9
Jul
2012

Tod Gottes

Der Tod Gottes ist schon immer eine Frage der Sichtweise gewesen. Dem objektiven und objektiviertem Wissen des Verstandes kann sich natürlicherweise nicht zeigen. was sich allein dem Glauben der Vernunft erschließt. Während Subjektives allein durch Bilder erscheint, zeigt sich Objektives nur in Formeln und Zahlen. Gegen die Gabe des Schauens steht unvereinbar die Fähigkeit zu messen.

Es sind zweieinhalb Jahrtausende her seit Platon wissenschaftliche Bemühungen als Schattengefechte beschrieben hat. Schatten aber lassen sich daran erkennen, dass sie sich messen lassen. Blutdruck und Blutwerte geben keinerlei Auskünfte über den Zustand der Seele, der Platon ein andersartiges Wahrnehmen als das der Vernunft und des Verstandes zugeschrieben hat, nämlich das "Idein" (ἰδέi⋎). Platon bestimmt "idein" als Gegensatz zu "orân", d.i. das sinnliche Sehen. Mit "idein" meint er das geistige Sehen durch das Philosophieren. "idea", also das, was man philosophisch denkend erblicken kann, ist nicht das durch die Sinne vermittelte Abbild, sondern ein Bild, das die Seele schaut. Platon vergleicht dieses Schauen mit der Klarheit einer Vorstellung, die durch Erinnerung entsteht. Aber es handelt sich eben um keine Erinnerung, sondern um das, was er "Wiedererinnern" nennt. Der Philosoph ist nämlich der Auffassung, dass die Seele über das Vermögen verfügt, das Wesen der Natur zu schauen. Das kann geschehen, weil die "Sonne der höchsten Idee" das durch ihr inneres Licht ermöglicht. Wie kam Platon auf diesen Gedanken?

Die Vorsokratiker demonstrierten für ihn klar, dass alle Erkenntnis über die Natur allein über das Denken, also über das geistige Wahrnehmen, erlangt werden kann. Das sinnliche Auge kann nichts sehen, was das geistige Auge nicht zuvor geschaut hat. Selbst das Göttliche Teilchen, das Higgs-Boson kann erst entdeckt werden, nachem es bereits 1964 vom britischen Physiker Peter Higgs als existent vorhergesagt wurde. Bis zum Juli 2012 galt es als Geisterteilchen oder Phantom. Vergleichbar grandios war die erste Berechnung der Sonnenfinsternis von Thales von Milet für den 28. Mai 585. Thales nutzte die Möglichkeit, Gesetzmäßigkeiten zu erfassen, um seine entscheidende Frage zu formulieren. Wenn alle natürlichen Erscheinungen über sich hinaus auf eine Gesetzmäßigkeit verweisen, durch die sie bestimmt werden, dann muss es außerhalb des sinnlich Vernehmbaren ein Sein geben, das diese Gesetzmäßigkeiten ermöglicht. Mit anderen Worten: Es muss außerhalb der sinnlich fassbaren Ursachen Ursachen geben, die wir mit unseren Sinnen nicht erfassen können.
Die von Thales zum ersten Mal gestellte Frage nach dem Sein vor aller Erscheinung schafft allererst den Grund für philosophisches Denken. Platon geht noch einen Schritt weiter, indem er das "idein" als Vermögen, dieses Sein zu schauen, bestimmt. Den Weg dorthin beschreibt er im Höhlen-Gleichnis.

==>> Höhlengleichnis

8
Jul
2012

subjektiv/objektiv

Als Subjekt kann sich das Ich so betrachten, dass es sich selbst zum Objekt wird. Um das zu erreichen, muss das Ich auf alles Besondere verzichten. Es muss von sich selbst absehen. Durch Abstrahieren von allem, was seine Person ausmacht, vermag es sich allein durch die Arbeit seines Verstandes zur Unperson zu erklären.

Die Philosophen des Altertums faszinierte diese Ich-Entfremdung von Anfang an. Der tiefere Grund dieser Faszination lag in der Möglichkeit, sich von der Herrschaft ihrer Götter zu befreien. Aber diese Flucht war keine vollkommen durchdachte Selbstbefreiung, sondern vielmehr der Verzicht auf das je gefühlte Eigene. Die ungeheuere Leistung des Verstandes, Glauben in Wissen zu wenden, führte schließlich mit dem Verlust der Götter auch zum inneren Tod der Seele. Das vernunftbegabte Wesen brauchte sie nicht mehr, denn Wissen ersetzte nach und nach die Kraft des Glaubens, und der Auszug aus dem inneren Zuhause wurde unvermeidlich. Mit dem vor allem durch Aristoteles begonnenen Umzug ins Haus der Wissenschaft lernte das vernunftbegabte Lebewesen sich zunehmend sachlicher zu sehen. Und es gelang ihm sogar, die risikobehaftete Operation des Chirurgen durch die objektivierte, risikofreiere Operation des Computers zu ersetzen. Inzwischen vermag das vernunftbegabte Wesen für es selbst unerreichbare Reisen in die Fernen des Universums an die Technik zu delegieren. Zu den Operationscomputern gesellen sich Reiseautomaten. Die Tiefe des Universums erscheint längst naheliegender als die Tiefe der eigenen Seele.

==>> Tod Gottes

7
Jul
2012

Bilderleben

Bildung bedeutet eigentlich wortwörtlich Entwicklung des Bilderlebens während des Bewusstwerdens. Das älteste, von Platon stammende Wort für Bilderleben ist "Denken". In "Bilderleben" stecken die beiden Bedeutungen "Bilder-Leben" und Bild-Erleben".

"Bilderleben" ist vor allem das vor- bzw. unbewusste spielerische bzw. schöpferische Gestalten jener Bilder, welche die jeweiligen Vorstellungen im Bewusstsein erzeugen soll. Solches schöpferisches Gestalten wird auch "Fantasie" genannt. Schöpferisches Denken nimmt während des Wachseins den größten Raum ein, insbesondere als Tagtraum. Tagträume nehmen das Bewusstsein etwa 2/3 eines Tages in Anspruch.

"Bild-Erleben" ist ein von der Vernunft fokussiertes Moment des Bewusstwerdens, ein Standbild gleichsam, das sich in Ruhe betrachten lässt. Die Auswahl geschieht in der Regel affektiv, emotional spontan. Die Entscheidung für ein besonderes Moment ist also von der momentanen Stimmung und Einstellung abhängig. "Bilder-Leben" der Fantasie und "Bild-Erleben" der Vernunft wird durch den Verstand moderiert und koordiniert. Der Verstand entscheidet, was Fantasie und was Vernunft ist. Traditionell wird die Tätigkeit des Verstandes anders beschrieben. Diese Beschreibung geht vor allem auf Aristoteles, einem Schüler Platons, zurück. Danach geht es beim Bilderleben zwar auch um Orientierung, aber eben nicht in Gestalt von Ideen, sondern in Form von Begriffen aufgrund von Verallgemeinerungen. Die Bilder verdichten zu Graphen und Formeln.

==>> subjektiv/objektiv

6
Jul
2012

Bildung

Bildung meint die Entwicklung lebensgestaltender Bilder. Die Seele des sich selbst bildenden Wesens bestimmt dabei die Stimmung, welche die Innenbilder ausstrahlen sollen. Im normalen Tageslicht der Seele, das ist die Vigilanz, zeigen diese Bilder anliegende Aufgaben, die schlichtweg getan werden müssen. Aber bei giftigen Gewitterhimmel färben sich Innenbilder dunkel ein. Das, was anliegt, verliert seine Konturen, und das, was zu tun ist, verschwimmt, schiebt sich in den Hintergrund des Bewusstseins und verbreitet den Geruch von Verwesung. Angesichts solch innerer Fäulnis breitet sich zunehmend schlechte Laune aus, denn wer beschäftigt sich schon gern mit Verdorbenen. Es ist der nicht wollende Wille, der in uns seinen Unrat ablädt, und das nur, weil das einfache Ja zu dem, was anlag, fehlte.

Sobald die Bildung versagt, verschmutzt die Innenwelt. Das gebildete Wesen aber versteht sich auf das leidenschaftslose Ja oder Nein zu etwas.

==>> Bilderleben

5
Jul
2012

Nachwirkungen

Hugos Jobauffassung hinterließ bei Marie bleibende Eindrücke. So entwickelte sie die Vorstellung, dass man auch Geld verdienen kann, ohne sich lange Jahre durch die Schule quälen zu müssen.

Sie entschloss sich, nach zwei Jahren das Gymnasium abzubrechen, um eine Drogistenlehre zu beginnen. Ebenso suchte sie sich einen Partner aus, der den gleichen Job wie Hugo hatte. Das alles geschah mit starker Unterstützung von Tante Betty gegen die Argumente des Vaters.
Hugo demonstriertr, ohne es zu ahnen, die Mächtigkeit eines Vorbilds.

Der Vorteil eines Vorbildes liegt in der Lebendigkeit der Handlungsvorlage. Das lebendige Vorbild ist jeder Beschreibung haushoch überlegen, da es weit mehr Information liefert als sprachlich erfasst werden kann. So überzeugt Hugo weniger durch seinen Job als vielmehr durch seine Persönlichkeit, beispielsweise durch die ansteckenden Begeisterung, mit der er seinen Job erledigt.

Es kann viel über Bildung bzw. Erziehung geredet werden, durchsetzen aber werden sie nur vorbildliche Menschen. Die Kraft der Bilder ist dann auch der zureichende Grund, warum hier biografische Bilder gewählt werden.

==>> Bildung

4
Jul
2012

Ärger mit Hugo

Huch, Hugo, der Sohn von Tante Betty, hatte wieder einmal seinen Job gewechselt. Stolz präsentierte er seiner Mutter sein neues Auslieferungsfahrzeug, ein VW Kastenwagen, auf dem von allen Seiten groß der goldfarbene Margarinewürfel "Sanella" samt dem Werbespruch "Backen ist Liebe!" prangte.
Aber Tante Betty teilte Hugos Begeisterung überhaupt nicht und lehnte die Einladung zu einer Probefahrt energisch ab. Ihr war es wegen der Nachbarn peinlich, dass ihr Hugo schon wieder ein anderes Lieferauto fuhr. Hugo, der ein leidenschaftlicher Autofahrer war, überflutete Betty's Gehirn mit Lobpreisungen auf den neuen Job derart, dass sie schließlich ihre Bedenken aufgab und sich sogar die eindrucksvoll vorgetragenen Vorteile der feinen Pflanzenbutter anhörte. Hugo war erfolgreich, denn zum Abendessen gab es mit Velveta Schmelzkäse bestrichene Sanella Brote. Natürlich wie immer nur eine Sorte, aber immerhin mit frischen Tomaten aus dem fabrikeigenen Garten, der zur Wohnung gehörte. An heißen Sommertagen stand David mit den Amseln auf, um die Pflanzen mit dem Gartenschlauch zu besprengen. Das tat er dann auch für das Nachbarstück von Frau Fuchs.
Selbstverständlich durfte David in den Ferien mit Hugo auch einmal eine Stadttour mitmachen. Er staunte, mit welch flotten Sprüchen Hugo im weißen Kittel die jungen Verkäuferinnen beeindruckte. Außer Kartons schleppen und Listen abhaken musste man offensichtlich nichts können, vorausgesetzt man hatte einen Führerschein. Hugo fragte David, ob er nicht Lust hätte, so etwas auch einmal zu machen. Aber David sagte, dass er keine Lust hätte, den ganzen Tag Kartons zu schleppen. Zudem schmecke ihm Sanella überhaupt nicht. Hugo sagte lachend, dass er auch keine Sanella esse und dass man sich an das Schleppen gewöhne. Aber es blieb dabei, das war kein Job für David. Ganz anders Marie. Sie fand das toll, aber leider nichts für Mädchen.

==>> Nachwirkungen

3
Jul
2012

Parfüm

 

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<<== Sensibler Punkt


Der Gestank verriet David als er vom Friseur kam. Natürlich rief das Tante Betty sofort auf den Plan, David etwa Schlechtes nachweisen zu können. Mit ihrer kleinen praktischen Vernunft war ihr sofort klar, dass David ein ganzes Fläschchen benutzt haben musste. "Woher hast du so viel Parfüm?", fragte sie scharf. "Herr Frank hat es mir geschenkt!" erwiderte David verdattert. Also fragte sie unter Strafandrohung David noch einmal. Vor dem dritten Mal kündigte sie an, dass sie im Friseursalon anrufen werde. Aber David blieb dabei, obgleich er das kleine Fläschchen einfach eingesteckt hatte. Also rief Tante Betty Herrn Frank an. Wütend legte sie nach dem Gespräch den Hörer auf. Herr Frank hatte Davids Aussage bestätigt.

David war in dem Augenblick dankbar, dass ihn Herr Frank in Schutz nahm. Aber das schien Betty nur noch wütender zu machen. David aber wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Bei Herrn Frank entschuldigen und bedanken? Nein, erst 'mal nicht. Dazu schämte er sich zu sehr. Aber spätesten dann, wenn er seinen Vater das nächste Mal zum Friseur begleiten musste, war eine Stellungnahme fällig. Schließlich gab David dem inneren Druck nach und erzählte seinem Vater die ganze Geschichte. Dieser rief Herrn Frank an, um ihm zu sagen, dass er das Fläschchen Parfüm das nächste Mal bezahlen wird. Auf eine Strafpredigt für David aber verzichtete er. Es wurde kein Wort mehr über die peinliche Sache verloren. Da der Friseur das Parfüm nicht vermisste, wollte er auch kein Geld dafür haben. "Vermutlich war es eines der Probefläschchen!", mutmaßte er.
 

==>> Ärger mit Hugo

2
Jul
2012

Sensibler Punkt

 

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<<== Villa Hefti
 

Sensible Punkte sind Ereignisse, welche die Lebenslinie zeichnen. Es sind ausschlaggebende Momente einer Biografie. Manche versuchen, solche Punkte durch das Schreiben von Tagebüchern festzuhalten. Das gelingt kaum, da diese Ereignisse im Augenblick ihres Auftretens als sensible Punkte meistens nicht auffallen. Aber in seltenen Fällen tun sie das doch, indem sie verhaltensändernde Entscheidungen herbeiführen.

Von dieser Art von Auffälligkeit war beispielsweise Davids Besuch in der Villa, bei dem er eine ihm bis dahin völlig fremde Welt kennenlernte. Aber diese Begegnung führt keineswegs zu einer bewussten Änderung des Verhaltens, sondern es bleibt vielmehr ein Bild, das sich als "Ideal" im Unterbewusstsein festhält und von da aus wahrscheinlich anfängt, zukünftig Handeln in Richtung einer solchen Welt unbewusst zu beeinflussen. Interessant ist jedoch, dass dies zu keinem Zeitpunkt den Wunsch hervorrief, besonders reich zu werden, sondern lediglich so viel Geld zu verdienen, dass er sich darum nicht mehr zu sorgen braucht. Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass niemand von der Familie Hefti jemals den vorhandenen Reichtum besonders herausgestellt hätte. Diese andere Welt glänzte in Davids Augen nicht durch ihren Reichtum, sondern durch ihre besondere Andersartigkeit. So beeindruckte David besonders, dass sich Jean einfach Geld aus der Geldkassette nehmen durfte, wenn er es brauchte. Er musste nicht einmal fragen. Einmal wollten alle Kinder sich ein Eis holen. Bevor sie aufbrachen, fragte Jean's Mutter nur, ob er auch genügend Geld dafür habe. Jean sagte nur, dass er sich eine Mark aus der Kassette genommen habe und dass das seiner Überzeugung nach völlig ausreichen müsste. Jean's Mutter stimmte ihm lächelnd zu. Marie wollte von Jean wissen, ob er denn nie vorher fragen müsste. Jean verstand zunächst nicht, was Marie meinte. Dann fing er an zu lachen und fand es eine sehr lustige Idee, seine Mutter zu fragen, ob er Lust auf ein Eis haben dürfte. Aber Marie ließ nicht locker und fragte Jean: "Wie viel Geld darfst Du denn höchstens aus der Kassette nehmen?" Jean war höchst verdutzt über diese Frage. "Mhm, das weiß ich gar nicht. Habe ich noch nie ausprobiert!" Doch Christiane korrigierte ihren Bruder Jean: "Das stimmt doch gar nicht! Wir dürfen nur so viel nehmen, dass es noch für alle reicht!" Marie wollte von Christiane wissen, woher sie denn das wisse. Christiane lachte: "Natürlich weiß ich das manchmal nicht. Dann frage ich einfach meine Mamma!" Marie erklärte daraufhin, dass sie zu Hause immer fragen muss und dann nur so viel Geld bekommt, dass es gerade reicht. Damit war dieses Thema für die Kinder erledigt.

Als David an diesem Tag abends den Vater vom Büro abholte und nach Hause begleitete, erzählte er ihm von der Geldkassette in der Villa Hefti. Zur Überraschung Davids fand sein Vater diese Idee gar nicht schlecht und meinte, dass man das ja einmal ausprobieren könnte. Als er beim Abendessen diese Idee von der Geldkassette vortrug, gab es heftigen Streit und Betty drohte sogar mit Kündigung, wenn das gemacht würde. Sie wollte diese Kontrollmöglichkeit auf keinen Fall abgeben. Sie argumentierte, dass sie keine Verbrecher aufziehen werde. Da war also nichts zu machen. Es war nicht zu verstehen, warum Betty so explodierte. Der Grund lag vermutlich darin, dass sie selbst ein Haushaltsbuch führen und über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen musste.
Verständlich… …irgendwie!


==>> Parfüm

1
Jul
2012

Villa Hefti

 
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<<== Flucht


David wuchs in einem Arbeiterviertel der Suppenfabrik Maggi auf. Sein Vater durfte dort auf Lebzeiten fast umsonst wohnen. Das hatte mit seiner Abfindung zu tun, denn das Unternehmen hatte ihn aufgrund seiner Erblindung im Krieg vor die Tür gesetzt. Einen kriegsblinden Expedienten konnte sie da wirklich nicht brauchen. Davids Vater schulte daraufhin in Marburg um und wurde Sozialrichter. Das Viertel, in dem David aufwuchs, war wie damals üblich, ein in sich abgeschlossener Gebäudekomplex, allseitig durch Straßen abgeschirmt und mit einem sehr geräumigen Innenhof mit großer Rasenfläche, auf der große Kastanien standen. Auf der westlichen Seite des Innenhofs stand zudem ein dreistöckiges Fachwerkhaus, in dem drei Familien aus Italien wohnten. In diesem gleichsam multikurellen Innenhof, durch kleine Straßen mit Parkplätzen strukturiert, spielte sich natürlicherweise, weil die Bewohner sich dort häufig trafen und auch zu kleinen Schwätzchen Zeit fanden, ein Großteil des Alltagslebens ab. Zudem spielten alle Kinder dort, und für Jugendliche aller Altersgruppen war es immer ein guter Treffpunkt. Diesem ghettoähnlichen Gebäudekomplex gegenüber lag eine Großgärtnerei der Fabrik, hinter der sich wiederum ein großer Park verbarg. Dieser war von einem schmiedeeisernen hohen Gitter umgeben. Und hohe Sträucher und Büsche versperrten den Blick auf die große im klassischen Jugendstil gebauten Villa. Diese wurde von einem Generaldirektor und seiner Familie aus der Schweiz nebst ihrer Bediensteten bewohnt.
David reizte diese verborgene, geheimnisvolle Welt. Da es den Kindern verboten war, auch nur in der Nähe dieser Villa zu spielen, dauerte es eine Weile, bis sich David in das verbotene Gebiet wagte. Es war Marie, die eines Tages ausgerechnet auf der Zugangsstraße zur Villa, eine Privatstraße ihre neuen Rollschuhe ausprobieren wollte. Sie fand nämlich, dass sich diese bestens geteerte Straße in der Nähe für ihre ersten Versuche besonders gut eignete. Zudem konnten sie da andere Kinder nicht beobachten und auslachen.
Aber durch den Lärm der Rollschuhe angelockt, erschienen hinter dem Gitter bald die beiden Kinder der Schweizer Familie, Geschwister im gleichen Alter wie Marie und David. Jean und Christiane riefen auf Schweizerdeutsch David und Marie zu sich, um zu erfahren, woher sie eigentlich kommen. Als die beiden erklärten, dass sie im Niederhof wohnen, sagte Jean, dass sie den nicht kennen, weil sie nur im Park spielen dürfen. Marie wollte wissen, ob sie und David denn im Park spielen dürfen. Jean und Christiane lächelten geheimnisvoll und verrieten, dass sie eine Lücke im Gitter kennen. Gesagt, getan. Die vier spielten Ball. Auf die fröhlich lärmenden Kinder aufmerksam geworden, erschien der Pförtner und fragte erschrocken, wie es denn sein könne, dass fremde Kinder in den Park gelangen können, ohne sich bei ihm anzumelden. Aber da tauchte auch schon die Mutter von Jean und Christiane auf und rief, dass es Zeit für das Nachmittagsgetränk ist. Christiane forderte Marie und Jean auf, doch mitzukommen. David wollte erst nicht, aber Marie hatte sofort begeistert zugestimmt. David und Marie staunten nicht schlecht, hatten sie beide ja noch nie ein so großes Haus mit so großen Räumen gesehen. Jean und Christiane führten die beiden auf eine große Veranda, auf der ein weiß gedeckter Tisch mit Kuchen und Kakao stand. Die Mutter brachte noch zwei Gedecke, zog zwei weitere Stühle heran und bat die beiden Kinder sich zu setzen. Statt des erwarteten Donnerwetters erkundigte sie sich bei Jean und Marie, wo sie zu Hause sind. Sie glaubte sogar, Jean vom Sehen her zu kennen. "Ja, Du bist der Junge, der seinen Vater des öfteren führt!… …Ich habe euch nämlich schon gesehen, als ich den Wagen aus der Garage fuhr. Einmal habe ich Deinen Vater sogar gefragt, ob ich ihn nach Hause bringen darf. Da war er nämlich ganz allein unterwegs. Aber er wollte nicht!" Nachdem Marie und David tüchtig Kuchen gefuttert und Kakao getrunken hatten, wollte Marie nach Hause. Die beiden verabschiedeten sich von der freundlichen Frau, die sie zum Tor brachte und ihnen sogar noch hinterher winkte.

David war nun klar, dass es außer dem Niederhof noch eine andere, freundlichere Welt gibt, und er beschloss, sich tüchtig anzustrengen, um seine enge Welt eines Tages verlassen zu können.


==>> sensibler Punkt

30
Jun
2012

Flucht

 

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<<== David
 

Der Tag, an dem David einen Ausweg aus seiner Misere fand, begann abends ausgerechnet bei Tante Bettys Mutter, welche Marie und David liebevoll "Oma" nannten. Dort nämlich war vieles erlaubt, was von ihrer Tochter verboten worden war. An diesem Abend sollte David gleich drei neue Dinge kennen lernen: Cola, Popcorn und das Buch "Billy Jenkins". Mit diesem Western erkannte David sofort die Möglichkeit, mit Hilfe der Fantasie aus seiner Wirklichkeit auszubrechen. Ab sofort übernahm David in schwierigen Situationen die Rolle eines Texas Rangers, der für Gerechtigkeit zu sorgen und Bösewichte zu verfolgen hatte. Klar, dass Betty ganz oben auf seiner Liste stand. Jedenfalls hatte David eine Möglichkeit gefunden, mit Hilfe seiner Fantasie schwierige Situationen besser durchzustehen. Eines Tages entdeckte David an einem Kiosk, dass es Billy Jenkins auch in Heftform zu kaufen gab. Das Buch, das er von Oma geschenkt bekam, hatte ihm Tante Betty längst abgenommen. Jedenfalls war für David klar, dass er sich das in regelmäßigen Abständen erscheinende Heft unbedingt besorgen musste. Also sparte er die paar Groschen, die er ab und zu von seinem Vater und von Nachbarn fürs Einkaufen bekam. Dazu kam noch das sonntägliche Opfergeld für den Gottesdienst.

Interessant in Davids Entwicklung ist vor allem, dass seine lebhafte Fantasie nicht von sich her "Billy Jenkins" 'am Leben erhalten' konnte, sondern sich auf den Nachschub dieser Romanhefte stützen musste. Aber es blieb nicht dabei. Durch das Buch "Deutsche Heldensagen" bekam "Billy Jenkins" durch Ritter ernsthafte Konkurrenz. Dabei blieb es auch nicht, denn hinzu kam "Bomba, der Junge aus dem Urwald", ein Jugendbuch, das in zwölf Bänden erschien. Sein Vater schenkte ihm nach und nach die einzelnen Bände. Inzwischen war David nämlich in die Rolle eines Vorlesers geschlüpft. Gegen den heftigen Widerstand Bettys hatte dich David diesen Job hart erkämpft, nachdem wieder einmal eine Vorleserin ausgefallen war. Und so las David seinem blinden Vater Woche für Woche Änderungen und Kommentare zur deutschen Sozialgesetzgebung vor. Natürlich gehörten dazu auch die entsprechenden Paragraphen des Sozialgesetzes. Da Davids Vater trotz seiner Blindheit u.a. auch Sozialrichter am Sozialgericht Konstanz war, musste er sich in der aktuellen Rechtslage gut auskennen. Und David war ihm dabei eine große Hilfe. Mit der Zeit entwickelte er sich zum wandelnden Gesetzestext, das dem Vater auch spontan Auskunft geben konnte. Betty verfolgte diese Entwicklung mit äußerstem Unbehagen, denn schießlich durfte David ihren Sohn auf keinen Fall überflügeln. Ein harter Kampf um die Schule nach der Grundschule entbrannte. Ihrer Strategie nach kam für David nur die Hauptschule in Frage. David wollte aber wie einige seiner Freunde aus der Nachbarschaft unbedingt aufs Gymnasium. Das machte für Betty nicht den geringsten Sinn, denn sie sah Davids Zukunft als Arbeiter in der Suppenfabrik Maggi. Ihr schlagendes Argument war das baldige Geldverdienen. David aber verfügte über keine Strategie, um den Machtkampf gegen Betty zu gewinnen.


==>> Villa Hefti
 

29
Jun
2012

David

 

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<<== Leitmotiv

Wir begegnen David kurz vor seiner Einschulung. Der fünfeinhalbjährige David lebt in einer süddeutschen Fabrikstadt, in der er auch geboren ist. Im Alter von vier Jahren werden seine Eltern geschieden. David und seine Schwester Marie wurden vom Gericht dem kriegsblinden Vater zugesprochen. Dieser stellt eine Haushälterin an, die ihn und seine Kinder versorgen soll. Der Mann dieser Frau gilt als Soldat im Krieg vermisst. Marie und David nennen sie Tante Betty. Sie ist es auch, die David zur Einschulung begleitet. Nach der Begrüßung durch den Grundschulrektor werden den Kindern ihre zukünftigen Klassenzimmer gezeigt und die Plätze zugewiesen, die sie ab dem morgigen Unterricht einnehmen sollen. Heute zählt der Rektor die ersten Verhaltensregeln auf. Jedoch bei der zweiten Regel "Haltung, gerade und still sitzen" platzt David der Kragen und er flüstert seinem Nachbarn etwas zu laut zu: "Der Rektor ist ein Arschloch, er hat mir gar nichts zu sagen!" Dieser aber hat das gehört und schickt David zur Strafe vor die Tür. Der kleine Junge aber bleibt keineswegs stehen, sondern haut ab. In den kommenden Tagen ist er durch kein Argument oder Strafe dazu zu bewegen, den Unterricht zu besuchen.

Warum verhält sich der kleine Junge so, dass er umgehend dafür bestraft wird? Und noch interessanter: Warum lässt er sich dadurch nicht einschüchtern und zwingen, den Unterricht zu besuchen? Diese Fragen sind insofern interessant, als sich das Verhalten des Jungen nicht unmittelbar aus seiner Erziehung, die wie üblich hausbacken ist, ergibt. Es liegt nicht im Wesen einer spießigen Erziehung, Aufbegehren zu dulden. Nun liegt es aber in der Natur eines Lebewesens, sich gegen das zu wehren, was missfällt. Das verhält sich bei David nicht anders. Seine Mutter hat sich in den ersten Lebensjahren weder um David noch Marie gekümmert und beide Kinder verwahrlosen lassen. Frau Fuchs und Fräulein Gilbert haben sich wohl aus Mitleid zu dem blinden Vater um die beiden kleinen gekümmert, die durch ständiges heftiges Schreien längst sehr auffällig geworden waren. David war wahrscheinlich auch misshandelt worden, denn der Zweijährige kam auf das Drängen von Fräulein Gilbert, einer Krankenschwester, ins Krankenhaus. Frau Fuchs hatte ihre Tochter vermutlich auf diese Misere aufmerksam gemacht. David selbst weiß das, denn die Nachbarin hat es ihm einige Jahre später, als er sie nach seiner Mutter fragte, erzählt. Diese Fragen lagen nahe, nachdem die Haushälterin mit den beiden Kindern einen Spaziergang zum Gefängnis machte, um ihnen zu zeigen, wo sich ihre Mutter befindet und vor allem David klarzumachen, dass er mit Sicherheit dort auch einmal hinkommen werde. Tante Betty hasste den kleinen stillen Jungen, der ihr nicht folgte, von Anfang an. Ihre bevorzugte Strafe war das stundenlange Einsperren im Vorrats- oder Kohlenkeller. Unermüdlich machte sie David klar, dass seine Zukunft in einer Erziehungsanstalt sein werde. Aha, mit Tante Betty hat wohl David frühzeitig den Widerstand und das Erdulden von Bestrafungen geprobt. Dadurch wird wohl klar, dass ihn auch Grundschulrektor Salkoski nicht mehr schrecken konnte. Tanne Betty aber hatte selbst einen Sohn, den sie bei ihrer Mutter unterbrachte. Hugo, der einige Jahre älter war und wohl schon so ein rechter, aber liebenswerter Taugenichts, sollte ihr gegen David beistehen. Sie baute auf dessen Einfluss auf das Kind. Aber Tante Bettys Rechnung ging nicht auf. David und Hugo freundeten sich an und unterstützten sich gegenseitig. David hatte zwar auch seinen Vater auf seiner Seite, aber dieser war nicht stark genug, um sich gegen seine Haushälterin durchsetzen zu können.

Der Versuch, sich ein erstes Bild von David zu machen, zeigt, dass eine Geschichte mehr zu zeigen vermag als eine bloße begriffliche Erörterung. Erziehung erscheint hier eher mit der Entwicklung einer Pflanze unter schlechten Bedingungen vergleichbar. Erziehung baut Hindernisse auf, die das Kind zu überwinden versucht, etwa unter dem pädagogisch pervertierten Motto "Was mich nicht umbringt, macht mich stark!"

==>> Flucht


 

28
Jun
2012

Leitmotiv

 

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<<== Urgrund des Daseins


Das Leitmotiv für die Gestaltung eigenen Daseins zeigt sich entweder in einem Zeitfenster oder durch Vorbilder. In nicht seltenen Fällen entwickelt es sich einfach aus den Spielen der Fantasie, aufgrund von Begegnungen oder aus dem, was der Aufmerksamkeit auffällt und deshalb interessant und nachahmenswert erscheint. So kommt es, dass Kinder oft den Beruf ihrer Eltern wählen oder deren Arbeit fortsetzen. Bisweilen kann es auch geschehen, dass sie sich aufgrund von Aggressionen für das Gegenteil entscheiden. Was in Wirklichkeit eine Leistung des Nachahmungstriebs ist, wurde noch vor wenigen Jahren auf vererbte Veranlagungen zurückgeführt. Gleichzeitig wurde der erzieherische Einfluss überschätzt. Aber längst ist inzwischen klar, dass Erziehung höchstens nur anzuregen vermag, aber gewöhnlich fördert, indem sie die Begabungen, die sich zeigen, fordert. Vor allem von jenen, welche Kinder zuerst betreuen oder unterrichten, verlangt das ein feines Gespür für das, was bei einem Kind möglich ist.
Das schließt nicht aus, dass ein Kind sich ganz allein von sich aus, auch gegen widrigste Umstände auf den Weg machen und sich durchsetzen muss. Selbstverständlich bleibt es auch dabei auf verständnisvolle oder gleichgültige Erwachsene, die es machen lassen, angewiesen.

Weil Denken ein inneres Bildgeschehen ist, begreifen wir am besten durch Bilder. Selbst scheinbar Unbegreiflichliches und schier Unglaubliches kann sich uns durch Bilder, Gleichnisse und Beispiele erschließen. So wählt Jean-Jaques Rousseau die Kunstfigur "Emile", einen gesunden, durchschnittlich begabten Jungen aus reichem Haus, an dessen Entwicklung er die Prinzipien der Erziehung aufzeigen kann.
Und bereits Platon wählt das Gleichnis von den Gefangenen in der Höhle, um den 'sperrigen' Begriff "paideia" (Erziehung, Bildung) klären zu können.
Selbst in der Bibel zeigt sich der zu vermittelnde Gott nur in Bildern und Gleichnissen. Gott spricht durch Bilder und Gleichnisse und nicht etwa in Worten.

Großartige Vorbilder liefern die Vorlage für Entscheidungen, für so schwierige Sachverhalte wie die Entstehung eines existentiellen Leitmotivs. Bilder sind Begriffen gegenüber zu bevorzugen.
Wir greifen Rousseaus Idee auf. Wir nennen unsere Figur "David". Um der Schwierigkeit der Namensfindung zu entgehen, überlassen wir uns dem Zufall und wählen jenen Namen, welchen die App "Namenstag" heute anzeigt, und das ist "David"!

==>> David

 

27
Jun
2012

Urgrund des Daseins

 

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<<== Wissen oder Glaube


Unzufriedenheit und Ungleichgewicht zeigen jene Befindlichkeit an, welche das Ich die große Ferne von seinem Selbst spüren lässt. Weil jedes Ich nach Glück strebt, d.i. die vollkommene Übereinstimmung von Ich und Selbst, begibt es sich auf die Suche nach dieser Selbstidentität. Dabei hilft weder Vernunft noch Intuition. Der einzige zuverlässige Gradmesser für den jeweiligen Erfolg ist das eigene Gefühl erlangter Gelassenheit. Manche Religionen wie der Buddhismus lehnen einen solchen Gradmesser ab und bevorzugen durch besondere Übungen den Weg des Loslassens.

In beiden Fällen geht es um das Entdecken des eigenen Urgrundes. Dieses Grundmotiv eigener Daseinsgestaltung eröffnet das, worauf es im Leben ankommt. Diese Offenbarung richtet sich nicht an die Vernunft, sondern an die Intuition. Dieser Vorgang erfordert demnach tiefen Glauben.


==>> Leitmotiv

 

26
Jun
2012

Wissen oder Glaube

 
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<<== Wissen der Seele

Das Wissen der Seele ist der Glaube. Es ist nicht das Wissen der Vernunft, die sich nur auf das verlässt, was sich sinnlich vernehmbar zeigt. Es verlangt eine grundsätzliche existentielle Entscheidung, welches Wissen für die Gestaltung des Daseins maßgeblich bestimmend sein soll. Die Wahl zwischen intuitiver und vernünftiger Wahrnehmung geschieht selten bewusst, sondern wird in der Regel durch Vorbilder erzieherisch beeinflusst. In manchen Fällen verlässt sich die Vernunft von Anfang an auf die Intuition und entscheidet sich dann für Kunst, Philosophie oder Mathematik, in genialen Ausnahmefällen sogar für alle drei.
Meistens sind es frühe Fragestellungen, welche die Entwicklung der Vernunft beeinflussen. Aber es existieren auch Fragen, die ein Leben lang beschäftigen. Dazu gehört die Frage der Existenz nach dem Tod. Hier interessiert vor allem, ob das Hoffen auf eine "Überlebenschance" nur eine schöne Illusion ist.
Oft wendet sich diese Frage auch in die Frage nach der Existenz Gottes.

Lässt sich die Frage in Hinsicht auf eine Existenz nach dem Tod oder auf eine Existenz überhaupt richtig beantworten?

Mit Sicherheit nicht, denn die Existenz nach dem Tod oder nach der Existenz Gottes ist ein Phänomen des Geistes und nicht eines der Sinne. So können wir eine Antwort auch nur aus dem Bereich der Philosophie erwarten. Also müssen wir uns diesem Bereich zuwenden. Aber wie gelangen wir dorthin?

Der einzige Weg, der dorthin führt, ist das absolute Denken. Absolutes Denken ist von den Sinnen losgelöstes Denken, also ein Denken, das gewöhnlich erst mit dem Sterben beginnt. Da die Philosophie diesen Vorgang zu antizipieren vermag, bestimmt sie Platon als Übung im Sterben.

"Die Philosophie ist eine Übung im Sterben. Diese Wesensbestimmung der Philosophie erwächst aus dem Philosophieren selbst, dessen Grundakt in dem Unterscheiden zwischen dem besteht, was die Sinne zeigen, und dem nichtsinnlichen Wesen der Dinge." (K.-H. Volkmann-Schluck 3)

Aber das, was der Tod den Sinnen zeigt, gelangt nicht gerade als hoffnungsvoll Bleibendes zum Vorschein. Aber darauf kommt es gar nicht an, denn es geht darum, was die geistige Wahrnehmung erfasst. Die innere Wahrnehmung verzichtet in der Regel auf Außenbilder und widmet sich den Innenbildern ihrer Intuition. Es kommt also nicht darauf an, was die Sinne dem Bewusstsein zeigen, sondern was die Seele empfindet und die Vernunft in Innenbildern spiegelt. Platon sieht in solchen Spiegelbildern die Quelle von Ideen, denen er eher vertraut als Sinneseindrücken.

Um sich das klarzumachen, muss man sich noch einmal vergegenwärtigen, dass Denken "Bilderleben" bedeutet, d.h., dass sich Ideen aus dem Spiel des Bilder-Lebens der Fantasie mit Bild-Erlebnissen der Vernunft entwickeln. Und in diesem Spiel der Innenbilder gelangt auch die Idee vom sterblichen Körper als Haus der unsterblichen Seele zum Vorschein. Diese Idee zeigt sich allerdings nicht in der Schattenwelt der sinnlichen Wahrnehmung. Solange sich sinnliche und geistige Wahrnehmung vermischen, vermag das Göttliche nicht in den Blick zu gelangen.

Spiegelungen des Unendlichen werden allein von einem nach innen gerichteten Blick wahrgenommen. In den Innenbildern der Seele gelangt das unveränderliche Sein selbst hinter dem ständig veränderten Dasein zum Vorschein. Die Empfindlichkeit solchen Vorscheins ist so hoch, dass das Begreifen selten vor dessen zarten Zeigen zurückweicht.
Nicht mehr das Wissen, sondern Glaube verweist dann behutsam auf Wesentliches, das sich in der Natur des Vorscheins offenbart. Zögernd entnimmt das nach innen gewandte Wesen mit leichtem Ekel dem reinen Strom des Denkens Verunreinigungen durch voreiliges sprachspielerisches Abstrahieren.

So sehr es auch den sprachgewaltigen Geist verärgert, der Anfang allen Denkens ist nicht das Wort, sondern das Bild, nicht das Wissen, sondern das Glauben. Der Geist spielt mit mythischen Innenbildern, bis er die augenblickliche Gestalt der Seele als Moment seines Lebens gewinnt.

Umgekehrt, auf dem Rückweg dorthin, beginnt sich die harte Philosophie des Wortes in der sanften Philosophie des Bildes zu verlieren, um das längst verlorene Eigentliche wieder zu entdecken.

Als Bilderleben vollzieht sich das Denken durch Spiegelung des gefühlten sinnlichen und/oder geistigen Wahrnehmens, das selbst wiederum geschaut werden kann. Durch dieses Schauen des inneren Auges (Kontemplation) erfährt sich das vernunftbegabte Wesen nicht nur in seinem Dasein, sondern vermag darüber hinaus auch das Sein selbst zu schauen und mythisch, künstlerisch oder philosophisch zu erfahren.

Manche vernehmen den inneren Zuspruch des Seins sogar als Zuspruch eines Gottes, andere sehen oder hören, was sie dann künstlerisch oder philosophisch als Idee ins Werk setzen. Unabhängig von Religion oder Kultur gilt diese Wesensschau als Vollendung allen Wahrnehmens. Dieser Vorgang lässt sich weder durch Erziehung noch Bildung erreichen, sondern entfaltet sich als Dichtung, Komposition oder Bild einzig und allein aus einer ganz individuellen Begabung heraus.

Durch das Bild-Erleben wird ein Augenblick des Bilderlebens erfasst. Das geschieht nachts im Traum ebenso wie untertags im Tagtraum. Tagtraum, das kann eine Vorstellung der Fantasie (Spiel mit Möglichkeiten) oder Imagination (Einbildung) sein. Zwei Drittel unseres Tages verbringen wir tagträumend, meistens ohne das zu merken. Es fällt nur dann auf, wenn wir uns bei geistiger Abwesenheit ertappen. Das innere Wahrnehmen ist empfindlicher als das äussere Sehen. Wir können den anderen Menschen intuitiv wahrnehmen und in etwa seine Gedanken und Gefühle erfahren. Als Wahrnehmungsfeld des Denkens bildet das Bilderleben die Brücke zwischen Unbewusstsein oder Vorbewusstsein und Bewusstsein.

Diese Brückenfunktion hat in der Geschichte des Menschen zu tragischen Missverständnissen geführt. Da das (innere) Wahrnehmen wie das (äußere) Sehen das Bild-Erleben ebenfalls auf das Wahrnehmungsfeld als Bilderleben zu reflektieren vermag, kann es bei Unachtsamkeiten zur Verwechslung der Wahrnehmung von Ursache und Wirkung kommen.

Um das verstehen zu können, muss man wissen, dass während des Bild-Erlebens das Bilder-Leben gefiltert und vereinfacht reflektiert wird.

Das so veränderte Bilder-Leben offenbart sich dann als Inhalt der Wahrnehmung. Auf diese Weise wird in einem rauschähnlichen Zustand das Selbst-Gespräch zur inneren Stimme, die dann als Stimme eines Gottes verkannt werden kann.

So sitzt beispielsweise Pythia auf einem Dreifuß im Adyton. Dieser Dreifuß steht unmittelbar über einer Erdspalte, aus der Gas austritt. Es wird angenommen, dass es sich um Ethylen oder eine Mischung aus Methan und Kohlendioxid handelt. Das Gas bzw. Sauerstoffmangel versetzt Pythia in Trance.

Man glaubt, dass in diesem entrückten Zustand der Gott Apollon aus ihr spricht, weil durch Sauerstoffmangel ein Trancezustand hervorgerufen wird.

Mystiker versetzen sich durch besondere asketische Übungen in Ekstase und hören so in sich die Stimme Gottes oder nehmen himmlische Erscheinungen wahr.

Auf vergleichbare Art und Weise ist wahrscheinlich auch jene Sammlung von Schriften entstanden, welche Juden und Christen als Wort Gottes anerkennen und als Heilige Schrift zu Urkunden ihres Glaubens machen.

Und in welchem Bewusstseinszustand mag sich Moses, der Autor der ersten Heiligen Schriften, befinden, wenn er in der Wüste einen brennenden Dornbusch erblickt, aus dem Gott zu ihm spricht?


Das selbstreflektierende Bilder-Leben bringt schließlich tief nachdenkliche Mensch dazu, ihre Erfahrungen nicht mehr dem neuronalen Zusammenspiel von Impulsen zu überlassen und die selbstreflexive Kraft des Gehirns mit Hilfe einer bestimmten techne (Methode bzw. Technik) zu nutzen, um dieses Spiel selbst bewusst zu regeln.

Die Kunst dieser Regelung nennen sie sophia und sie verstehen sich dementsprechend als Freunde der Weisheit (sophia). Dieser Auffassung gemäß bezeichnen sie sich als Philosophen.

Sokrates, einer der ersten Philosophen, versucht zunächst, einen geeigneten Zugang zur Philosophie zu finden.

Er entdeckt vor allem drei wichtige Abschnitte eines solchen Weges.

1. Die erste Strecke besteht aus dem Bemühen um die Selbsterkenntnis gemäß der delphischen Forderung: “Erkenne dich selbst!”, denn wenn ich weiß, was ich bin, weiß ich auch, was ich soll.

2. Die zweite Strecke besteht im Resultat der Selbsterkenntnis, das einem zum Bewusstsein verhilft, dass man nichts weiß. Diesen Zustand des Bewusstseins des Nichtwissens erklärt Sokrates als seine einzige Weisheit.

3. Die dritte Strecke besteht für Sokrates darin, dass er sich diese Erkenntnis aktiv umsetzt. Die Stufe der Erkenntnis eigener Unwissenheit wird zum Ausgangspunkt bzw. Motiv, das wahre Wissen zu suchen.

Sokrates folgt nicht mehr dem mythologischen Weg, einfach das zu tun, was die Götter in den Tempeln durch Priester oder Priesterinnen zeigen oder sagen, sondern er entdeckt einen eigenen inneren logischen Weg, selbst zu erkunden und zu verstehen, was sich zeigt.

Der Mensch erfährt, dass er wahrzunehmen vermag, ohne sinnlich zu sehen. Diese Erkenntnis ist eine Leistung der Vernunft aufgrund von Intuition

Dem sechsten Sinn der Philosophen eröffnet sich eine Welt jenseits des sinnlich Vernehmbaren. Die Alternative "Wissen oder Glauben" stellt sich hier nicht mehr.


==>> Urgrund des Daseins
 

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Wolfgang F.A. Schmid

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