9
Jan
2013

Buch Arete

 
Sokrates' Auffassung nach fördern Elementarlehrer das Wachsen der Vernunft nicht, sondern verhindern diese geradezu. Arete bittet Sokrates, seine Behauptung doch bitte zu belegen. Sokrates blickt Arete sichtlich irritiert an, weil er nicht versteht, dass sie noch nichts von Mäeutik gehört haben soll. Dann fragt er Arete, wer sie Philosophie gelehrt habe. Arete antwortet verblüfft, dass sie darüber noch niemals nachgedacht habe. Dann erklärt sie, dass es keinen Lehrer, sondern lediglich viele Gespräche mit ihrem Vater gab. Sokrates fragt nun nach dem Grund für diese Gespräche. Arete erklärt, dass ihr Vater herausfinden wollte, wie ein kleines Mädchen denkt.

Plötzlich stutzt Arete: "Stimmt, das Denken hat sich von selbst in mir gebildet!" Genau das aber wollte Sokrates Arete selbst herausfinden lassen. Dann erzählt er, dass sich das Philosophieren ebenfalls durch Gespräche selbst in ihm entwickelt habe. Währenddessen bemerkt er am Gesichtsausdruck des Protagoras, dass er nun unbedingt dessen Eitelkeit befriedigen muss. "Aber wäre Protagoras nicht mein Lehrer gewesen, dann würde es mir heutzutage nicht gelingen, philosophische Gespräche so erfolreich für alle Teilnehmer zu führen!"
 

8
Jan
2013

Buch Arete

 
Erst jetzt bemerken die Gäste, dass Arete wohl schon vor geraumer Zeit den Raum verlassen hat. Sokrates ermahnt, das gemeinsame Gespräch nicht durch Rechthabereien zu gefährden. Nachdem auch Arete wieder zugegen ist, stellt Sokrates die Frage nach der Tätigkeit der Vernunft. Er stellt fest: "Ganz offenbar bedarf die Vernunft doch der Werte, Normen, Gebote und Verbote, Pflichten und Aufgaben, an denen wir uns orientieren können. Falls wir ohne das nicht zu existieren vermögen, halte ich es für gerechtfertigt, den Menschen als vernunftbegabtes Lebewesen zu bestimmen!"

Protagoras ergänzt, dass er nichts Anderes tue, gemäß dieser Bestimmung andere zu belehren und ihnen dazu verhelfe, erfolgreich zu sein. Er könne darin nichts Verwerfliches sehen. Platon allerdings wendet ein, dass die Bestimmung des Menschen das nicht beinhaltet, was Protagoras meint. "Vernunft kann nicht gelehrt werden!", betont er. "Es handelt sich vielmehr um eine Gabe der Natur, welche den Menschen zur inneren Wahrnehmung befähigt!" Arete ergänzt, dass diese Fähigkeit von allen Lehrern tabuisiert wird, denn dieses Vermögen würde sie brotlos machen.

Protagoras befindet sich erneut am Rande der Beherrschung. "Ich habe noch nie bei irgendjemanden die Vernunft sich von allein entwickeln sehen. Dazu bedarf es schon der Elementarlehrer!" Sokrates widerspricht Protagoras.
 

7
Jan
2013

Buch Arete

 
Platon aber weist darauf hin, dass Protagoras von Grund auf irre, wenn er annehme, dass die Seele etwas sei, das sich denken ließe. Nicht von ungefähr schütze die Mythologie mit ihren Götterbildern die Seele als Geheimnis. "Hochmut kommt vor dem Fall. Wie also käme ich dazu, mich über die Götter zu erheben?"

Protagoras ärgert sich, dass ihm Platon nicht in die Falle ging, lässt sich aber natürlich nichts anmerken. Stattdessen erwidert er mit gespielter Freundlichkeit: "Oh, mein hoch geschätzter Platon, das verstehe ich sehr gut! Ich wollte Dich keineswegs versuchen! Aber sage mir doch, wie es jemandem möglich sein soll, sich an einem Geheimnis zu orientieren?" Platon erkennt Protagoras' heimtückische Absicht und fragt zurück: "Orientierst Du Dich nicht etwa auch an dem, was Dir die Priester sagen, ohne deren Geheimnisse zu durchschauen?"

Für Protagoras wird jetzt das Gespräch zu eng, und so versucht er verlegen abzulenken. Er tut so, als sei ihm urplötzlich etwas sehr Wichtiges eingefallen. Protagoras stellt zur großen Überraschung aller die Frage in den Raum: "Entschuldigt, aber das ist mir soeben eingefallen: Feiert nicht Arete heute den Tag ihrer Geburt?" Schallendes Gelächter von Xanthippe und Myrtho. Myrtho erklärt das immer noch vor Lachen prustend: "Xanthippe, habe ich es Dir nicht soeben zugeflüstert: 'Gleich kommt er mit Aretes Geburtstag!' ". Xanthippe bestätigt das lachend.

Arete mischt sich ein: "Ihr wisst doch, dass der berühmte Protagoras noch nie mit seinem Fuß in einer Falle ertappt wurde, weil er es versteht, rechtzeitig mit einem Ereignis, das für seine Zuhörerschaft wichtiger ist, abzulenken!"

Protagoras reagiert schnell. Weil er in Gesichtern zu lesen versteht, erkennt er spontan und drückt es aus: "Ihr irrt Euch alle, denn jeder von uns weiß um diesen besonderen Tag. Aber nur mir ist der Brauch einer gemeinsamen Gratulation eingefallen!"
 

6
Jan
2013

Buch Arete

 
Platon stimmt Arete zu. Protagoras aber wendet ein, dass Philosophie wohl nichts mit jugendlicher Schwärmerei zu tun hat, denn das, was Platon und Arete da meinen, liefe letztendlich doch auf eine Art Seelenbildung hinaus.

Sokrates gibt zu bedenken, dass Platon und Arete sich eigentlich nur an das halten, was seit Beginn der Philosophie als vereinbarter Ausgangspunkt aller Überlegungen gelte, nämlich dass es sich beim Menschen um ein vernunftbegabtes Lebewesen handle. Und Sokrates ergänzt: "Vernunft aber ist die Fähigkeit, aus dem Beobachten, Begreifen und Erfahren des Verstandes zu erschließen, was dies für das Leben bedeutet, also Regeln und Prinzipien für das Handeln aufzustellen!"

Protagoras vergewissert sich, ob er Sokrates richtig verstanden hat: "Du meinst also die Vernunft orientiere sich an dem, was für das Leben taugt, verbunden mit dem Hintergedanken, dass jene, welche das entscheidet, die Seele ist?"

Sokrates ist sehr wohl klar, dass dies ungewöhnlich ist, denn der Mensch ist bislang gewohnt, nicht auf die Stimme seiner Seele zu hören, sondern den Geboten und Verboten der Götter zu gehorchen!
Für Protagoras, der durch die Priesterschaft geschäftlich besonders gefördert wird, gilt eine solche Aussage geschäftsschädigend. Klar, dass er sich den Aussagen des Sokrates widersetzen muss. Aus diesem Grund lenkt er das Gespräch auf das Wesen der Seele und fordert den jungen Platon auf, auszuführen, was er darüber denkt. Selbstverständlich geht Protagoras davon, dass Platon an seinen eigenen Ausführungen scheitern wird.
 

5
Jan
2013

Buch Arete

 
Wie zu Beginn eines philosophischen Gesprächs üblich begrüßt Sokrates zunächst seine Gäste, zuerst die junge Arete, den jungen Platon, und nicht zuletzt Protagoras.
Da sich der Grund für das philosophische Gespräch aus der Einladung von Arete ergibt, bittet Sokrates auch Arete, das erste Gesprächsthema zu wählen. Arete äußert ihre große Sorge über die Auswirkung der Logik auf die Bildung. Natürlich hat Arete bei ihrem Vorschlag mit der Angriffslust des Protagoras gerechnet. Prompt reagiert Protagoaras mit herausfordernder Ironie: "Ich bitte unsere Philosophin, uns doch erst einmal zu verraten, was sie unter Logik und Bildung versteht, damit auch ich ihre weise Klage zu erfassen vermag!"

Arete ist sehr wohl bewusst, dass Protagoras mit seinem Verständnis von Bildung sehr viel Geld scheffelt. Nicht ohne Grund gilt er als der bestbezahlte Wanderlehrer (übrigens bis heute). Sokrates erwartet gespannt Aretes Antwort.
Arete übernimmt die Tonart des Protagoras: "Bis auf Protagoras wisst Ihr ja alle, was wir als Wesen der Bildung betrachten, nämlich das Wachsen des Glaubens an die eigene Kraft, die Hoffnung auf Verwirklichung gegebener Möglichkeiten und die Liebe zu deren Umsetzung!"

Protagoras aber hält das für eine recht eigenwillige, weibische Auslegung von paideia und sagt das auch sehr deutlich. Sokrates greift ein, bevor das Ganze ausartet und es möglicherweise aus verletzter Eitelkeit nur noch um Rechthaberei geht. "Es kommt darauf an, mein verehrter Protagoras, ob man einen Vorgang vom Anfang oder vom Ende her betrachtet. Vom Ende her betrachtet, treffen Aretes Ausführungen durchaus zu, beschreibt sie doch nicht nur das, was wir doch alle als Kalokagathia begreifen?"

Protagoras ist damit noch keineswegs einverstanden, und er betont, dass das Ergebnis doch ganz entscheidend vom gewählten Weg abhängt. Der junge Platon gibt zu bedenken, dass die angesprochene geistig, seelisch, körperliche Harmonie nicht durch einen beliebigen Weg zu erreichen sei, sondern doch wohl vor allem durch den des idein (gefühltes Denken).

Arete greift diesen Gedanken auf und ergänzt, dass es dann wohl nur um den Weg der Ausbildung intuitiven Denkens gehen kann.
 

4
Jan
2013

Buch Arete

 
Arete ist zwei Stunden zu Fuß unterwegs, als sie nach 60 Stadien erneut Protagoras in die Arme läuft. Es ist wohl Sokrates, den Protagoras da begleitet. Protagoras begrüßt Arete und stellt ihr Sokrates vor, nicht ohne dabei etwas spöttisch zu bemerken, dass sich diese junge Frau im Augenblick im verkehrten Raum zur verkehrten Zeit aufhält.

Sokrates versteht nicht, was diese seltsame Bemerkung des Protagoras soll.

Sokrates begrüßt die Philosophin aus Kyrene sehr freundlich und sagt ihr, dass er sich auf das Gespräch mit ihr über die Zeit überaus freut, zumal er sich bis heute noch nicht eigens damit beschäftigt hat. Arete ihrerseits möchte gern Sokrates' Mäeutik verstehen lernen. Und vor allem interessiert sie, warum der Mensch den Athenern im Gegensatz zu den Kyrenern als vernunftbegabtes Lebewesen gilt. Unbemerkt beschleunigt das gemeinsame Interesse an den bevorstehenden Gesprächen ihre Schritte.

Sokrates erkundigt sich bei Protagoras nach dessen eigenartiger Bemerkung über die verkehrte Raum-Zeit. Aber Protagoras wünscht sich nun, das doch besser am Abend in Ruhe zu erörtern.
 

3
Jan
2013

Buch Arete

 
Nachdem Arete einige Stunden geschlafen hatte, erwachte sie vom Lärm im Haus tobender Jungens. Xanthippe erwartete sie bereits mit einem köstlichen kleinen Mahl, das sie eigens zubereitet hatte.
Bei ihr am Tisch saß eine ärmlich gekleidete, hübsche Frau, die Xanthippe mit Myrto vorstellt. "Myrto gehört zu den Verhältnissen meines Mannes. Weil sie als Witwe allein nicht zurechtkommt, wohnt sie bei uns!" Myrto aber erklärt, dass sie kein Verhältnis, sondern die zweite Frau Sokrates sei.

Arete sind solche Verhältnisse ganz offensichtlich sehr unangenehm, sie versucht abzulenken und unterbricht Myrto, indem sie nach den Namen der Jungen fragt. Xanthippe erklärt, dass Lamprokles ihr Sohn ist, und Myrto ergänzt, dass Sophroniskos und Menexenos ihre Söhne sind.

Arete erklärt, dass sie und ihr Mann noch keine Kinder haben, weil noch nicht die rechte Zeit dafür sei. Xanthippe und Myrto blicken sich verwundert an und fragen Arete erstaunt, wann denn die rechte Zeit sei. "Dann, wenn Archäos und ich beide dazu Lust haben!". Die beiden Frauen scheinen sich jetzt noch viel mehr zu wundern.

Xanthippe fragt, ob sie und ihr Mann noch nie etwas von guten Staatsbürgern gehört haben. Dann nämlich wüssten sie, dass es zu deren Pflichten gehört, für Nachwuchs zu sorgen.

Arete erklärt stolz, dass die friedlicheren Kyrener da anders denken als die kriegerischen Athener. Sie ergänzt "Ich weiß sehr wohl, dass die Bevölkerung Athens durch zahlreiche Kriege arg geschrumpft ist, und kriegslüsterne Politiker deshalb auf Nachwuchs drängen! Das ist aber nicht das Problem in Kyrene!"

Arete verspürt immer weniger Lust auf eine Stelle an der Akademie in Athen. Insgeheim sucht sie bereits nach einer Ausrede, um zu ihrem Archäos nach Kyrene zurückkehren zu können, ohne jemanden zu beleidigen. Also provoziert sie die beiden Frauen, sich über Männer auszulassen, um dann die völlig verschüchterte, verängstigte Frau zu spielen, die jetzt schleunigst zu ihrem Mann zurückkehren muss, damit dieser nicht mit einer anderen Frau die Ehe aufs Spiel setzt.

Voll gespielten Verständnisses verabschieden sich Xanthippe und Myrto von Arete.
 

2
Jan
2013

Buch Arete

 
Seit Arete ihren Vortrag über die Zeitenfolge auf dem Athener Markplatz gehalten hat, haben ihr einige Akademien eine Lehrstelle angeboten. Sie aber hat mit der Begründung abgesagt, dass es ihr an geistiger Zeit mangelt, um so etwas übernehmen zu können. Aber ein Schüler des Protagoras will das nicht akzeptieren. So hat er Arete zu sich nach Hause zu einem philosophischen Diskurs über die Zeit eingeladen.
Arete lässt sich nicht zweimal bitten, schickt einen Boten mit ihrer Zusage nach Athen und macht sich wenige Tage nach der Bestätigung auf den Weg nach Athen zu Sokrates.

Auf dem Marktplatz zu Athen trifft sie Protagoras, der sie freundlich begrüßt und sie spontan ob ihrer Unpünktlichkeit tadelt. Zugleich kritisiert er Aretes Methode der Zeit, da diese ja gar keine spontane Begegnung mehr erlaube. Arete aber verweist auf die Tatsache aufgabenfreier Zeiträume oder auch auf die Zeiten des Unterwegseins, die auch zufällige Begegnung ermöglichen. Nachdem Protagoras Arete erklärt hat, dass er im Augenblick weder ohne Aufgaben noch unterwegs ist, beantwortet er Aretes Frage und erklärt ihr den Weg zum Haus des Sokrates.

Dort empfängt sie Sokrates Frau Xanthippe erbost darüber, dass ihr Mann erneut die Frechheit besitzt, seine Freundinnen nun auch wieder einmal zu sich nach Hause zu bestellen. Arethe aber versucht die aufgebrachte Xanthippe zu beruhigen, indem sie ihr überzeugend erklärt, dass sie mit solchen Dingen nichts zu tun habe. Dann erklärt sie Xanthippe den Grund ihres Kommens. "Verstehe, Sie sind also das philosophierende Weib aus Kyrene! Mein Mann hat von Ihnen gespochen und Sie tatsächlich auf Rat seines Lehrers Protagoras eingeladen!" Dann erklärt sie sichtlich beruhigt, dass ihr Mann in Athen sei, um für die Familie Besorgungen zu machen. Es sei aber nie sicher, wann mit seiner Rückkehr zu rechnen sei. Das hinge u.a. ganz davon ab, wem er in Athen begegnet. Also lädt sie Arete ein, doch hier zu warten. Arete, müde von der Reise, nimmt diese Einladung gern an.
 

1
Jan
2013

Buch Archäos

 
Verschiedene Welten unterscheiden sich durch verschiedene Zeiten. Arete unterscheidet vor allem zwischen körperlicher, seelischer und geistiger Zeit. Körperliche Zeit ist der naturgegebene Wechsel der Jahreszeiten, durch welche die körperliche Befindlichkeit erheblich beeinflusst wird. Arete betont immer wieder, dass nichts gegen die körperliche Zeit unternommen werden darf. Arete nennt die Kondition das Maß der körperlichen Zeit. Die seelische Zeit ist die gefühlte Zeit, das ist jene Zeit, die man während der Verrichtung einer Aufgabe empfindet. Je länger etwas dauert, desto ungünstiger erscheint die Zeit, die dafür verwandt wird. Das Erleben von Zeit ist das Maß der seelischen Zeit. Die geistige Zeit nennt Arete das Träumen, das Planen von Vorhaben oder künstlerische Arbeiten. Die Kraft der Visionen nennt Arete das Maß der geistigen Arbeit oder Zukunft. Mit diesem Maß misst Arete das wahre Alter eines Menschen. So hält sie beispielsweise den alten Protagoras für jung, da er immer voller neuen Ideen steckt und die Leute immer wieder damit überrascht.
 

31
Dez
2012

Buch Archäos

 
Protagos trifft wider Erwarten Aretes viel zu früh ein. Protagoras aber besteht darauf, dass er pünktlich sei. Arete jedoch erklärt, dass jeder Mensch sein eigenes Zeitsystem hat. Ihre Zeit orientiere sich an ihren Aufgaben, und da sie ihre Hausarbeit noch nicht erledigt habe, sei auch keine Zeit für Besuche. Protagoras schätzt Aretes Spitzfindigkeiten sehr und lässt sich deshalb überaus gern darauf ein. So erklärt er, dass er auch nach ihrer Zeit durchaus pünktlich sei, denn seine Aufgabe, Arete und Archäos zu besuchen, sei mit seiner Ankunft erfüllt.

Arete aber widerspricht ihm, indem sie darauf hinweist, dass seine Aufgabe nicht die gleiche wie die ihrige sei. Das wäre erst abends der Fall, nämlich zu der Zeit für Besuche. Also wäre er jetzt entschieden zu früh. Wenn er aber trotzdem pünktlich sein wolle, dann könnte er ja seine Aufgabe der ihrigen angleichen und ihr helfen. "Verdammte praktische Philosophie!", schimpft Protagoras, fragt aber dann doch, was er tun solle.

Arete drückt ihm lächelnd einen Korb und einen Einkaufszettel in die Hand und sagt ihm, dass er alles auf dem Markt in Kyrene finden könne. Das Geld für die Ware befände sich im Korb.

Unterwegs trifft Protagoras Archäos. Archäos fragt ihn, wo ihn sein Weg hinführe. Der Schrecken steht ihm im Gesicht, als er erfährt, dass sich Protagoras auf dem Weg zum Markt befindet, um für Arete einzukaufen. Archäos aber erklärt ihm, dass heute die falsche Zeit sei, da kein Markt abgehalten würde. Protagoras erwidert überrascht, dass er dann in Kyrene bleiben würde, bis die rechte Zeit für seine Aufgabe gekommen sei.
 

30
Dez
2012

Buch Archäos

 
Archäos ist durchaus beeindruckt von Aretes Gedanken über den zureichenden Grund für persönliche Entscheidungen. Andererseits ist er der Ansicht, dass Gedanken, die nicht lebensfähig sind, nichts taugen. Aber im Gegensatz zu ihm besteht Arete darauf, dass nicht irgendein Leben in irgendeiner Zukunft gemeint sein kann. Was da Archäos von Metaphysik erzählt, hält sie für eine schöne Traumwelt. Überhaupt kritisiert Arete an der Philosophie, dass sie praktisch wenig taugt und ihre Fantasien vorwiegend außer Haus in einer anderen Welt spielen lässt. Bisweilen nennt Arete die Philosophen sogar Sterngucker und spielt damit auf Thales von Milet an, der ganz in Gedanken in einen Brunnen gefallen ist. Viele Abende diskutieren Arete und Archäos über Sinn und Zweck der Philosophie. Arete fordert immer wieder, dass Philosophie so praktisch wie die ihrige werden muss. Und sie wird nicht müde, Archäos die wesentlichen Aufgaben zu erklären. Sie nennt ihre Philosophie dann gern eine Kunst der Vereinfachung. Besonders zu später Stunde, wenn sie wieder einmal zu oft in ihren Weinkrug geschaut hat, wiederholt sie immer wieder, dass sie jetzt ihre Philosophie des rechten Maßes anwende und keinen Schluck mehr trinken werde. Archäos weiß dann, dass es höchste Zeit ist, schlafen zu gehen, will er Arete nicht wieder tragen müssen. Aber Archäos gesteht Arete auch gern zu, dass sich seine Philosophie eben kaum auf den Alltag übertragen lässt. Andererseits findet er Aretes Methode, die Dinge nach dem Prinzip des kürzesten Weges zu ordnen, auch nicht unbedingt optimal. So müssen Arete und er, wenn sie zu einem Fest eingeladen sind, ihre Gewänder immer wieder erneut unter zwischenzeitlich abgelegten Kleidungsstücken suchen. Arete erklärt das damit, dass unwichtige Dinge natürlicherweise in den Hintergrund drängen, um wichtigeren Dingen Vorrang zu lassen. Deshalb ist die Kleidung, die sie täglich benötigt, sofort greifbar. Aber Arete gibt auch zu, dass die Kunst der Vereinfachung ihre natürlichen Grenzen an Ordnungen finde. Das scheint sie nicht zu stören, wenn sie diese Grenzen wieder einmal überschreitet und dabei von der Freiheit der Unordnung schwärmt. Wen wundert es dann noch, dass Archäos den bevorstehenden Besuch seines Lehrers Protagoras mit gemischten Gefühlen erwartet.
 

29
Dez
2012

Buch Archäos

 
Archäos ist sehr erstaunt, als ihm Arete zu erklären versucht, dass Frauen im Gegensatz zu Männern zuerst fühlen und dann denken, während Männer zuerst denken und dann fühlen. "Aus diesem Grund gibt es unter Frauen so gut wie keine Philosophinnen.", betont Arete. Sie selbst betrachtet sich als Ausnahme, weil es ihr gelingt, das, was sie fühlt, unmittelbar zur Sprache zu bringen. Arete erklärt Archäos, dass ihr Vater Aristippos war, der ihr das in Kyrene schon als kleines Mädchen beigebracht habe, statt zu denken, mit Gefühlen zu malen. Sie erzählt, ihr Vater habe nämlich früh bei ihr eine philosophische Begabung entdeckt. Diese Entdeckung machte er, als er mich heimlich im Garten beobachtete, wie ich die Blumen in die Philosophie einführte. Nach seiner Erzählung habe ich den Blumen beigebracht, nicht auf die Erfahrung zu bauen, sondern allein dem zu vertrauen, was Lust oder Unlust verschafft. Ich hatte auf die Bienen gezeigt. Sie haben Lust auf Honig, und deshalb ist Honig für sie auch eine wahre Nahrung. Und Arete betont, dass sie noch immer in echten Gefühlen die Zeichen für das Wahre sieht. Natürlich, so betont sie, können Gefühle nur das als wahr erkennen, was wichtig für das Leben ist. Philosophie ist deshalb für mich Liebe zum Leben, welche höher als alle Weisheit ist.

Archäos sieht in Aretes Ausführungen den Einfluss ihres Vaters, der in Kyrene ein bedeutender Philosoph ist. Ihr Vater hält nämlich mathematische und physikalische Studien für unnütz, weil sie nichts dazu beitragen, was für das Leben nützlich ist. Es gilt nicht mehr das allgemein Zutreffende des Sokrates, sondern das eigene Wohlbefinden.
 

28
Dez
2012

Buch Archäos

 
Nach seiner Rückkehr aus Athen will Arete von Archäos sogleich erfahren, ob ihn denn nun Sokrates Entdeckung der Metaphysik zufriedenstelle. Allerdings drückt Archäos' Mimik nicht gerade Begeisterung aus. Dementsprechend erklärt Archäos, dass er erst noch einmal darüber nachdenken muss. Arete kennt ihren Archäos nur zu gut, um jetzt nicht zu wissen, dass Sokrates ihn nicht überzeugt hat. Nun erst erzählt ihr Archäos, dass er sich in Athen auch länger mit einem Schüler von Sokrates unterhalten habe. Dieser Platon hätte ihm sehr viel mehr zu denken aufgegegeben als sein Lehrer. Er behauptet nämlich etwas völlig Ungewöhnliches.

Archäos versucht dies nun Arete zu erklären. Platon behauptet, dass uns das Denken überhaupt nicht weiterbringt, da es sich letztendlich immer nur im Dunstkreis des Wahrnehmens abspiele. Platon erklärt, dass wir neben dem Denken noch ein sehr viel bedeutsameres Vermögen, etwas in Erfahrung zu bringen, besitzen. Platon nennt es idein, was so viel wie Intuition bedeutet. Arete fängt an zu lachen und entschuldigt sich sofort dafür. Dann nennt sie den Grund ihrer Heiterkeit. Arete amüsiert sich über die Geheimniskrämerei der Männer und belehrt Archäos, dass sie ihm das hätte gleich sagen können. Nach Aretes Auffassung verfügen nämlich Frauen natürlicherweise schon immer über die Gabe der Intuition. Männer machen um diese Gabe viel zu viel Aufhebens.

Archäos aber findet das alles gar nicht lustig. Also bittet er Arete darum, ihm doch einmal zu erkären, was sie eigentlich unter Intuition versteht. Arete wählt als Beispiel den gemeinsamen Besuch im Theatron. Archäos prahlt dort gern mit seiner Kritik an einem Stück, indem er Zusammenhänge als nicht stichhaltig darstellt. Arete empfindet solche Kritik eher als Störung, kann sie doch dann nicht mehr die Atmosphäre einer Aufführung genießen.

Im Gegensatz zu Archäos besucht Arete das Theatron, um sich für Stunden einmal abzulenken. Archäs aber legt großen Wert darauf, sich mit der Lehre zu beschäftigen, die ein Theaterstück vermittelt.
 

27
Dez
2012

Buch Archäos

 
Heraklit, ein Philosoph, der um 520 bis etwa 460 in Ephesos lebte, verglich das Denken mit einem Fluss und machte klar, dass das Erfassen eines Gedankens eigentlich nicht möglich ist, weil die Zeit dazu fehlt.

Als Moment des Bewusstwerdens ist Bewusstsein die Erinnerung einer Wahrnehmung, die längst verflossen ist, wenn das Denken sich mit ihr beschäftigt.

Wahrnehmungen, über die nachgedacht wird, sind entweder bereits vergangen oder noch nicht geschehen. Die Vergegenwärtigung von Wahrnehmungen ist nämlich eine Fiktion des Bewusstseins. Gäbe es ein Jetzt, würde das Stillstand bedeuten. Und wenn Wirklichkeit eines nicht ist, dann ist es Stillstand.

Angesichts ständiger Veränderung existiert für Heraklit kein Sein. "Panta rhei!". "Alles ist in Fluss!". Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn beim zweiten Mal fließt ihm anderes Wasser zu als beim ersten Mal. Nichts geschieht noch einmal so wie es geschehen ist. Die Wiederholung geschieht aufgrund einer Unschärfe des Wahrnehmens. Der Alltag als Wiederholung des immer Gleichen existiert, weil wir unscharf wahrnehmen und Gewesenes projizieren, um so die Veränderung nicht sehen zu müssen.

Wir sehnen uns nach Beständigem und wollen etwas Anderes nicht wahrhaben. Der zureichende Grund ergibt sich aus der Tatsache, dass das Denken Zeit braucht, um Wahrnehmungen zu verstehen. Wahrnehmen unmittelbar zu verstehen, das ist erst dann und nur dann möglich, wenn das Verstehen automatisiert ist oder instinktiv geschieht.

Sokrates gesteht zwar Heraklit zu, dass Denken in Bezug auf Wahrnehmen nichts ausrichten kann, aber er kritisiert Heraklit, nicht zu bedenken, dass Denken ebenfalls Wahrnehmen bedeutet, und zwar nicht Wahrnehmen der Sinne, sondern Wahrnehmen der Vernunft.
Während sinnliches Wahrnehmen Werden reflektiert, reflektiert geistiges Wahrnehmen (Denken) Sein.

Als Gegensatz zur Physik des Werdens entdeckt Sokrates die Metaphysik des Seins.

Allein geistiges Wahrnehmen vermag die Unsicherheit angesichts ständiger Veränderung zu überwinden. Das was das Sein eines ständig sich verändernden Seienden ausmacht, ist das, was es nicht nur wesentlich als solches bestimmt, sondern auch überdauert. Wenn ein Gerechter stirbt, bleibt die sein Leben maßgeblich bestimmende Gerechtigkeit erhalten.

Angesichts des Sterbens nehmen die Sinne allein Vergänglichkeit wahr, und sie sehen nicht mit den Augen der Vernunft das Unvergängliche des Wesens und die Unsterblichkeit der Seele.
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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