Villa Hefti

 
img024-wfs
 

<<== Flucht


David wuchs in einem Arbeiterviertel der Suppenfabrik Maggi auf. Sein Vater durfte dort auf Lebzeiten fast umsonst wohnen. Das hatte mit seiner Abfindung zu tun, denn das Unternehmen hatte ihn aufgrund seiner Erblindung im Krieg vor die Tür gesetzt. Einen kriegsblinden Expedienten konnte sie da wirklich nicht brauchen. Davids Vater schulte daraufhin in Marburg um und wurde Sozialrichter. Das Viertel, in dem David aufwuchs, war wie damals üblich, ein in sich abgeschlossener Gebäudekomplex, allseitig durch Straßen abgeschirmt und mit einem sehr geräumigen Innenhof mit großer Rasenfläche, auf der große Kastanien standen. Auf der westlichen Seite des Innenhofs stand zudem ein dreistöckiges Fachwerkhaus, in dem drei Familien aus Italien wohnten. In diesem gleichsam multikurellen Innenhof, durch kleine Straßen mit Parkplätzen strukturiert, spielte sich natürlicherweise, weil die Bewohner sich dort häufig trafen und auch zu kleinen Schwätzchen Zeit fanden, ein Großteil des Alltagslebens ab. Zudem spielten alle Kinder dort, und für Jugendliche aller Altersgruppen war es immer ein guter Treffpunkt. Diesem ghettoähnlichen Gebäudekomplex gegenüber lag eine Großgärtnerei der Fabrik, hinter der sich wiederum ein großer Park verbarg. Dieser war von einem schmiedeeisernen hohen Gitter umgeben. Und hohe Sträucher und Büsche versperrten den Blick auf die große im klassischen Jugendstil gebauten Villa. Diese wurde von einem Generaldirektor und seiner Familie aus der Schweiz nebst ihrer Bediensteten bewohnt.
David reizte diese verborgene, geheimnisvolle Welt. Da es den Kindern verboten war, auch nur in der Nähe dieser Villa zu spielen, dauerte es eine Weile, bis sich David in das verbotene Gebiet wagte. Es war Marie, die eines Tages ausgerechnet auf der Zugangsstraße zur Villa, eine Privatstraße ihre neuen Rollschuhe ausprobieren wollte. Sie fand nämlich, dass sich diese bestens geteerte Straße in der Nähe für ihre ersten Versuche besonders gut eignete. Zudem konnten sie da andere Kinder nicht beobachten und auslachen.
Aber durch den Lärm der Rollschuhe angelockt, erschienen hinter dem Gitter bald die beiden Kinder der Schweizer Familie, Geschwister im gleichen Alter wie Marie und David. Jean und Christiane riefen auf Schweizerdeutsch David und Marie zu sich, um zu erfahren, woher sie eigentlich kommen. Als die beiden erklärten, dass sie im Niederhof wohnen, sagte Jean, dass sie den nicht kennen, weil sie nur im Park spielen dürfen. Marie wollte wissen, ob sie und David denn im Park spielen dürfen. Jean und Christiane lächelten geheimnisvoll und verrieten, dass sie eine Lücke im Gitter kennen. Gesagt, getan. Die vier spielten Ball. Auf die fröhlich lärmenden Kinder aufmerksam geworden, erschien der Pförtner und fragte erschrocken, wie es denn sein könne, dass fremde Kinder in den Park gelangen können, ohne sich bei ihm anzumelden. Aber da tauchte auch schon die Mutter von Jean und Christiane auf und rief, dass es Zeit für das Nachmittagsgetränk ist. Christiane forderte Marie und Jean auf, doch mitzukommen. David wollte erst nicht, aber Marie hatte sofort begeistert zugestimmt. David und Marie staunten nicht schlecht, hatten sie beide ja noch nie ein so großes Haus mit so großen Räumen gesehen. Jean und Christiane führten die beiden auf eine große Veranda, auf der ein weiß gedeckter Tisch mit Kuchen und Kakao stand. Die Mutter brachte noch zwei Gedecke, zog zwei weitere Stühle heran und bat die beiden Kinder sich zu setzen. Statt des erwarteten Donnerwetters erkundigte sie sich bei Jean und Marie, wo sie zu Hause sind. Sie glaubte sogar, Jean vom Sehen her zu kennen. "Ja, Du bist der Junge, der seinen Vater des öfteren führt!… …Ich habe euch nämlich schon gesehen, als ich den Wagen aus der Garage fuhr. Einmal habe ich Deinen Vater sogar gefragt, ob ich ihn nach Hause bringen darf. Da war er nämlich ganz allein unterwegs. Aber er wollte nicht!" Nachdem Marie und David tüchtig Kuchen gefuttert und Kakao getrunken hatten, wollte Marie nach Hause. Die beiden verabschiedeten sich von der freundlichen Frau, die sie zum Tor brachte und ihnen sogar noch hinterher winkte.

David war nun klar, dass es außer dem Niederhof noch eine andere, freundlichere Welt gibt, und er beschloss, sich tüchtig anzustrengen, um seine enge Welt eines Tages verlassen zu können.


==>> sensibler Punkt

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:

JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neuen Code anfordern

 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7767 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development