2
Apr
2011

Die Anfänge synergetischen Denkens liegen über ein Jahrhundert zurück


Zu Beginn der Abendländischen Kultur definieren die griechischen Philosophen den Menschen als “vernunftbegabtes Lebewesen”. Etwa zweieinhalb Jahrtausende später scheint diese Definition nicht mehr auszureichen, denn neben der Stimme der Vernunft findet die Stimme des Gefühls zunehmend mehr Gehör. Das wirkt sich konsequenterweise auf das Denken aus und damit verändert sich auch die Philosophie wesentlich. Das Denken in Begriffen wird komplementiert durch das Denken in Bildern. Im Gegensatz zu Begriffen sind Bilder in der Lage, Gefühle mit einzubeziehen. Denken und Fühlen werden in jenem Sinn komplementär, durch welchen sie in einer Einheit bzw. Duplizität aufgehen. Es scheint, als wäre erst durch das Stiften dieser Einheit die seit dem Ende verlorener Ganzheitlichkeit des Gehirns wiederhergestellt. Die linke und rechte Hemisphäre scheinen sich nun auch endlich in der Philosophie zu synchronisieren. Sein und Werden finden nach fast dreitausend Jahre währender Trennung wieder zusammen. Jetzt darf allerdings niemand vermuten, dass sich das Denken spontan darauf einzustellen vermag, Sein und Werden ineins zugleich zu denken. Wir müssen erst mühsam herauszufinden versuchen, wie das Zusammenfließen durch das Bewusstwerden zu bewältigen ist. Schließlich ist schon wieder weit über ein Jahrhundert vergangen, seit der Philosoph Friedrich Nietzsche zum ersten Mal diese Synergie des Denkens in “Also sprach Zarathustra” sowohl künstlerisch als auch philosophisch gedacht hat.

In seinem Werk "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" schreibt der Philosoph Friedrich Nietzsche: "...wir sind zum Leben, zum richtigen und einfachen Sehen und Hören, zum glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen verdorben und haben bis jetzt noch nicht einmal das Fundament einer Kultur, weil wir selbst nicht davon überzeugt sind, ein wahrhaftiges Leben in uns zu haben." Kurzum: Wir haben das Gespür für das Leben verloren!

Nietzsche erklärt auch den zureichenden Grund für unser unnatürliches Verhalten: "Zerbröckelt und auseinandergefallen, im ganzen in ein Äußeres und ein Inneres halb mechanisch zerlegt, mit Begriffen wie mit Drachenzähnen übersät, Begriffsdrachen erzeugend, dazu an der Krankheit der Worte leidend und ohne Vertrauen zur eigenen Empfindung, die noch nicht mit Worten abgestempelt ist: als eine solche unlebendige und doch unheimlich regsame Begriffs- und Worte-Fabrik habe ich vielleicht noch das Recht, von mir zu sagen cogiti, ergo sum, nicht aber vivo, ergo cogito. Das leere 'Sein', nicht das volle und grüne 'Leben' ist mir gegegeben."

Im 'Versuch einer Selbstkritik' zur 'Die Geburt der Tragödie' (1886) beschreibt Nietzsche den entscheidendenden Aspekt, unter welchem "sich jenes verwegene Buch zum ersten Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens..."

Ein Rückgang in die Anfänge der abendländischen Kultur zeigt, dass dieser Zusammenhang in den Anfängen bereits gedacht worden war, denn nicht von ungefähr gaben die Griechen der Kunst des Wahrnehmens und Lernens den Namen "mathematiké téchne": Mathematik. Bis heute ist die Mathematik jene Geisteswissenschaft geblieben, welche Abstraktion und Konkretion bzw. Theorie und Praxis einer Anwendung in sich vereint. Die Schwierigkeit (höhere) Mathematik zu verstehen, besteht vor allem darin, dass sie philosophisch gedacht und künstlerisch angewendet werden muss. Wer mathematisches Denken im Unterricht nicht über Anschauungen initiiert, kann von Lernenden nicht erwarten, dass sie mathematisch verstehen.

Kunst, Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften spielen ständig mit dem Wechsel von Möglichkeit und Wirklichkeit bzw. Theorie und Praxis. Dieses Spiel kennt nur Entscheidungen zwischen einem eindeutigen Ja oder einem ebenso klaren Nein. Unser Gehirn kommt deshalb mit diesem Spiel am besten zurecht, weil es zu seinen neuronalen Regeln und Strategien kongruent ist. Mit allen anderen Vorgehensweisen bekommt das Gehirn natürlicherweise Schwierigkeiten.

1
Apr
2011

Wider und für


Mein Problem ist, dass mein wissenschaftliches Anliegen auf fast unzumutbare Weise vom persönlichen Interesse besonders stark beeinflusst wird. Normalerweise empfiehlt es sich in einer solchen Situation, den Fall abzugeben. Ich aber denke trotz aller verständlicher Bedenken, dass sich mein eigener Beweggrund sehr klar und somit deutlich von dem Inhalt der bevorstehenden Untersuchung trennen lässt. Wissenschaftliche Methoden müssen nämlich so weit objektiviert sein, dass sie nicht durch irgendwelche Subjektivismen zersetzt werden können.

Interessanter- und nicht unbedingt auch überraschenderweise sind es die Grenzen der Schulmedizin, die dringenst dazu auffordern, sich um Alternativen zu bemühen. Nicht nur die Tatsache, dass jede zweite Frau und jeder dritte Mann im hohen Alter dement wird, sondern auch die vielen Fälle einer Erkrankung, in denen die Schulmedizin nicht mehr weiterhelfen kann, stellen zunehmend dringender die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der alternativen Heilung. Da spielt dann die eigene Betroffenheit nur noch eine geringfügige, untergeordnete Rolle.

Im Zusammenhang mit dem Phänomen der Selbstheilung stößt man vor allem auf Begriffe wie zum Beispiel Bewusstsein, Unterbewusstsein oder Intuition. Und was sofort auffällt: es existiert ein überaus boomender Markt dazu. Im Internet bieten sich eine Unzahl von Leuten als Heiler an. Bei näherem Hinsehen aber stellt sich das als eine gute Einnahmequelle bis hin zur Abzocke für alle Anbieter dar. Darüber hinaus gibt es eine unüberschaubare Fülle von Autoren und Autorinnen zu diesem Thema. Es lässt sich zweifellos feststellen, dass das alles auch ein deutliches Zeichen für die Sehnsucht der Menschen ist, eine Kraft zu erfahren, die ihnen hilft, sich aus der Verflochtenheit mannigfacher krank machender Verstrickungen zu befreien. Existiert nun eine solche Kraft wirklich oder ist das nichts weiter als Firlefanz geldgieriger Irrläufer? Wie steht es dann mit der Regel: “Kräfte, die kosten, heilen nicht!”?

Gegen die vorgetragenen Bedenken muss aber auch die Tatsache schulmedizinisch ausgewiesener Fälle von Selbstheilungen gesetzt werden. Einige davon werden in “Auf den Spuren der Intuition” (2 DVD, 13-teilige BR-alpha-Serie) dokumentiert. Hinzugefügt werden können auch die medizinisch wissenschaftlich bestätigten Wunderheilungen an Wallfahrtsorten wie Lourdes (Frankreich), Fatima (Portugal) oder Altötting (Bayern). Solchen Fällen scheint gemeinsam zu sein, dass die Heilung durch Bilder im Bewusstsein (Vorstellungen) ausgelöst wird. Das scheint auch bei sogeannten Geistheilungen wie bei Jost Kundert, dem Bauern aus dem Glarner Land, der Fall zu sein.

Als er ins Kantonsspital Glarus eingeliefert wurde, hatte der Bauer aus dem Glarner Land seine Stimme verloren und er konnte auch nicht mehr laufen. Ein Vierteljahr lang fand kein Arzt die Ursache dafür, keiner wusste dem Mann zu helfen. Doch in der Klinik traf Kundert auf eine Geistheilerin, die dort seit Jahren unterstützend wirkt. Sie “sah” ihn von einer weissen Wolke umgeben – und er erinnerte sich an einen geplatzten Sack Düngemittel. Zwei Stunden später, nach einer einzigen Sitzung, war der Landwirt vollständig geheilt.

Was Professor Dr. Kaspar Rhyner, Chefarzt der Inneren Abteilung des Kantonsspitals Glarus, beim Basler “Weltkongress” über die unorthodoxe Zusammenarbeit mit der Heilerin berichtet, deckt sich mit Erfahrungen, die der Basler Psychiater Dr. Jakob Bösch mit der slowenischen Heilerin Graziella Schmidt machte, nachdem er ihr im Rahmen eines Forschungsprojekts über Geistiges Heilen in der Psychiatrie die Chance gab, sich um psychisch Schwerstkranke zu kümmern. Und er kommentierte: “Von der Zusammenarbeit zwischen geistigen Heilern und Schulmedizinern können beide Seiten profitieren. Die einen erlernen dabei kritisches Denken, die anderen Intuition.“

Geistheiler in Kliniken, Seite an Seite mit Chefärzten: Zumindest in Kontinentaleuropa ist dies vorerst noch eine Rarität, anders als in Großbritannien, wo schon Ende der fünfziger Jahre fast 200 Krankenhäuser ihre Tore für Geistheiler öffneten; bis 1992 waren bereits 1500 britische Kliniken für Heiler zugänglich. Doch auch in der Schweiz und Deutschland finden beide Seiten immer häufiger zueinander.  Heiler helfen in Arztpraxen wie bei dem deutschen Radiologen Dr. Horst Schöll oder bei dem Basler Internisten Dr. Beat Schaub, der den Geistheiler Horst Krohne beschäftigt.

31
Mrz
2011

Erfahren

 
erfahren-bearbeitet


1986 habe ich zusammen mit Ulrike eine LP mit dem Titel “Erfahren” veröffentlicht. Auf der Rückseite des LP Covers “Erfahren - physical symphony” heißt es:


“... eine Fahrt machen,
einen Weg beschreiten
und sehen,
was die Erfahrung zeigt…”

Im letzten Beitrag “Mein Weg in die Pädagogische Kybernetik” habe ich einen Teil eines solchen Weges, die wissenschaftliche Strecke, beschrieben. Die Leitplanken dieser Wegstrecke bildeten immer die Kunst bzw. Musik und die Philosophie. Diese Wegstrecke endete vor fast genau einem Jahr vor einem schlaganfallbedingten Abgrund, in den ich hochwahrscheinlich dank der Intuition nicht hinein gefallen oder wenigstens nicht darin umgekommen bin. Heute weiß ich, wie außerordentlich wichtig die ersten Minuten des Bewusstwerdens nach einem Schlaganfall sind. Jedenfalls hat mich meine innere Stimme fast angeschrieen: ”Um Gottes willen, jetzt bloß nicht liegen bleiben. Sofort aufstehen und bewegen! Und sofort die Stimme ausprobieren!” Ich konnte nicht nachdenken, habe nur geguckt, ob keine Schwester in der Nähe ist und bin mühsam aufgestanden, um mich mühevoll, von Stuhl zu Stuhl zur Wand abstützend zum Waschbecken zu quälen! Kaum hatte ich das Ziel erreicht, betrat eine Schwester das Zimmer der Stroke-Unit und rief erschrocken: “Um Gottes willen, Sie können doch gar nicht gehen!” und begleitete mich zum Bett zurück. Während der zwei Wochen, die ich in dieser primitiv und schlecht eingerichteten Abteilung verbringen musste, hatte ich hinreichend Zeit, mir genügend viele Strategien für vebotene Wege auszudenken.

Jedenfalls hat das dazu geführt, dass sich nun sowohl die künstlerische und philosophische als auch wissenschaftliche Fragestellung ganz intensiv nach dem Phänomen der Selbstheilung erkundigen. Also werde ich mich mit diesem Phänomen in den kommenden Beiträgen gründlich auseinandersetzen.

30
Mrz
2011

Beitrag in GrKG


Auf der Suche nach Zuverlässigkeit für die Pädagogik

- Mein Weg in die kybernetische Pädagogik –


Von Prof. Dr. Wolfgang Schmid, Flensburg/Stuttgart

Als ich in an der Universität zu Köln mein Studium der Philosophie und Slawistik aufnehme, erfahre ich, dass ich für das Philosophikum noch zusätzlich Pädagogik zu studieren habe. Aber schon die ersten Vorlesungen, die ich in diesem Fach höre, versetzen mich in Schrecken, denn von meinen sehr guten Lehrern im Gymnasium bin ich keineswegs gewohnt, auf so verallgemeinernde Art und andeutungsvolle Weise mit wirklich ernsthaften Problemen umzugehen. So bewegen mich von Anfang meines Studiums an Überlegungen, ob sich denn nicht zuverlässigere Mittel zur Erklärung pädagogischer Phänomene finden lassen als die sehr komplex idealisierenden Begriffe einer Allgemeinen Pädagogik. Die Auseinandersetzung mit den Methoden der Statistik und die Begegnung mit der Computertechnologie und Programmiertechnik bringen mich auf die Suche nach zuverlässigeren Daten über den Menschen. Schließlich entdecke ich, dass sich neuronale Prozesse des Gehirns in Texten, die sie generieren, dokumentieren. Es muss demnach möglich sein, mit Hilfe einer geeigneten Analyse von Texten auf die vorgängig textgenerierenden Prozesse zu schließen, um Aufschlüsse über menschliches Lernverhalten zu erhalten. Im Rahmen dieser Fragestellung stoße ich auf die Arbeiten von Helmar Frank, durch den ich dann auch Klaus Weltner kennen lerne. In meiner Habilitationsschrift entwickle ich, durch diese beiden Wissenschaftler beeinflusst, Strategien einer kybernetischen Textanalyse. 1973 werde ich an der Gesamthochschule in Kybernetischer Pädagogik als erster in diesem Fach habilitiert. Helmar Frank und Klaus Weltner sind dann auch die wichtigsten Gutachter dieser Arbeit, die zusätzlich auch vom Mathematischen Institut der Universität Bonn und an der TH Aachen begutachtet wird. Schließlich ist es zugleich die erste Habilitation, die an der Gesamthochschule Siegen durchgeführt wird. Der Schulpädagoge und Allgemeine Pädagoge Heiner Müller übernimmt die sehr hilfreiche Rolle des Mentors. Im nachfolgenden Artikel beschreibe ich jene Gedanken, welche mich zu jener Zeit und bis heute bewegen.

Einflüsse der Philosophie

Mit der Entdeckung der Kategorien schafft Aristoteles die Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft. Diese Grundlegung vollzieht sich als Verpflichtung des Denkens auf folgende Bewegungen hin:


1.) Erforschen der Ursache in Bezug auf deren Wirkung (kausales Denken)
2.) Beschreibung von wesentlichen Merkmalen in Bezug auf das durch sie definierte Wesen (faktisches Denken)
3.) Ermittlung des Grundes in Bezug auf den ihm innewohnenden Zweck (teleologisches Denken)
4.) Erfassen der Art und Weise des Erscheinens von etwas im Zusammenhang mit dessen Voraussetzungen (konditionales Denken)
5.) Erwägen der einzusetzenden Mittel unter Berücksichtigung der hierfür erforderlichen Aufwendungen (ökonomisches Denken)
6.) Erfahrungen mit der Dauer der jeweiligen Umsetzung unter Berücksichtigung der situativen Gegebenheiten.


Keine der sechs hier aufgezeigten Richtungen des Denkens führt allein auf einen Weg des Erkennens. Wer allgemeingültiges Wissen anstrebt, muss sich schon einer Überprüfung unter Berücksichtigung aller sechs Denkrichtungen unterziehen. Allgemeingültigkeit ist nämlich erst dann und nur dann gegeben, wenn folgende Bedingungen eingehalten werden:


Ursachen und deren Wirkungen sind wie Grund und Zweck aufgrund überprüfbarer Eigenschaften umkehrbar eindeutig als Phänomen zu bestimmen. Diese Bestimmungen müssen alle unter den gleichen Voraussetzungen, mit den gleichen Methoden und den gleichen Aufwendungen in vergleichbarer Zeit und Situation so nachvollzogen werden können, dass sie ein vergleichbares Phänomen erzeugen.


Wenn also alle Interpretationen in Ursache und Wirkung, Grund und Zweck, Merkmalen und Wesen, Umstand und Art/Weise, Mittel und Aufwand, Raum und Zeit übereinstimmen, und infolgedessen zur selben Form, Funktion oder Formel gelangen, dann ist Allgemeingültigkeit gegeben. Wissenschaft ist ein Denken, dass sich an diese Voraussetzungen hält.


Dem philosophischen Anspruch des Aristoteles auf Allgemeingültigkeit wurde in der Geschichte der Wissenschaft letztlich nie entsprochen. Der Anspruch auf kategorial vollständige Erfassung eines Phänomens scheint das Fassungsvermögen menschlicher Vernunft zu übersteigen. Aristoteles selbst entzieht sich dem, indem er der Idee seines Lehrers Platon folgt und der Vergänglichkeit des Werdens die Unvergänglichkeit des Seins gegenüberstellt und im Gegensatz zur Physik als den Bereich des sinnlich Vernehmbaren (ta physika) die Metaphysik als den Bereich des allein Denkbaren (meta ta physika) definiert. Mit der Grundlegung der Philosophie als Metaphysik wird es möglich, alle jene Kategorien „auszuklammern“, welche allein sinnlich Vernehmbarem genügen und sich somit vernünftigerweise nicht mehr erfassen lassen. Es gelingt, eine Philosophie zu schaffen, die, ohne Rücksicht auf die Sinne nehmen zu müssen, zu Erkenntnissen zu gelangen vermag. Schließlich beweist die Existenz der Mathematik, dass das funktioniert, natürlich erst dann und nur dann, wenn ein verbindliches System existiert, welches die Art und Weise des Vorgehens klar ordnet und eindeutig regelt (Logik). Während es aber der Mathematik gelingt, durch Strategien des Messens Verbindungen zum Bereich des sinnlich Vernehmbaren herzustellen, verbleibt die Metaphysik dem allein Denkbaren verpflichtet. Der Rückgang von den meta ta physika in die ta physika gelingt nicht und im Gegensatz zur Mathematik lässt sich Philosophie nicht mehr zahlenmäßig konkretisieren und damit nicht mehr sinnlich vernehmbar veranschaulichen.


Mit seinen Kritiken der Vernunft versucht Immanuel Kant das Defizit der Isolation der Vernunft zu beseitigen. Das gelingt ihm durch die Konstitution der reinen Vernunft und der reinen Begriffe a priori. Dem transzendentalen Denken gelingt es, der Philosophie analog zur Mathematik ein stabiles verbindliches System von Begriffen a priori zu verschaffen. Mit Hilfe der Begriffe a posteriori gelingt der Philosophie eine Hinwendung bzw. Rückkehr zum sinnlich Vernehmbaren.

Einflüsse der Kybernetik

Von der Welt der Wissenschaft nahezu unbemerkt wird diese Kehre durch das kybernetische Denken Helmar Franks und durch das informationstheoretische Denken Klaus Weltners vollendet. Die Verbindung von Sein und Werden wird vor allem durch zwei überführende Begriffe geleistet, und zwar durch den methodischen Begriff der Kybernetik und durch den phänomenologischen Begriff der Information.


Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, Kybernetik als eine Wissenschaft zu betrachten. Zutreffend ist, dass es sich bei der Kybernetik vor allem um eine wissenschaftliche Methode des Algorithmierens, Kalkülisierens bzw. Mathematisierens (= berechenbar machen) eines Algorithmus und Simulierens (programmtechnisch umgesetztes Nachahmen eines natürlichen Prozesses) handelt.


Helmar Frank hat als erster Wissenschaftler in Deutschland versucht, die Kybernetik für die Pädagogik nutzbar zu machen. Die Begründung lag für ihn auf der Hand.
Die Pädagogik hat keine eigene Wissenschaftssprache. Um ihre Inhalte beschreiben zu können, bedient sie sich der Symbolsprachen jener Wissenschaften, welche ihr für ihre Zwecke geeignet erscheinen. Auf diese Weise entsteht eine Mischform von Wissenschaften, eine in den Geisteswissenschaften durchaus bekannte Erscheinung. Wer solcher Entfremdung entgehen möchte, versucht sich in der Regel in einer pseudobegrifflich angereicherten, überhöhten Alltagssprache.


Um nun pädagogische Vorgänge weder wissenschaftlich verfremden noch pseudobegrifflich überhöhen zu müssen, machte Helmar Frank den Vorschlag, die Pädagogik mit einer Methode zu verknüpfen, die einerseits die unerwünschte Nebenwirkung der Entfremdung, andererseits die unerwünschte Nebenwirkung der Überhöhung beseitigt. Seine Idee umschrieb Helmar Frank mit dem Begriff „Kybernetische Pädagogik“.


In der Einleitung zu seinem Buch „Kybernetische Grundlagen der Pädagogik“ spricht Helmar Frank über den „Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Pädagogik“: „Die sogenannte ‘Erziehungswissenschaft’ erfährt von zwei Seiten eine mehr oder minder offene Geringschätzung: von Seiten vieler Erzieher und von Seiten vieler Wissenschaftler. Letztere bestreiten in der Regel nur den wissenschaftlichen Rang der gegenwärtigen Pädagogik, die ersteren oft sogar die Möglichkeit einer Erziehungswissenschaft überhaupt. Bisher hatte sich fast jeder Lehrer zu Anfang seiner Berufspraxis mit dieser Geringschätzung irgendwie abzufinden. Bei manchen nahm sie die Form einer schlagartigen Enttäuschung an. Bei anderen bestand sie in allmählich aufkeimenden Zweifeln über den praktischen Nutzen angelernter pädagogischer Theorien. Wieder andere hatten ihre pädagogische Praxis begonnen, ohne eine Hilfe von einer wie auch immer gearteten pädagogischen Theorie zu erwarten und erkannten plötzlich die Bedauerlichkeit des Fehlens dieser Hilfe.“ (Frank 1971, 15)


Frank verbindet mit der Grundlegung der Pädagogik als kybernetischer Pädagogik die Hoffnung, dass „mit dem Aufstieg der Kybernetik“ „die Wissenschaftlichkeit der Pädagogik künftig auch von jenen Wissenschaftlern anerkannt wird, die am seltensten genötigt sind, ihr eigenes Fach gegen den Verdacht der Unwissenschaftlichkeit zu verteidigen, nämlich von den Mathematikern, den Natur- und den Ingenieurwissenschaftlern“. (ebd. S. 16)
Diese erstmals geäußerten Überlegungen münden dann letztlich in die Forderung, pädagogische Prozesse letztlich erst dann und nur dann als wissenschaftlich akzeptabel zu betrachten, wenn sie die Phasen der empirischen Untersuchung, der Modellierung und Mathematisierung durchlaufen haben. „Die kybernetische Pädagogik kann definiert werden als die Gesamtheit der Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse, die sowohl in den Bereich der Pädagogik als auch in den Bereich der Kybernetik fallen.“ (ebd. S.27)
Es muss „einen Teilbereich der Pädagogik geben, der die drei Kriterien der Kybernetik (…) erfüllt: es muss in ihm ein (1) informationeller Gegenstand mit einer (2) kalkülisierenden Methode erforscht werden, und dies (3) mit dem Ziel einer Objektivation“ (ebd.).
In Anlehnung an Paul Heimann (1962) formuliert Frank die sogenannten „sechs Dimensionen des pädagogischen Raumes“: „Lehralgorithmus (Wie)“, „Lehrstoff (Was)“, „Medium (Wodurch)“, „Psychostruktur (Wem)“, „Soziostruktur (Wobei)“, „Lehrziel (Wozu)“ und „Lehralgorithmus (Wie)“. „Jedes Unterrichtsgeschehen ist also festgelegt, sobald über“ diese „sechs Variablen verfügt ist, die wir ‚pädagogische Variablen‘ oder auch ‘Dimensionen des pädagogischen Raumes’ nennen“ (ebd. S. 28/29)


Verzichtet wird folglich auf die übrigen Kategorien wie die des Grundes (Warum: Erziehungs- bzw. Bildungsziel), der Lernursache (Wer: Auslöser wie Lehrer bzw. Lehralgorithmierer), des Lernraumes (Wo: Schulart, Schultyp, Lerngruppe), der Lernzeit (Wann: Zeit: Tagesform, Kondition), des Umfanges an Lehrstoff (Wieviel: Lehr- und Lernressourcen), und des Sinns (Wofür: Art der Qualifikation).


Man kann diese Aussparung entweder (gegen Aristoteles bzw. Kant) damit begründen, dass diese Kategorien in den übrigen aufgehen oder erklären, dass sie dem wissenschaftlichen Zugriff entgegenstehen. Wie dem auch sei, jedes Phänomen, so auch das pädagogische, muss entweder unter allen Hinsichten wahrgenommen werden oder man muss durch Beobachtungen feststellen, dass es eben nicht ganzheitlich zu untersuchen ist und zwecks wissenschaftlicher Bestimmung schrittweise zu reduzieren ist und damit nur eingeschränkt erfasst werden kann.


Ganz praktisch lässt sich erklären, dass jeder Versuch einer ganzheitlichen Bestimmung von Phänomenen in die Aporie dessen führt, was der Volksmund nennt „Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.“ Es gibt also gleich zwei gute Gründe für die „Franksche Sparsamkeit“.


Auch die Frage, ob denn unter den zwölf Kategorien eigentlich die sechs „richtigen“ gezogen worden sind, ist ziemlich uninteressant, da bei einem Sparmodell nur das zählt, was sich auch rechnerisch nachweisen lässt. Nun hat aber der ‚Absatz’ dieses Sparmodells nach einem enormen Anfangserfolg rasant nachgelassen. Heute, Jahrzehnte später, scheint sich kaum noch jemand dafür zu interessieren.


Warum ist der von Frank wissenschaftlich begründeten Pädagogik der durchschlagende Erfolg verwehrt geblieben? Das Problem ist wahrscheinlich aus einem Missverständnis heraus entstanden. Während es Frank wesentlich darum geht, die Relevanz der Kybernetik für wissenschaftlich defizitäres Denken exemplarisch an der Pädagogik aufzuzeigen, wird dieses Anliegen seitens der Pädagogik gründlich missverstanden als unzumutbare Einmischung. Der Schulpädagoge Werner S. Nicklis sieht in der Übertragung kybernetischer Methoden auf pädagogische Vorgänge eine unzulässige Verallgemeinerung. So werden beispielsweise unterrichtliche Prozesse lediglich als Organisationsform untersucht, wenn sie als Regelung betrachtet werden. Wesentliche Inhalte aber werden außer Acht gelassen, wenn es lediglich um informationstheoretisch definierte Transformation qualitativer Abläufe mit Hilfe algebraischer Symbolik geht. Werner S. Nicklis unterscheidet drei Stufen der Entwicklung der kybernetischen Lernforschung, welche seiner Auffassung nach die Grundlage der kybernetisch orientierten pädagogischen Ansätze liefern.

Einflüsse der Informationstheorie

Vier Jahre nach Einführung des Begriffs verständigt sich Norbert Wiener 1947 mit anderen Wissenschaftlern auf „cybernetics“ als Begriff für Probleme der Regelung in technischen Systemen und lebenden Organismen. 1948 erscheint das Buch „Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine“. Norbert Wiener unternimmt also den Versuch einer kybernetischen Vereinheitlichung wissenschaftlicher Problemstellungen, und zwar unter dem Aspekt der Begründung einer Theorie der Kommunikation und Regelung bzw. Steuerung. Werner S. Nicklis betrachtet dies als Ursprungsstufe in der Entwicklung der kybernetischen Lernforschung. In der daran anschließenden Stufe, die er als „Entfaltungsstufe“ des Ansatzes Norbert Wieners bezeichnet, geht es in den Jahren 1950-1960 um Umsetzung bzw. Anwendung kybernetischer Modelle beispielsweise in der Biologie, Neurologie oder Logistik. In der dritten Stufe, die Nicklis als “gegenwärtige Entfaltungsstufe” bezeichnet, geht es um die Anwendung des kybernetischen Ansatzes in der Pädagogik, speziell um die Rolle der Normen, Lernen, Gedächtnis, Adaption, besondere Lernformen, wobei die methodisch-didaktische Optimierung im Vordergrund steht und inhaltliche Auseinandersetzungen ausgespart bleiben. (vgl. Nicklis 1967, S.61). Nicklis betont die Versuche Helmar Franks und Felix v. Cubes, eine kybernetische Pädagogik zu installieren und den Unterrichtsprozess durch Verwissenschaftlichung zu revolutionieren. Franks Idee, die Pädagogik als Teilgebiet der Kybernetik aufzufassen, führt zur Trennung von Forderungen und Fakten, um für pädagogische Situationen Soll- und Ist-Werte ermitteln zu können. Zudem werden psychologische Vorgänge informationstheoretisch erklärt und beschrieben. Kybernetik begnügt sich nicht als komplementäre Betrachtungsweise zur Pädagogik, sondern beansprucht – so Nicklis, die Frage der Wissenschaftlichkeit der Pädagogik schlechthin zu lösen.


Im Grunde lässt sich diese Kritik vereinfachen und als kategorialen Konflikt zwischen den beiden maßgeblich bestimmenden Kategorien “Wie” und “Was” betrachten. Während es der Kybernetik wesentlich um das “Wissen wie” geht, ringt die Pädagogik um das “Wissen was”. Kybernetische Methodik und schulpädagogische Didaktik oder normative Pädagogik finden ganz offensichtlich nicht zusammen. “Die Wissenschaft beschreibt und erklärt die Welt, sie fühlt sich als Wissenschaft nicht berufen (!), die Welt zu verändern.” “Die normative Pädagogik, die das “Wissen was” erforscht und ideologische Fragen zu erörtern hat, kann daher den Rang einer Wissenschaft nicht beanspruchen.” (Frank 1962, S.5) Im Sinne einer Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften lässt sich diese Kluft – so Frank – allein durch die Kybernetik schließen. “Sie stellt … einerseits die Forderungen voran, die ihr eine normative Ideologie liefert, und versucht, auf der anderen Seite auf die informationspsychologischen und gegebenenfalls biologischen und gruppenpsychologischen Befunde gestützt, ein Erziehungsprogramm zu entwickeln.” (Frank 1962, S.13)


Historisch betrachtet ist das Franksche Bemühen, natürliche Vorgänge rein logisch zu erfassen, ein Wiederholen des Gleichen zu Beginn der Abendländischen Kultur. Bereits die Vorsokratiker entwickeln Methoden, um zu erfassen zu lernen, wie sich solche Vorgänge organisieren. Sie nennen diese Technik des Lernens und Gewinnens von Erkenntnissen “mathematike techne”. Aus dieser griechischen Bezeichnung ging dann der Name “Mathematik” hervor. Aber im Gegensatz zur Kybernetik schließt Mathematik alles aus, was sich nicht mittels axiomatisch abgeleiteter Gesetze erfassen lässt. Im Grunde betrachtet Helmar Frank Pädagogik letztendlich gar nicht als etwas, das verwissenschaftlicht werden soll. Vielmehr wird (normative) Pädagogik zu einem ‘Organismus’, dessen Organisationsform kybernetisch transparent werden soll.
Diese Idee wird aber missverstanden als ein erklärendes Überleiten von einem beschreibenden Stadium der Phänomene des pädagogischen Prozesses mit Mitteln der Informationstheorie. Als Aussage über die Wahrscheinlichkeit bzw. Unwahrscheinlichkeit einer bestimmten Situation ist der Begriff der Information unabhängig von gewissen situativen Details. Dass die Wahrscheinlichkeit, unfallfrei Auto zu fahren, mit zunehmendem Alter sinkt, hängt zum Beispiel nicht wesentlich davon ab, ob Mann oder Frau ein Auto lenkt und erst recht nicht von deren Glaubenszugehörigkeit. Aber in den wenigsten Fällen stellt sich ein Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung so einfach dar. Wenn in einem pädagogischen Prozess das Verhältnis von Didaktik, Methodik und Lernerfolg bestimmt werden soll, dann müssen wesentlich mehr ursächliche Konstituenten berücksichtigt werden, nämlich:


1. Persönlichkeit des Lehrenden,
2. unterrichtliche Eigenschaften,
3. Lehrstrategie,
4. Lehrstoff,
5. Lehrziel,
6. Lehrmaterial,
7. Lernmotivation,
8. Lernfähigkeit,
9. Lernaufwand,
10. Lernbedingungen,
11. Lernort,
12. Lehr- und Lernzeit.


Es liegt auf der Hand, dass diese unterrichtlichen Konstituenten noch ganz erheblich differenziert werden müssen, bevor die Bedingungen der Möglichkeit einer relevanten informationstheoretischen Aussage genauer bestimmt werden können. In “Informationstheorie und Erziehungswissenschaft“ hat Klaus Weltner vor allem für den Sprachunterricht aufgezeigt, in welcher Richtung kybernetisch gedacht werden sollte.


Literatur

FRANK, Helmar: Kybernetische Grundlagen der Pädagogik. Agis, Baden-Baden, 1962

NICKLIS, Werner S.: Kybernetik und Erziehungswissenschaft : Eine krit. Darst. ihrer Beziehungen. Bad Heilbrunn/Obb. : Klinkhardt 1967

SCHMID, Wolfgang: Der Beginn der Sprachobjektivierung als Ansatz für eine Eigendidaktik, Habilitationsschrift, Siegen 1973

Weltner, Klaus: Informationstheorie und Erziehungswissenschaft. Quickborn 1970

29
Mrz
2011

Kritik der Kybernetik Teil III


Wird die Wahrscheinlichkeit, ein Lehr- bzw. Lernziel zu erreichen, als Information zum Ausdruck gebracht, dann muss der unterrichtliche Komplex so in kongruente Funktionen aufgelöst werden, dass die unterrichtlichen Konstituenten als parallele oder gleichzeitige Ereignisse erscheinen. Diese Überlegung erscheint paradox, denn es müssten ja dann alle 12 Konstituenten als gleichwertige Ereignisse in Bezug auf das, was erreicht werden soll, aufgefasst werden. Bis heute ist es der Pädagogik nicht gelungen, klare Aussagen über die wechselseitigen Abhängigkeiten didaktisch-methodischer Konstituenten zu formulieren. So ist die Idee Klaus Weltners naheliegend, den gesamten Komplex so zu reduzieren, dass er vereinfacht dort untersucht wird, wo er sich gleichsam selbst zum Vorschein bringt. Die gesamte Vielfalt unterrichtlicher Prozesse dokumentiert sich ja sprachlich in Texten als Gesamtheit der Informationsflüsse in neuronalen Netzen. Wird ein Text als Dokument neuronaler Pozesse aufgefasst, dann erscheint er als jener Tatort, an welchem sich didaktisch-methodische Vorgänge bündeln. Was liegt also näher, als Texte informationstheoretisch zu untersuchen.

28
Mrz
2011

Kritik der Kybernetik Teil II


Vier Jahre nach Einführung des Begriffs verständigt sich Norbert Wiener 1947 mit anderen Wissenschaftlern auf "cybernetics" als Begriff für Probleme der Regelung in technischen Systemen und lebenden Organismen. 1948 erscheint das Buch "Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine". Norbert Wiener unternimmt also den Versuch einer kybernetischen Vereinheitlichung wissenschaftlicher Problemstellungen, und zwar unter dem Aspekt der Begründung einer Theorie der Kommunikation und Regelung bzw. Steuerung. Werner S. Nicklis betrachtet dies als Ursprungsstufe in der Entwicklung der kybernetischen Lernforschung. In der daran anschließenden Stufe, die er "Entfaltungsstufe" des Ansatzes Norbert Wieners bezeichnet, geht es in den Jahren 1950-1960 um Umsetzung bzw. Anwendung kybernetischer Modelle beispielsweise in der Biologie, Neurologie oder Logistik. In der dritten Stufe, die Nicklis als “gegenwärtige Entfaltungsstufe” bezeichnet, geht es um die Anwendung des kybernetischen Ansatzes in der Pädagogik, speziell um die Rolle der Normen, Lernen, Gedächtnis, Adaption, besondere Lernformen, wobei die methodisch-didaktische Optimierung im Vordergrund steht und inhaltliche Auseinandersetzungen ausgespart bleiben. (vgl. Nicklis 1967, S.61). Nicklis betont die Versuche Helmar Franks und Felix v. Cubes, eine kybernetische Pädagogik zu installieren und den Unterrichtsprozeß durch Verwissenschaftlichung zu revolutionieren. Franks Idee, die Pädagogik als Teilgebiet der Kybernetik aufzufassen, führt zur Trennung von Foderungen und Fakten, um für pädagogische Situationen Soll- und Ist-Werte ermitteln zu können. Zudem werden psychologische Vorgänge informationstheoretisch erklärt und beschrieben. Kybernetik begnügt sich nicht als komplementäre Betrachtungsweise zur Pädagogik, sondern beansprucht - so Nicklis, die Frage der Wissenschaftlichkeit der Pädagogik schlechthin zu lösen.

Im Grunde lässt sich diese Kritik vereinfachen und als kategorialen Konflikt zwischen den beiden maßgeblich bestimmenden Kategorien “Wie” und “Was” betrachten. Während es der Kybernetik wesentlich um das “Wissen wie” geht, ringt die Pädagogik um das “Wissen was”. Kybernetische Methodik und schulpädagogische Didaktik oder normative Pädagogik finden ganz offensichtlich nicht zusammen. “Die Wissenschaft beschreibt und erlärt die Welt, sie fühlt sich als Wissenschaft nicht berufen (!), die Welt zu verändern.” “Die normative Pädagogik, die das “Wissen was” erforscht und ideologische Fragen zu erörtern hat, kann daher den Rang einer Wissenschaft nicht beanspruchen.” (Frank 1962, S.5) Im Sinne einer Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften lässt sich diese Kluft - so Frank - allein durch die Kybernetik schließen. “Sie stellt ... einerseits die Forderungen voran, die ihr eine normative Ideologie liefert, und versucht, auf der anderen Seite auf die informationspsychologischen und gegebenenfall biologischen und gruppenpsychologischen Befunde gestützt, ein Erziehungsprogramm zu entwickeln.” (Frank 1962, S.13)

Historisch betrachtet ist das Franksche Bemühen, natürliche Vorgänge rein logisch zu erfassen, ein Wiederholen des Gleichen zu Beginn der Abendländischen Kultur. Bereits die Vorsokratiker entwickeln Methoden, um zu erfassen zu lernen, wie sich solche Vorgänge organisieren. Sie nennen diese Technik des Lernens und Gewinnens von Erkenntnissen “mathematike techne”. Aus dieser griechischen Bezeichnung ging dann der Name “Mathematik” hervor. Aber im Gegensatz zur Kybernetik schließt Mathematik alles aus, was sich nicht mittels axiomatisch abgeleiteten Gesetzen erfassen lässt. Im Grunde betrachtet Helmar Frank Pädagogik letztendlich gar nicht als etwas, das verwissenschaftlicht werden soll. Vielmehr wird (normative) Pädagogik zu einem ‘Organismus’, dessen Organisationsform kybernetisch transparent werden soll.
Diese Idee wird aber missverstanden als ein erklärendes Überleiten von einem beschreibenden Stadium der Phänomene des pädagogischen Prozesses mit Mitteln der Informationstheorie. Als Aussage über die Wahrscheinlichkeit bzw. Unwahrscheinlichkeit einer bestimmten Situation ist der Begriff der Information unabhängig von gewissen situativen Details. Dass die Unwahrscheinlichkeit, unfallfrei Auto zu fahren, mit zunehmendem Alter sinkt, hängt zum Beispiel nicht wesentlich davon ab, ob Mann oder Frau ein Auto lenkt und erst recht nicht von deren Glaubenszugehörigkeit. Aber in den wenigsten Fällen stellt sich ein Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung so einfach dar. Wenn in einem pädagogischen Prozess das Verhältnis von Didaktik, Methodik und Lernerfolg bestimmt werden soll, dann müssen wesentlich mehr ursächliche Konstituenten berücksichtigt werden, nämlich:

1. Persönlichkeit des Lehrenden,
2. unterrichtliche Eigenschaften,
3. Lehrstrategie,
4. Lehrstoff,
5. Lehrziel,
6. Lehrmaterial,
7. Lernmotivation,
8. Lernfähigkeit,
9. Lernaufwand,
10.Lernbedingungen,
11.Lernort,
12.Lehr- und Lernzeit.

Es liegt auf der Hand, dass diese unterrichtlichen Konstituenten noch ganz erheblich differenziert werden müssen, bevor die Bedingungen der Möglichkeit einer relevanten informationstheoretischen Aussage genauer bestimmt werden können. In “Informationstheorie und Erziehungswissenschaft“ hat Klaus Weltner vor allem für den Sprachunterricht aufgezeigt, in welcher Richtung kybernetisch gedacht werden sollte.

Fortsetzung folgt

27
Mrz
2011

Kritik der Kybernetik Teil I


Dem philosophische Anspruch des Aristoteles auf Allgemeingültigkeit wurde in der Geschichte der Wissenschaft letztlich nie entsprochen. Der Anspruch auf kategorial vollständige Erfassung eines Phänomens scheint das Fassungsvermögen menschlicher Vernunft zu übersteigen. Aristoteles selbst entzieht sich dem, indem er der Idee seines Lehrers Platon folgt und der Vergänglichkeit des Werdens die Unvergänglichkeit des Seins gegenüberstellt und im Gegensatz zur Physik als den Bereich des sinnlich Vernehmbaren (ta physika) die Metaphysik als den Bereich des allein Denkbaren (meta ta physika) definiert. Mit der Grundlegung der Philosophie als Metaphysik wird es möglich, alle jene Kategorien "auszuklammern", welche allein sinnlich Vernehmbarem genügen und sich somit vernünftigerweise nicht mehr erfassen lassen. Es gelingt, eine Philosophie zu schaffen, die, ohne Rücksicht auf die Sinne nehmen zu müssen, zu Erkenntnissen zu gelangen vermag. Schließlich beweist die Existenz der Mathematik, dass das funktioniert, natürlich erst dann und nur dann, wenn ein verbindliches System existiert, welches die Art und Weise des Vorgehens klar ordnet und eindeutig regelt (Logik). Während es aber der Mathematik gelingt, durch Strategien des Messens Verbindungen zum Bereich des sinnlich Vernehmbaren herzustellen, verbleibt die Metaphysik dem allein Denkbaren verpflichtet. Der Rückgang von den meta ta physika in die ta physika gelingt nicht und im Gegensatz zur Mathematik lässt sich Philosophie nicht mehr zahlenmäßig konkretisieren und damit nicht mehr sinnlich vernehmbar veranschaulichen.

Mit seinen Kritiken der Vernunft versucht Immanuel Kant das Defizit der Isolation der Vernunft zu beseitigen. Das gelingt ihm durch die Konstitution der reinen Vernunft und der reinen Begriffe a priori. Dem transcendentalen Denken gelingt es, der Philosophie analog zur Mathematik ein stabiles verbindliches System von Begriffen a priori zu verschaffen. Mit Hilfe der Begriffe a posteriori gelingt der Philosophie eine Hinwendung bzw. Rückkehr zum sinnlich Vernehmbaren.

Von der Welt der Wissenschaft nahezu unbemerkt wird diese Kehre durch das kybernetische Denken Helmar Franks und durch das informationstheoretische Denken Klaus Weltners vollendet. Die Verbindung von Sein und Werden wird vor allem durch zwei überführende Begriffe geleistet, und zwar durch den methodischen Begriff der Kybernetik und durch den phänomenologischen Begriff der Information.

Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, Kybernetik als eine Wissenschaft zu betrachten. Zutreffend ist, dass es sich bei der Kybernetik vor allem um eine wissenschaftliche Methode des Algorithmierens, Kalkülisierens bzw. Mathematisierens (= berechenbar machen) eines Algorithmus und Simulierens (programmtechnisch umgesetztes Nachahmen eines natürlichen Prozesses) handelt.

Helmar Frank hat als erster Wissenschaftler in Deutschland versucht, die Kybernetik für die Pädagogik nutzbar zu machen. Die Begründung lag für ihn auf der Hand.
Die Pädagogik hat keine eigene Wissenschaftssprache. Um ihre Inhalte beschreiben zu können, bedient sie sich der Symbolsprachen jener Wissenschaften, welche ihr für ihre Zwecke geeignet erscheinen. Auf diese Weise entsteht eine Mischform von Wissenschaften, eine in den Geisteswissenschaften durchaus bekannte Erscheinung. Wer solcher Entfremdung entgehen möchte, versucht sich in der Regel in einer pseudobegrifflich angereicherten, überhöhten Alltagssprache.

Um nun pädagogische Vorgänge weder wissenschaftlich verfremden noch pseudobegrifflich überhöhen zu müssen, machte Helmar Frank den Vorschlag, die Pädagogik mit einer Methode zu verknüpfen, die einerseits die unerwünschte Nebenwirkung der Entfremdung, andererseits die unerwünschte Nebenwirkung der Überhöhung beseitigt. Seine Idee umschrieb Helmar Frank mit dem Begriff „Kybernetische Pädagogik“.

In der Einleitung zu seinem Buch „Kybernetische Grundlagen der Pädagogik“ spricht Helmar Frank über den „Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Pädagogik“: „Die sogenannte ‘Erziehungswissenschaft’ erfährt von zwei Seiten eine mehr oder minder offene Geringschätzung: von seiten vieler Erzieher und von seiten vieler Wissenschaftler. Letztere bestreiten in der Regel nur den wissenschaftlichen Rang der gegenwärtigen Pädagogik, die ersteren oft sogar die Möglichkeit einer Erziehungswissenschaft überhaupt. Bisher hatte sich fast jeder Lehrer zu Anfang seiner Berufspraxis mit dieser Geringschätzung irgendwie abzufinden. Bei manchen nahm sie die Form einer schlagartigen Enttäuschung an. Bei anderen bestand sie in allmählich aufkeimenden Zweifeln über den praktischen Nutzen angelernter pädagogischer Theorien. Wieder andere hatten ihre pädagogische Praxis begonnen, ohne eine Hilfe von einer wie auch immer gearteten pädagogischen Theorie zu erwarten und erkannten plötzlich die Bedauerlichkeit des Fehlens dieser Hilfe.“ (Frank 1971, 15)

Frank verbindet mit der Grundlegung der Pädagogik als kybernetischer Pädagogik die Hoffnung, dass „mit dem Aufstieg der Kybernetik“ „die Wissenschaftlichkeit der Pädagogik künftig auch von jenen Wissenschaftlern anerkannt wird, die am seltensten genötigt sind, ihr eigenes Fach gegen den Verdacht der Unwissenschaftlichkeit zu verteidigen, nämlich von den Mathematikern, den Natur- und den Ingenieurwissenschaftlern“. (ebd. S. 16)
Diese erstmals geäußerten Überlegungen münden dann letztlich in die Forderung, pädagogische Prozesse letztlich erst dann und nur dann als wissenschaftlich akzeptabel zu betrachten, wenn sie die Phasen der empirischen Untersuchung, der Modellierung und Mathematisierung durchlaufen haben. „Die kybernetische Pädagogik kann definiert werden als die Gesamtheit der Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse, die sowohl in den Bereich der Pädagogik als auch in den Bereich der Kybernetik fallen.“ (ebd. S.27)
Es muss „einen Teilbereich der Pädagogik geben, der die drei Kriterien der Kybernetik (…) erfüllt: es muß in ihm ein (1) informationeller Gegenstand mit einer (2) kalkülisierenden Methode erforscht werden, und dies (3) mit dem Ziel einer Objektivation“ (ebd.).
In Anlehnung an Paul Heimann (1962) formuliert Frank die sogenannten „sechs Dimensionen des pädagogischen Raumes“: „Lehralgorithmus (Wie)“, „Lehrstoff (Was)“, „Medium (Wodurch)“, „Psychostruktur (Wem)“, „Soziostruktur (Wobei)“, „Lehrziel (Wozu)“ und „Lehralgorithmus (Wie)“. „Jedes Unterrichtsgeschehen ist also festgelegt, sobald über“ diese „sechs Variablen verfügt ist, die wir ‚pädagogische Variablen‘ oder auch ‘Dimensionen des pädagogischen Raumes’ nennen“ (ebd. S. 28/29)

Verzichtet wird folglich auf die übrigen Kategorien wie die des Grundes (Warum: Erziehungs- bzw. Bildungsziel), der Lernursache (Wer: Auslöser wie Lehrer bzw. Lehralgorithmierer), des Lernraumes (Wo: Schulart, Schultyp, Lerngruppe), der Lernzeit (Wann: Zeit: Tagesform, Kondition), des Umfanges an Lehrstoff (Wieviel: Lehr- und Lernressourcen), und des Sinns (Wofür: Art der Qualifikation).

Man kann diese Aussparung entweder (gegen Aristoteles bzw. Kant) damit begründen, dass diese Kategorien in den übrigen aufgehen oder erklären, dass sie dem wissenschaftlichen Zugriff entgegenstehen. Wie dem auch sei, jedes Phänomen, so auch das pädagogische, muss entweder unter allen Hinsichten wahrgenommen werden oder man muss durch Beobachtungen feststellen, dass es eben nicht ganzheitlich zu untersuchen ist und zwecks wissenschaftlicher Bestimmung schrittweise zu reduzieren ist und damit nur eingeschränkt erfasst werden kann.

Ganz praktisch lässt sich erklären, dass jeder Versuch einer ganzheitlichen Bestimmung von Phänomenen in die Aporie dessen führt, was der Volksmund nennt „Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.“ Es gibt also gleich zwei gute Gründe für die „Franksche Sparsamkeit“.

Auch die Frage, ob denn unter den zwölf Kategorien eigentlich die sechs „richtigen“ gezogen worden sind, ist ziemlich uninteressant, da bei einem Sparmodell nur das zählt, was sich auch rechnerisch nachweisen lässt. Nun hat aber der ‚Absatz’ dieses Sparmodells nach einem enormen Anfangserfolg rasant nachgelassen. Heute, Jahrzehnte später, scheint sich kaum noch jemand dafür zu interessieren.

Warum ist der von Frank wissenschaftlich begründeten Pädagogik der durchschlagende Erfolg verwehrt geblieben? Das Problem ist wahrscheinlich aus einem Missverständnis heraus entstanden. Während es Frank wesntlich darum geht, die Relevanz der Kybernetik für wissenschaftlich defizitäres Denken exemplarisch an der Pädagogik aufzuzeigen, wird dieses Anliegen seitens der Pädagogik gründlich missverstanden als unzumutbare Einmischung. Der Schulpädagoge Werner S. Nicklis sieht in der Übertragung kybernetischer Methoden auf pädagogische Vorgänge eine unzulässige Verallgemeinerung. So werden beispielsweise unterrichtliche Prozesse lediglich als Organisationsform untersucht, wenn sie als Regelung betrachtet werden. Wesentliche Inhalte aber werden außer Acht gelassen, wenn es lediglich um informationstheoretisch definierte Transformation qualitativer Abläufe mit Hilfe algebraischer Symbolik geht. Werner S. Nicklis unterscheidet drei Stufen der Entwicklung der kybernetischen Lernforschung, welcher seiner Auffassung nach die Grundlage des kybernetisch orientierten pädagogischen Ansätze liefern.

Fortsetzung folgt

25
Mrz
2011

Die bewegte Welt der Möglichkeiten 

(Vorbemerkung)

Mit der Entdeckung der Kategorien geschieht die entscheidende, die Geschichte des Abendlandes wesentlich bestimmende Blickrichtung des Menschen. Zugleich wird mit der Begründung des wissenschaftlichen Denkens die Abkehr von der Mythologie vollzogen und die Herrschaft der Götter von der Herrschaft der Vernunft abgelöst. In jüngster Gegenwart allerdings wird die über zwei Jahrtausende vollzogene Vereinfachung der Vernunft wieder in Frage gestellt. Die Globalisierung der Welt führt durch die Begegnungen verschiedener, ganz unterschiedlicher Kulturen zum Bewusstwerden einer möglicherweise sehr eingeschränkten Wahrnehmung von Welt. Vor allem durch den Einfluss fernöstlicher Philosophien schwinden vorherrschende Ansprüche eines lediglich auf Messung angewiesenen, rein numerisch ausgelegten Ursache-Wirkungs-Denkens. Vor allem in der geltenden Schulmedizin tun sich mit dem Fortschritt der Apparate-Medizin zunehmend mehr Grenzen des Machbaren auf. Heilungen wider alle berechneten Erwartungen führen zwangsläufig in die Frage, ob durch die berechenbare Behandlung von Phänomenen nicht ganz entscheidende Aspekte möglicher alternativer Betrachtungen außer Acht gelassen werden. So gilt die vom tradierten Denken kaum wahrgenommene und ernst genommene Kraft der Intuition inzwischen zu jenen Phänomenen, welche angesichts ihrer unbestreitbaren Wirkungen endlich zumindest einer wissenschaftlichen  Betrachtung unterzogen werden sollten.

Als hilfreiche Schnittstelle zwischen numerischem, technischem und bildhaft intuitiven Denken bietet sich die Kybernetik in ihrer Ausprägung als Informationstheorie an. Dieses Angebot entspringt entscheidenden Überlegungen von Vordenkern wie Helmar Frank und Klaus Weltner und mündet in die Frage ein nach den Bedingungen der Möglichkeiten einer komplexeren Betrachtung von Information.

24
Mrz
2011

Grundsätzliches


Die Grundrechenarten der Natur bzw. Grundbewegungen der Logik sind Hinzufügen, Wegnehmen, Vervielfachen und Teilen. Wird dieses Rechnen bzw. Umgehen mit… vereinfacht, indem es dem numerischen Ausdruck der Naturwissenschaften oder empirischen Wissenschaften verpflichtet wird, dann entstehen Addieren (+), Subtrahieren (-), Multiplizieren (*) und Dividieren(:). Somit fallen alle jene Wissenschaften heraus, welche sich nicht zu einem numerischen Ausdruck ihrer Aussage verpflichten können. Wissenschaften, die sich grundlegend der Logik bedienen wie Mathematik und Philosophie werden unterschiedlich behandelt. Mathematik vermag ihre logischen Aussagen in Berechnungen zu überführen, während der Philosophie dieser Vorteil verwehrt bleibt. Obwohl mit den Naturwissenschaften die enormen Vorteile mathematischen Vorgehens augenscheinlich werden, sei die Frage erlaubt, ob die Wissenschaft eigentlich von ihrer Grundlegung her bereits so angelegt ist, dass sie allein zum Instrumentarium einer gigantischen Zahlenwelt werden musste oder ob nicht vielmehr einige wesentliche Aspekte ausgespart worden sind. Schauen wir uns einmal jene Methoden des Erfassend an, welche in den Kategorien des Aristoteles angelegt sind:


➢ Welche? - Was? / Eigenschaften – Wesen / Wahrnehmen
➢ Warum? - Wozu? / Ursache – Wirkung / Beobachten
➢ Weshalb – Wofür? / Grund – Zweck / Werten
➢ Wie? - Wobei? / Art und Weise – Umstand / Betrachten
➢ Wann? - Wo? / Zeit und Raum / Verwirklichen
➢ Womit? - Wie viel? / Mittel – Aufwand / Begreifen

Erscheinen die Arten und Weisen des Erfassens als Vorgang des Bewusstwerdens, dann ergibt sich folgende Abfolge:

➢ Welche? - Was? / Eigenschaften – Wesen / Wahrnehmen
➢ Wie? - Wobei? / Art und Weise – Umstand / Betrachten
➢ Weshalb – Wofür? / Grund – Zweck / Werten
➢ Warum? - Wozu? / Ursache – Wirkung / Beobachten
➢ Womit? - Wie viel? / Mittel – Aufwand / Begreifen
➢ Wann? - Wo? / Zeit und Raum / Verwirklichen

19
Mrz
2011

Karthäusereffekt


Der Karthäusereffekt ist so etwas wie der subjektive Supergau oder naturgemäßer ausgedrückt eine Art des Zurückziehens in sein Schneckenhaus. Das tritt auf, wenn sich vernünftigerweise kein anderer Ausweg aus einer lebensbedrohenden Krankheit mehr zeigt als Selbstheilung. Das hat mit esotherischer Betrachtung der Dinge überhaupt nichts zu tun. Selbstheilung ist im kybernetischen Sinn nichts Anderes als die Fähigkeit des Körpers zur Selbstreparatur. Dieses Phänomen bedarf allerdings anders als esoterische Spekulationen der empirischen Überprüfbarkeit bzw. des wissenschaftlichen Zugriffs. Dieses Ansinnen lässt sich im positiven Sinn als Karthäusereffekt beschreiben, also als ein Weg in die innere Stille sorgfältiger Selbstbetrachtung und -analyse im Rahmen eines Selbstexperiments. Manchen mag das als ein tagträumerischer Versuch à la Münchhausen erscheinen, ein mögliches Vorurteil, das sich mit fortschreitender Darstellung abbauen wird.

18
Mrz
2011

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig



Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
ist der Menschen Leben!
Wie ein Nebel bald enstehet
Und auch wieder bald vergehet,
So ist unser Leben, sehet!

So schnell ein rauschend Wasser schießt,
so eilen unsere Lebenstage.
Die Zeit vergeht, die Stunden eilen,
Wie sich die Tropfen plötzlich teilen,
wenn alles in den Abgrund schießt.

Die Freude wird zur Traurigkeit,
Die Schönheit fällt als eine Blume,
Die größte Stärke wird geschwächt,
Es ändert sich das Glücke mit der Zeit,
Bald ist es aus mit Ehr und Ruhme,
Die Wissenschaft und was ein Mensche dichtet,
wird endlich durch das Grab vernichtet.

An irdische Schätze das Herze zu hängen,
Ist eine Verführung der törichten Welt,
Wie leichtlich enstehen verzehrende Gluten,
Wie rauschen und reißen die wallenden Fluten,
Bis alles zerschmettert in Trümmern zerfällt.

Die höchste Herrlichkeit und Pracht
Umhüllt zuletzt des Todes Nacht.
Wer gleichsam als ein Gott gesessen,
Entgeht dem Staub und Asche nicht,
Und wenn die letzte Stunde schläget,
Dass man ihn zu der Erde träget,
Und seiner Hoheit Grund zerbricht,
Wird seiner ganz vergessen.

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
Sind der Menschen Sachen!
Alles, alles, was wir sehen,
Das muss fallen und vergehen.
Wer Gott fürcht', bleibt ewig stehen.

(Bachkantatenfassung des Kirchenliedes von Michael Franck (1609-1667)


Alles Werdende flüchtet.
Jedes Entstehen schon das Vergehen sichtet.
Die Zeit hat keine Zeit,
nichts ist zu bleiben bereit.

Der Augenblick ist reine Fantasie,
Suche ihn, Du findest ihn nie.
Im Jetzt springt die Zukunft in Vergangenheit,
von Dauer ist allein die Sprunghaftigkeit.

Weil Unverbindlichkeit ist nicht auszuhalten,
verschenkt die Fantasie den Geist der Alten.
Philosophie dichtet Sein hinter's Werden,
und so entstehen Götter auf Erden!

Wissenschaft teilt diese Leidenschaft,
und schafft Dauer mit aller Kraft.
Naturgesetze sollen es richten,
um in der Zeit genug Raum einzurichten.

Das Sein hat weltweit viele Namen,
das Werden kennt nur Amen!
So soll es sein in der Natur.
"Alles wird, wie es wird!" gilt nur!

Was gibt es viel zu interpretieren,
wenn wir eh alles sofort verlieren?
Die Wahrheit hinter dem Werden allein
erscheint als Täuschung im schönen Schein!

(wfs)

17
Mrz
2011

Allgemeines Gebet


Spiel des Zufalls,
Anfang des Alls,
ohne etwas zu ordnen,
ohne zu verantworten.

Unendliche Möglichkeiten
in raum- und zeitlosen Weiten.
Das Nichts verbirgt Information
als der Energie Organisation.

Unendliches Chaos ohnegleichen,
Zufälle vor Zufällen weichen,
bis aus möglichen Möglichkeiten
Nichtig und Nichts sich entzweiten.

Wirkliche Möglichkeiten entstehen,
lassen Nichts in Sein aufgehen,
mögliche Wirklichkeiten gehen auf,
Wiederholung nimmt ihren Lauf.

Regeln beginnen sich zu bewähren
und gegen die Zufälle zu wehren.
Energie das als Information behält
und materialisiert als unsere Welt.

16
Mrz
2011

Konzentration


Eine Erhöhung der Vigilanz ist vor allem durch eine anspruchsvollere Initiation von Akivitäten des Kurzzeitgedächtnisse zu erreichen. Höhere Vigilanz wird vor allem erforderlich, sobald ein Vordringen im Bereich des nicht sinnlich Vernehmbaren angestrebt wird. So benötigt der Aufenthalt in Bereichen der Theoretischen Physik besonders hohe Vigilanz. Es existieren Angaben über metaphysische Entfernungen. So liegen die möglichen Möglichkeiten in den größten Tiefen des Seins am weitesten von den Wirklichkeiten entfernt. Um eine Exkursion dorthin organisieren zu können, müssen die entsprechende Wege ausfindig gemacht werden. Sie führen unmittelbar zum Ursprung alles Seienden. Um dorthin zu gelangen, prüfen wir zuerst die einzelnen Abschnitte des Weges. Wie wir bereits wissen, sind dies:

"Perzeption --> Affektion --> Apperzeption --> Flexion --> Emotion --> [Motivation => Interesse => Antizipation => Projektion => Spiel => Strategie] --> Reflexion"


Tatsächlich ist es die Intuition, die uns auf diesen Weg schickt. Das bedeutet, dass allem Bewusstwerden vorweg, etwas unbewusst wahrgenommen und affiziert wird, das unsere Reflexion erwartet. Das, was wir bewusst gegenwärtig haben, sind Ordnungen und Axiome als Beweggründe unbewusster Wahrnehmungen. Zudem besagt der Seinsmodus möglicher Möglichkeiten, dass wir diesen Ursprung noch nicht hinreichend ausgemacht haben. Da dieser Seinsbezirk mit Sicherheit als Alternative zur Materie existiert, verbirgt er sich vor uns als Fülle alles Nichtseienden. Auch das Nichts kennt als Alternative zum Sein Naturgesetze. Diese Gesetze a priori lassen sich durch reines Denken reflektieren, und als Ursachen und Gründe für das Entstehen natürlicher Prozesse ermöglichen sie, dieses zu antizpieren.

Soweit das Programm, das die Intuition mit ihrer Einladung verbindet. Indem wir uns jetzt darauf einlassen, erhoffen wir uns entscheidende Aufschlüsse über ungeklärte neuronale Prozesse, denn das Sein als Fülle alles Seienden ist eine kongruente Widerspiegelung des Nichts oder des Wesens schlechthin.

Bei Exkursionen des Denkens stellt sich sehr schnell die Frage, was eigentlich unterwegs wahrgenommen wird. Wenn ein Mystiker Gott schaut, dann erfährt er beispielsweise ein sehr intensives Gefühl der Geborgenheit und Freude. Der Mystiker nimmt Gott wahr, aber er sieht ihn nicht. Sowohl Mystiker als auch Philosophen erleben die Wesensschau als Licht. Diese Erfahrung beschreibt Platon zum ersten Mal in seinem Höhlengleichnis. Das Sichten des Denkens als Lichten verweist darauf, dass das Licht der Einsicht ein neuronales Geschehen ist, das sich aufgrund hoher Konzentration ereignet. Nicht von ungefähr beschreibt ein buddhistischer Mönch seine analoge Erfahrung als Nirvana, also gleichsam als ein "Aus mir heraus wehen (nir= aus, va = wehen). Damit ist die Befreiung aus der Verfänglichkeit alles Seienden gemeint. Von Buddha wird das verschiedentlich als das höchste Glück (Zustand des Arhat) beschrieben. Voraussetzung hierfür ist eine entsprechende mentale oder spirituelle Entwicklung. Wie immer diese Erscheinung beschrieben wird, unabhängig von kulturellen und religiösen Bedingungen erscheint dies als Zusammenfliessen, Einswerden von Perzipieren, Affiziieren, Apperzipieren zur Emotion des Reflektierens spontaner Flexionen. Es erscheint so, dass das Gehirn aus diesem Spiel mit sich selbst heraus eine besondere Fähigkeit völlig losgelösten unabhängigen Schauens erfährt und unter besonders günstigen Umständen dieses auch künstlerisch, philosophisch oder gar wie Albert Einstein mathematisch zu beschreiben vermag.

Wenn Sie die vergangenen Texte nicht nur flüchtig, sondern konzentriert gelesen haben, dann verhilft Ihnen jetzt das folgende Allgemeine Gebet wenigstens annähernd zu einem vergleichbaren Zustand.

15
Mrz
2011

Theoretische Medizin


Selbstorganisation ist eine Frage der Vigilanz (Zustand der Reaktionsbereitschaft). Erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentration sind unabdingbar, sobald es um Selbstrestrukturierung geht. Bei besonderen Anstrengungen kommt es ganz entschieden auf das Zusammen- bzw. Wechselspiel von Aufmerksamkeit und Konzentration an. Das verlangt vor allem sowohl eine Ausweitung als auch eine Sensibilisierung des Bewusstwerdens. Dadurch lässt sich Wahrnehmung in Intuition überführen und Wissenschaft wird durch Kunst ergänzt.

Auf diese Art und Weise werden nach der Gründung der Metaphysik die Bedingungen der Möglichkeit einer theoretischen Physik geschaffen. Von nun an wird es möglich, Intuitionen nicht mehr nur philosophisch, sondern mathematisch zu beschreiben.

Aufgabe der theoretischen Physik ist es, eine konkrete Vorhersage physikalischen Verhaltens aus gegebenen Axiomen herzuleiten und neue axiomatische Systeme, die besser als vorherige Versuche die Welt zu beschreiben vermögen, zu entdecken. Albert Einstein hat auf diese Weise die Strukur von Raum und Zeit erfasst und das Wesen der Gravitation beschrieben und 1905 als Spezielle und 1916 als Allgemeine Relativitätstheorie formuliert.

Wenn es ein System neuronaler Axiome gäbe, könnte analog zur theoretischen Physik eine theoretische Medizin als Alternative zur technischen Medizin entwickelt werden. Und das Phänomen der Selbstheilung ist hierbei die maßgeblich bestimmende intuitive Provokation.

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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