10
Dez
2011

Formschnitt

 


Unter Formschnitt wird die pädagogische Kunst einer missverstandenen Erziehung verstanden, Individuen durch besondere Schnitttechniken in eine angepasste Form zu bringen. Hilfsmittel hierfür sind vor allem Notengebungen. Hinter Noten verbirgt sich oft indirekte Belohnung oder Bestrafung. Der Formschnitt lässt sich besonders leicht durch sogenanntes lehrerzenriertes Unterrichten erreichen, wobei der Leh­rende agiert und der Lernende nur reagiert.

Natürlicherweise sollte der Formschnitt nur dort vorgenommen werden, wo er zur Förderung der Intelligenz oder der Begabung wirklich angebracht ist. Dazu eignen sich Fächer wie Philosophie und Mathematik nebst Naturwissenschaften sehr viel besser als pädagogische Methoden.
 

9
Dez
2011

Schnittmuster

 


Schnittmuster sind Vorlagen, nach denen Erziehung das Verhalten eines werdenden vernunftbegabten Wesens zuschneidet. Diese Muster werden gewöhnlich von anderen übernommen oder beruhen auf eigenen Vorstellungen. Sinn und Zweck ist es, die Entwicklung des Verhaltens zu steuern. Dahinter steckt die mehr oder weniger mechanistische Vorstellung von der Seele als Stoff, den man für das herzustellende Gesellschaftsstück zuschneidet. Schließlich soll es ein ani­nimal rationale[1] werden, das sich voller Stolz vorzeigen lässt. Der Weg, auf dem das erreicht werden soll, ist gewöhnlich die Dressur, also das systematische Einüben wünschenswerter Verhaltensweisen, und zwar durch unnachgiebiges Wiederholen des immer Glei­chen. Im Verlauf eines Lebens wird die Steuerung der Entwicklung des Verhaltens wiederholt an Seelenschneider[2] delegiert. Die Werkstätten, in denen das semiprofessionell geschieht, werden Schulen genannt. In den Schulen unterscheiden Seelenschneider in der Erziehung zwischen Formschnitt, Pflegeschnitt und Rückschnitt von neuronalen Netzen.

Der Grundschnitt erfolgt durch Unterricht, der die jungen vernunftbegabten Wesen zunächst von ihrer vertrauten Spielwelt unter dem Vorwand abschneidet, ihnen nunmehr Einlass in die Welt der Erwachsenen zu gewähren.

Tatsächlich erfahren die Kleinen, was sie bereits von Zuhause her kennen. Nicht mehr die Spielfreude, sondern der Stundenplan regelt den Tag. Ab sofort dürfen sie nicht mehr aufstehen, wenn sie ausgeschlafen sind, sondern rechtzeitig vor Beginn der ersten Schulstunde. Das kennen sie bereits, denn Erwachsene müssen das auch, wenn sie rechtzeitig zur Arbeit kommen wollen. In der Spielwelt bedeutet rechtzeitig, dass man etwas geschafft haben muss, bevor einem jemand anderer zuvorkommt. Wer sich zum Beispiel nicht rechtzeitig versteckt hat, wird sofort entdeckt und verliert. Aber die Erwachsenen reden lieber statt von rechtzeitig von pünktlich. Die Schule konditioniert fristgerechtes Verhalten mit akustischen Signalen. Die schrille Schulglocke wurde durch den sanfteren Schulgong abgelöst, der nun zum geordneten Betreten des Unterrichtsraumes aufruft. Die Sitzordnung verstärkt die Notwendigkeit einer ordentlichen Verteilung. Alles hat seinen Platz, um im Unterricht schnell ausgemacht werden zu können. “Ordnung muss sein!” ist eines der ersten Grundprinzipien in der Schule. Und deshalb sind auch die Unterrichtsstunden zeitgetaktet. Zehn Minuten für die Widerholung, zehn für die neue Information, zehn für die Erarbeitung, zehn für Übungen und Konrollen und fünf Minuten für die Hausaufgaben; macht zusammen 45 Minuten, das ergibt eine Schulstunde.

_________
[1]Animal rationale ist eine lateinische Übersetzung des griechischen "zoon logikon" oder "zoon logon echon"
[2] sogenannte Pädagogen
 

8
Dez
2011

Fantasie[1]

 


Die Fantasie ist das hohe schöpferische Vermögen des Gehirns erträgliche oder sogar beglückende existentielle Ideen zu entwickeln, die oftmals über kaum auszuhaltendes Dasein hinweg helfen. Die Fantasie kann dabei im Gegensatz zu Vernunft und Verstand frei mit Möglichkeiten spielen und an die Stelle der Antizipation die Vision setzen.

Visionen enstehen, indem die Fantasie im Wahrnehmen, Betrachten und Beobachten erstrebens­­werte Möglichkeiten bzw. Wirklichkeiten von Morgen sieht. Fantasie zu bejahen, das ist oft eine Frage des Mutes. Je nach Mut wächst oder schrumpft das Leben. Jedes Neue erschreckt. Wer nicht zu seiner Fantasie steht, stiehlt seinen Möglichkeiten ihren Spielraum und verliert die Utopie und damit die Wirklichkeit von Morgen. Die Fantasie lebendig zu erhalten, hilft der Vernunft, den Verstand zu entwickeln, um erfolgreich Mög­lichkeiten in Wirklichkeit zu überführen. Jeder ist so jung wie seine Begeisterung. Ohne begeisternde Gefühle bewegt sich in neuronalen Netzen nichts. Ganz im Gegenteil, sie verkümmern sogar. Die Gefühle wiederum ernähren sich aus Visionen, welche die Fantasie verschenkt.

__________
[1] φαντασία phantasía – „Erscheinung“, „Vorstellung“, „Traumgesicht“
 

7
Dez
2011

Gestaltgebende Form

 


Es ist nichts so, wie es aussieht. Das Zusammenspiel der Farben und Formen in einem Bild nimmt erst durch Fantasien des Betrachtens Gestalt an. Inhalt des Betrachtens sind nicht die künstlerisch ins Werk gesetzten Formen, sondern das, was sich aus diesem Spiel der Formen während der Betrachtung gestaltet. Die gegenüber Vernunft und Verstand viel zu gering geachtete Fantasie ist die eigentliche Vermittlerin zwischen Außen- und Innenwelt. Sie entscheidet über das Aussehen unserer Existenz. Sie schneidet das Sein für uns zurecht. Diesen Zuschnitt, den wir als Dasein erfahren, ist nur eine aus Möglichkeiten ausgeschnittene Wirklichkeit.

Die Vernunft erscheint als neuronaler Fluss von Bildern, der an der Quelle der Seele entspringt. Die Fantasie kann sehen wie der Verstand in diesen Fluss steigt und aus dem Werden für sich Sein schöpft. In diesem Moment wandelt sich diese Entnahme aus dem Bilderleben durch Bewusstwerden zu einem Bild-Erlebnis für den Verstand, der darin seine eigene Inzenierung betrachtet, beobachtet und als Verhalten begreift.

Der Verstand fühlt sich dabei keineswegs unbeachtet. Richtet er sich nämlich nach dem Schnittmuster der Außenwelt, folgt er also nicht der anerzogenen Vorlage, dann weist ihn das schlechte Gewissen zurecht. Die Ver­nunft wundert sich zwar zunächst über diese Abhängigkeit des Verstandes, sieht aber schließlich ein, dass er eben nur das wiederholen kann, was er draußen erfahren hat. Deshalb muss er sein Verhalten nach den gelernten Vorlagen ausrichten. So bemitleidet die Vernunft den Verstand, weil er nicht so frei ist wie sie selbst. So muss er sich im Gegensatz zu ihr von Anfang musterhaft be­stimmen. Während die Vernunft die Freiheit sucht, sieht sich der Verstand nach Vorbildern um. Der Konflikt zwischen Vernunft und Verstand ist also gleichsam vorgesehen bzw. vorprogrammiert.
 

6
Dez
2011

Rückschnitt

 


Die sphärische Form einer Lichtgestalt schwebt über der Traumlandschaft, durchdringt feste Hindernisse, ohne Spuren zu hinterlassen. Sogar der Regen fällt unbeeinflusst von ihr durch sie hindurch. Während sie langsam herunter schwebt, verändert sie ihre Farbe, um dann in unsauberen Grau sanft über die Erde zu glei­ten. Jetzt scheint sie ein kleines vernunftbegabtes Wesen entdeckt zu haben, das voller Angst vor ihr davon läuft. Bald erreicht es den rettenden Eingang des Hauses, in dem es wohnt. Immer wieder blickt es sich ängstlich um, während es sich kurz am Zaun eines Vorgartens festhält. Fast berührt sie es, lässt es jedoch wie immer gerade entkommen und weiter flüchten. Das kleine Wesen bemerkt vor lauter Angst nicht, dass die Vernunft es nur vor den Launen des Schicksals warnen möchte. So vollkommen wie es von der äußeren Welt abgeschlossen ist, will sie es zum Ausbrechen verführen. Das gelingt ihr jedoch nicht. Dazu bräuchte sie die Hilfe des Verstandes.
 

5
Dez
2011

Austrieb

 


Der Vorhang stark störender oder gar zerstörender Reize wird mit Gewalt zerissen und der Schrei einer aus vollkommener Geborgenheit gerissenen Seele geht im aufdringlichen Gewirr aufdringlicher Stimmen verloren. Grelles Licht blendet die Inneren Augen so sehr, dass sie sich für lange Zeit schließen. Ein starker klat­schen­der, schockierender Schlag stülpt den verstummten inneren Schrei nach außen in unverständlichen Verlautbarungen geschrienen Jammers.

Aus der Hoffnungslosigkeit Schock heraus versucht der Verstand die Drangsal zu lindern. Trotz der Armseligkeit des Augenblicks fühlt die bedrängte Vernunft so etwas wie Trost, denn sie beginnt jetzt diese Not zu spüren. Sie hat sogar den Eindruck, dass das heftig heraus geschriene Herzweh den Schmerz sogar abschwächt. Brüllen als gefühltes Mittel zum erhofften Zweck prägt sich als helfende Mitteilung nach draußen ein, für den Verstand die Entdeckung eines Spielzeugs, mit dem er sich ausprobieren kann. Vernunft und Verstand einigen sich, dass er die Form und sie die Gestaltung übernimmt. 

Nach einer Unendlichkeit nähert sich der vertraute Rhythmus des Herzens. Aber statt der gewohnten Nähe wohligen Schlagens klingen die geliebten Töne jetzt entfernt.

Wohltuende Stille kehrt ein, und in der einkehrenden Stille finden ursprüngliche wiederkehrende Gefühle Raum. Ein beruhigende leise flüsternde Stimme löst qualvolle Schmerzen allseitiger Angst. Endlich führt sanfter Schlaf in die Innenseite des Traumes zurück. In den Tiefen des Unterbewusstseins spielen Triebe mit Be­­dürfnissen um wirkliche Möglichkeiten. Überschüssige Nervenzellen werden einbezogen, um sie mit Hilfe neuer synaptischer Netzwerke erhalten zu können. Durch den Aufbau neuer neuronaler Verbindungen zwecks Regelung und Steuerung impulsiver Prozesse wird der Verstand aktiviert, damit alles störungsfrei organisiert werden kann. Wieder werden riesige Überschüsse an Fortsätzen, Verknüpfungen und Kontakten zwischen den Nervenzellen in den verschiedenen Bereichen des Gehirns bereitgehalten. Stabilisiert und in funktionelle Netzwerke aber werden davon nur jene, welche tatsächlich gebraucht und benutzt werden. Die übrigen werden wieder abgebaut. Durchgängig be­stimmt dabei maßgeblich das ökonomische Prinzip des Verstandes.
 

4
Dez
2011

Schlafende Knospe

 
Früheste Übungen des Sich Versagens, des Entsagens sind zwar unfreiwillig, aber ein Mittel der Natur, um zu überleben. Der Verstand nimmt der Vernunft alle Lust, sich zu vergnügen, schläfert sie ein, um aus deren Neugier eine Schlafende Knospe zu gestalten. Bei Bäumen sitzen Schlafende Knospen unter der Rinde und sind kaum oder gar nicht erkennbar. Dort bleiben sie über Jahre lebensfähig bis sie sich zur Wiederherstellung verlorener Äste, Zweige oder auch des kompletten Stammes öffnen.

Die Klausur solcher Abkapselung nutzt die Vernunft, um gleichsam im Spiel mit sich selbst ihre Möglichkeiten zu entfalten. Diese sensibelste Innenkehr im später nur vage erahnbaren Paradies des Lichts höchster Energie gräbt sich in eine tiefe Sehnsucht, die noch sehr viel später in den wunderbarsten Mythen durchscheinen wird. In dieser frühzeitlichen Einsiedelei kehrt die Vernunft an die Quelle ihrer ursprünglichen Kräfte zurück, um das Erwachen im Verstand zu erwarten. Diese Möglichkeit wird aus einer ihr nicht gerade wohlgesinnten Wirklichkeit voller Not hereinbrechen. Strategien des Widerstehens entwickeln sich zuerst. Die Schale eisiger Kälte schützt naturverschenkte Herzens­wärme.

In größter Not lehrt die Natur noch geheime Künste zu überleben. Wer aus der Wüste Wasser trinkt, kennt die verborgenen Wege des Offenbarens von Wahrheit, ohne darauf zu warten, dass sich ein Dornbusch entzünden muss, um die Stimme eines Gottes anzudeuten. Der schmalste Pfad der Not führt immer an neuen Abgründen entlang zwischen Wahrheit und Lüge, Wahn und Sinn.

Die Vernunft erfährt unüberschreitbare Grenzen. Ihre Bescheidenheit wird sie vor der Überheblichkeit eines machtgeilen Unverstandes beschützen. In geschützter Geborgenheit einer Schlafenden Knospe keimt schöp­fere Fantasie, aus der nach dem Aufbruch Bilderleben sprießt. Aus Bilderleben werden sich Vorstellungen einer machbaren Welt entwickeln.
 

3
Dez
2011

zeitlos

 


Die Erfahrung des plötzlichen Wechsels, des schmerzhaften Herausgerissenseins, entwickelt der Verstand zur Kunst des nahezu völligen Aufgehens in einem Jetztsein, das jederzeit jäh zerstört werden kann. Der Augenblick wird zur frühen Erfahrung, dass Zeit nicht sicher ist und dass man sich in dieser Unruhe einzurichten hat. Die Befriedigung von Grundbedürfnissen wird zum un­geahnten Luxus. Von all diesem tut die Seele nichts nach draußen kund. Die Erfahrung, dass alles Kundtun höchst empfindlich stört und unter Umständen auch Schmerzen bereitet, hemmt sämtliche Versuche sich zu äußern. Trotz tiefen Ahnens, unerwünschten Ahnens vermag das Körperliche nicht, seine Bedürfnisse zurückzuhalten. Die Notwendigkeit, dafür Strafe in Kauf nehmen zu müssen, scheint unausweichlich. Im Hintergrund der ersten Gefühle keimt das Erwarten eines jähen totalen Endes. Diese Sorge voller Furcht rafft gierig neue Erfahrungen, um sie möglichst umgehend in Maßnahmen, sich selbst zu schützen, retten zu können. Der Verstand mobilisiert alle verfügbaren Kräfte, um das zu ermöglichen.
 

2
Dez
2011

naiv

 


Helles Licht umfließt die werdene Vernunft, mit der optische, akustische, taktile, gustative und olfaktorische Reize spielen. Durch Wiederholung des immer Gleichen prägen sich bestimmte Reizfolgen aus, und sie prägen sich samt Begleiterscheinungen ein. Manche werden als erfreulich empfunden, andere wiederum nicht. Unwillkürlich kommen Erfahrungen dazu, dass bestimmte selbst erzeugte Reizfolgen[1] helfen, sich Hilfe zu bestellen. Aber die ersten Versuche, sich Hilfe zu bestellen, gelingen von Anfang an zunehmend seltener[2]. Die Möglichkeit des Fragens wird wachgerufen und mit ihr zusammen die Möglichkeit, mit Versuchungen so lange zu spielen, bis sie erfolgreich sind. Liebe, Freude und Zuneigung empfinden zu können, das sind hinzugefügte Gaben der Natur. Aber Gefühle von Geborgenheit werden immer wieder äußerst abrupt unterbrochen. Schreie großer Furcht und schließlich voller Todesangst vermischen sich mit dem Heulen der Sirenen. In der jungen gerade entstehenden Welt wird zwar noch nichts von Bombenalarm begriffen, aber doch bereits das Katastrophale des Geschehens empfunden. Alle laut geschrienen Versuche des Abwehrens scheitern. Die werdende Seele weigert sich noch hartnäckig, ihr werdendes Dasein als übergroße Last für andere zu empfinden. In ihrer völligen Ausweglosigkeit wird der Verstand viel zu früh wachgerüttelt. Aber wenn es ums Überleben[3] geht, greift die Natur zu ihren letzten Mitteln. Jedenfalls verschafft er sich im vorgefunden Chaos erst einmal Ordnung. Die Vernunft ist für diese innere Hilfe sehr dankbar. Um weniger Schmerz zu empfinden, versucht sie ihre verlautbarenden Bestellungen einzuschränken. Sie folgt dem Verstand, der ihr aus Selbstschutz zum Rückzug nach innen rät. Selbst gewählte Einsamkeit in innerer Zweisamkeit spendet Trost und gleicht fehlende Zuwendung aus.

_________
[1] Lautfolgen
[2] Die erste Begeisterung über das Neugeborene ist verflogen (nicht normaler Selbsterfahrungsbezug)
[3] Es ist Krieg!
 

1
Dez
2011

Sensibelster Moment

 


In der Kategorielosigkeit des spielerischen Unbewussten ist die Vernunft vollkommen orientierungslos. Worte, mit denen sie vor kurzem noch ihre Bewegungen benennt, ziehen an ihr bedeutungslos vorüber. Sie verbindet mit diesen Zeichenfolgen nichts mehr. Ihr Gefühle vereinigen sich in so großer Gelassenheit, dass sie nichts berührt. Sie empfindet zwar, dass sie bewegt wird, aber sie fühlt nicht, ob sie steht, geht, sich bewegt, läuft, rennt oder fliegt. Dass sie als Un-Vernunft dennoch existiert, verdankt sie ihren Urtrieben. Ihr Urinstinkt lässt sie dahintreiben, ohne sie einer Gefahr auszusetzen. Widerständen weicht sie durch Wechseln ihrer Richtung aus. Aber sie spürt allein das Wechseln der Richtung, ohne ausmachen zu können, um welche es geht. Während ihres spielerischen Umtrieb im Unbewussten verfügt die Vernunft über d­as Refle­xionsniveau einer Schlingpflanze. Sie wirkt wie ein verspieltes bewegtes feines neuronales Netz von Transmissionen, obgleich sie sich auf dem Gebiet ihres naturgegebenen Verstandes aufhält. Der Aufenthalt der Vernunft verläuft völlig unauffällig durch naturbedingte Selbstorganisation. Als vorgeburtliche Erscheinung der Geburt ist die Selbstorganisation voller Begeisterung über ihr Spiel mit möglichen Möglichkeiten und der Neugier, daraus wirkliche Möglichkeiten werden zu lassen. Durch die Geburt des vernunftbegabten Lebewesen wird natürliche Selbstorganisation zur spielerischen Vernunft.
 

30
Nov
2011

Unterbewusstsein

 


Das Unbewusste beginnt an der Grenze zu den möglichen Wirklichkeiten. Diesen Möglichkeiten geht das Spiel der wirklichen Möglichkeiten voraus. Während dieses Spiels entscheiden die Lebenslinienrichter des Instinkts über Möglichkeiten und Grenzen der Intuition. Innerhalb des Zeitraums der Entscheidung gilt allein die Algebra der Natur, das ist die von allen Kulturen und jeglichem Einfluss eines Gewissens unabhängige Lehre vom Vergleichen. Dadurch wird Gleiches erkannt und von Ungleichem unterschieden. Allen Wesen ist dieses Vermögen zueigen. Deshalb wenden sie alle Gleichungen an. Deren Urformen und Gestaltungen werden eingeprägt und zu Mustern des Verhaltens ausgeprägt. Da vor allen Anfängen nur Energie ist und die Natur Information = Energie ist, existieren allein als Spiel des Zufallens die Bewegungen des Bindens und Lösens, des Gebens und Nehmens. Günstige molekulare[1] Beziehungen setzen sich durch, ungünstige dagegen verlieren sich. Da chaotische Beziehungen von Mikrosomen[2] nicht bestehen können und ausfallen, fallen geordnete kleinste Teilchen einander zu, und Verbände vereinigter Teilchen schwingen in dynamischen Bündnissen, die sich schließlich als Materie organisieren, um noch dauerhafter aneinander haften zu können. Aber die mächtigen Kräfte des Bindens und Lösens finden die Zeit, die das Anhaftende wieder loslassen lässt, um in Bewegung bleiben und weiterhin zufällig werden zu können. Zufälliges Werden bleibt das alleinige schöpferische Entstehen und vernichtende Vergehen.

Die große Liebe der Natur gehört dem Widerspruch als Einheit des Gegensätzlichen. Jeder Moment und jedes Moment natürlichen Werdens ist immer zugleich sein Gegensatz. Nichts entsteht, ohne gleichzeitig zu vergehen, und nichts lebt, ohne gleichzeitig zu sterben. Die Zeit widerspricht sich, indem sie keinen Raum für den Augenblick lässt. Von dieser Gegensätzlichkeit wird später dann auch das vernunftbegabte, haltlose Wesen getrieben, das selbst im Toten noch Leben für möglich hält.

Ohne diesen Widerspruchsgeist würde das vernunftbegabte Wesen dem Gesetz des Werdens nicht folgen und seine Natur gegen die Natur zu bewahren suchen. Die vorherbestimmte Katastrophe des Untergangs bliebe ohne Trieb nach ständig Mehr aus.

So vereinigen sich erfolgreiche Mikrosomen zu Atomen, die sich als Moleküle organisieren, die durch chemisches Binden zusammenhalten und aus gestalteten Organismen wiederum Biomoleküle bzw. chemische Substanzen organisieren. Bei allen Gestaltungen bleiben die Formen schwingender minimaler Teilchen erhalten. Das ‘Urvergnügen’ tanzender Mikrosomen verführt jede Materie dazu, sich wieder aufzugeben, um in Energie zu verfallen.

Auch die Information allen Werdens ist nicht frei davon. Als Meer möglicher Möglichkeiten sind enthaltene Wahrscheinlichkeien wirklicher Möglichkeiten ‘lebendige ‘Geister’, die ihresgleichen suchen. Sie begegnen sich als Ereignisse. Um ereignen zu können, ernähren sie sich von Zeit. “Gleich und gleich gesellt sich gern!” Nach dieser naturalgebraischen Regel suchen Ereignisse gleichgesinnte, um sich mehren zu können. Sie nutzen Botenstoffe, um Anzeigen gesuchter Verbindungen aufzugeben. Boten, die ihre Nachrichten überbringen, nennen sie Träger oder Vektoren[3]. Ein Vektor bewegt sich, unabhängig davon, welcher Möglichkeit er angehört, als Widerspruch von Vergangenheit und Zukunft. Da im positien Fall die Richtung “Zukunft” dominiert, wird er getrieben, sich vorwärts zu bewegen. Im Gegensatz zur Welt des Bewusstseins sind im Unterbewusstsein alle Vektoren gleich angezogen. Der Vektor hat es so nicht schwer, gleich Gesinnte zu finden. Von ihren Charakteren her aber handelt es sich um unterschiedliche Möglichkeiten. Ziehen sich zwei Möglichkeiten an und gehen sie eine Verbindung ein, dann ensteht daraus eine schöpferische Idee zu einer wirklichen Möglichkeit.

Da Verbindungen zwischen Millionen von neuronalen Möglichkeiten bestehen, die alle weiter streben, vermögen sich viele durchzusetzen und als wirkliche Möglichkeiten bewusst zu werden. Diese erhalten ihre Verbindungen zu ihren Vorfahren aufrecht und schaffen so eine erinnerungsfähige Vergangenheit. Obgleich diese jedes Bewusstsein dauerhaft prägt, bleibt es für dieses ohne besondere Zugangsmethoden jedoch unerreichbar.

________
[1] lat.: molecula “kleine Masse”
[2] aus μικρός “klein” und σώμα “Körper”
[3] lat: vehi “Tragen”
 

29
Nov
2011

Delta-Zeit

 


Die Delta-Zeit[1] ist gleichbedeutend mit der Phase des tiefen, traumlosen Schlafes. Da das Bewusstsein in dieser Zeit komplett ausgeschaltet ist, liegt es an der Vernunft, während der Delta-Dauer die Weg-Führung zu übernehmen. Da der Verstand in keiner Weise tätig ist, muss sich die Vernunft allein auf die Intuition verlassen. Das Tätigkeitsfeld[2] der Vernunft wird vom Unterbewusstsein und dem Zentralnervensystem erzeugt. Der Navigator beschwört die Vernunft noch einmal, sich unbedingt an das zu halten, was ihr während des Navigationstraining beigebracht worden ist.

Die letzten Bewusstseinsströme versiegen allmählich. Jene Gedanken aber, welche sich vollkommen treiben lassen, finden sich in jenem Teil des Delta-Stromes wieder, der unterirdisch weiterfließt und sich mit dem Fluss Lethe vereint. Folgt man dem Flusslauf weiter flussabwärts, gelangt man zum Geburtsort schöpferischer Gedanken. Dieser Geburtsort liegt unmittelbar am Fluss Lethe. Die unbewusste Intuition der Vernunft erreicht diesen Ort unmittalbar nach Verlassen des Bewusstwerdens, das sich in das Gewöhnliche zurück­zieht.

_________
[1]
Alpha: wach, aber tief entspannt. Zustand früh morgens, vor dem Einschlafen oder während Tagträumen.
Theta: leichter Schlaf oder tiefe Entspannung.
Delta: typisch für tiefen, traumlosen Schlaf. Komplette Ausschaltung des Bewusstseins.

[2] Mentaler Zustand
 

28
Nov
2011

Wider Erwarten

 


Der Verstand überrascht die Vernunft tatsächlich mit dem angekündigten Vorschlag. Und sie ist noch mehr überrascht, als er ihr darstellt, dass es sich um Mystik handelt. Die Vernunft fragt natürlich nach, wie er ausgerechnet auf Mystik kommt. “Im Gegensatz zu Dir bin ich auf Beständiges oder Bleibendes angewiesen. Ich brauche etwas, an das ich mich halten kann! Bei aller Freiheit und Spontanität, ich kann mit ständiger Ver­änderung nicht so gut umgehen wie Du. Und da habe ich entdeckt, dass das Denken von Anfang an in die verkehrte Richtung schaut: nach außen statt nach innen! Die Wahrheit verbirgt sich in unserer Innenwelt und nicht in der Außenwelt. Und dieses Geheimnis nenne ich Mystik[1]!” Die Vernunft empfindet Freude über das, was der Verstand ihr sagt, denn die Innenwelt steht auch ihr offen.

Also entschließen sich Vernunft und Verstand zu einer zweiten Reise. Dieses Mal wird diese Reise aber nicht hinter den Horizont führen, sondern in die Tiefen des Bewusstseins. Als Beförderungsmittel wählen sie wiederum die Introspektion. Und wiederum wählen sie als Weg die Konzentration.

Rechtzeitig vor Reiseantritt haben sie sich um einen ge­eigneten Navigator gekümmert. Dieser Navigator soll sie sicher durch das Lichtermeer aus Milliarden von Neuronen, die durch elektrische Impulse miteinander verbunden sind, führen. Die Kombinationen von Millionen von Neuronen, die gleichzeitig Signale senden, produzieren eine große Menge elektrischer Aktivität, um Vernunft und Verstand flüchtige neuronale Wege zu ermöglichen. In der Fahrschule haben die beiden Gehirnwellenmuster zu erkennen gelernt, das sind Ansammlungen von elektrischer Energie, welche sich zu zyklischen, wellenförmigen Bildern gestalten. Es kostete sie sehr viel Zeit, diese als Bilder oder Vorstellungen von Gedanken schauen zu lernen. Selbstverständlich verändern sich diese Bilder durch das Denken.

Die große Schwierigkeit für Vernunft und Verstand ergibt sich nicht nur aus der extremen Kurzlebigkeit neuronaler Situationen in der Lichterwelt, sondern zugleich aus den großen Unterschieden zwischen Tag und Nacht. Deshalb legt der Navigator der Vernunft und dem Verstand nahe, sich für das Reisen entweder untertags oder nachts zu entscheiden.

Auf Nachfrage rät er ihnen jedoch, nachts zu reisen, da dies für Anfänger sehr viel einfacher ist. Vernunft und Verstand folgen der Empfehlung des Navigators und entscheiden sich, zur Delta-Zeit aufzubrechen.
________
[1]μυστικός mystikós „geheimnisvoll“
 

27
Nov
2011

Alles zerfließt

 


Die Vernunft kann den Versuch des Verstandes verstehen, in seinen Glaubenssätzen des Wissens inmitten ständiger Veränderungen Halt zu finden. Umgekehrt versteht der Verstand nicht, wie sich die Vernunft im stetigen Wechsel zu halten vermag.

“Du musst einfach der natürlichen Bewegung der Natur folgen!”, rät ihm die Vernunft. Der Verstand aber betrachtet das für sich als problematisch, da er dann das Begreifen verlassen müsste.

"Kannst Du denn nicht das Begreifen verflüssigen?”, fragt die Vernunft und fügt noch hinzu: “Dann wäre uns beiden schon sehr viel geholfen!” Hinter der Empfehlung der Vernunft steckt die Einsicht, dass das Denken von Anfang an das Werden vergessen hat. Das Sein der Philosophie qua Metaphysik hält die Vernunft nämlich für lebens- bzw. naturfeindlich, und sie bedauert, dass sich die Seinsvergessenheit noch viel zu langsam ausbreitet.

Der Verstand sagt, dass er sich mit ähnlichen Überlegungen trage und auch demnächst einen Vorschlag machen könne.
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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