Neuronale Textanalyse

 
3. Wegmarken

Wer sich unvoreingenommen auf unbekanntes Gebiet wagt, sollte das nicht ohne Karte tun. Irrwege werden sonst zu wahrscheinlich. Und wer nicht nur Irrwege, sondern auch Fehlverhalten vermeiden möchte, sollte sich zuvor wenigstens mit den wichtigsten Regeln vertraut gemacht und die wichtigsten Gesetze kennengelernt haben.

Nun könnte man doch eigentlich sagen, dass es für uns nichts Vertrauteres geben müsste als die eigene Sprache. Schließlich sind wir mit dieser Sprache von klein auf aufgewachsen, haben mit ihr unsere eigenen Erfahrungen gesammelt, so dass wir uns ohne Schwierigkeiten sprachlich verhalten und bewegen können. Wir schreiben und lesen ohne Schwierigkeiten Texte, ohne uns jemals darüber Gedanken zu machen, wie diese Texte in uns entstehen oder Sprache unsere Gedanken bewegt und damit letztlich auch unser Verhalten regelt. Wir gehen mit unserer Sprache genau so leichtsinnig um wie mit unserer Gesundheit, über die wir uns auch erst im Krankheitsfall Gedanken machen.

Was die Gesundheit angeht, so ist es dann oft zu spät, aber was die Sprache betrifft, so wäre es für uns immer zu spät, denn eine erkrankte Sprache ließe uns keinerlei Spielraum mehr, um uns daraus zu befreien, denn alles was uns wesentlich ausmacht, das sind wir durch Sprache. Deshalb könnten wir letztlich auch wohl kaum bemerken, wenn wir erkranken, weil unsere Sprache gestört ist. Solange uns niemand sehr behutsam darauf aufmerksam macht, bleibt für uns alles selbstverständlich genau so wie es immer war. Wir würden sogar nicht einmal bemerken, wenn sich uns erst die innere und dann die äußere Welt entzieht, weil uns, mangels Sprache, entsprechende Erfahrungen abgehen.

Merkwürdigerweise schreckt niemand hoch, wenn Altern heutzutage nicht mehr mit Weisheit, sondern mit Demenz in Verbindung gebracht wird. Niemand fragt sich deshalb, ob hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt werden. Ist das schleichende Vergessen wirklich die Ursache für den Entzug der Sprache oder verhält es sich nicht geradezu umgekehrt? Oder ‚direkter’ nachgefragt: Bewirkt das ‚Absterben’ neuronaler Funktionen das Schwinden der Sprache oder umgekehrt? Ist das Phänomen der Demenz eine Frage der Chemie oder eine Frage der Philosophie?

Beginnt das schleichende Vergessen nicht schon gleich zu Beginn unserer Abendländischen Kultur, nämlich durch die Spaltung der Hemisphären? In der Tat entfaltet sich diese Frage zur maßgeblich bestimmenden Leitfrage, die uns auf einen längst überfälligen Weg schicken und dessen Abschnitte markieren wird.
 

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:

JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neuen Code anfordern

 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7773 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development