regeln, Verbote und Gebote, Verträge und Vereinbarungen verblassen als Wegmarken des Handelns. Die innere Stimme widerspricht nicht nur unanständigem ungehörigem Verhalten nicht mehr, sondern verliert sich angesichts der Vorherrschaft der Triebe und niedriger Bedürfnisse. Vorspiegelung falscher Tatsachen und Ausflüchte verdrängen die Möglichkeiten offener Begegnungen und aufrichtiger Auseinandersetzungen. Derartige Hemmungen und Blockaden werden durch jene Technik der Manipulation aufgebaut, für welche sich der Name Pädagogik durchgesetzt hat.

Die Sophisten, allen voran der Wanderlehrer und bestbezahlte Lehrer aller Zeiten Protagoras, lehren schon damals vor zweieinhalb Jahrtausenden gegen teures Geld, wie man erfolgreich wird. Den Anspruch, erfolgreich Erfolg zu lehren, hat die Pädagogik jedoch längst aufgegeben.
 

20
Jan
2013

Färbemittel menschlicher Existenz

 
Vernunft als Gabe und zugleich untaugliches Mittel, Existenz modisch bedürfnisbetont schön oder triebhaft missbraucht schwarz zu färben, mit Hilfe des Verstandes wegdenken und vedrängen zu wollen, stiftet jenes Unheil, welches vor allem Priester und Pädagogen für ihre Interessen vereinnahmen.

Das ist das Ende der menschlichen Geschichte, bevor sie überhaupt beginnt. Die abendländische Geschichte erweist sich als Ungeschick oder Ungeschichte. Priester schaffen unauslöschliche Angst vor dem Tod, Philosophen entdecken das vernunftbegabte Lebewesen als Überwesen und Pädagogen verführen zu selbstzerstörerischem Verhalten durch Missbrauch von Technik.

Das Ergebnis?
 

19
Jan
2013

Flucht aus dem Konkreten ins Allgemeine

 
Das Zusammenwirken von Aisthätrion, Pneuma und Nous gelangt als Denken unter verschiedenen Sichtweisen zum Vorschein. Diese unterschiedlichen Erscheinungsweisen ergeben sich daraus, wie ein Denker die verschiedenen Kräfte gewichtet. Während der Vorherrschaft der Religionen herrscht das Erleben der Natur als Wirken von Göttern vor. Das Wahrnehmen (aisthätrion) wird vor allem als göttliches Geschick erfahren.
Im Zeitalter des Mythos liegt das Augenmerk vor allem auf der Seele (pneuma). Das innere Wahrnehmen gewinnt an Bedeutung. Das vernunftbegabte Lebewesen versucht das Wirken der Götter nachzuvollziehen, indem sie es als Geschichten wie der Dichter Homer in Ilias oder Odyssee künstlerisch ins Werk setzt. Der Mythos wird schließlich durch den Logos (nous) der Vorsokratiker abgelöst.

Wie immer das Denken des vernunftbegabten Lebewesens fortschreitet, es bleibt durch das Zusammenwirken von Aisthätrion, Pneuma und Nous maßgeblich bestimmt. Das Zusammenspiel von Empfinden (Wahrnehmen), Fühlen und Deuten (Glauben) ist von Natur aus vorgegeben und wirkt sich in vernunftbegabten Lebewesen recht unterschiedlich aus.

Grundsätzlich aber verhalten sich vernunftbegabte Lebewesen natürlicherweise vor allem lebewesenhaft, also instinktbetont, triebgesteuert oder bedürfnisorientiert. Das Verhalten von Menschen unterscheidet sich also nicht wesentlich von dem von ihrer Art her nahestehenden wilden Tieren.

Wo immer Menschen sich zusammentun, um eine Polis zu bilden, organisieren sie sich kaum anders als eine Herde von Primaten. Am einfachsten lässt sich das am politischen Verhalten beobachten. Macht- und Besitzstreben, Futterneid, Geltungstriebe und Raffgier teilen verfügbares Kapital als Mittel zum Zweck schöngefärbter Interessen auf.

Die Gabe der Vernunft erscheint von Anfang an als Färbemittel menschlicher Existenz.
 

18
Jan
2013

Aisthätrion, Pneuma und Nous

 
Asthätrion erinnert sich an das Zeitalter des Mythos. Naturereignisse sind noch göttliches Geschick, das Pneuma zu deuten weiß und so das Handeln Nous' beeinflusst. Dieser Tradition aber folgen zunehmend weniger Denker. Während der Anspruch auf Wissen wächst, schwindet das Vertrauen in den Glauben. Philosophen widersprechen Priestern, indem sie diese auf Widersprüche ihrer Gottheiten hinweisen. Aber auch die Philosophen sind sich nicht eins. Die Philosophie beginnt in der Gegensätzlichkeit von Sein und Werden. So sucht Parmenides, der im 6. Jahrhundert vor Christus in Elea in Unteritalien lebt, nach dem ewigen Sein und Heraklit aus Ephesos in Kleinasien ergründet das Werden. Parmeides betrachtet das Sein als das, was alles Werden wesentlich bestimmt.

Während Parmenides in den Menschen die Hoffnung auf Beständigkeit des ewigen Seins weckt, widerspricht Herakit. Da alles als unaufhörliches Werden erscheint, kann überhaupt nichts Bleibendes existieren, und deshalb lässt sich auch über so etwas nicht einmal sprechen, denn keine einzige Aussage hätte Bestand.

Dieser Streit verunsichert die Menschen. Sie schwanken zwischen der Beständigkeit des Seins und der Unbeständigkeit des Werdens oder zwischen Orientierung und Orientierungslosigkeit. Im Grunde beginnt hier auch der große, die gesamte Geschichte des Abendlandes durchziehende Streit zwischen Glauben und Wissen.
 

17
Jan
2013

3 in 1

 
Der junge Platon empfindet Aretes Vortrag zu schwierig, um ihn ohne Gespräch zu verstehen. So lädt er Arete am Ende des Diskussionsabends zu einem gemeinsamen Spaziergang ein, um ihr vorzuschlagen, ihre Gedanken in einem Dialog festzuhalten. Platon nennt die Namen für die vorgesehenen Teilnehmer: Aisthätrion, Pneuma und Nous, drei Synonyme für "Geist". Platon wünscht sich also von Arete, dass sie den Geist unter den Aspekten der Wahrnehmung, des Gefühls und der Erinnerung sprechen lässt.

Arete beginnt damit, einen Dialog zu improvisieren. Dieser beginnt mit einer kurzen Erklärung Platons Wiedererinnerung.

"Alles was wir sind, das sind wir durch das Schauen unserer Urbilder. Erkennen bedeutet, sich dieser vergessenen Urbilder zu erinnern. Das Wecken solcher Erinnerungen geschieht durch die Seele, die dem Geist dazu verhilft, sie zu schauen. Bildung vollzieht sich als Umwendung der äußeren Wahrnehmung in innere (oran wandelt sich zu idein). Empfinden, Fühlen und Schauen bilden ein Lebewesen zu einem vernunftbegabten Lebewesen." Aisthätrion ist ein Künstler, der als Bildhauer in der Form des Gesteins die zu schaffende Gestalt sieht. Pneuma ist eine Künstlerin, die als Poetin aus der sprachlichen Form das zu gestaltende Ereignis entdeckt, und Nous ist Philosoph, der die in den Kunstwerken geschauten Ideen schildert.
 

16
Jan
2013

Aretes grundlegende Überlegungen

 
Auf der Suche nach dem günstigsten Augenblick der Offenbarung, erscheinen dem namenlosen Geist die Tiefen des Unbewussten als höchst geeignet. In den möglichen Möglichkeiten des Nochnicht lassen sich die wirklichen Möglichkeiten einer Existenz ausspielen.

Trotz vieler namhafter Geister gelangt durch sie das Wirken des namenlosen Geistes wider die Unfreiheit und Sinnlosigkeit nicht zum Vorschein.

Indem das Wahrnehmen alles Richtende loslässt, verblasst Wissen in der Vergegenwärtigung. Neid und Missgunst lösen sich in Konkurrenzlosigkeit auf. Der innere Blick öffnet sich und entdeckt den Reichtum.

Sein ist die Fülle aller Möglichkeiten, seiend zu werden. Sein ist als Wesen des Seienden die Bedingung der Möglichkeit von Existenz. Sein ist jene Information, welche der Energie ermöglicht, Materie zu werden.

Das vernunftbegabte Wesen nennt Nichts jenes, welches für es als Herkunft des Seins hervor scheint. Nichts erscheint als uninformierte oder pure Energie. Nichts ist das Wesen von Energie, und Sein ist das Wesen von Materie. Physikalisch, nicht philosophisch betrachtet ist Sein und Nichts dasselbe.

Das vernunftbegabte Wesen verfügt über zwei duplizitäre Arten und Weisen des Wahrnehmens: den Verstand, der das sinnliche Erfassen organisiert und die Vernunft, die das intuitive Erfassen organisiert.

Der Verstand wird durch Betrachten, Beobachten und Begreifen konstituiert. Die Vernunft wird durch Glauben, Hoffen, Lieben bestimmt.

Die treibende Kraft des Verstandes ist das Denken. Die treibende Kraft der Vernunft ist das Fühlen bzw. Empfinden.

Der Verstand zählt, rechnet und mathematisiert seine Welt. Die Vernunft spürt, fantasiert und inszeniert ihre Welt. Der Verstand verwirklicht sich vor allem durch die Naturwissenschaft, die Vernunft durch Philosophie und Kunst.
 

15
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Protagoras hält Aretes Ausführungen für völlig unzureichend, und er verweist leicht spöttisch darauf, dass sich bis jetzt kein Tier zu einem Kurs bei ihm angemeldet habe.

Arete kontert, dass sie das auch nicht als Mensch tun würde, denn ganz offensichtlich reiche Logik nicht aus, um kriegerisches Verhalten zu verhindern. Ganz im Gegenteil würde die Kriegstechnik durch logisches Denken noch viel wirksamer.

Dann nennt Arete die Vernunft eine Gabe, die sich wider alle elementarlehrerhaften Widerwärtigkeiten gestaltet. Und Arete betont, dass sich, nach dem, was sie beobachten könne, die Vernunft völlig eigenständig forme und ohne Hilfe eines Lehrers vollkommen entfalte und gestalte. Und dann vergleicht Arete die Vernunft mit einem gesunden Organ, das sich von Natur aus von allein zur vollen Funktionsfähigkeit entwickelt. Das, was Lehrer der Vernunft geben, ist lediglich Nahrung, die sie verdaut und, wenn sie widerstandsfähig genug ist, wieder vergisst.
 

14
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Sokrates, der Platon ja zu Ausführungen über die Schönheit eingeladen hatte, versucht nun, das Gespräch wieder auf das Thema der Erziehung zurückzuführen. So bittet er Arete nun um ihre Ausführungen zur Erziehung.

Arete weist zunächst darauf hin, dass Menschen durchaus mit ihrer Lebewesenhaftigkeit besser zurechtkommen könnten, wenn sie sich ab und zu auch einmal an anderen Lebewesen orientieren, statt sich nur über diese zu erheben.

"Die Philosophen neigen dazu," erklärt Arete, "allein das Lebewesen Mensch als vernunftbegabtes Wesen zu betrachten und sie lassen gleichzeitig wider alle Vernunft Kriege zu, in denen man sich grundlos aus reiner Machtgier einzelner leidenschaftlich tötet."

Arete sieht in solcher Unvernunft die Auswirkung einer Männer-Erziehung in Herden, bei der es nur darauf ankomme, einen Leithammel zu finden, dem man ohne nachzudenken folgen kann.

Jedes Tier lehre seine Jungen nur, was sie zum Leben und Überleben brauchen. Dazu gehört vor allem die Ernährung und Pflege des Körpers, also die Technik der Nahrungsbeschaffung und des körperlichen Trainings, die Pflege der Seele durch Spielen, und die Pflege der Vernunft durch Nachahmung der Eltern-Vorbilder.

"Wer also möchte den Tieren Vernunft absprechen? Erscheinen sie nicht etwa vernünftiger als wir Menschen?"
 

13
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Sokrates sieht in der Guppenerziehung vor allem die Gefahr einer zu starken innergeschlechtlichen Ausrichtung. Seiner Auffassung nach ist es außerordentlich problematisch, die Schönheit des Menschen nur auf ein Geschlecht hin auszurichten. Das sei ebenso wider die Natur wie die Vernachlässigung innerer Schönheit. Daraufhin bittet Sokrates seinen Schüler Platon, seine Gedanken zur Schönheit vorzutragen.

Platon: "Das Schöne ist in allem enthalten, eben durch die Präsenz der Idee des Schönen in jedem Ding. Dieses macht die Schönheit verhältnismäßig, da man nun nicht von der Schönheit einer Sache auf die Schönheit einer anderen Sache schließen kann."
So ist es möglich, führt Platon an, unter den Affen den Schönsten ausfindig zu machen, und dieser wäre dann auch der Schönste - allerdings nur unter seinesgleichen. Vergliche man ihn mit einem Menschen, so verflöge seine Schönheit und er könnte nicht mehr als schön angesehen werden. Genauso verhält es sich mit den Menschen im Vergleich zu den Göttern.

"Die Schlussfolgerung die ich daraus ziehe, ist, dass das, was für jeden Gegenstand passt, ihn schön macht. Nur durch das in seinem Inneren Passende kann ein Ding schön sein. Ein goldener Kochlöffel ist vermutlich durchaus schöner als einer aus Holz, doch wäre es, zumindest für mich, nicht vorstellbar, diesen in Verbindung mit seiner natürlichen Beschaffenheit, dem Kochen, als schön anzusehen. Der Kochlöffel muss, um schön zu sein, seiner Natur nach passen. Das Passende ist schön. Die Schönheit eines Menschen bedarf eines Wesens, das zu ihm passt, wie z.B. das eines leidenschaftlichen Künstlers, Philosophen oder auch Staatsmannes! Der Körper vermag von sich her nicht, sondern allein durch den Widerschein seiner Seele schön zu erscheinen!"

Protagoras fragt, ob die Leidenschaft einer Berufung zu einem Beruf gleichsam die innere Schönheit ausmacht, die dann vielleicht auch sogar die äußere Schönheit übertreffen kann.

Platon anwortet nicht unmittelbar, sondern gibt zu bedenken, dass ein Künstler oder Philosoph auch um so schöner erscheinen kann, je angesehener und mächtiger er erscheint. Das alles sollte man aber im Verhältnis zueinander noch sorgfältig überprüfen.

Arete äußert sich unzufrieden, da Platon mit seinen Ausführungen zur Schönheit nur vom Jungenwahn unreifer Männer ablenken wolle. Das sei doch wohl die entscheidende Wirkung einer einseitigen Jungen-unter-sich-Erziehung. Den Männern fehle ja sogar der Blick für Frauen, kritisiert sie.
 

12
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Protagoras gibt zu bedenken, dass Kinder eigentlich viel zu spät ihre Lehrer finden. "Andererseits müssen sie ja lesen und schreiben können, um ihre wichtigen Gedanken erfassen zu können", fügt er hinzu. "Aber die Elementarlehrer machen aus Kindern Marionetten, die fraglos ausführen, was ihnen aufgetragen wird. Das ist es, was wir vor allem verhindern müssen."

Platon fragt Protagoras, wie er das zu meistern gedenke, ohne zu einer vollkommen anderen Erziehung zu erziehen: "Wenn in Sparta ein Kind geboren wird, ist es nicht das Recht des Vaters zu entscheiden, ob es aufzuziehen sei. Er muss es an einen festgesetzten Ort bringen, wo die Gemeindeältesten es genau untersuchen. Ist es von festem Gliederbau und kräftig, lassen sie es aufziehen und teilen ihm eines der 9000 Staatsgrundstücke zu. Ist es aber schwach und missgebildet, so lassen sie es in einen Felsenabgrund hinabstürzen. Sie meinen nämlich, dass es für ein Wesen, das nicht fähig sei, gesund und kräftig heranzuwachsen, im eigenen Interesse und in dem des Staates besser sei, nicht zu leben.

Die Ammen ziehen die Säuglinge ohne einengende Windeln auf und lassen es so zu, dass die Glieder der Kleinen sich frei entwickeln. Sie bringen sie dazu, glücklich und zufrieden zu sein, nicht wählerisch beim Essen, Dunkelheit und Alleinsein nicht zu fürchten und nicht launisch und weinerlich zu sein. Darum leisten sich Fremde oft Ammen aus Sparta.

Ich erzähle Euch das, um zu zeigen, auf welche Weise Erziehung verkommt, wenn der Staat diese Aufgabe übernimmt. Hier in Athen ist das anders. In Athen bestimmt der Vater über sein Kind. Die kleinen Säuglinge werden in Stoffbahnen gewickelt und liegen in Körben, Wiegen oder Holzkästen. Falls die Mutter das Kind nicht stillen und erziehen will, übernimmt eine Amme diese Aufgabe. Mütter und Ammen singen den Kindern vor und erzählen Geschichten. Dabei gibt es auch Geschichten um unheimliche Geschöpfe, die den Kindern einen heilsamen Schrecken einjagen sollen. Fabeln erfreuen sich großer Beliebtheit und dienen der Belehrung der Kinder. Die Kinder spielen mit Klappern, Tieren aus Terrakotta, die Mädchen mit Puppen, deren Gliedmaßen zum Teil beweglich sind. Daneben sind auch zahlreiche Tiere Spielgefährten, von Heuschrecken bis Hunden.
Die Knaben entzieht der Gesetzgeber, sobald sie sieben Jahre alt sind, ihren Vätern und lässt sie in ‚Herden’ miteinander aufwachsen und erziehen. Hier lernen sie, beim Spiel wie bei ernster Betätigung, immer beisammen zu sein, damit sie die Regeln und Gesetze der Gemeinschaft erfahren."

Sokrates sieht Platon erstaunt an: "Ich sehe aber auch entschiedene Nachteile."
 

11
Jan
2013

Buch Arete

 
Sokrates fasst zusammen: "Wir stimmen also darin überein, dass Vernunft eine natürliche Gabe ist. Geburtshelfer der Vernunft sind Vorbilder und Fragen. Wahre Lehrer sind jene, welche beides in sich vereinen!"
"Wenn dem so ist, dann dürfen Lehrer nicht bestellt werden, sondern müssen von jenen, welche ihre Schüler sein wollen, ausgesucht werden dürfen!" Und Platon verweist dabei auf seinen Lehrer Sokrates, der das genau so handhabt.

Protagoras jedoch hat Bedenken bei diesem Vorschlag. "In Athen gibt es keine Schulpflicht. Wohlhabende Bürger schicken ihre Kinder zur Schule, damit später die Karriere gesichert ist. Die Schüler werden im Haus des Lehrers unterrichtet. Der Schüler wird während seiner Ausbildung von einem Sklaven (Paidagogos) des Hauses betreut. Der Paidagogos bringt den Schüler zur Schule und zurück. Er bringt ihm Benehmen bei, wobei er auch berechtigt ist, seinen Schützling zu züchtigen. Diese Lehrer werden schlecht bezahlt und sind wenig angesehen. Ich meine also, dass Ihr an der Wirklichkeit vorbeiredet, denn die Möglichkeit der Auswahl, von der Ihr träumt, existiert nicht. Nicht ohne Grund begeben sich viele Lehrer auf die Wanderschaft, um sich nicht Kinder für wenig Geld aufdrängen zu lassen!"

Sokrates verweist darauf, dass die Schüler der Wanderlehrer ja bereits zumindest schreiben und lesen können müssten, also zuvor doch der Lehrer bedürfen, die sie darin unterrichten. Und darin läge das eigentliche Problem. Die Schüler lernen lesen, indem sie zunächst die einzelnen Buchstaben lernen. Erst danach werden die Wörter gelehrt. Die Schüler lesen stets laut vor. Still lesen ist nicht üblich. Lesen ist schwierig, weil zwischen den Wörtern keine Satzzeichen und Leerstellen sind. Die Schüler schreiben auf Wachstafeln oder auf Papyrus. Dazu benutzen sie Griffel oder Federn. Die Lehrer schreiben die Texte auf einer Tafel oder auf dem Papyrus vor, und die Schüler zeichnen die Buchstaben nach. Als Texte werden vorwiegend die Epen Homers verwendet. Diese dienen auch gleichzeitig der Erziehung der Kinder. Wenn wir uns diese Art von Schule näher betrachten, dann bleibt nirgendwo Raum für die Entwicklung eigenen Denkens. Denken ist nicht mehr als Hinterher- oder Nachdenken. Bevor Schüler sich einen Lehrer aussuchen können, haben sie kritisches Verhalten doch eigentlich schon längst verlernt.

Protagoras kommentiert das lediglich mit einem "Es ist wie es ist. Das lässt sich doch nicht ändern! Ich werde jedenfalls niemals die Aufgabe von Elementarlehrern übernehmen!"
 

10
Jan
2013

Buch Arete

 
Sokrates bietet einen Kompromiss an, indem er erklärt, dass sich Vernunft zwar natürlicherweise von sich aus entwickelt, dass sie aber dazu eines Vorbildes bedarf. Solche Vorbilder nennt Sokrates die wahren Lehrer, die sich der Mäeutik bedienen, um die Vernunft zu entwickeln.

Platon kritisiert, dass er die Vernunft noch immer nicht zureichend erörtert sieht. Die Vernunft wird als Geburtshelferin der Philosophie erkannt. "Sie hat wohl unseren Sokrates die Hebammenkunst für sich entdecken lassen!" "Das ist durchaus zutreffend!", stimmt Sokrates zu und ergänzt: "Vorbild für die mäeutische Technik war, wie ich es sehe, meine Mutter. Ihr Beruf hat mir gezeigt, dass der Mensch der Hilfe einer Hebamme bedarf, um geglückt geboren werden zu können. Dementsprechend ist auch die Vernunft auf die mäeutische Technik des Fragens angewiesen, um sich ausgestalten zu können." Arete äussert, ihrer Ansicht nach sind wahre Lehrer daran zu erkennen, dass sie nicht nur Fragen zulassen, sondern auch selbst in Frage gestellt zu werden. Das unterscheidet nach ihrer Ansicht wahre Lehrer von jenen, welche sich nur aus Eitelkeit als Lehrer betrachten, in Wahrheit es aber keineswegs sind. Und sie ergänzt noch, dass sich wahre Lehrer durch Offenheit und Bescheidenheit auszeichnen.

Ausgerechnet Protagoras betont, dass er seinen Ruf nicht durch Eitelkeit, sondern durch Können erworben habe, denn schließlich könnten nur Könner Vorbilder sein. Sokrates weist darauf hin, dass das bereits der Begriff des Vorbildes beinhaltet, da Vorbilder ja immer zugleich auch Vorlagen für eigenes Handeln anbieten.
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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