Villa Hefti

<<== Flucht
David wuchs in einem Arbeiterviertel der Suppenfabrik Maggi auf. Sein Vater durfte dort auf Lebzeiten fast umsonst wohnen. Das hatte mit seiner Abfindung zu tun, denn das Unternehmen hatte ihn aufgrund seiner Erblindung im Krieg vor die Tür gesetzt. Einen kriegsblinden Expedienten konnte sie da wirklich nicht brauchen. Davids Vater schulte daraufhin in Marburg um und wurde Sozialrichter. Das Viertel, in dem David aufwuchs, war wie damals üblich, ein in sich abgeschlossener Gebäudekomplex, allseitig durch Straßen abgeschirmt und mit einem sehr geräumigen Innenhof mit großer Rasenfläche, auf der große Kastanien standen. Auf der westlichen Seite des Innenhofs stand zudem ein dreistöckiges Fachwerkhaus, in dem drei Familien aus Italien wohnten. In diesem gleichsam multikurellen Innenhof, durch kleine Straßen mit Parkplätzen strukturiert, spielte sich natürlicherweise, weil die Bewohner sich dort häufig trafen und auch zu kleinen Schwätzchen Zeit fanden, ein Großteil des Alltagslebens ab. Zudem spielten alle Kinder dort, und für Jugendliche aller Altersgruppen war es immer ein guter Treffpunkt. Diesem ghettoähnlichen Gebäudekomplex gegenüber lag eine Großgärtnerei der Fabrik, hinter der sich wiederum ein großer Park verbarg. Dieser war von einem schmiedeeisernen hohen Gitter umgeben. Und hohe Sträucher und Büsche versperrten den Blick auf die große im klassischen Jugendstil gebauten Villa. Diese wurde von einem Generaldirektor und seiner Familie aus der Schweiz nebst ihrer Bediensteten bewohnt.
David reizte diese verborgene, geheimnisvolle Welt. Da es den Kindern verboten war, auch nur in der Nähe dieser Villa zu spielen, dauerte es eine Weile, bis sich David in das verbotene Gebiet wagte. Es war Marie, die eines Tages ausgerechnet auf der Zugangsstraße zur Villa, eine Privatstraße ihre neuen Rollschuhe ausprobieren wollte. Sie fand nämlich, dass sich diese bestens geteerte Straße in der Nähe für ihre ersten Versuche besonders gut eignete. Zudem konnten sie da andere Kinder nicht beobachten und auslachen.
Aber durch den Lärm der Rollschuhe angelockt, erschienen hinter dem Gitter bald die beiden Kinder der Schweizer Familie, Geschwister im gleichen Alter wie Marie und David. Jean und Christiane riefen auf Schweizerdeutsch David und Marie zu sich, um zu erfahren, woher sie eigentlich kommen. Als die beiden erklärten, dass sie im Niederhof wohnen, sagte Jean, dass sie den nicht kennen, weil sie nur im Park spielen dürfen. Marie wollte wissen, ob sie und David denn im Park spielen dürfen. Jean und Christiane lächelten geheimnisvoll und verrieten, dass sie eine Lücke im Gitter kennen. Gesagt, getan. Die vier spielten Ball. Auf die fröhlich lärmenden Kinder aufmerksam geworden, erschien der Pförtner und fragte erschrocken, wie es denn sein könne, dass fremde Kinder in den Park gelangen können, ohne sich bei ihm anzumelden. Aber da tauchte auch schon die Mutter von Jean und Christiane auf und rief, dass es Zeit für das Nachmittagsgetränk ist. Christiane forderte Marie und Jean auf, doch mitzukommen. David wollte erst nicht, aber Marie hatte sofort begeistert zugestimmt. David und Marie staunten nicht schlecht, hatten sie beide ja noch nie ein so großes Haus mit so großen Räumen gesehen. Jean und Christiane führten die beiden auf eine große Veranda, auf der ein weiß gedeckter Tisch mit Kuchen und Kakao stand. Die Mutter brachte noch zwei Gedecke, zog zwei weitere Stühle heran und bat die beiden Kinder sich zu setzen. Statt des erwarteten Donnerwetters erkundigte sie sich bei Jean und Marie, wo sie zu Hause sind. Sie glaubte sogar, Jean vom Sehen her zu kennen. "Ja, Du bist der Junge, der seinen Vater des öfteren führt!… …Ich habe euch nämlich schon gesehen, als ich den Wagen aus der Garage fuhr. Einmal habe ich Deinen Vater sogar gefragt, ob ich ihn nach Hause bringen darf. Da war er nämlich ganz allein unterwegs. Aber er wollte nicht!" Nachdem Marie und David tüchtig Kuchen gefuttert und Kakao getrunken hatten, wollte Marie nach Hause. Die beiden verabschiedeten sich von der freundlichen Frau, die sie zum Tor brachte und ihnen sogar noch hinterher winkte.
David war nun klar, dass es außer dem Niederhof noch eine andere, freundlichere Welt gibt, und er beschloss, sich tüchtig anzustrengen, um seine enge Welt eines Tages verlassen zu können.
==>> sensibler Punkt
wfschmid - 1. Juli, 04:55
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