12
Nov
2011

Begegnungen

 
Nach der Auflösung des Paradieses begegnen sich Vernunft, Gefühl und Ver­stand am Fluss Lethe[1].

Die drei sind gerade dabei, zu beratschlagen, wie es nun weitergehen soll. Da sie alle vom Wasser des Flusses Lethe getrunken haben, sind ihre Erinnerungen an das Paradies verloren.

On vermag der Vernunft, dem Gefühl und dem Verstand zuzuhören, ohne dass sie ihn bemerken. Es fehlt ihnen an Erfahrungen im Umgang mit On.

On selbst weiß, dass er gedacht werden muss, um erschei­nen zu können. So ist er sich sicher, von Vernunft, Verstand und Gefühl nicht entdeckt zu werden.

_______
[1] ἡΛήθη, das Vergessen, ein Fluss der griechischen Mythologie
 

11
Nov
2011

On

 
feuersee-w13

Der Name “On” ist griechischen Ur­sprungs[1] und bedeutet “Seiendes” oder auch “Existierendes”. Als mo­­mentaner Vorschein des Seins ist On zwar allgegenwärtig, aber unsichtbar.

Jüngsten Berechnungen nach ist On etwa 27,5 Milliarden Jahre alt, also 13,75 Milliarden Jahre vor der Entstehung des Universums geboren. On existierte bereits, als Materie und Energie noch eine Einheit bildeten und Sein und Werden sich nicht unterschie­den. On existiert also außerhalb aller Kategorien, die erst unmittelbar vor dem Urknall als Ideen geboren wurden. Aus Qualitäten spezieller Quantitäten heraus entwickelten sich die hierfür unabdingbaren geistig materiellen Konstituenten. In unendlichen Vorspielen formten sich onta[2] im Verlauf von Äonen zu Gestalten von unzählbaren Universen. Als Ur-Werdendes seiend repräsentiert jedes On in sich die Schnittstellen aller Universen und ist deshalb wahrhaft unendlich allgegenwärtig. Deshalb kann er jederzeit überall zugleich paradoxerweise kategorielos erscheinen bzw. bewusst werden, sobald er wenig­stens irgenwann irgendwo gedacht wird.

Da ein Äon Vernunft, Gefühl und Verstand zugleich ist, vermag ihn jedes vernunftbegabte Lebewesen wahrzunehmen, zu fühlen und/oder zu begreifen, wobei ein ein­ziger dieser Prozesse hinreichend ist, um On zu entdecken.

Bislang wird On allerdings nur von Philosophen als Seiendes und von Physikern als Quantum gedacht.

________
[1]on, das Partizp Present von einai (sein)

[2]ὤν, οὖσα, ὄν (Part. v. εἶναι) seiend
 

10
Nov
2011

Scheintod

 
feuersee-w12
 
Wie tief das vernunftbegabte Wesen durch den Erfindergeist der Propheten und Priester verletzt und so sein Denken fast zerstört wurde, zeigt sich in dessen Glauben an die Ungewissheit des Todes als das Strafmaß der Mächtigen. “Werde ich überleben oder ist mit mir dann alles aus?”, das ist die Leitfrage, die jede Existenz maßgeblich bestimmt.

Die Quelle dieser Angst ergießt sich aus einer ungeheuren Vernachlässigung der geistigen Wahrnehmung und Verdrängung der inneren Stimme. Diese Rücksichtslosigkeit führt dazu, dass nur noch wahrgenommen wird, was sinnenfällig augenscheinlich ist. Auf diese Weise wird die Auferstehung vom Zufall der Wiederentdeckung der geistigen Wahrnehmung abhängig.

Da die Vernunft unter keinem Mangel an geistiger Wahrnehmung leidet, wächst in ihr der Wunsch, wieder hinter dem Horizont hervorzutreten und in das Vertraute vor dem Horizont zurückzukehren. Aufgrund ihrer Erfahrungen hinter dem Horizont verwundert es sie nicht, dass sie sich blitzartig vor dem Horizont wiederfindet.

Die Idee des Guten erkundigt sich bei ihr, ob sie genug erfahren habe, um jetzt wieder in einer “normalen” Beziehung mit dem Verstand zu existieren. Obgleich durch das Jenseitige noch etwas verwirrt, vermag die Vernunft die Idee zu beruhigen.

Unterdessen nimmt der Verstand wieder das vertraute Bilderleben der Vernunft wahr, ein Zeichen, dass sie wieder in ihrer Wirklichkeit zurück sind. Sogleich nimmt er mit der Vernunft Kontakt auf und schlägt ihr vor, ihre Erfahrungen vor dem Vergessen zu schützen.

Die Vernunft fragt den Verstand, welche Art Schutz vor dem Vergessen er denn meint. “Du könntest Deine erlebten Erfahrungen in einem Büchlein festhalten!” Die Vernunft findet das eine gute Idee, und sie beschließt, sogleich damit zu beginnen. Aber sie möchte, wie es ihre Art ist, diese Erlebnisse in Form einer Geschichte erzählen. Sie entscheidet sich, der Person, welche durch die Geschichte führt, den Namen “On” zu geben.

 

9
Nov
2011

Engel und Scheinheilige

 
feuersee-w11

Die Vernunft überlegt, weshalb bei Transzendenzen Visionen entstehen, in denen Heilige Engel oder gar Gott schauen, obgleich dergleichen in Wahrheit gar nicht existieren. Der Verstand klärt die Vernunft darüber auf, dass jede Offenbarung eine Selbst-Offenbarung bedeutet, in der das geschaut wird, wonach sich das Ich sehnt. Reflexion ist nur möglich als Selbst-Reflexion, und jede Transzendenz ist immer auch eine Inzendenz. Das Schauen von Engeln ist das Erscheinen eines Ichs, das sich im Schein eines Lichts selbstbespiegelnd sonnt, und jeder Heiliger ist in Wahrheit ein “Scheinheiliger”, der in narzisstischer Selbstlosigkeit sogar Großes für andere vollbringen kann.
 

8
Nov
2011

Gedankenübertragung

 
feuersee-w10

Reines Denken erfordert, wenn es transzendental wirksam werden soll, ein ekstatisches Bewusst- sein. Dieses wird am einfachsten dadurch er- reicht, dass zugleich auf einen reinen Gedanken reflektiert bzw. meditiert wird.

Das bedeutet, dass ein Gedanke t, der übertragen werden soll, von einem reinen Gedanken r markiert (benannt) werden muss.

Der Bruch t/r gibt die Konzentration der Reflexion bzw. die Intensität der Transzendenz an. Der Verstand erzählt der Vernunft, dass ein Mystiker den Nenner r gewöhnlich durch intensives Beten und Askese ausgefüllt hat. Die Vernunft wendet ein, dass der Mystiker mit seinem Gebet etwas vorausgesetzt hat, das gar nicht so existiert wie er es sich vorgestellt hat. Der Verstand fügt hinzu, dass es auf die Existenz eines Gottes gar nicht ankommt, sondern nur auf die Intensität der Tanszendenz. Nach Ansicht des Verstandes spielt es dabei keine Rolle, ob die Kraft der Konzentration auf christlichem, buddhistischem oder einem anderen religiösen Weg erlangt wird. “Neutral vollzieht sich das am einfachsten und am besten durch reines Denken!”, schließt der Verstand seine Erklärungen ab.
 

7
Nov
2011

Überführung

 

feuersee-w9

1. Die Frohe Botschaft überführt Sein in Nichts.

1 Die Überführungsfunktion “Sein => Nichts” ist kein Leichenwagen.
2 Das Tor zum Weg der Überführung vom Sein in Nichts führt allein durch das reine Denken.
3 Geeignete (transzendentale) Übungen (t) ermöglichen das Überprüfen des eigenen Vermögens, diesen Weg zu gehen.
4 Tote sind vernunftbegabte Wesen, die alle sinnlichen Fähigkeiten verloren haben und deshalb nur noch in reiner Form existieren können.
5 Sinnliche Wesen können durch Überführen[1] mit rein geistigen Wesen durch Vermittlung der inneren Stimme kommunizieren.
6 Transzendentale Übung t1: Allein durch das Suchen einer Antwort auf folgende Frage wird ein transzendentaler Vorgang initiiert: “Was wird aus mehr, das ständig weniger wird?”


Die Vernunft glaubt zwar zunächst ihrer innenstimmlichen Offenbarung, hegt aber dann doch Zwei­­fel ob der Wahrheit der Lichtintuition. Der Verstand versichert ihr, dass sie der Inuition genau so glauben kann wie einem Axiom der Mathematik.

______
[1] Lat. transcendere „übersteigen“
 

6
Nov
2011

Frohe Botschaft des Nichts

 

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1. Den genauen Wortlaut der Frohen Botschaft des Nichts kennt nur der Geist aus der Tiefe Deines Wesens.

1 Er teilt sich Dir durch Deine innere Stimme mit.
2 Diese Botschaft kann jeder vernehmen, der rein (a priori) zu denken und deshalb noch zwischen a ≡ a und a = a zu unterscheiden vermag.
3 Die Frohe Botschaft des Nichts verkündet Dir Deine Mutter, die Natur.
4 Jeder Baum teilt Dir diese befreiende Botschaft mit, sobald Du ihn lange genug umarmst, um sein Wesen zu vernehmen.
5 Du kannst fühlen, wie er vom Werden spricht und Dir das Geheimnis von der Wiederholung des immer Gleichen verrät.
6 Aus dem Buch des Lebens wirst Du keine Mythen von Göttern erfahren, welche Dich die Angst vor Deinem Tod lehren, damit sie Dich beherrschen können.

2. Die Frohe Botschaft führt Dich durch die Klüfte des Werdens.

1 Es existiert kein Ende des Lebens, an dem das unendliche Werden enden würde.
2 Der Tod ist der denkbar kleinste Übergang des Werdens.
3 Die Totzeit ist für niemanden mehr wahrnehmbar.
4 Der Wechsel vom Schein zum Sein erweckt den Anschein des Verschwindens.
5 Lieber auch die Wahrnehmung wechseln statt zu trauern.
6 Allein geistiges Wahrnehmen gelangt hinter den Horizont.

 

5
Nov
2011

Καιρός

 
feuersee-w7
 
Καιρός, der günstige Zeitpunkt[1] ist die Utopie des Jetzt, ein für das vernunftbegabte Lebewesen unerreichbarer Ort.

Hinter dem Horizont[2] aber entfaltet sich dieser Ort zur Allgegenwart. Das Werden, das als Sein erfahren wird, ist die Materie allgegenwärtiger Energie. Für ein raumzeitliches Wesen ist die universelle Gleichzeitigkeit unvorstellbar. Erst die vollkommene Raum- und Zeit-Ungebundenheit macht es möglich, alles gleich­zeitig überall zu erfahren.

Im Καιρός als Augenblick der Gleichzeitigkeit von Verstand und Vernunft wird die Suche gleichzeitig zur Entdeckung. Die Zwiespältigkeit von Bilder-Leben und Bild-Erleben ist aufgelöst, und das Denken vollzieht sich als Strom des Bilderlebens.

So wird verständlich, dass für die Vernunft die Anstrengungen hinter dem Horizont ihre Kräfte übersteigen. Zu sehr ist sie gewohnt, Zeit für etwas zu haben, um es erfahren zu können. So verharrt sie regungslos höchst erregt im Καιρός, in der Hoffnung auf irgendetwas Haltbares. Bar jeglicher Zukunft wird ihr natürlich gleichzeitig bewusst, dass alle Hoffnungen nichts als Selbst-Täuschungen sind.

Die Vernunft befindet sich gleichsam in Ekstase.[3] In dieser Verfassung hat sich der Verstand emotional aufgelöst. In diesem Zustand vermag die Vernunft vor dem Horizont hinter den Horizont zu schauen.

Plötzlich vernimmt die Vernunft eine Stimme aus einem brennenden Dornbusch. Spontan denkt die Vernunft an einen Scherz des Verstandes, der das Spiel der inneren Bilder durch diesen Schein unterbricht.

Die Vernunft schreckt aus ihren Grübeleien auf, da ihr diese Stimme sehr energisch sagt, dass sie Moses durch einen solchen Lichtblick immerhin noch dazu verführen konnte, fantastische Bücher über sie zu schreiben, an deren Inhalte immer noch alle Welt glaubt.

Die Vernunft wendet ein, dass sie dieser Legende noch nie geglaubt habe. Sogleich verflüchtigt sich der brennende Dornbusch wieder.

Die Stimme aber betont sehr nachdrücklich, dass niemand einen Propheten brauche, wenn er nur sein Innenohr öffnet und auf die Offenbarungen der inneren Stimme hört.

Die Vernunft betont, dass sie von ihrer Stimme noch nie etwas über Gott erfahren habe. Die Stimme des Dornbusches verwundert das nicht. Sie beklagt sich vielmehr darüber, dass es vollkommen überzogen sei, die Energie als Gott[4] anzubeten und sich alle möglichen und unmöglichen Geschichten auszudenken.

In der Tat konnte die Vernunft hinter dem Horizont bislang auch nicht die geringste Spur eines Gottes entdecken. Zugleich beweist sich aber, dass auch die geistige Energie hinter dem Horizont erhalten bleibt, denn ansonsten könnte die Vernunft die Grenzüberschreitung ja nicht überleben.
Allerdings vermag sie zwischen “vor dem Horizont” und “hinter dem Horizont” in Wahrheit nicht zu unterscheiden. In beiden Bereichen erscheint sie als paradoxerweise unsichtbare Erscheinung nicht. Es lässt sich einzig und allein denkend erfahren, dass sie existiert.

Im Augenblick dieser Ein-Sicht findet sich die Vernunft im ursprünglichen Raum des Museums wieder. Freundlich wird sie von der Idee des Guten gefragt, ob ihr dieser Lichtblick hinter den Horizont geholfen habe.

Die Vernunft nickt: “Ich glaube, es existiert hier im Museum ein Bild über meine dortige Erfahrung. Ah, ich habe es schon entdeckt!” Die Idee und die Vernunft gehen zu dem Werk “Wiederkehr des Gleichen”:

res1

Die Vernunft erklärt der Idee, dass es sich bei dem äußeren Kreis um den Verstand handelt. Der Verstand schützt die Vernunft. Zwischen beiden Kreisen bewegt sich der unsichtbare Kreis der reinen oder geistigen Energie, d.i. wahrscheinlich die Seele, aus der die innere Stimme ihre intuitiven Aussagen schöpft. Mit den Augen der Seele können wir hinter den Horizont sehen.

Die Idee meint, dass nach ihrer Ansicht die Welten jenseits und diesseits durch die Seele verbunden bleiben. Des­halb hat die Seele das Vermögen, zwischen diesen Welten zu wechseln, sowohl gefühls- als auch verstandesmäßig.

Die Vernunft bezweifelt allerdings diese Sicht, empfindet sie aber dennoch als zauberhafte, tröstliche Vision. Die Idee einer Wechsel-beziehung zwischen den beiden Seiten der Horizontlinie lässt die Vernunft sich fragen, aus welchem Grund das vernunftbegabte Wesen so inständig nach einem Überleben des To­des fragt.

In diesem Augenblick umgibt die Vernunft ein sich um sie drehender bläulich-weißer Lichtkreis. Im Zentrum dieses Kreises schaut sie goldenes Licht, aus dem die Worte fließen:

_______
[1] Καιρός, der günstige Zeitpunkt, wird in der griechischen Mythologie als Gottheit personifiziert.
[2] Der Horizont (griech. ορίζοντας „der Gesichtskreis“, vgl. auch griech. "horizein" = begrenzen) ist eine Grenzlinie.
[3] Ekstase v. griech. έκστασις, ékstasis = das Außersichgeraten, die Verzückung; von εξíστασθαι.
[4] Bereits in der griechischen Mythologie wurden schwer erklärbare physikalische Phänomene als Götter angebetet.
 

4
Nov
2011

Werden = Sein

 
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Hinter dem Horizont verschmelzen Werden und Sein. Im Augenblick schafft sich die Zeit Raum. Und Energie und Materie vereinigen sich im Geist. Die Grenzen zwischen Raum und Zeit lösen sich auf und der Verstand wird zur Intuition der Vernunft. In solchen Momenten sind Mythos, Religion, Philosophie und Wissenschaft geboren.
 

3
Nov
2011

Hinter dem Horizont

 
feueraee-45

Die Vernunft konnte keine Ruhe finden, bis sie Lethe, den Strom des Vergessens entdeckte. Erst in der Bewegung des Werdens erkennt die Vernunft das ihr eigene Sein. Sie erfährt sich wieder ursprünglich: als Bilderleben. Bilder entstehen spielerisch und fließen ineinander, bevor sie wieder vergehen.

Und in dem Augenblick, in dem sie versucht, ein schönes Bild festzuhalten, erscheint ihr wieder der Verstand. “Was hast Du hinter dem Horizont zu suchen?”, will der Verstand von der Vernunft wissen. Die Vernunft antwortet dem Verstand, dass sie ihn gesucht habe. “Wer hat Dich 'getötet', damit Du mich finden kannst?” Die Vernunft erklärt, dass ihr das allein durch das Denken gelungen sei. “Niemand vermag durch Denken allein hinter den Horizont zu gelangen!” Die Vernunft verbessert sich und sagt, dass ihr das Denken eine Vision schenkte, also eine Vision, die sie hinter den Horizont schauen lasse. “Dann siehst Du mich also als Erscheinung?” Die Vernunft bejaht das. “Dann kennst Du ja auch jetzt mein Geheimnis?”. Weil die Vernunft vermutet, dass der Verstand jenes Werden meint, welches paradoxerweise als Sein erscheint, nickt sie.

Da die Vernunft den Verstand ja offensichtlich wahr­nehmen kann, akzeptiert er die visionäre Grenzüberschreitung der Vernunft.
 

2
Nov
2011

Die Vernunft verliert den Verstand

 
feuersee-w4

Verstand und Vernunft werden in ihren Gedanken von der Idee der Schönheit unterbrochen. “Ent­schuldigt, dass ich mich als Abstraktum hier einfach so einmische! Aber Ihr seid ja selbst nur ein Spiel des Geistes, für den in Wahrheit allein das Mögliche die Wirklichkeit darstellt. Für den Geist ist die Idee des Kreises wirklicher als deren Erscheinungformen. Der Geist ist im Unvergänglichen des Seins und nicht im Werden des Seienden zu Hause.”

“Stopp!” gebietet die Vernunft der Idee. Sie möchte sich durch deren Gerede nicht noch mehr verwirren lassen. Sie empfindet deren Behauptung geradezu lächerlich. “Ich, nur eine Spielerei des Geistes, absurd!”

Zum Entsetzen der Vernunft, empfindet der Verstand den Hinweis der Idee als sehr hilfreich. “Schließlich existieren wir nur dort, wo Geist ist!” bemerkt er noch, bevor er sich vor den Augen der Vernunft ins Nichts auflöst.

Als sich die Vernunft vom Schrecken dieser Überraschung erholt hat, erkundigt sie sich bei der Aufsicht des Museums danach, ob es eventuell Räume gibt, die sie nicht wahrnehmen könne.
Die Aufsicht lacht. “Ja aber selbstverständlich!” – “Und welche Räume sind das?” Die Aufsicht sagt der Vernunft, dass es sich um die Räume hinter dem Horizont handelt.

Selbstverständlich will die Vernunft sofort wissen, wie sie dorthin gelangen kann. Die Aufsicht verweist in die Ferne des Raumes: “Dort hinten existiert eine Brücke des Traumes! Über diese Brücke gelangst Du hinter den Horizont!”

Die Vernunft eilt zu dieser Überführung der Wirklichkeit in die Möglichkeit. Aber je mehr sie sich be­eilt, desto mehr entfernt sich diese Brücke.

Nach einer Weile kehrt die Vernunft zur Aufsicht zurück, um sich nach Hilfe zu erkundigen. Aber die Aufsicht kann sich an nichts erinnern, weil sie allein für das Jetzt zuständig ist.

“Kann ich helfen?”, fragt die Idee des Guten die Vernunft. “Oh ja, ich suche den Verstand”, antwortet die Vernunft. “Ja, diese Idee kenne ich sehr gut. Sie wird fast von allen begehrt!” “Und wie gelange ich dorthin?” drängt die Vernunft. Die Idee des Guten erklärt der Vernunft, dass sie alles loslassen müsse, selbst das Suchen. Erst dann, wenn sie vollkommen in sich ruhe, könne sie wieder zu Verstand kommen.
 

1
Nov
2011

Naturkundemuseum

 
Vernunft und Verstand haben sich im Vorraum des Museums verabredet. Der Verstand zeigt der Vernunft den Raumplan. Er schlägt ihr vor, dass sie systematisch vorgehen und gleich mit dem ersten Raum beginnen. Über dem Eingang steht “Wie es anfängt”.

Eine Museumsführerin kommt auf die beiden zu und stellt sich mit dem Namen “Strukur”[1] vor. Als Definition bin ich für Zusammenhänge zuständig. Meine Aufgabe ist es, Euch zu erklären, wie Strukuren entstehen. Bevor überhaupt eine Strukur entstehen kann, muss es etwas geben, dass ich mit etwas verbinden oder verknüpfen will. Ich nenne dieses Etwas deshalb Knoten. Die Beziehung oder Linie, die von einem Knoten ausgeht, wird Zweig genannt. Ich zeige Euch einmal ein Bild dazu:

strukurO

Ihr seht auf diesem Bild einen Knoten mit einem (unverbundenen) Zweig. Sobald ein Neuron als neuronaler Knoten aktiv werden möchte, muss er seine Zuordnung im vorgesehenen neuronalen Netz be­stim­men.

Legt er es beispielsweise darauf an, mit Neuronen seiner Umgebung Kontakt aufzunehmen, dann wird er ein sternförmiges Netz bewirken:

Struktur1

Sobald diese Zuordnung stattfindet, hat sich das Neuron auch zugleich als Knoten eines Netzes eingeordnet. Diese Einordnung kann auch als Knoten eines neuronalen Rings erfolgen:

Strukur2

Neuronale Ringe entstehen besonders beim zirku­lä­ren oder auch hermeneutischen Denken, während neuronale Sterne häufig durch Assoziationen entstehen.

Die Vernunft merkt zu diesem Bild an, dass es natürlich künstlerisch sehr idealisiert darstelle, was in Wirklichkeit niemals diese wohlgeordnete Gestalt aufweise. Der Verstand erklärt ihr, dass er diese idealen Formen brauche, um zu allgemeinen Aussagen zu gelangen. Die Vernunft ist nicht ganz damit einverstanden und wendet ein, dass auch ihre ästhetischen Gestaltungen wohlgeordnet sein müssten, um als schön empfunden werden zu können.

Vernunft und Verstand sind sich einig, dass sie beide die schöne allgemeine Gestalt lieben, auch wenn diese nur eine schöne Vorstellung bleiben könne. So bleibt ein Kreis eine unerreichbare Form, eine Utopie der möglichen Wirklichkeit, die allein als geometrisch mathematischer Gedanke wirklich werden könne.
Alle reden vom Kreis, wohl wissend, dass es sich lediglich um eine gedankliche Projektion handelt. Das venunftbegabte Lebewesen braucht den Kreis ebenso sehr wie die runde Erde, die Erde als Kugel oder die allgegenwärtige Energie als Gott.

_________
[1] von lat.: structura = ordentliche Zusammenfügung, Bau, Zusammenhang; bzw. lat.: struere = schichten, zusammenfügen)
 

31
Okt
2011

Naturcode

 
feuersee-w3
 
 
Ein Code ist eine Vorschrift, wie Mitteilungen mit Hilfe von Zeichen umgewandelt werden sollen. Wenn die Natur unter dem Aspekt betrachtet werden soll, dass sie Schöpfung Gottes sein soll, dann stellt sie möglicherweise einen Code dar, mit dessen Hilfe sich der Schöpfer in verschlüsselter Form mitteilt.

Wird nun Natur daraufhin beobachtet, dann gelangt alles in strengen Ordnungen zum Vorschein, also wiederum verstandesgesteuert. Im System “Natur” scheint kein Raum für die Vernunft zu sein und alle vernünftigen Eingebungen wie beispielsweise das Gewissen erscheinen wider die Natur.

Die Natur kennt nur Verbote, keine Gebote, nur Gesetze, keine Regeln und keine Werte, sondern nur Normen. Trotz allem ist Natur nicht nur rein logisch, sondern auch künstlerisch tätig. Zumindest erzeugt sie mit Hilfe logischer Formen künstlerische Ge­stal­tungen. So ist Musik ohne die Gesetze der Harmonie nicht denkbar. Ist dann Vernunft nichts Anderes als ein Spiel des Verstandes?

Die Vernunft mischt sich ein. Für sie drohen sich die Gedanken zu einseitig zu gestalten. Ihrer Ansicht nach tut der Verstand gerade so, als sei für ihn “Unschärfe” ein Fremdwort. “Was ist nur in ihn gefahren?”, fragt sich die Vernunft. Gewiss, strenge Logik ist für den Verstand eine Utopie, die ihn antreibt.

Jetzt greift auch der Verstand direkt ein, durchaus dankbar dafür, dass sich ihr Zwiegespräch fortsetzt. Der Verstand erzählt, dass ihm das Spielen durchaus nicht fremd ist. Oft muss er einen Gedanken lange durchspielen, bis er ihm gefällt und er ihn annehmen kann. Und er beklagt sich, dass es in der geistigen Welt viel zu viele sowohl magersüchtige als auch fettleibige Definitionen gibt. Manche geisteswissenschaftliche Definition ist so vollgefressen, dass sie Regale in Anspruch nehmen muss.

Für den Verstand ist die Vernunft die Mutter, die ihn ernährt. Und ohne schöpferische Vernunft wäre er längst arbeitslos. “Warum hast Du dann den Autor so lange gegen mich schreiben lassen?”, will die Vernunft wissen. “Weil es für mich ein Gedankenspiel war!”, antwortet der Verstand, und er fügt noch hinzu: “Tut mir leid, dass Du das alles ernstgenommen hast!”

Der Verstand hat eine Idee und fragt die Vernunft, was sie davon halte, wenn er sie ins Naturkunde-Museum einladen würde.
 

30
Okt
2011

Unvernünftige Urtexte

 
Feuersee-w2

Jene Urtexte, welche deren Überbringer als Eingebungen Gottes ausgeben, gelangen vor allem als Verstandestätigkeit zum Vorschein. Ein Beispiel stellen die Zehn Gebote dar, welche von Moses als Wort Gottes verkündet werden:

1. Du sollt keine anderen Götter haben neben mir!
2. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrau­chen
3. Du sollst den Feiertag heiligen
4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren
5. Du sollst nicht töten
6. Du sollst nicht ehebrechen
7. Du sollst nicht stehlen
8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden ...
9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib
10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut!

Alle Sätze sind durch ein befehlstonartiges “Du” miteinander verbunden. Aber diese Verbindlichkeit hat als Soll-Forderung durchaus etwas Bedohliches an sich.

Die ersten drei Gebote beziehen sich rückbezüglich auf den Gebieter-Gott, während sich die folgenden sechs Gebote auf das Verhalten der Menschen untereinander beziehen.

Es handelt sich also um das zusätzlich verbindende Makrozeichen “Verhalten”.

Offensichtlich sind die göttlichen Zusprüche der Bibel eher ausgedacht als intuitiv bzw. durch Eingebung erfahren worden.

Das allen Texten übergeordnete Superzeichen “Gott” bestätigt zudem einen dominanten, verstandesgesteuerten Anspruch.
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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