18
Feb
2005

Hören - Aufladung oder Entladung

Das Ohr hat zwei Aufgaben, die nahezu in Vergessenheit geraten sind. Der Musiktherapeut Alfred Tomatis beklagt, dass diese beiden Aufgaben unglücklicherweise von der Wissenschaft getrennt betrachtet werden, weil man beim Hörnerv zwei getrennte Äste sehen wollte: der eine in Verbindung mit der Funktion des Vorhofs (Gleichgewichtsempfindung), der andere mit der Funktion der Schnecke (Schallempfindung).

hoeren2

Das Gleichgewichtsorgan wird für die aufrechte Haltung des Menschen verantwortlich gemacht. Der Vorhof-Nerv findet sich überall in der Wirbelsäule wieder. Er berührt alle vorderen Nervenwurzeln des Rückenmarks und kontrolliert dieses.

Es besteht eine Verbindung zwischen den beiden Zweigen des Hörnervs und dem Schnecken-Nerv, also zwischen Gleichgewicht bzw. Haltung und Schallwahrnehmung bzw. Horchen. Weil alle vorderen Wurzeln des Rückenmarks vom Vorhof-Nerv abhängen, spielt der Klang für die Beweglichkeit des Körpers eine wichtige Rolle. Das klangliche Geschehen bezieht den ganzen Körper mit ein. Es besteht eine unmittelbare Wechselwirkung zwischen der klanglichen Äusserung eines Menschen und seiner körperlichen Erscheinung.

Der andere Teil des Hörnervs dient – so Tomatis – in erster Linie dazu, das Gehirn mit elektrischer Energie aufzuladen. Unsere klangliche Umgebung beeinflusst unsere Befindlichkeit unmittelbar.

Weil von hohen Frequenzen eine anregende Wirkung ausgeht, fühlen wir uns besser. Tiefe Töne lassen den Körper mitschwingen, ohne ihn aufzuladen. Hohe Töne beleben ihn und versorgen ihn mit Energie. Enstprechend werden wir auch durch menschliche Stimmen aufgeladen oder entladen. Versuchen Sie das einmal aufzuspüren, indem Sie Ihren Gesprächspartnern lauschen.

17
Feb
2005

Hören

Für das Gehirn kommt Hören natürlicherweise vor dem Sehen. Das hat mit seiner Entwicklung zu tun: vom Rauschen zu Geräuschen, von unbestimmten Geräuschen zu bestimmbaren Lauten, von deutbaren Lauten zu ersten Wörtern. Mit Hilfe von Verlautbarungen hat sich das Gehirn den ersten Zugang zu einer verstehbaren Welt geschaffen.

hoeren1

Auf vergleichbare Weise nähert sich das Gehirn spielerisch einer fremden Sprache. Aber es verfügt nun über Erfahrungen und begreift das Aussprechen und die Bedeutungen von Wörtern sehr viel schneller.

Im Land selbst wäre es in der Lage, sich die Fremdsprache wie die Muttersprache anzueignen. Folglich sollten vergleichbare Situationen simuliert werden.

Hier geht es um das Hören und Horchen als Sensibilisieren und Intensivieren der Wahrnehmung. Leider ist dieser Text nur ein Lese- und nicht auch ein Hörtext. Versuchen Sie einige Module einmal für sich selbst laut zu lesen. Achten Sie dabei einmal nicht so sehr auf die Inhalte, sondern auf Ihre Stimme.

Versuchen Sie herauszubekommen, was Ihnen der Klang, die Färbung und die Modulation Ihrer Stimme sagt. Hören Sie sich auch ab und zu bei Gesprächen einmal selbst zu und versuchen Sie die Begleitinformation zu verstehen, die Ihre Stimme während des Gesprächs anderen mitteilt.

Klingt Ihre Stimme sicher oder unsicher bzw. überzeugend oder zweifelnd? Ist der Tonfall eher weich oder hart?

Schulen Sie Ihr Gehör, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit ganz bewusst auf Geräusche richten, die Sie sonst gar nicht mehr bewusst aufnehmen. Hören Sie z.B. dem Tastengeräusch zu während Sie schreiben. Klingt das eher hektisch oder angenehm gleichmäßig?

16
Feb
2005

Grammatik der Natur

Die Natur ist ein Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte. Dieses Zusammenspiel bewegt sich ständig zwischen Kosmos (Ordnung) und Chaos (Un-Ordnung).

grammatik

Dominiert die Ordnung, dann werden folgende ordnenden Kräfte wirksam:

Menschen gehen aufeinander zu (zuordnen),
Menschen beurteilen einander (einordnen),
Menschen schaffen Systeme (ordnen sich unter bzw. über),
Menschen folgern (ordnen vor bzw. nach),
Menschen bilden Strukturen (anordnen),
Menschen delegieren (beiordnen).

Statt dieses Beispiels für ordnende Kräfte lassen sich viele andere finden. Alles organisiert sich auf vergleichbare Weise, ob es nun der Mensch mit seinen Terminkalendern oder Todo-Listen ist oder ein junger Baum, der sich unter den anderen Bäumen des Waldes zu behaupten sucht. Bei schnell wachsenden Pflanzen wie bei der Trichterwinde lässt sich das Ordnen während des Wachstums einfach beobachten. Und natürlich richtet sich auch das Gehirn nach der natürlichen Grammatik.

Die Begegnung von Menschen ist nur ein Ereignis von einer unüberschaubaren Menge von Ereignissen. Aber selbst dieser Fall lässt sich auf beliebig viele vergleichbare Fälle übertragen.

So ziehen sich Elemente (Teilchen) an (zuordnen), gruppieren sich (einordnen), beziehen sich raum-zeitlich aufeinander (ordnen sich einander vor bzw. nach), bilden Systeme bzw. Teilsysteme (ordnen sich über bzw. unter), wirken zusammen (anordnen) und vernetzen sich mit gleichen, ähnlichen oder gar gegensätzlichen Zusammenhängen (beiordnen).

15
Feb
2005

Gleichgewicht

Stabilität ist die Fähigkeit, sich im Gleichgewicht zu halten, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

gleichgewicht

Das körperliche Gleichgewicht wird durch den Gleichgewichtssinn gehalten. Eine ausgewogene Ernährung lässt sich an den Blutwerten ablesen.

Das seelische Gleichwicht wird uns durch jene Haltung angezeigt, welche wir Gelassenheit nennen. Und das geistige Gleichgewicht erfahren wir, indem wir prüfen, wie genau wir wahrnehmen, wie sorgfältig wir betrachten, wie trennscharf wir beobachten, wie klar wir begreifen und wie ökonomisch wir arbeiten.

Jemand, der seine Mitmenschen kaum oder gar nicht ansieht und ihnen nicht zuhört, befindet sich gewöhnlich nicht im Gleichgewicht.

Äussere Kennzeichen innerer Stabilität sind u.a. Interesse, Engagement, Toleranz und Freundlichkeit. Wer sich im Gleichgewicht befindet, tut das, was gerade anliegt, ohne lange herum zu diskutieren.

Die beiden Hemisphären arbeiten am wirksamsten sowohl allein als auch zusammen, wenn Stabilität herrscht. Für das unvoreingenommene wissenschaftliche Arbeiten ist zumindest seelische und geistige Ausgeglichenheit unabdingbare Voraussetzung.

14
Feb
2005

Glauben

Bewusstsein, das ist auch der "Ort" des Glaubens und des Gewissens. Glaube, das ist Widerspiegelung von Restbildern, Restgedanken, Restgefühlen im Bewußtsein, also Vergegenwärtigung von Wahrnehmungen, Vorstellungen, Empfindungen, die nicht mehr bildlich oder begrifflich erfasst werden können, weil sie die Abbildungs- oder Definitionsmöglichkeiten überschreiten.

glaube2

Glaube ist eine Möglichkeit, mit Bewußtseinsinhalten jenseits von Kenntnis, Erkenntnis und Wissen umzugehen. Insofern ist dieser Umgang die offenste Form der Daseinsgestaltung. Die Erfahrung von Empfindungen nicht erklärbaren Erlebens führt in der Regel zum Versuch, die Grenzen des Vertrauten zu überschreiten, um auf diese Weise doch noch zu einer Erklärung zu gelangen.

Der Glaube ist immer dann eine Möglichkeit der existentiellen Orientierung, wenn der Umgang mit Bildern und Begriffen versagt. Da sich Glaube erst dann und nur dann vollziehen kann, wenn das Denken in den Bereich möglicher Möglichkeiten gelangt, versetzt sich jeder, der eine bildliche oder begriffliche Aussage darüber versucht, in den Widerspruch.

Jedes Dogma ist ein Paradoxon. Im Glaubensbereich gibt es nur ein mögliches Verhalten und eine mögliche Handlung. Das Verhalten des Gläubigen ist das Schweigen, sein Handeln besteht in der Meditation. Glauben bedeutet nichts wissen (wollen).

Glaube, d.i. die Bereitschaft, auf Bilder und Begriffe (Erkenntnis) bzw. auf bild- und begriffsorientiertes Verhalten (Wissen) zu verzichten, um Empfindungen zu erfahren, ohne etwas Bestimmtes zu erleben. Glauben heißt, alles möglich sein lassen.

Über Geschmack lässt sich streiten, über Glauben nicht.

13
Feb
2005

Glaube, Hoffnung, Liebe

Erfolg lebt nicht vom Glauben allein. Er braucht die Hoffnung auf das Glück, das er bereithält. Wer sich auf den Erfolg nicht wirklich freut, kann Niederschläge unterwegs kaum durchstehen.

glaube

Aber Erfolge sind noch anspruchsvoller. Sie verlangen geliebt zu werden. Sie scheinen sogar zu fordern, dass man sich ausschließlich um sie kümmert. Niemand kann diese Ansprüche erklären. Aber Erfolge, an deren Eintreten man nicht glaubt, auf die man nicht sehnlichst hofft und deren Botschaften man nicht von Herzen liebt, gehen so jämmerlich zugrunde wie Pflanzen oder Lebewesen, denen man sich versagt.

Ist aber der Erfolg erst einmal geboren, dann vermehrt er sich wie Kaninchen und versucht sich bei seinem Urheber so gewaltig zu revanchieren, dass dieser bisweilen von solcher Liebe schier erdrückt wird. Erfolge fallen nicht vom Himmel.

Vor den Erfolg hat Gott den Fleiß gestellt. Ohne Fleiß kein Fleiß. Diese beiden Sprüche spiegeln Erfahrungen mit Erfolgen wider. Erfolge fallen niemandem in den Schoß. Der Einfall ist das eine, dessen Umsetzung das andere.

Die Einfachheit erfolgsversprechender Einfälle, Entdeckungen oder Erfindungen erlaubt es, in einem Satz auf den Punkt gebracht zu werden.

Diesen Satz versteht auch jeder und kommentiert dies - wie gesagt - ob der doch ganz offensichtlichen Naivität mit einem fast mitleidigen Lächeln. Vielleicht ist es so: Je einfacher das Entdeckte, desto mühsamer dessen Vorbereitung auf den öffentlichen Auftritt.

12
Feb
2005

Gelassenheit – Zehn Gebote der Gelassenheit von Johannes XXIII

1.
Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

gelassenheit

2.
Nur für heute werde ich die größte Sorge für mein Auftreten pflegen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemand kritisieren; ja, ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern, ...nur mich selbst.
3.
Nur für heute werde ich in der Gewißheit glücklich sein, daß ich für das Glück geschaffen bin ... nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.
4.
Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, daß die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.
5.
Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen; wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre für das Leben der Seele notwendig.
6.
Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen, und ich werde es niemandem erzählen.
7.
Nur für heute werde ich etwas tun, das ich keine Lust habe zu tun; sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, daß es niemand merkt.
8.
Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: die Hetze und die Unentschlossenheit.
9.
Nur für heute werde ich fest glauben - selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten -, daß die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.
10.
Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist, und an die Güte zu glauben. Mir ist es gegeben, das Gute während zwölf Stunden zu wirken.

11
Feb
2005

Gehirn - Geniale Faulheit oder die drei hilfreichen Eigenschaften des Gehirns

Unser Gehirn ist von Natur aus beharrlich, faul und wählerisch. Alles Neue wird an bereits gemachten Erfahrungen geprüft. Gibt es dazu keine Erkenntnisse, wird das Neuartige in erster Instanz abgelehnt.

geruest

Nach dieser Ablehnung erhält das Neue Gelegenheit nachzuweisen, dass es vorhandene Vorgänge ganz entschieden zu verbessern vermag. Folglich muss etwas vorgetragen werden, das den Alltag durchgreifend erleichtert. Gelingt das nicht, wird das Neue auch in zweiter Instanz abgelehnt.

Jetzt wird es schwierig. Die dritte und letzte Instanz kümmert sich nämlich um das Neue nur noch, wenn es Grundbedürfnisse und/oder Gefühle anspricht.
Beispiel: Jemand schreibt seine Texte seit Jahren mit demselben Textverarbeitungsprogramm. Er ist zufrieden damit. Er wird also kaum dazu neigen, auf ein anderes Programm umzusteigen. Selbst wenn die Konkurrenz ihr ganz offensichtlich gleichwertiges Programm kostenlos anpreist, beharrt der Benutzer auf seinem Programm. Er verspürt keinerlei Lust, neue Erfahrungen in der Anwendung eines anderen Textverarbeitungsprogramms zu machen.

Damit die Konkurrenz eine Chance erhält, in der zweiten Instanz zu gewinnen, muss sie beweisen, dass ihr Programm dem Benutzer sehr viel Zeit spart, beispielsweise, indem sie volle Sicherheit vor Programmabstürzen gewährleistet.

In der dritten Instanz kann ein konkurrierendes Programm jetzt nur noch erfolgreich sein, wenn es das persönliche berufliche Engagement des Benutzers oder dessen Identifikation mit seinem Beruf anspricht, beispielsweise als spezielles Programm für Künstler oder Wissenschaftler.

Unser Gehirn verhält sich nach dem ökonomischen Prinzip: Minimaler Aufwand – maximaler Erfolg. Das ökonomische Prinzip ist ein natürliches Prinzip. Für das Gehirn bedeutet dies ein Minimum an Ressourcen bei einem Maximum an Leistung.

10
Feb
2005

Gehirn – Trainieren heißt sich geistig bewegen

Wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, spüren und fühlen, wenn wir uns in der Natur aufhalten.

training

Auch beim unempfindlich gewordenen Stadtmenschen kehren diese Sinne allmählich zurück, und er gewinnt den Eindruck, sich langsam zu erholen.

In der Regel verursacht der Verlust der Sinne eine Krankheit, die uns zwingt, uns als Naturwesen wieder ernst zu nehmen. In den meisten Fällen können wir aber den gesundheitlichen Schaden nicht mehr beheben. Wir müssen mit der oft selbst verschuldeten Behinderung zurechtkommen. Wir haben zu lange wider besseres Wissen gelebt.

Während wir körperliche Mängel sehr ernst nehmen und sie mit allen Mitteln zu beseitigen versuchen, lassen wir geistige Beschwernisse von Anfang an auf sich beruhen.

Ich gehe spazieren. Bewege ich mich oder werde ich durch äußere oder innere Ereignisse bewegt?

Das Gehirn stellt Beziehungen zwischen gegenwärtigen und vergangenen Wahrnehmungen her oder löst diese wieder auf. Es vergleicht diese und
unterscheidet sie zufolge ihrer Gleichheit, Ähnlichkeit oder Gegensätzlichkeit. Es beschleunigt oder verlangsamt informationelle Vorgänge. Es hebt gewisse Augenblicke hervor oder vernachlässigt sie.

Diese Beweglichkeit lässt sich durch geeignetes Training nicht nur bis ins hohe Alter erhalten, sondern auch noch erhöhen. Alles, was neu und noch nicht erfahrungsmäßig ausgeprägt ist, zählt dazu.

Nicht von ungefähr kommen viele ältere Menschen auf die Idee, eine Fremdsprache zu lernen oder oft weite Reisen zu unternehmen. Das Training besteht hier letztlich nur im systematischen Bereitstellen neuer Spielmöglichkeiten für das Gehirn und in der Geduld, Angefangenes auch durchzuhalten.

9
Feb
2005

Gehirn – Diktieren statt schreiben?

Unser Gehirn ist ein höchst anpassungsfähiges Organ. In den ersten beiden Lebensjahren prägt es unsere späteren existentiellen Möglichkeiten aus.

diktieren

Diese Vorbereitung auf unsere spätere Existenz ergibt sich aus dem spielerischen Umgang mit Sinnesreizen. Wahrnehmend, betrachtend, beobachtend, Zusammenhänge erschließend und immer wieder ausprobierend entwickelt das Gehirn für sich Verhaltensmuster. Einfachste Musterformen kennt es schon aus vorgeburtlicher Zeit im Mutterleib.

Das Hirn ist von sich her nicht vorgeprägt. Es spielt mit dem Zufall des Angebots an Sinnesreizen. Je reichhaltiger dieses Angebot des Sinnenfälligen ist, desto mehr wächst die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher neuer Verbindungen.

Der Erfolg misst sich anfangs an der Befriedigung von Grundbedürfnissen. Das gekonnte Schreien zwecks Bestellen von Nahrung gehört zu den frühesten Erfolgserlebnissen eines Babys.

Wir neigen dazu, unseren Einfluss auf die Hirnaktivitäten zu überschätzen. Einfälle sind zumeist Zufälle in unbewussten Abläufen. Erspielte Zusammenhänge erscheinen spontan als sinnvolle Verbindungen. Das Schreiben vollzieht sich eher durch Beschreiben geschauter Beziehungen als durch Aushecken gedanklicher Gefüge. In freudiger Erwartung reibe ich mir die Hände, jederzeit bereit, den flüchtigen Gedanken festzuhalten. Oft stellen sich passende Worte nicht schnell genug ein, und wieder einmal mehr hat sich eine gute Darbietung verflüchtigt.

Die einzige Möglichkeit, sich davor zu retten, besteht wahrscheinlich in der Bereitschaft, das Diktat des Gehirns möglichst zu stenografieren oder ins Diktiergerät zu sprechen. Ich finde es recht erstaunlich. Schon der Versuch, auch vorhandene Gedanken mit einzuflechten, trocknet den inneren Gedankenfluss unvermittelt aus. Das Gehirn scheint radikal selbstschöpferisch spielen zu wollen oder gar nicht.

8
Feb
2005

Eine Fremdsprache erwerben bedeutet das Gehirn spielen lassen

Das Gehirn verfügt immer schon über Erfahrungen im Umgang mit Sprache. Schließlich hat es sich bereits erfolgreich die Muttersprache angeeignet. Das hätte es nicht geschafft, wenn es nicht spielerisch vorgegangen wäre.

rauschen

Das Kleinkind wird in eine Welt voller Rauschen hineingeboren. Wenn Ihr Fernseher rauscht, können Sie weder Ton noch Bild empfangen. Sie müssen
einen Sender erst suchen oder schärfer einstellen.

Allmählich treten für das Kleinkind aus dem Rauschen Geräusche hervor. Mit zunehmender Trennschärfe werden aus diesen Geräuschen beispielsweise Summen, Brummen und dann Stimmen. Es kristallisieren sich Laute bzw. Töne heraus. Es lernt durch zeitliche Nähe mit anderen sinnlichen Ereignissen, dass gewisse Laute und Töne bestimmte Bedeutungen haben.

Das kleine Gehirn entwickelt von Anfang an neuronale Verbindungen durch Erfassen von Zusammenhängen. Es erfährt wohltuende Klänge, angenehme Stille, aber auch erschreckenden Lärm. Für all diese akustischen Ereignisse ergeben sich zunächst keine Zusammenhänge. Also beginnt das Gehirn zu
suchen.

Das Suchen und Entdecken von Zusammenhängen ist bereits eine frühe Form des Denkens. Mit diesen Erfahrungen wird dann das Kind in eine Welt
hineingeboren, die voller unerklärlicher Geräusche ist.

Das macht Angst, zumal die vorgeburtlichen sanften Berührungen und Empfindungen im Mutterleib durch unsanfte taktile Erfahrungen ersetzt werden. Die tumultartigen Schallereignisse, die auf das Kind eindringen, fordern es auf, sich gegen diesen Krach zu wehren: Es schreit. Und jetzt müssen sich die erworbenen analytischen Fähigkeiten des Gehirns bewähren.

Es spielt Schreie durch, um herauszufinden, welche Zusammenhänge sich da ergeben. Das Gehirn experimentiert, um zu entdecken, welches Schreien
angenehme oder gar keine oder etwa unangenehme Folgen hat. Es ermittelt spielerisch Bedeutungen.

7
Feb
2005

Funktionen des Bewusstseins – Zweierlei Begegnung

Überlegenheits- oder auch Unterlegenheitsgefühle bilden den Beweggrund für die Gestaltung des Verhältnisses dem anderen Menschen gegenüber. Unter- und Überordnen definieren Revierverhalten.

begegnung2

Sobald die Rollen klar bestimmt sind, nähert man sich dem anderen oder geht auf Abstand. Annäherung oder Entfernung drücken sich zunächst vor allem körpersprachlich aus, begleitet freilich von belanglosen Floskeln wie "Hi" oder "Hallo“.

Diese Begegnungsphasen spielen sich natürlich sehr viel schneller ab als sie erklärt werden können. Das Ganze dauert ja nur einen Augenblick, etwa drei Sekunden also. Sie vollziehen sich als das, was man Revierverhalten bezeichnet.

Das Wache bzw. Innere Auge dagegen nimmt dergleichen nicht wahr. Mit einem einzigen Blinzeln wischt es solche Erziehungsflusen gleichsam weg oder wendet sich spontan ab. Anderenfalls nimmt es Schwingungen wahr. Neuronal werden nicht Teilnetze bzw. Erfahrungsmuster aktiviert, sondern sensible neuronale Impulse, die allererst ein Netz aufbauen. Menschen, die sich so begegnen, schauen sich in die Augen und horchen.

Die gesprochenen Worte sind Laute, die durch Gedankenschwingungen entstehen. Oder besser: Die durch Gedanken erzeugten Schwingungen übertragen sich von Ich zu Ich. Worte ohne Schwingungen können wir nicht verstehen, sie wären völlig wirkungslos. Identifizieren vollzieht sich hier als Einschwingen und das Interpretieren vollzieht sich als inneres Hören der Melodie des anderen. Statt irgendwelcher Vermutungen gestalten sich intuitive Bilder, statt Rivalität entsteht Harmonie und das Zusammentreffen wird zur offenen Begegnung. Das kann kurz sein und sich überall abspielen.

6
Feb
2005

Funktionen des Bewusstseins – Utopie, Sehen, was noch nicht ist

Alles in der Natur ist zugleich auch wesentlich utopisch. Alles in der Natur treibt also aus sich heraus, um Neues zu erschaffen. Alles in der Natur ist wesentlich schöpferisch.

zwillinge

Vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden hat der Naturphilosoph Heraklit das Wesen der Natur als Spiel bestimmt. "Panta rei", alles ist in Bewegung, meint das Spiel der Natur mit sich selbst. Und mit der Aussage "Polemos pater pantôn" erklärt uns Heraklit das schöpferische Spiel der Natur. "Polemos pater pantôn" bedeutet in der Übersetzung: "Der Streit der Gegensätze ist der Anfang von allem!"

Dieser Streit spielt in Utopia eine nicht unerhebliche Rolle, sorgt er doch dafür, dass sich alles, was als Eines erscheint, aus gegensätzlichen Kräften zusammensetzt, auch wir selbst. Das bekommen wir bei guten Vorsätzen ja deutlich genug zu spüren.

Ich möchte nun zu zeigen versuchen, wie das Schlafende und das Wache Auge wahrnehmen. Ich zeige das an der Begegnung zweier Menschen auf.

Wir wollen annehmen, dass sich zwei Menschen begegnen, die einander fremd sind. Sobald sich Menschen begegnen, also sinnlich vernehmen, ordnen sie ihren Wahrnehmungen vorhandene Erfahrungen zu. Die Begegnung wird zunächst instinktiv entschieden: sympathisch oder unsympathisch, schön oder hässlich, gefährlich oder ungefährlich. (Identifikation)

Das wechselseitige Zuordnen von Wahrnehmungen und Erfahrungen dient der Möglichkeit, die wahrgenommene Person einzuordnen. "Was ist das wohl für ein Typ?"

Aber das reicht längst noch nicht. Man stellt Vermutungen über das an, was der andere wohl so treibt oder eventuell vorhaben könnte. Schließlich möchte man wissen, mit wem man es zu tun hat. Dieses spekulative Vor- und Nachordnen dient der Orientierung, aus der heraus sich Ebenbürtigkeits-, Überlegenheits- oder auch Unterlegenheitsgefühle breitmachen können.

5
Feb
2005

Funktionen des Bewusstseins - "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Wahrnehmungen werden dimensioniert, strukturiert und systematisiert, bevor sie ins Gedächtnis gelangen. Dieser Vorgang ist sehr störanfällig. Sobald nämlich Wahrnehmungsinhalte zu schwierig erscheinen, werden sie gefühlsmäßig zurückgewiesen. Im "Kleinen Prinzen" von Antoine de SaintExupéry heißt es: "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut!"

innere-augen2

Geistiges Sehen ist rechtshemisphärisches Wahrnehmen. Jede Theorie wird erst lebendig, wenn sie Bilder erzeugt, die uns neugierig machen. Das Wort "Theorie" hat seinen Ursprung in der griechischen Sprache und bedeutet so viel wie "geistiges Sehen". Aber das Innere Auge unseres Geistes wird durch theoriefeindlichen Unterricht in der Schule getrübt.

Es wird zu viel pseudotheoretisches Zeug angeboten. Pseudotheorie lässt alles vor unseren Augen verschwimmen, statt uns Klarheit zu verschaffen. Ein klassisches Beispiel ist bei vielen die Abneigung gegen alles, was mit Mathematik zu tun hat. Dabei ist Mathematik die beste Möglichkeit, geistiges Sehen zu lernen. In den Anfängen unserer Kultur sprachen die Griechen deshalb noch von "mathematikê téchne". Sie verstanden unter Mathematik noch die "Kunst des Lernens".

Das Innere Auge vermag ebenso wie die Sinne wahrzunehmen, zu betrachten und zu beobachten. Was uns unsere Augen vermitteln, schauen wir uns mehr oder weniger bewusst mit dem Inneren Auge unseres Geistes an. Sobald wir wahrnehmen, gestalten wir auch. Es ist das Innere Auge, das uns unsere eigene Weltsicht schafft. Das Innere Auge nimmt nicht einseitig wahr sondern ganzheitlich gegensätzlich. Die Beschaffenheit des Inneren Auges ist wesentlich bildnerisch. Es ist also besonders befähigt, Natur zu schauen.

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7779 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development