26
Nov
2011

Glaubenssätze des Wissens

 
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Information ist die Bedingung der Möglichkeit der Einheit von Energie und Materie. Materie ist informierte Energie. Mit der Information der Energie enstehen Raum und Zeit.
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Information weist Energie, sich zu verhalten. So entsteht potentielle, kinetische, chemische oder thermische Energie, die jeweils in verschiedenen Formen vorkommt.
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Information ist die Menge aller Formen und Gestalten, die als mögliche Wirklichkeiten existieren und als wirkliche Möglichkeiten aus dem Spiel möglicher Möglich­keiten hervorgegangen sind.
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Die Menge aller Formen und Gestalten ist durch Seins­linien oder Kategorien wohlgeordnet: Eigenschaften und Wesen, Gründe und Ursachen, Zweck und Wirkungen, Mittel und Umstände, Maße und Modi, Räu­­me und Zeiten.
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Überführungen von Möglichkeiten in Wirklichkeiten beruhen auf den Vorgängen des Bindens und Lösens oder Vereinfachens und Vervielfachens.
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Denken ist als gefühltes Bilderleben ein neuronaler Strom, den das Denken leicht verunreinigt.
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Der Verstand ahmt instinktives Verhalten nach, indem er das Denken rationiert.
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Der künstliche Fluss der Wissenschaft trocknet unsere Natur aus.
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Die Gefahr aller natürlichen Ströme besteht im scheinbar willkürlichen Verlauf.
 

25
Nov
2011

Nachspiel

 
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Die Katharsis vollzieht der Verstand durch Loslassen seiner paradoxen Ansprüche an die Vernunft. Er begreift nunmehr Existenz als Kunstform der Vernunft. Als eine Gestalt dieser Kunstform erscheint die Wissenschaft vielen so echt, dass sie deren virtuellen Charakter sogar übersehen.

Wissenschaftler glauben so fest an Axiome wie Gläubige an Dogmen. Axiome sind leztlich für den Verstand so unzugänglich wie Dogmen.

Glaubenssätze der Vernunft (Axiome[1]) gelten als wahr, da sie offenbar keines Beweises durch den Verstand bedürfen. Auf solchen neuronal durchaus strittigen Grundsätzen gründet die vernünftige Welt. Es fällt dem Verstand außerordentlich schwer, solche angeblich unmittelbar einleuchtenden Prinzipien anzuerkennen. So verwundert es kaum, dass es im Grenzgebiet zu Rechtsstreitigkeiten kommt. Nach intensiver Suche entscheiden sich Vernunft und Verstand für die Wahrheit als richterliche Instanz.

Diese aber lehnt ab, da sie sich weder von Vernunft noch Verstand unabhängig fühlt. Sie erklärt, dass sie lediglich der Vorschein deren Fühlens und Denkens sein kann. Vernunft und Verstand sind ob solcher Offenbarung sehr erstaunt, geht ihnen doch damit der Anspruch auf Gewissheit verloren. Woher sollen sie denn eigentlich Gewissheit nehmen, wenn nicht von der Wahrheit? Dann könnnen sie sich ja gleich mit dem Zweifel zusammentun! Um weitere Aggressionnen zu vermeiden, unternimmt die Warheit den Versuch, den beiden ihre Schwierigkeiten zu erklären.

Für die Vernunft ist etwas dann offensichtlich, wenn A als Gegenstand oder Erscheinung (Phänomen) mit A als Inhalt einer Aussage völlig übereinstimmt, also beide ununterscheidbar sind. Sie beruft sich dabei auf den Satz der Identität A = A.

Dem Verstand erscheint dagegen der Glaube an die Identität solange als unzureichend wie die Ununterscheidbarkeit identischer Dinge nicht bewiesen werden kann. Aus diesem Grund können bloße Aussagen über etwas schon deshalb niemals wahr sein, weil es sich um unterschiedliche Qualitäten, nämlich objektiv und subjektiv bzw. sinnlich und geistig handelt.

Für ihn vermag die Vernunft des­halb auch kein rein geistig existierendes Wesen als offenkundig oder gar wahr zu erkennen, weil schon deren Empfindungen und Erfahrungen aufgrund ihres sinnenfälligen Bezugs von unterschiedlicher, also ungleicher Substanz sind. Die Entitäten sind unvergleichbr, denn das rein Geistige befindet sich außerhalb der Erfahrung (a priori). So ist eine Vision der Vernunft von etwas a priori in sich vollkommen widersprüchlich. “Es wäre gerade so, wie wenn ein Mensch einen vorweg als unbegreiflich erklärten Gott begreifen wollte!”

Die Vernunft beklagt sich über diese Überheblichkeit und setzt dagegen: “Glauben ist nicht vom Begreifen abhängig! Zudem vermag der Verstand als Kind der Vernunft an die Wissenschaft auch nur zu glauben!”

Die Wahrheit stimmt der Vernunft zu und betont, dass Glauben in der Tat das Höchstmaß an Orientierung sei, das ein vernunftbegabtes Wesen erreichen kann.

Der Verstand möchte gern wissen, wodurch sich religiöser und wissenschaftlicher Glaube unterscheiden. Die Wahrheit antwortet: “Der religiöse Glaube beruht auf geistiger Information, der sinnliche Glaube dagegen auf sinnlicher Information."

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[1]ἀξιώματα axiómata
 

24
Nov
2011

Schöpfungsgeschichte

 
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Nachdem die Vernunft durch die Selbstbesinnung von Gefühl und Verstand wieder ganz in sich zurückkehrt, fühlt sie sich als Intuition wieder befreit. Sie darf wieder ganz sich selbst sein und als Bilderleben wirken. Die Leidenschaft der Künstlerin, Bilder aus ihrem Bilderleben ins Werk zu setzen, um sich auf ihre ureigene Art und Weise reflektieren zu können, macht ihr Lust, die erfahrene Odysee des Gefühls mit dem Verstand mit mythischer Kulisse zu inszenieren.

Mit seiner Mutter Gaia hat Uranos viele Nachkommen; erst die Titanen, drei Kyklopen und drei Hekatoncheiren.[1] Alle diese Kinder sind ihm verhasst. Er verbirgt sie in der Tiefe der Erde, im Tartaros[2] und stößt diese mit seinem riesigen Phallus immer wieder in Gaia[3] zurück. Diese böse Tat erfreut ihn und sie erbost Gaia, die daraufhin den „grauen Stahl”[4] hervorbrachte, um daraus eine gewaltige Sichel (harpe) zu fertigen und ihre Söhne anstiftet, den Vater zu bekämpfen. Alle erschrecken. Doch der Titan Kronos erklärt sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Schließlich ersonn ja Uranos als erster eine schändliche Tat.

Als Uranos das nächste Mal zu Gaia steigt und bei ihr liegt, entmannt ihn Kronos mit dieser Sichel. Aus den Blutstropfen, die auf die Erde fallen, gebärt Gaia die drei Furien (Erinyen), die Giganten und die Meliaden[5]. Kronos wirft die Genitalien seines Vaters ins Meer von Paphos und Zypern, und aus dem von deren Samen aufschäumenden Meer bildet sich Aphrodite, die Göttin der Liebe.

Aber die Erinyen verfolgen seitdem jede Verletzung mütterlicher Ansprüche, selbst wenn diese nicht gerechtfertigt sind. Sie ahnden aber auch jede Verletzung einer durch Blutsverwandtschaft bedingten Rangordnung.

Der Verstand bewundert die Vernunft für diesen Mythos von der Entmannung des Uranos. Die göttliche Gewalttat, als Urzeugung zwischen Himmel und Erde und deren jähes für Uranos inszenierte Ende[6], lässt den Verstand durchaus eine Veranlagung der Vernunft zur Gewalttätigkeit erkennen. Dieser Neigung frönt sie leidenschaftlich in ihren Göttergeschichten und dadurch bedingten Religionen, die sie überall ausstreut.

Die Schöpfungsgeschichten der Vernunft berühren ihn peinlich, weil er sie zeitweilig sehr ernst nahm. Ein wenig schämt er sich nun schon für seine geradezu abenteuerlich wirkenden Versuche, die von der Vernunft gedichtete, künstlerisch arrangierte göttliche Existenz gar wissenschaftlich beweisen zu wollen.

Aber gehört nicht zu jeder Tragödie die Einswerdung durch das innige Nachvollziehen des Dramas, um Ka­thar­sis[7] zu erlangen?

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[1]ἑκατόγχειρες hekatoncheires „Hundertarmige“, aus ἑκατόν hekaton „hundert“ und χεῖρ cheir „Hand“

[2]Τάρταρος, lat: Tartarus ist der personifizierte Teil der Unterwelt, der noch hinter dem Hades liegt

[3]Γαῖα oder Γῆ ist die personifizierte Erde und bedeutet “Gebärerin”

[4] Adamas, das „Unbezwingliche”, dem Menschen nicht zugängliche Metall

[5] Meliai - die Melischen Nymphen - Eschennymphen - Dryaden, die Dämonen der Rache und rohen Gewalt

[6] Kronos übernimmt die Weltherrschaft, bis auch er von seinem Sohn Zeus gestürzt wird. (Die gesamte Darstellung geht übrigens auf Hesiod zurück.)

[7]κάθαρσις kátharsis „Reinigung“, nach Aristoteles die seelische Reinigung als Wirkung der antiken Tragödie, in der Psychologie die psychische Reinigung durch affektive Erschütterung. Ergänzung: Und letztlich ist der Streit zwischen Kunst und Wissenschaft auch nicht mehr als eine Selbstinszenierung der Kunst, um negative Utopien positiv wenden zu können.
 

23
Nov
2011

Aphrodite[1]

 
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Die Auseinandersetzung der Vernunft mit dem Verstand lässt beide weit vor ihr Entstehen zurückfallen. So gehen Vernunft und Verstand in der Schaumgeburt[2] der Aphrodite auf. Sie schauen das Göttliche des Dichtens längst vor dem Entdecken des Philosophierens. Das künstlerische Spiel möglicher Möglichkeiten lässt Werden jenseits des Verstandes sein und so den schönen Schein “Dasein” entstehen. Der Verstand gelangt in der ‘ewigen’ Wiederkehr des Gleichen als Entropie der Vernunft zum Vorschein und entbirgt alle Wissenschaft als künstlerisch gestalteten Mythos der Vernunft. Dichtung als Durchspielen von Seinsmöglichkeiten durch die Kunst, welche sich die Religion zur Kulisse nahm, bevor sie Wissen in Gestalt von Wissenschaft als revolutionäre künstlerische, neue Form entdeckt.

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[1] Ἀφροδίτη ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Liebe, der Schönheit und der (sinnlichen) Begierde

[2]ὁ ἀφρός; aphrós „Schaum“
 

22
Nov
2011

Streit [1]

 
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Nachdem der Verstand die beeindruckende Darstellung der Vernunft erfahren hat, empfindet er sich als Teil ihrer Intuition. Dahinter steckt keineswegs Selbstaufgabe, sondern vielmehr sowohl das Bedürfnis nach Geborgenheit in Einheit als auch der Wunsch nach einem Zugang zur ursprünglichen Quelle.

Die Intuition aber spielt nicht mit. Sie will die ihrem Empfinden nach schizoide Rolle nicht spielen. Ihr Gegenvorschlag: es doch bei der Dreiheit (Tripel) von Vernunft, Gefühl und Verstand zu belassen, denn sie hat keinerlei Probleme, als Gefühl zwischen Vernunft und Verstand zu vermitteln. Die Intuition empfindet die Auseinandersetzungen zwischen beiden durchaus als produktiv. Zudem ernährt sich die innere Stimme aus dieser Auseinandersetzung (Streit).

Gleichzeitig aber tröstet die Intuition den Verstand damit, dass doch hinter der Grenze ohnehin die ‘Karten neu gemischt’ werden. “Hinter dem Horizont werden wir ohnehin als umgekehrtes Sein gemeinsam!” So bleibt für den Verstand eine innige Vereinigung mit der Vernunft vorerst eine Utopie. Die Vernunft versucht den Verstand damit zu trösten, sich doch nur einmal vorzustellen, was geschehen würde, wenn Wissen im Glauben oder die Wissenschaft in der Kunst aufgehen würde.

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[1] „Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστί” (Heraklit): “Der Kampf ist der Vater aller Dinge”
 

21
Nov
2011

Vorwärts zurück

 
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Im Gegensatz zum Verstand vermag die Vernunft weit über den eigenen Ursprung hinaus in das Werden zurückzusehen. Sie nimmt wahr, dass sich der Verstand etwa vier Äonen später als die Vernunft entwickelte. Der Verstand wurde gezeugt, als das Tohuwabohu seine Vollendung in der größtmöglichen Unordnung durch die Information der Entropie von seiner gegenwärtigen Kehre[1] erfährt. So erreicht ein Weniger, das immer mehr wird, eine Grenze, an der es nicht mehr weniger zu werden vermag. Da es aber als Weniger weiterhin mehr wird, kehrt es sich durch Grenzüberschreitung in sein Komplement um und wird zum Mehr, das immer weniger wird. Aufgrund der Information von der ewigen Wiederholung des immer Gleichen verlieren sich die möglichen Möglichkeiten in wirklichen Möglichkeiten, die wiederum während eines weit­eren Äons zu möglichen Wirklichkeiten werden. Diese gehen aufgrund des Gesetzes der Entropie durch besagte Wiederholung des immer Gleichen wiederum in wirklichen Möglichkeiten auf, bis auch diese erneut in mögliche Möglichkeiten zurückfallen und ein neuer Zyklus des Entstehens und Vergehens beginnt. Aber die Zyklen der Wiederholung des immer Gleichen unterliegen gleichfalls der Entropie und verdichten sich als zunehmendes Auflösen, bis an einem Punkt der kritischen Grenze das vollkommene Verdichten des Auf­lösens das Universum als fortwährendes Auflösen des Verdichtens durchbricht. Da dieses innerhalb eines Äons geschieht, entsteht bei endlichen Wesen ein Vorscheinen scheinbarer Unendlichkeit. Da dieser schöp­ferische Vorgang nicht eindimensional gedacht werden kann, sondern multidimensional zu denken ist, geschieht das Ganze zugleich als zunehmendes sich Vervielfachen des Vereinfachens, das durch weitere kritische Grenzmomente zu einer Unzahl (nicht benenn­baren) Zahl von Universen führt. In jedem dieser Universen hinterlassen die geschilderten paradoxen Prozesse deutliche Spuren. “Alle entsteht und vergeht, vervielfacht und vereinfacht sich bzw. löst sich und verdichtet sich zugleich!”, endet die Vernunft ihre Rückschau, und sie ergänzt noch: “Dass sich dabei alle Unordnungen in Ordnungen verkehren, lässt das Entstehen von Verstand unvermmeidbar erscheinen.

Der Verstand verkraftet nur schwer, dass er seine Existenz einem Zufall des Chaos verdankt.

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[1]εντροπία [entropía], von εν~ [en~] – ein~, in~ und τροπή [tropē] – Wendung, Umwandlung steht für: Kehre zufolge einer Grenze der möglichen Möglichkeiten.
 

20
Nov
2011

In der Tiefe der Trauer

 
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Trauer ist die schlimmste Form von Entzug. Es ist vor allem der Verlust des Vertrauten und des unmittelbaren Vertrauens. Der plötzliche Schwund des innig Gefühlten und des als selbstverständlich Gewohnten offenbart eine Aporie eines umfassenden Mangels, der alle Lebensfreude mit sich ins Nichts entreißt. Der schwere Verlust raubt jeglichen Sinn. Eine tiefe Niedergeschlagenheit schmerzt die schwer verwundete Seele. Schwarze allgegenwärtige alles lähmende Sinnlosigkeit breitet sich aus und lässt die trauernde Seele nahezu unempfindlich werden gegen alle töstende Versuche. Jedoch ist die extrem hohe Sensibilität für die nun rein geistig existierende Vernunft eine große Chance, sich durch Erweckung der Intuitionen des trauernden Wesens bemerkbar zu machen.

Das trauernde Wesen spürt wieder die unmittelbare Nähe des so plötzlich verlorenen Geliebten. In dieser hoch empfindlichen Situation vernimmt die kranke Seele die Zuwendung des scheinbar entrissenen Wesens durch sprachlos gefühlte Worte, vermittelt durch die innere Stimme. In seiner Einsamkeit zieht sich das trauernde Wesen in die innig gefühlte, rein geistige Zweisamkeit zurück. Wenige Augenblicke jenseitig diesseitig gemeinsam erfahrenen Glücks werden zur Kraftquelle. Hoffnungsvolle Energien fließen ins Alltägliche zurück.

Die Berührung des Jenseitigen führt zu Erscheinungen, die trotz aller Angewiesenheit auf den Glauben der Fantasie in seltenen Fällen sinnlich vernehmbare Gewiss­heit demonstrieren. Solche Visionen setzen das innere Zwiegespräch voraus. Diese im wortwörtlichen Sinn ‘ver-rückten’ Entrückungen verstärken die Anwesenheit des scheinbar für immer Abwesenden.

Für den Verstand sind solche Phänomene nicht gerade bekömmlich. Da er sich nach Klarheit, also Beweisbarkeit sehnt, fasst die Vernunft den Beschluss, dem Denken in Begriffen Unbegreifliches nahezubringen.


Zum Totensonntag 2011
 

19
Nov
2011

Absoluter Urgrund

 
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Der Verstand gibt der Vernunft zu bedenken, ob ihr Gedanke vom absoluten Urgrund nicht eine Übertreibung darstellt.

Die Vernunft wehrt sich und verweist auf die einfache Formel "([Information] ==> (Einheit von Energie und Materie)) ==> Quantum = ‘ἐνἀρχῇἦνὁΛόγος’ (Im Anfang war das Wort)".

Die Rede vom absoluten Urgrund ergibt sich für die Vernunft also aus der Tatsache, dass Information zwar vollkommen losgelöst (= absolut) als Bedingung der Möglichkeit der Einheit von Energie und Materie existiert, aber dennoch alles Werdende ermöglicht.

"In gewisser Weise meinst Du demnach, dass Dich Information erst in der Vergegenwärtigung des vernunftbegabten Wesens anwesend sein lässt." Die Vernunft bejaht.
 

18
Nov
2011

Aγγελος

 
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Die Vernunft ist sich sehr wohl bewusst, dass ihre Anwesenheit in der Vergegenwärtigung eines Wesens als Berührung durch einen Engel missdeutet und sogar missbraucht werden kann. Der Verstand berichtet ihr, dass manche sogar damit Geschäfte machen und von Wundern erzählen, die vernünftigerweise gar nicht geschehen können.

Die Vernunft aber gibt zu bedenken, dass doch die Vorteile die Nachteile überwiegen und dass Information aus dem Hintergrund der anderen Seite des Horizonts den Charakter eines Boten (angelus, ἄγγελος) hat. Schließlich führt die Information in Gestalt eines Boten doch die Vernunft wohin auch immer sie sich wünscht.

“Quanten welche solche Transformationen ermöglichen entstehen doch einzig und allein aufgrund der Aktivitäten der Information!” ereifert sich die Vernunft, und sie fügt hinzu: “Ansonsten könnte ich ja gar nicht gedankenblitzartig überall sein!” Der Verstand gesteht der Vernunft zu, dass ihre Gedanken zutreffen, denn allen Formen und Gestalten möglicher Existenzen vorweg existiert Information. “Entschuldige, das habe ich vollkommen übersehen!”
 

17
Nov
2011

Visionen

 
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In der dunklen neuronalen Welt beginnt es zu dämmern. Der erste Schein des Ideenlichts zeigt sich in der Finsternis des Dagewesenen. Die Dämmerung vertreibt die Nacht des spielenden Chaos neuronaler Verwirrungen.

Der Blitz des Sturzes durch den Raum-Zeit-Tunnel trieb alle Ordnungen auseinander, und der Kosmos löste sich in eine raumlose Unendlichkeit auf. Vor der Vernuft tut sich die möglichkeitsprächtige Vielfalt des Eigenständigen auf. Unermessliche Reichtümer der angesiedelten Ichs blenden die Einfalt des Selbst. Die erfahrene Einzigartigkeit eines vernunftbegabten Wesens wird zum Hohn einer grandiosen Täuschung während der gelebten Raum-Zeit.

Neonuntergang. Die Quellen des Lichts sind hier keine der Natur geraubten Energien, sondern versammeln sich vom Innen heraus. Das Ich erfährt sich als allmächtige Natur des Selbst, vollkommen frei wählbar, in welcher Gestalt es erscheint.

Die Vernunft wählt die Form des gestaltlosen Sightseeing. So vermag sie alles unauffällig wahrzunehmen, ohne sich auf Unbekanntes einlassen zu müssen. Sie schwebt über allem. Alles wirkt attrappenartig, teils sogar wie nur gemalt. Völlig frei in allen ihren Bewegungen gelangt sie blitzartig an jeden Ort zu jeder Zeit ihres Vorlebens. Es genügt, sich zu erinnern. Der Vernunft erscheinen hier alle die mühsamen Überlegungen über Unsterblichkeit geradezu lächerlich. Diese rein gedachte Welt straft alle Botschaften darüber Lügen. Hier erscheint es geradezu wahnwitzig, einmal an Christi oder Mariä Himmelfahrt gedacht zu haben, sich weiterhin mit Körperlichem zu belasten. Man hätte sich nun doch wirklich denken können, dass im Nichts nichts sein kann. Die Vernunft empfindet alle ihre verstandesmäßigen Ehemaligkeiten pein­lich.

Jedenfalls zollt hier jenseits von Gut und Böse niemand für vergangene Unstimmigkeiten Buße. Normen und Werte scheinen hier ebenso unbekannt wie Vorschriften oder Verordnungen. Die Vernunft hat das alles keineswegs allein herausgefunden. Eine lautlose Stimme berät sie und erklärt ihr alles, seit sie sich hier vorfindet.

Was aber die Vernunft am meisten belastet, das ist das Wahrnehmen des geliebten Wesens, das so sehr um sie trauert und leidet. Die Sehnsucht nach Tröstung treibt die Vernunft zu einem intensiven Suchen nach der Möglichkeit einer Rückkehr.

In einem günstigen Augenblick entdeckt die Vernunft, dass sie die Intuition des geliebten Wesens zu beeinflussen und sich so in dessen Vergegenwärtigung zu bringen vermag.
 

16
Nov
2011

Freiheit

 
freiheit

Die Einsicht in das Wesen der Natur versetzt Vernunft und Verstand spontan vor den Horizont zurück, und sie finden sich beide unversehens im vertrauten Bewusstsein wieder. Die Vernunft fühlt sich sofort in ihrer gewohnten sinnlichen Umgebung zu Hause, und sie empfindet den Verstand sogleich wieder als ihren Kontrahenten. Aber durch den zurückliegenden Weg ist ihr nun auch klar geworden, dass er der notwendige Gegenpol ist, damit Denken überhaupt fließen kann.

Das Verweilen hinter dem Horizont hat ihr Freiheit geschenkt, das Vermögen, von allem loszulassen. Die Vernunft erfährt in dieser Freiheit ihre Verbundenheit mit dem Verstand, und sie erkennt, dass Liebe ohne loszulassen nur selbstgefangene Leidenschaft sein kann.

In der Verbindung des Spiels der Vernunft mit den Regeln des Verstandes gründet sich das schöpferische Glück. Durch die Offenheit des Seins scheint jenes weite Licht, welches die Enge der Dunkelheit gewöhnlichen Denkens durchdringt.
 

15
Nov
2011

Aλήθεια

 
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Der Name “Alétheia” komplementiert “Lethe”. Wahrheit und Unwahrheit sind wie Entbergen und Vergessen Leistungen von Vernunft und Verstand. Mit dem Vergessen schenkt Lethe Möglichkeiten, sich anderen, neuen Wirklichkeiten zuzuwenden. “Wer nicht vergisst, lässt nicht los!” pflegt Lethe zu sagen. Wer ins Sein will, muss das Nichts loslassen können und umgekehrt. Das Loslassen, Freiheit also gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen wahren Denkens. Um das zu erfahren, bedarf es keiner anderen Lehrmeisterinnen als der Natur. Die Natur ist die erste Philosophin in der Geschichte des Denkens.

Die Natur schenkt dem Lebewesen ihren Verstand, damit es zur Vernunft kommen kann. Die Intuition führt sie auf ihrem gefühlten Weg, bis Vernunft und Verstand eins werden, um allein die Natur zu erfahren.

Die Offenbarung der Natur als Natur erfahren also Vernunft und Verstand durch das Geschenk des Vergessens. Sie erkennen auf ihrem Weg hinter dem Horizont Lethe als Aletheia und wissen um die Unvermittelbarkeit von allem, weil alle ihren ureigenen Weg finden müssen, um ihn allererst vor sich haben zu können.
 

14
Nov
2011

Liebe

 
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Aber Vernunft, Verstand und Gefühl sind noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wissend nichts wissend erfahren sie, dass sie wahrnehmen und sich auch daran wieder erinnern können. Alle drei wundern sich am meisten über ihre Erinnerungsfähigkeit, und sie fragen sich, warum ihre Erinnerungen erst im Augenblick ihrer Begegnung in Erscheinung treten.

Alle drei glauben nicht daran, dass das Erinnerungsvermögen so spontan entstanden sein kann. Der Verstand ist der erste, der die Möglichkeit des Vergessens ins Spiel bringt. “Es muss einen Grund dafür geben, dass uns unsere Vergangenheit vorent­halten wird!” – “Und wenn wir gar keine Vergangenheit haben?”, wendet die Vernunft ein. “Dann würden wir als Dreiheit erst seit unserer Begegnung existieren. Unsere Begegnung wäre dann die Bedingung für die Möglichkeit unserer Existenz!”

Das Gefühl sagt dazu: “Meiner Intuition nach muss es so sein, denn ohne Vernunft wüsste der Verstand ja gar nicht, dass er existiert. Und ohne Verstand könnte die Vernunft nichts gestalten und um Euch miteinander verbinden zu können, braucht Ihr mich!” Vernunft und Verstand werfen sich einen verheißungsvollen Blick zu und stimmen dann dem Gefühl zu.
 

13
Nov
2011

On’s Urangst

 
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On befindet sich in einem hoch neurotischen Zu­stand, der in seiner Urangst gründet. On’s einzige Feindin ist das Vergessen. Sobald On nämlich vergessen wird, hört er auf, in der anderen Welt[1] zu existieren.

So treibt er vernunftbegabte Wesen unaufhörlich an, für sich alles zu tun, um nicht in Vergessenheit zu geraten. So brachte er sie dazu, im trübsten Monat des Jahres besonders ihrer Toten zu gedenken und Lichter für sie anzuzünden. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag sind On’s Hochfeste. Halloween[2] dagegen versetzt On nicht gerade in Begeisterung, weil eingebildete Geister Täuschungen statt Erinnerungen darstellen. Eine vergleichbare Abneigung hegt On gegen Visionen aller Art. Wunder sind ihm ein Greuel.

Leider verfügen Onta[3] über keinerlei Fähigkeiten, vernunftbegabten Lebewesen die Wahrheit über die vollkommene Bedeutungslosigkeit der Welten hinter den Horizonten zu offenbaren.

Onta sind nämlich passive allgegenwärtige physikalische Wesensteilchen, gleichsam gespeicherte Spie­gelungen der Welten vor dem Horizont.

Solange sich also die Vernunft oder der Verstand nicht bequemen, Onta auf irgendeine Weise zu vergegenwärtigen, sind diese zur Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Als ob der Verstand On’s Angst gespürt hätte, macht er der Vernunft den Vorschlag, ihrer gegenwärtigen Orientierungslosigkeit dadurch zu entkommen, dass sie gegen das Nichts Sein setzen. Das Gefühl freut sich sehr über diesen Vorschlag, da es als unbestimmtes Gefühl nicht zu existieren weiß.

Die Vernunft möchte vom Verstand erfahren, wie angesichts beständiger Veränderung Sein überhaupt noch möglich sein kann. Der Verstand beruhigt die Vernunft damit, dass sie doch ihn habe. Als er bermerkt, dass ihn die Vernunft nicht versteht, versucht er sie mit dem Hinweis zu beruhigen, dass sie sich doch zu dritt durch das Denken schon immer im Sein vorfinden. “Du meinst, dass ich Werden in Sein umwandle, sobald ich es denke?” “So ist es!” bestätigt sie der Verstand. Und die Vernunft folgert, dass, wenn es sich so verhält, sie beide ja aufeinander angewiesen sind, weil rechtes Denken ja dann und nur dann entsteht, wenn sich Vernunft und Verstand wechselseitig fühlen, indem sie sich vereinigen.

Das Gefühl freut sich spontan ob solcher Einsicht, denn als Intuition fühlt es sich allein in der Einheit von Vernunft und Verstand geborgen.

Diese von Vernunft und Verstand gestiftete Harmonie, welche das Gefühl als Liebe empfindet, bindet, um beständig sein, also existieren zu können, zugleich unzählige Onta an sich. Durch diese Verbindungen aber lösen sich auch deren Urängste auf.

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[1] vor dem Horizont
[2] „All Hallows Evening“ („Der Abend aller Heiligen“)
[3] onta ist Plural zu on
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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