6
Aug
2012

Wer spricht da?

 
Die innere Stimme, die manche auch "den kleinen Mann im Ohr" nennen, ist keine Wahnvorstellung oder Marotte, sondern vergleichbar mit einem Selbstgespräch, das manche führen, wenn sie sich mit sich allein fühlen. Die innere Stimme ist demnach eine Art der antizipierenden versprachlichenden inneren Reflexion. Diese Form der Bewusstseinsorganisation diktiert dann Schreibenden auch ihren Text. Aus diesem Grund ziehen manche Künstler und Philosophen die innere Stimme auch als Gesprächs- oder gar Diskussionspartnerin zu Rate. Manche Esoteriker vermarkten sie auch als inneren Ratgeber. Andere wie Augustinus weisen ihr wiederum bestimmte Rollen zu.

Die innere Stimme hat eine gewisse Analogie zur Selbstbeobachtung, die sich ja ebenfalls auf innere Vorgänge ausrichten lässt (Introspektion).
 

5
Aug
2012

Was von draußen kommt

 
Im Gegensatz zu Einstellungen lassen sich Stimmungen sehr viel schwerer verstehen. Die Schwierigkeiten ergeben sich aus unzähligen Sinneseindrücken mit ihren unterschiedlichen Auffälligkeiten, die vielfältige unbefriedigte Bedürfnisse, unerfüllte Wünsche und geheimnisvolle Interessen wecken.

Bisweilen schlägt uneingestandene Verdrängung die Stimmung nieder. Durch solche Niedergeschlagenheit gelangt kaum mehr Hoffnung zum Vorschein. Wenn sich da dann nicht ein klein wenig Glaube voller Liebe im Innern sammelt, ist keine helfende Stimmung mehr zu spüren.
 

4
Aug
2012

Gestern ist nicht das Heute von morgen

 
Negative Einstellungen sollten sich nicht fortsetzen, sondern vielmehr dazu auffordern, sie durch einen neuerlichen verbesserten Angang möglichst zu überwinden. Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen, nicht um sie zu wiederholen, um dadurch negative Einstellungen zu vertiefen.
Negative Einstellungen sind Stimmen, die sich wegen fehlender positiver Veränderungen beklagen.
Gegen Gefühle kann man nicht anreden. Negative Einstellungen lassen sich nicht durch Worte, sondern nur durch Taten auflösen. Negative Einstellungen besagen doch nur, dass das, worauf sie sich beziehen, noch nicht hinreichend versucht worden ist. Statt sich zu wiederholen, ist es sinnvoll, sich erst einmal auf Fehlersuche zu machen.
 

3
Aug
2012

Die Stimme des Gefühls

 
Die Sprache des Gefühls ist nicht eindeutig. Es bedarf eines gewissen Feingefühls und Erfahrung, um für sich auszumachen, was das Gefühl eigentlich zum Ausdruck bringen möchte.
Das Gefühl unterscheidet vor allem zwischen Stimmung und Einstellung.
Die Stimmung bezieht sich eher auf die augenblickliche Situation, während die Einstellung der gefühlsmäßige Kommentar ist zu dem, was man gerade tut.
Da bei allen Erfahrungen die Gefühle mit gespeichert und im Wiederholungsfall auch wieder abgerufen werden, verweisen Einstellungen des öfteren auf nicht befriedigende Erledigungen in der Vergangenheit. Es bietet sich also bei negativen Einstellungen folgende Nachfrage nach dem an, wie das persönliche Verhältnis zum gegenwärtigen Tun in der Vergangenheit war.
 

2
Aug
2012

Aus der Tiefe des Unbewussten

 
Das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein gilt vielen als ein Geheimnis. Sie erfahren kaum etwas an Information über dieses Verhältnis. Sie wissen aber sehr wohl, dass das Unbewusstsein den Großteil ihrer Handlungen steuert. Die meisten unserer Vorhaben werden bereits vorweg vom Unbewusstsein entschieden, bevor das Bewusstsein sich damit befasst.

Jedoch ist niemand dazu verurteilt, einfach zuzusehen und alles geschehen zu lassen. Jeder kann wenigstens bedingt an dem Austausch von Information zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein teilnehmen. Diese Teilnahme kann vor allem durch das Gefühl und die Vernunft geschehen.
 

1
Aug
2012

Ordnen aus textanalytischer Sicht

 
Während das Gehirn einen Text erzeugt, tut es mehr als nur bestimmte Worte für bestimmte Gedanken zu finden. Es organisiert diese Wort-zu-Gedanken-Ordnungen zugleich so, dass eine bestimmte Zuordnungsstruktur entsteht. Durch die Art und Weise dieser Struktur erzeugt es zugleich für das empfangende Gehirn eine Art Schlüssel, wie der Text neuronal zu verstehen ist. Eine relativ 'ordentliche' Struktur besagt zum Beispiel, dass der Autor gewohnt ist, klar zu denken und dass die Bearbeitung des Textes keine größeren Verständnisschwierigkeiten erwarten lässt. Es entsteht demnach durch den Text selbst eine Art Voreingenommenheit dem Text gegenüber. Bevor die Bearbeitung des Textes beginnt, wird die Frage beantwortet, wie sehr sich das überhaupt lohnt. Stellt sich die Frage, warum ein Gehirn im Fall eines ungünstigen Textes dem anderen von der Bearbeitung dieses Textes abrät. Die Antwort ist einfach. Ungleich und gleich gesellt sich nicht gern.

Was lässt sich nun aus einer Textstruktur bzw. Beziehungsgefüge erkennen?

Das lässt sich mit Hilfe der einzelnen Beziehungen, die vektoriell ausgelegt werden, beantworten. Die Beschäftigung damit wird Textalgebra genannt. In der Textalgebra existieren Satz-Satz-Zuordnungen und Text-Text-Zuordnungen. Ein Vektor wird bestimmt durch Betrag und Richtung. Der Betrag eines Vektors ergibt sich aus der Anzahl der Wörter oder aus der Anzahl der Sätze, die er durchläuft. Das Symbol „>>“ symbolisiert einen vorwärts gerichteten Vektor. Die Richtung eines Vektors ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen Anfangs- und Endpunkt. Um das zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass insgesamt 8 Richtungen möglich sind. Die am leichtesten zu erkennende Richtung ist die Horizontale, das ist die Zuordnung von zwei identischen Wörtern; sie stimmen alphanumerisch überein wie „Haus >> Haus“. Bei „Haus >> Haus“ ist kein gedanklicher Aufwand erforderlich. Das Denken steht gleichsam einen Augenblick still und verweilt bei dem durch dieses Wort angezeigten Gedanken. Die nächste Ordnung ist die Einordnung, eine Richtung, die einen leichten Anstieg verzeichnet, also durchaus etwas gedankliche Leistung erfordert. „Haus >> Gebäude“ ist eine sogenannte Wort-Einordnung. Das Wort „Haus“ wird in der Menge von Wörtern mit dem Sammelnamen „Gebäude“ eingeordnet. Vergleicht man folgende Satz-Paare, dann ergibt sich schon eine sensible Differenz:

Satzpaar 1: Er verlässt das Haus früh morgens und betritt etwa um 12 Uhr das Haus in der Lindenstraße.

Satzpaar 2: Er verlässt das Haus früh morgens und betritt etwa um 12 Uhr das Gebäude in der Lindenstraße.

Das 2. Satzpaar kündet im Gegensatz zum 1. eher vom Gang zu einem Haus, in dem irgendeine Verwaltung ihren Sitz hat. Die Beschäftigung damit erfordert den gedanklichen Mehraufwand. Eine weitere Wort-Ordnung ist die Wort-Unterordnung, welche die Differenzierung eines Gedankens anzeigt. „Haus >> Haustüre“: „Er näherte sich dem Haus. Die Haustür steht offen.“ Hier wird der gedankliche Blick auf einen Teil des Hauses gelenkt, der das Ganze etwas ungewöhnlich erscheinen lässt. Man kann diesen Vorgang Subsumtion bzw. Superierung nennen oder auch Deduktion bzw. Induktion. Die Umkehrung der Wort-Unterordnung ist die Wort-Überordnung, obgleich sich der eine Vorgang nie durchführen lässt, ohne den anderen mitzudenken. Die Trennung ist also eher künstlich als natürlich. Erkennen Sie den Unterschied zwischen „Haus >> Haustüre“ und „Haustüre >> Haus“?

„Die Haustüre stand offen. Das stellte er sofort fest, als er sich dem Haus näherte.“ Hier ruht der Blick zunächst auf dem Detail, das als solches nur erkannt wird, weil es als Teil des Ganzen gesehen wird. Eine weitere Ordnung ist die Vorordnung wie z.B. „Frühling >> Sommer“, die als solche nur erkannt wird, wenn die dazugehörige Zeitenfolge bekannt ist. Analog verhält es sich bei der Nachordnung wie „Frühling >> Sommer“. Eine weitere Ordnung ist die Anordnung wie „Schritt <> Methode oder Weg“. Auch diese muss als solche bekannt sein. Eine schließlich noch zu nennende Ordnung ist die Beiordnung wie zum Beispiel „Bekannter <> Freund“, das ist ein Wort, das durch ein weiteres erklärt wird, selbstverständlich auch etwas, das bereits vertraut bzw. schon gespeichert sein muss.

Summa: Ordnungen und ihre kognitiven Funktionen:

Zuordnung <> Identifikation
Einordnung <> Interpretation
Überordnung <> Induktion
Unterordnung <> Deduktion
Anordnung <> Definition
Beiordnung <> Explikation

Demnach wird in einem Text mitgeteilt, ob darin z.B. vor allem Begriffe bestimmt oder erklärt werden.

Aus diesen 8 Funktionen lässt sich auch erschließen, welche Vorgänge die Organisation des Bewusstseins maßgeblich bestimmen. Damit Zuordnen zustande kommen kann, muss vorweg etwas erfasst werden, das identifiziert werden kann. In einem Text wird jedoch nur das berücksichtigt, was durch Substantive, Adjektive, Verben oder Adverbien zum Ausdruck gebracht wird.

Der Physiker Holger Preuß und ich haben vor Jahren den Protypen Telyse entwickelt, um zu überprüfen, ob sich das Ordnen in Texten grundsätzlich technisch realisieren lässt. Wir haben gezeigt, dass sich das bereits mit einem einfachen Programm mit Hilfe der objektorientierten Programmiersprache C++ entwickeln lässt. Als Entwicklungswerkzeug haben wir den Borland C++ 5.5 Compiler for WIN32 eingesetzt.
 

31
Jul
2012

Komplexion

 
Will man diese Dimensionierung nicht nur schul-, sondern auch zugleich allgemein pädagogisch nutzen, dann muss die Dimensionierung des pädagogischen Raumes komplexer werden, indem man die Anzahl der konstituierenden Kategorien verdoppelt.
Die vollständige Tafel der Kategorien zeigt, inwiefern und inwieweit Wissen entsprochen wird:

12 Kategorien des Wissens:

Grund und Zweck
Ursache und Wirkung
Eigenschaften und Wesen
Art/Weise und Umstand
Mittel und Maß
Raum und Zeit

Werden alle Kategorien zu einer fundamentalen Aussage des Wissens gebunden, dann ergibt sich folgender Grundsatz:

Ich weiß etwas erst dann und nur dann, wenn ich über dessen Grund und Zweck in Hinsicht auf Ursache und Wirkung verfüge, und zwar nach Art/Weise und Umstand bzw. Eigenschaften und Wesen unter Berücksichtigung des Mittels und Ausmaßes in Raum und Zeit des Ereignisses.

Die durch die Kategorien des Wissens konstituierte Komplexität des durch Frank initiierten pädagogischen Raumes rührt nicht nur an die Grenzen einer Kybernetik, sondern auch an die Grenzen tradierter Wissenschaften.

 

30
Jul
2012

Verpasste Chance

 
Die Grundlegung der kybernetischen Pädagogik war eine Einladung Helmar Franks an die Pädagogik, sich durch Anwendung der Kybernetik auf eine eigene wissenschaftliche Forschungsmethode zu besinnen. Die benötigte Beweiskraft könnte wahlweise empirisch durch black-box-Verfahren oder technisch durch Simulation bereit gestellt werden. Frank gibt jene Vorgehensweise an, welche sich auf beide Seiten der Alternative bezieht.

"Die kybernetische Pädagogik kann definiert werden als die Gesamtheit der Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse, die sowohl in den Bereich der Pädagogik als auch in den Bereich der Kybernetik fallen." (ebd. S.27)
 Es muss "einen Teilbereich der Pädagogik geben, der die drei Kriterien der Kybernetik (…) erfüllt: es muss in ihm ein (1) informationeller Gegenstand mit einer (2) kalkülisierenden Methode erforscht werden, und dies (3) mit dem Ziel einer Objektivation" (ebd.).
 In Anlehnung an Paul Heimann (1962) formuliert Frank die sogenannten "sechs Dimensionen des pädagogischen Raumes": „Lehrstoff (Was)“, „Medium (Wodurch)“, „Psychostruktur (Wem)“, „Soziostruktur (Wobei)“, „Lehrziel (Wozu)“ und „Lehralgorithmus (Wie)“. "Jedes Unterrichtsgeschehen ist also festgelegt, sobald über" diese "sechs Variablen verfügt ist, die wir ‚pädagogische Variablen‘ oder auch ‘Dimensionen des pädagogischen Raumes’ nennen". (ebd. S. 28/29)
 

29
Jul
2012

Bei aller Aufregung übersehen

 
Bei aller Aufregung um das Auftreten der Kybernetik wurden vor allem von der Pädagogik die Chancen für eine eigenständige wissenschaftliche pädagogische Forschung übersehen. Statt Methoden der Forschung bei anderen Wissenschaften zu entlehnen, bietet Helmar Frank mit der Kybernetik der Pädagogik eine eigenständige Forschungsmethode an. Der zureichende Grund hierfür sei noch einmal wiederholt.

In der Einleitung zu seinem Buch „Kybernetische Grundlagen der Pädagogik“ spricht Helmar Frank über den „Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Pädagogik“: „Die sogenannte ‘Erziehungswissenschaft’ erfährt von zwei Seiten eine mehr oder minder offene Geringschätzung: von seiten vieler Erzieher und von seiten vieler Wissenschaftler. Letztere bestreiten in der Regel nur den wissenschaftlichen Rang der gegenwärtigen Pädagogik, die ersteren oft sogar die Möglichkeit einer Erziehungswissenschaft überhaupt. Bisher hatte sich fast jeder Lehrer zu Anfang seiner Berufspraxis mit dieser Geringschätzung irgendwie abzufinden. Bei manchen nahm sie die Form einer schlagartigen Enttäuschung an. Bei anderen bestand sie in allmählich aufkeimenden Zweifeln über den praktischen Nutzen angelernter pädagogischer Theorien. Wieder andere hatten ihre pädagogische Praxis begonnen, ohne eine Hilfe von einer wie auch immer gearteten pädagogischen Theorie zu erwarten und erkannten plötzlich die Bedauerlichkeit des Fehlens dieser Hilfe.“ (Frank 1971, 15)
 

28
Jul
2012

Fehleinschätzungen

 
In der gesamten Geschichte der Pädagogik existiert kein Denken, das zu einer radikalen Neubesinnung oder wenigstens zu einer Selbstkritik geführt hätte.
Das Geschäft der Pädagogik wurde seit Protagoras (490 - 411 v.Chr.) von den Pädagogen selbst niemals wesentlich in Frage gestellt und Kritik von außen, insbesondere seitens der Philosophie, führte in Theorie und Praxis zu keinen ernsthaften Konsequenzen.


Das mag u.a. daran liegen, dass Pädagogen zu ihrem Fach so wenig Abstand haben, dass sie mit Kritik nicht angemessen umzugehen verstehen und sich sogleich persönlich angegriffen fühlen. Auf der persönlichen Ebene aber lässt sich keine Diskussion führen. So veröffentlicht der Schulpädagoge Werner S. Nickis 1967 das Buch "Das Bild des Menschen in der Kybernetik" (Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft), welches schon in seinem Titel das Grundproblem der Pädagogik zum Ausdruck bringt, nämlich sich auf das Betrachten von Bildern vom Menschen zu beschränken.
Die Kybernetik aber betrachtet den Menschen als natürliches kybernetisches System. Franks Idee, das an einem Lehrautomaten aufzuzeigen, führte in der Folge zu bösen Missverständnissen. Die Pädagogen sahen darin den Menschen auf einen intelligenten Automaten reduziert.

Dieser nimmt Information auf, speichert, verarbeitet sie und gibt wiederum Information an den Schüler ab. Die Maschine registriert jede Leistung und Fehlleistung, jeden Fortschritt und jede Hemmung und schafft sich ein anpassungsfähiges Modell des Lernprozesses des Schülers. Dieses Modell hat die Funktion eines Reglers, der ständig alle Aktionen des Schülers überwacht (wie ein Thermostat die Temperaturschwankungen in einem Raum) und der dafür sorgt, dass ein Gleichgewichtszustand (Homöostase) zwischen den Anweisungen der Lehrmaschine und den Aktionen des Schülers zustande kommt bzw. bestehen bleibt.

Klaus Reblin geht noch einen Schritt weiter und überhöht die Kybernetik zur Weltanschauungsfrage (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Klaus Reblin, Kybernetik und Menschenbild, Information Nr.32 Stuttgart V/1968)

Heutzutage schafft das jedes Lehrprogramm, und Lernprogramme haben längst Einzug in die Schulen gehalten und niemand regt sich mehr darüber auf. Inzwischen ist die Kybernetik aus der Medizin nicht mehr wegzudenken.
 

27
Jul
2012

Ohne Folgen

Es existieren historische Ereignisse, die folgenlos bleiben. Das erste ist die Grundlegung der Philosophie durch den Mathematiker Thales im Jahr 585 v. Chr.
Das zweite Ereignis ist die Grundlegung der Kybernetik durch den Mathematiker Helmar Frank im Jahr 1967.
Beiden Denkern ist gemeinsam, dass sie nicht in abstrakten, sondern konkreten Bildern denken. Beiden ist das Denken Mittel zum Zweck, natürliche Phänomene durch Mathematisierung zu analysieren und das Ergebnis der Analyse durch Objektivierung zu belegen. Dass sie "praktisch" dachten, lag wohl daran, dass sie beide zugleich auch Physiker und Ingenieure waren.

Während Aristoteles sehr wohl Thales als einer der ersten Philosophen und Wissenschaftler würdigte, findet sich bei Frank kein namhafter Wissenschaftler, der dessen vergleichbare Verdienste gewürdigt hätte. Ich vermute den zureichenden Grund in der Tatsache, dass Helmar Frank als ehemaliger Gymnasiallehrer sich ausgerechnet ein Feld ausgesucht hatte, das als Forschungsbereich unter Wissenschaftlern das geringste Ansehen genießt: die Pädagogik. Die Pädagogen dagegen verstanden wegen gewöhnlich fehlender mathematischer, philosophischer und technischer Bildung wiederum die Kybernetik nicht.

26
Jul
2012

Wahr lehren bedeutet richtig zeigen

 
Die beste Art, etwas zu lernen, ist, es selbst herauszufinden. Wer etwas finden will, muss suchen können. Und wer etwas entdecken will, muss gut hinsehen lernen. Dazu brauchen wir jemanden, der uns das zeigt. Sehen lernen bedeutet zunächst einmal Wahrnehmen erfahren, empfinden, dass Wahrnehmen sich dreifach vollzieht: körperlich, seelisch, geistig. Das körperliche Wahrnehmen erfasst etwas so wie es sich den Sinnen zeigt. Das seelische Wahrnehmen kommentiert das gefühlsmäßig, was sich den Sinnen zeigt. Das geistige Wahrnehmen gestaltet das, was sich sinnlich vernehmbar und gefühlsmäßig bewertet präsentiert und legt es für den Wahrnehmenden auf geeignete Weise zurecht. Jeder kennt das: Was wir negativ bewerten, nehmen wir anders wahr als das, was wir positiv bewerten. Untersuchungen zeigen, dass Leute, die Beamte oder Bauarbeiter als faul bezeichnen, Beamte oder Bauarbeiter vor allem dann wahrnehmen, wenn sie gerade Pause machen. Umgekehrt nehmen Leute, die Beamten und Handwerkern gegenüber positiv eingestellt sind, diese vor allem bei der Arbeit wahr.[1]

[1] Negative Gedanken sind eine Form von Vorurteilen. Und dass diese Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben, ist wissenschaftlich bestätigt. Vor zwei Jahren hat eine Untersuchung der Universität von Toronto folgendes ergeben: Wer der Auffassung ist, andere Menschen würden einen vorschnell einem Klischee zuordnen, nimmt vorrangig genau jene Anzeichen wahr und interpretiert dementsprechend. Dies führt für die entsprechende Person zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: University of Toronto, “Expecting To Be Treated With Prejudice May Be Self-fulfilling Prophecy, Study Suggests., June 2008”

 

25
Jul
2012

Grenze der Objektivität

In der Geschichte des Abendländischen Denkens gerät das vernunftbegabte Lebewesen zunehmend mehr in das Dilemma von Richtigkeit und Wahrheit. Vereinfacht gesagt: Je mehr der Mensch versucht, etwas richtig zu machen, desto unwahrer wird es.

Durch die Delegation von Lehrprozessen an elektronische Medien verliert sich das Wesen des persönlichen Bezugs zwischen Lehrenden und Lernenden. Auch bei didaktisch und methodisch optimaler Aufbereitung eines Unterrichts gehen wesentliche Konstituenten Lehren und Lernens verloren, sobald Unterricht objektiviert wird. Angesichts der vielen Vorteile einer Objektivation gerät das zugleich wesentlich Subjektive in Vergessenheit, denn "Information" besteht nicht nur aus dem zu vermittelnden Objekt, sondern zugleich auch aus dem persönlichen Bezug des vermittelnden Subjekts dazu.

Die Organisation des Bewusstseins geht nicht nur darin auf, Nachrichten zu verarbeiten, sondern will immer zugleich gefühlsmäßig bewerten, was es da verarbeitet. Ohne unmittelbaren sozialen Bezug ist Lernen auf Dauer nicht möglich.

24
Jul
2012

Richtig ist nicht wahr!

 
Während der kybernetische Begriff die Überführung vom metaphysisch bestimmten Sein ins naturwissenschaftlich bestimmte Werden vorbereitend beinhaltet, stellt der Kalkül die Bedingungen der Möglichkeit einer Berechnung zur Verfügung. Das setzt wiederum voraus, dass ein Kalkül mathematisiert, also berechenbar werden kann. Damit springt auch ein wesentlicher Unterschied zwischen philosophischem und kybernetischem Begriff heraus.

Im Gegensatz zur Philosophie strebt die Kybernetik nicht nach Wahrheit, sondern nach Richtigkeit. Ob etwas wahr sein kann, lässt sich formal logisch prüfen oder glauben. Ob etwas richtig ist, lässt sich messen oder wissen. Was also veranlasste den Philosophen Martin Heidegger, die Aufgaben der Metaphysik an die Kybernetik zu delegieren?
Im Denken des Menschen vollzog sich eine radikale Wende. Das Objekt des Denkens offenbart sich nicht mehr dem Denken als wahr, sondern das Denken erschließt sich das Objekt als richtig, wobei sich die Richtigkeit erst durch Objektivation bzw. Simulation beweist. Eine Situation lässt sich nicht mehr nur denkend, sondern berechnend antizipieren. Eine medizinisch komplizierte Operation lässt sich durchrechnen, bevor sie computertechnisch oder zumindest computerunterstützt durchgeführt wird. Magnetresonanztomographische Verfahren sind heutzutage aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Bildgebende Verfahren sollen darstellen, was ist und zugleich "objektiviert" zeigen, was damit auf einen Menschen zukommt.

Helmar Frank schlägt vor, die Objektivation menschlichen Denkens in drei Schritten durchzuführen. Weil es sich bei den nachrichtenverarbeitenden Prozessen um humanwissenschaftliche Themen handelt, helfen Mittel der Philosophie, um sich einem solchen Phänomen anzunähern. Er verwendet dazu die „phänomenologische“ Beschreibung. Im zweiten Schritt werden naturwissenschaftliche Vorgehensweisen mit dem Ziel eingesetzt, einen „Kalkül“ zu entwickeln und durch den Einsatz der Mathematik Komplexität zu reduzieren. Eine solche Formel stellt dann die Grundlage für den dritten Schritt der technischen Objektivation dar. Die Ergebnisse werden dadurch von der Person des Untersuchenden gelöst und erhalten einen anderen Grad der Objektivität. Diese drei Schritte ermöglichen es, humanwissenschaftliche Themen mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu untersuchen.

Das Problem: Dass jemand an Krebs sterben wird, kann richtig, muss aber nicht wahr sein. Das beweisen beispielsweise viele Fälle von Spontanheilung.

________________


Frank, H. G. und Meder, Brigitte S.: Einführung in die kybernetische Pädagogik. 1971. Frank, H. G.: Philosophische und kybernetische Aspekte der Pädagogik. In: Kybernetische Pädagogik – Schriften 1958 - 1972. Bd. 1. 1974. S. 521. F. zeichnet in diesem Artikel sein Verständnis einer kybernetischen Pädagogik, die sich an naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen orientiert. Dabei spielt der Kalkül für die Exaktheit der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Vgl. Frank, H. G.: Bildungskybernetik. 1996. S. 15ff. „Kennzeichen der modernen (d.h. nach-galileischen) Naturwissenschaft ist die Anwendung der cartesischen Methode. Für die Kybernetik (speziell die Bildungskybernetik) ist die Anwendung derselben Methode auf Gegenstände der Humanwissenschaften (...) kennzeichnend, also auf Information statt auf Materie und Energie.“

Vgl. Frank, H. G.: Was ist Kybernetik. 1964. S. 26. F. verbindet mit der Kybernetik das Ziel, den „wahrnehmenden, denkenden und planmäßig handelnden Menschen (...) in diesen Funktionen zu objektivieren”. Es geht sicher nicht darum, festzustellen, wer die älteren Rechte an diesem Forschungsgegenstand der informationellen Prozesse hat. Dennoch möchte ich festhalten, dass meiner Meinung nach durch die Kybernetik der Boden für die Objektorientierung vorbereitet worden ist.

 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7763 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development