Missdeutung
Natürlich gab es Leute, die sich den Ruhm von Philosophen zunutze machen wollten. Sie bezeichneten sich selbst als Sophisten, um andere ganz besonders auf ihre Klugheit aufmerksam zu machen. Zu ihnen zählte sich Protagoras (* vermutlich um 490 v. Chr. in Abdera; † vermutlich um 411 v. Chr.), der spätere Lehrer des Sokrates (* 469 v. Chr. in Alopeke, Athen; † 399 v. Chr.). Protagoras witterte für sich in der Technik des Lernens ein großes Geschäft, wenn es ihm nur gelang, möglichst viele dafür zu begeistern. Das, was die meisten Menschen für sich wünschen, ist, Erfolg zu haben. Also entwickelte er ein Programm, das anderen versprach, durch Lernen erfolgreich zu werden. Mit dieser Idee zog er als Wanderlehrer durch das Land und wurde sehr reich. Den Leuten brachte er bei, so zu argumentieren, dass andere ihre Argumente nicht widerlegen konnten. Überliefert ist in Fall, bei dem der Schüler das Gelernte gegen seinen Lehrer verwendet.
Protagoras und Euathlus haben eine Vereinbarung getroffen, dass der erstere den letzteren Rhetorik lehrt und dafür ein gewisses Honorar bekommt, das dann und nur dann zu zahlen ist, wenn Euathlus seinen ersten Prozess gewinnt. Euathlus absolviert den Kurs bei dem Philosophen, denkt danach aber überhaupt nicht daran, sich in einem Prozess zu betätigen. Protagoras, der endlich sein Geld sehen möchte, strengt daraufhin einen Prozess gegen seinen Schüler mit der Klage an, dieser solle ihm das vereinbarte Honorar zahlen. Vor dem Richter plädiert er wie folgt:
„Wenn Du mir hier Recht gibst, muss Euathlus Deinem Spruch zufolge zahlen; würdest Du hingegen ihm Recht geben, so hätte er seinen ersten Prozess gewonnen und wäre aufgrund unserer Vereinbarung auch dann verpflichtet, das Honorar zu zahlen. Wie immer Du also entscheiden magst, Euathlus muss zahlen. Deshalb solltest Du mir Recht geben.“
Euathlus beweist jedoch, dass seine Lehre bei Protagoras Früchte getragen hat, indem er sich folgendermaßen verteidigt:
„Wenn Du mir hier Recht gibst, brauche ich Deinem Spruch zufolge nicht zahlen; würdest Du hingegen Protagoras Recht geben, so hätte ich meinen ersten Prozess ja verloren und wäre somit auch aufgrund unserer Vereinbarung nicht zur Zahlung des Honorars verpflichtet. Wie immer Du also entscheiden magst, ich muss nicht zahlen. Deshalb solltest Du Protagoras’ Klage zurückweisen.“
Die Missdeutung des Lernens als Weg zum Erfolg ruft in der Folge Nachahmer auf den Plan, die sich ein solches Geschäft nicht entgehen lassen wollten, aber weder etwas von Mathematik noch von Philosophie verstanden.
wfschmid - 27. April, 04:08
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