Lernen
Die Kunst des Lernens beruht auf der Begabung sorgfältigen Wahrnehmens, genauen Betrachtens, trennscharfen Beobachtens und Begreifens bzw. des Bildens von Begriffen. Diese ursprüngliche Bestimmung des Lernens ist inzwischen längst so weit aufgeweicht, dass sogar bloßes Einprägen als Lernen bezeichnet wird.
Lernen besteht wesentlich im Erwerben eines vielseitig verwendbaren Handlungsbildes, d.i. eine genaue Vorstellung vom Bewältigen einer konkreten Situation.
Mit Hilfe seines Handlungsbildes „Strahlensatz“ konnte Thales jede Höhe von etwas, das Schatten wirft, berechnen, gleichgültig, ob Pyramide, Turm oder Baum. Lernen besteht also im Erwerb einer allgemeinen Handlungsvorlage, um sich in konkreten Situationen flexibel verhalten zu können
So lässt sich mit der Formel zur Berechnung einer Dreiecksfläche jede beliebige Dreiecksfläche berechnen. Aber auch nicht mathematische Vorlagen wie Verkehrsregeln zählen zu Vorlagen, die Verhaltensabläufe eindeutig bestimmen.
Lernen vollzog sich folglich als Aneignen einer für alle nachvollziehbaren und überprüfbaren Bestimmung wie den Satz des Thales oder den Satz des Pythagoras. Die Philosophen demonstrierten diese Aneignung öffentlich und genossen damals bei Jugendlichen das Ansehen von Popstars. Überliefert ist die Demonstration des Satzes des Pythagoras von Sokrates auf dem Athener Marktplatz.
Lernen vollzieht sich der Ansicht Thales und Euklids nach durch das Wahrnehmen sinnlich vernehmbarer Erscheinungen, das Betrachten von Zusammenhängen, und durch das Beobachten von Veränderungen von interessierenden Eigenschaften, also von charakteristischen Merkmalen, um den gesichteten Zusammenhang definieren zu können.
Philosophen, die weniger mathematisch begabt waren, versuchten vom Ansehen der Philosophie zu profitieren, indem sie für sich besondere Gegenstandsbereiche beanspruchten.
wfschmid - 29. April, 05:01
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