2
Okt
2013

Kurzsichtig

Ein Begriff wird nicht begriffen, wenn er allein wissenschaftlich betrachtet wird. Man darf nicht so tun, als sei das Bewusstwerden ein Vorgang, bei dem sich Perspektive oder Aspekt der Betrachtung beliebig steuern lässt. Auch das wissenschaftliche Begreifen schließt zum Beispiel Gefühle nicht aus. Begreifen vollzieht sich niemals wertfrei und auch nicht unabhängig von der jeweiligen körperlichen Verfassung.

So lässt sich für Sie leicht überprüfen, ob Sie diesen Text hinreichend konzentriert lesen. Dies ist der Fall, wenn während der Lektüre der Unterschied zwischen "Perspektive der Betrachtung" und "Aspekt der Betrachtung" klar vergegenwärtigt worden ist. Eine solche Betrachtung ergänzt nämlich den Satz:


"Man darf nicht so tun, als sei das Bewusstwerden ein Vorgang, bei dem sich Perspektive oder Aspekt der Betrachtung beliebig steuern lässt"

etwa so:

"Man darf nicht so tun, als sei das Bewusstwerden ein Vorgang, bei dem sich "Aufmerksamkeit" oder "Konzentration" beliebig steuern lassen".

Ist diese oder eine vergleichbare "Einblendung" nicht erfolgt, dann erfolgt die Lektüre des Textes nicht konzentriert genug.

1
Okt
2013

Begriffe begreifen

Warum sollen wir Begriffe eigens begreifen, wenn uns doch der Umgang damit gänzlich vertraut erscheint? Gewöhnlich nutzen oder benutzen wir doch Begriffe, ohne uns darüber Gedanken zu machen, was dieser Umgang mit den Formen des Denkens bedeutet.
Aber was uns so selbstverständlich erscheint, verunsichert uns, sobald jemand auf den Gedanken kommt, sich erklären zu lassen, was "Begriff" genau bedeutet. Selbst in Prüfungen an Universitäten werden Kandidaten bisweilen gebeten, einen Begriff zu definieren. Nun bedeutet aber "definieren", etwas als Begriff zu formulieren. Das aber ist gar nicht gemeint. Warum denn nicht einfach darum bitten, das Zustandekommen eines Begriffs zu erklären? Vielleicht kommt sich jemand überlegen vor, wenn er sich gestelzt auszudrücken vermag?
Andererseits werfen wir mit Begriffen um uns, ohne genau zu wissen, was sie bedeuten. Häufige Begriffe dieser Art sind beispielsweise "Bildung", "Pädagogik", "Politik", "Philosophie" usf. Wir haben uns allzu sehr daran gewöhnt, mit Leerstellen umzugehen. Die Sprache des Ungefähren hat sich eingebürgert. Wir begnügen uns, vage Inhalte auszutauschen.
Da aber Worte neuronale Adressen darstellen, gelingt es dem Gehirn mit zunehmenden Alter weniger, mit vagen Adressierungen umzugehen und es verliert den Kontakt mit den mit Worten verbundenen Situationen oder Ereignissen. Für diese Art von Kontaktlosigkeit hat sich der Name "Demenz" eingebürgert. "demens" ist lateinisch und bedeutet "ohne Geist".
Ein geistloser Umgang mit der Sprache führt eines Tages zur geistlosen Vergegenwärtigung von Wahrnehmungen.

30
Sep
2013

Ungläubige Frömmigkeit

Der Protestantin Aesthe Logkat ist klar geworden, dass sich wahre Frömmigkeit jenseits von Glauben und Wissen und vor allem durch praktisches Loslassen vollzieht. Dennoch ist für sie nicht leicht nachzuvollziehen, dass Gott für den Mystiker dann existiert, wenn er ihn vollkommen unwesentlich und sprachlos schauend erfährt. Aesthe ist froh ob ihrer Drogenerfahrung während ihres Studiums. Diese Erfahrung schützt sie jetzt davor, verwirrt zu sein.
Aber sie versteht, dass Religiosität nichts mit Glauben zu tun hat, dass das Nichtsdenken des Mystikers und das Loslassen des Buddhisten ein und dasselbe sind. Zunehmend weniger begreift sie, warum Religion einer Verwaltung namens Kirche bedarf.

29
Sep
2013

Kontemplation

Aesthe: "Was genau verstehst Du unter Kontemplation?"
Angelus: "Das Wort "Kontemplation" ist eine Ableitung vom lateinischen Verb "contemplari" „anschauen“, „betrachten“ und bedeutet also Beschaulichkeit oder auch beschauliche Betrachtung. Kontemplation ist ein mystischer Weg, der durch ein kontemplatives Leben oder Handeln zu einem besonderen Empfindungszustand führt, eine Art von Bewusstseinserweiterung. Eine kontemplative Haltung ist von Ruhe und sanfter Aufmerksamkeit bestimmt. Eigentlich gleicht sie der buddhistischen Einsichtsmeditation."
Aesthe: "Was bedeutet da Einsicht?"
Angelus: "Vipassanā bezeichnet in pali „Einsicht“, also im Buddhismus die „Einsicht“ in die drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen und Nicht-Selbst. Der Übungsweg zur Entfaltung dieser Einsicht wird „Einsichtsmeditation“ oder „Vipassana-Praxis“ genannt. Vipassana-Praxis ist ein Weg, um das durch Nichtsehen und Verblendung verursachte Leiden zu überwinden bzw. im Leben die Befreiung des Nirwana zu erlangen."
Aesthe: "Kannst Du mir "Nirwana" erklären?"
Angelus: "Nirwana ist ein buddhistischer Schlüsselbegriff, der den Austritt aus dem Samsara, dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten durch Erwachen bezeichnet. Das Wort bedeutet „Erlöschen“, wörtlich „erfassen“ im Sinne von verstehen, „verwehen“, folglich im Sinne des Endes aller mit falschen persönlichen Vorstellungen vom Dasein verbundenen Faktoren, wie Ich-Sucht, Gier, Anhaften."
Aesthe möchte gern wissen, was nun ein Mönch eines beschaulichen Ordens mit einem buddhistischen Mönch gemeinsam hat. Angelus erklärt ihr, dass das, was die Buddhisten Nirwana bzw. Zustand des höchsten Glücks nennen, der ekstatischen Versunkenheit in die vollkommen bedeutungsfreie Anschauung des Lichts gleichkommt. Im Zustand des vollkommenen Loslassens erscheint alles durch sich selbst klar. Namen spielen dann keine Rolle mehr, denn sie sind ganz und gar bedeutungslos geworden!
Aesthe spürt nun intuitiv, worin der eigentliche Reiz eines so strengen kontemplativen Ordens besteht. Sie würde das zwar durchaus reizen, aber sie würde ein solches entbehrungsreiches Leben überhaupt nicht aushalten. Nur das, was ihr besonders wichtig erschien, hat sie verstanden. Es geht also vor allem darum, auf dem Weg zu bleiben. Mönchsein besteht weniger aus Glauben, sondern vielmehr aus Suchen. Es ist ein Weg zum Licht, auf dem sich asketisches Leben verschwendet.

28
Sep
2013

Gewusst wie

Kurze Zeit nach Abgabe ihres Abschlussberichts erhält Aesthe Logkat einen Anruf ihres Vorgesetzten, der von ihr wissen will, was er nun dem Kardinal mitteilen soll. "Sagen Sie ihm, dass er sich selbst in seinem Dom vergewissern soll. Es ist nichts geschehen!" Der Vorgesetzte bedankt sich, nicht ohne sich darüber zu ärgern, dass ihm selbst nicht diese Konsequenz einfiel.
Aesthe betrachtet zwar den Vorgang als erledigt, aber sie ist keineswegs zufrieden mit der Eulenspiegelei. Also beschließt sie, am Wochenende nach Heimbach zu fahren, um noch einmal mit Angelus zu sprechen.

"Eine Religion ohne Gott ist den meisten Menschen unverständlich. Du hast Chodron richtig verstanden. Tatsächlich ist der Buddhismus jedoch eine Lehre, die ohne Gott auskommt. Er ist daher atheistisch, bezieht sich also auf keinen Gott, ist also gottfrei." Aesthe fragt, ob dann die in der buddhistischen Mythologie erscheinenden “Götter” oder “Gottheiten” nicht wirklich existent, sondern lediglich Sinnbilder oder Metaphern bestimmter Bewusstseinszustände sind. Angelus fügt hinzu, dass Buddha keine Göttlichkeit beanspruchte. "Buddha ist kein Erlöser, kein Heiland, kein Gesandter Gottes und kein Prophet. Er betrachtete sich als einen gewöhnlichen Menschen, der seine Einsichten lehrend verkündet. Der Buddhismus kennt keinen Glauben, sondern allein die eigene Einsichtsfähigkeit." Nun kommt Aesthe zu dem Punkt, der sie ganz besonders interessiert. "Wenn ich Dich letztes Mal richtig verstanden habe, verstehst auch Du Gott als eine Art Bewusstseinszustand." Angelus versucht, Aesthe das zu erklären: "Als Mitglied eines kontemplativen oder beschaulichen Ordens gehe ich von einer persönlichen Gotteserfahrung aus. Ich nehme natürlich an, dass es selbstverständlich möglich ist, Gott zu begegnen, falls er existiert. Wir Mönche wissen weder, noch glauben wir, sondern wir vertrauen auf die ganz persönliche Erfahrung aufgrund tiefer Meditation oder Kontemplation!"

27
Sep
2013

Fehlschluss

Aesthe Logkat ist froh, diesen denkbar merkwürdigen Fall abschließen zu können. Sie betitelt ihr abschließendes Protokoll dann auch dementsprechend mit "Fehlschluss".
Und Aesthe Logkat bemerkt auch noch vorweg nicht ohne leichte Verärgerung:
"Fehlschlüsse entstehen, wenn man die logischen Regeln nicht beachtet. Das führt dann wie im Fall vorliegender Vermisstenanzeige zu sachlichen Fehlern. Trugschlüsse sind nämlich bewusst konstruierte Fehlschlüsse, um das Bewusstsein zu täuschen und zu verwirren. Mit ihnen werden dann auch Ideologien begründet und alles Mögliche gerechtfertigt, was nicht vor der Vernunft bestehen kann. Man muss ihre logischen Formen kennen, um nicht auf sie hereinzufallen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein Missverständnis, das auf einem Proton Pseudos beruht. Beim Proton Pseudos wird in einem Schluss eine fehlerhafte erste Prämisse vorausgesetzt. Die Novizen gingen von der Voraussetzung der behaupteten Gegenwart Gottes aus. Und sie wollten lediglich zeigen, dass sich in der praktischen Konsequenz nichts ändert, wenn die aufgestellte Behauptung in ihr Gegenteil verkehrt wird. Für den auf sinnliches Vernehmen angewiesenen Menschen ist es gleich gültig, ob ein sinnlich nicht vernehmbares Wesen anwest oder nicht."

26
Sep
2013

Der Edle Achtfache Pfad

Der Edle Achtfache Pfad erfüllt sich durch:

1. rechte Einsicht/Anschauung, um zur Erkenntnis zu gelangen,
2. rechte Gesinnung/Absicht des Denkens
3. rechte Rede
4. rechte(s) Handeln/Tat
5. rechter Lebenserwerb/-unterhalt
6. rechte(s) Streben/Üben/ Anstrengung
7. rechte Achtsamkeit/Bewusstheit
8. rechte Sammlung/Konzentration (Versenkung)

25
Sep
2013

Hohe Schule der ersten Lüge

Chodron fühlt intuitiv, dass das, was er ausführt für Aesthe erklärungsbedürftig bleibt. Also setzt er fort, dass Wahrheiten nicht einfach geglaubt werden dürfen, sondern sich logisch offenbaren.
Ich zeige Ihnen das am Beispiel der Vier edlen Wahrheiten:
1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll.
2. Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung.
3. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
4. Zum Erlöschen des Leidens führt der Edle Achtfache Pfad.
Die logische Offenbarung der Vier Edlen Wahrheiten entbirgt sich durch Glauben, der sich praktisch durch Loslassen vollzieht.
Aesthe fragt nach:"Sie meinen also, wenn etwas als wirklich vom Menschen bestimmt wird, dann verwirklicht es sich auch durch sein Verhalten?" Chodron bestätigt, dass er das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung meint. Aber Aesthe möchte ganz sicher gehen: "Wenn Menschen die Anwesenheit Gottes definieren, dann verhalten sie sich auch dementsprechend?" Chodron bestätigt das: "So ist es!" Aesthe wird jetzt klar, dass die Novizen des buddhistischen Lehrers nichts Anderes zeigen wollten.

24
Sep
2013

Religion ohne Gott

Aesthe Logkat hat sich mit dem buddhistischen Mönch Chodron im buddhistischen Zentrum Köln verabredet. Als sie dort eintrifft, wird sie bereis von Chodron erwartet. Nach einer freundlichen Begrüssung begeben sie sich beide in die Teestube, in der Aesthe von Chodron eingeladen wird. Der Mönch ist es auch, der das Gespräch eröffnet. "Da Sie von mir eine Begründung für meine Anzeige erwarten, möchte ich Ihnen das erklären. Ich war mit einer Gruppe meiner Novizen in der Kirche Groß St. Martin. Dort sollten sie durch Wachsamkeit tiefer Meditation der Gegenwart des von Katholiken behaupteten göttlichen Geistes nachspüren. Die meisten der jungen Novizen erlebten Visionen von der Abwesenheit dieses Gottes. Deshalb drängten sie darauf, diese Abwesenheit den Ordnungshütern mitzuteilen. Ich erlaubte ihnen also, zum nahe gelegenen Polizeipräsidium zu gehen, um ihre Beobachtung mitzuteilen. Der zuständige Beamte erklärte, dass er nur eine Vermisstenanzeige aufnehmen könne. Da er keine andere Kategorie zur Verfügung hatte, um dem Begehren der Novizen stattzugeben, nahm er schließlich eine Vermisstenanzeige auf, wobei er immer wieder betonte, dass er selbst Atheist sei. Und der Mönch betonte, dass es ihn selbst sehr interessiert, wie die Bürokratie dieses Paradoxon auflösen wird." Aesthe wendet ein, dass sie die gestellte Aufgabe sehr verwundere, da der Buddhismus doch gar keinen Gott kenne.
Chodron schüttelt den Kopf. "Ja, wir haben keinen Gott aber wir glauben an die vier Wahrheiten. Wir glauben auch nicht an Buddha, sondern daran, dass seine Lehren gut und wahr sind. Aber Buddhismus ist deshalb nicht atheistisch. Wir akzeptieren Götter anderer Religionen. Dennoch: Buddha und seine Lehren stehen moralisch und ethisch für uns höher als Gott. Und die Katholiken lehren eine Wahrheit, die sie über die vier edlen Wahrheiten stellen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger sollten sie verstehen lernen."

23
Sep
2013

Abteitropfen

"Für die Mischung werden ausschließlich Kräuter und andere natürliche Zutaten verwendet, die wir teils aus verschiedenen Erdteilen beschaffen müssen, um sie hier in unserer Abtei zu der einmaligen Ingredienz zusammen zu fügen, die den unverwechselbaren, angenehm duftenden und leicht an Honig erinnernden Charakter unseres Klosterlikörs ausmacht. Deshalb enthält unser Klosterlikör auch keine chemischen Zusätze und keine Geschmacksverstärker."
Der Abt schenkte Aesthe zum Abschied eine kleine Flasche Klosterlikör. Während ihrer Rückfahrt vergegenwärtigt sich Aesthe noch einmal ihr Gespräch mit dem Abt. Natürlich gesteht sie sich ein, längst nicht alles verstanden zu haben, sondern eher verwirrt zu sein. Zu fremd sind ihr die Ausführungen des Abtes von einer Religion ohne Gott. Allerdings vermutet sie intuitiv einen engen Zusammenhang zum Buddhismus, der ja auch den Weg zur Erleuchtung durch vollkommenes Loslassen kennt. Ihr wird klar, dass sie das Gespräch mit jenem Buddhisten suchen muss, welcher durch seine Anzeige diese merkwürdige Geschichte ins Rollen gebracht hat.

22
Sep
2013

Abt Angelus

Der Abt Angelus überzeugt die Kriminalkommissarin von Gott als neuronales Phänomen. Aber was Aesthe nicht versteht, ist, was ihren Kommilitonen eigentlich veranlasste, in einen so strengen Orden einzutreten. Angelus lacht und sagt spontan: "Aesthe, das war blanker Egoismus, denn man muss auf alle weltlichen Zutaten verzichten, damit sich das vollkommen selbstlose Ich auf dem Trip des reinen Lichts erscheinen kann!" Aesthe erwidert mitleidig: "Oh Du armer Angelus, das hättest Du wirklicher einfacher haben können, wenn Du das wie Platon gemacht hättest!" Jetzt lacht Angelus herzhaft: "Ja guter griechischer Wein, aber unser selbst gebrannter Klosterlikör ist auch nicht ohne!"

https://www.shop-mariawald.de/likoerfabrik/index.html

21
Sep
2013

Angelus Silesius unter neurologischem Aspekt

Dem Dichter Angelus Silesius werden die gleichen (inneren) Spiegelungen bewusst wie dem Philosophen Platon. Auch Platon betrachtet das Schauen der höchsten Idee als göttlich.

Durch die griechische Mythologie gelangt wahrscheinlich der erste, nämlich menschliche Grund der Götterwelt zum Vorschein. Es sind besonders begabte Seher, durch welche sich Gottheiten künstlerisch gestalten. Solche fantastischen Inszenierungen werden durch Priester missbraucht, indem sie sich ihrer aus Machtgier bemächtigen. Sie vergiften natürliches Glauben mit ihren Machtfantasien von einer jenseitigen Welt.

Heilige verinnerlichen solche fantastischen Vorstellungen so stark, dass sie Möglichkeit und Wirklichkeit verwechseln. Aber ihr Gott lässt sich nicht verallgemeinern, sondern immer wieder erneut in jeder Seele besonders initiieren.

„Gott lebt nicht ohne mich

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,

Werd' ich zunicht', er muß von Not den Geist aufgeben“.

Es ist wahrscheinlich, dass der Gottesglaube evolutionär bedingt physiologisch im Gehirn verankert ist. Das „Gottes-Gen“ (VMAT2-Gen), schreibt der Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer 2004 in seinem so betitelten Buch, ist für die Ausschüttung chemischer Botenstoffe im Gehirn verantwortlich. Diese Botenstoffe steuern neben Stimmungen u.a. auch religiöse Gefühle.

Die gewagte These vom Gottes-Gen begründet keinen biochemisch bedingten Gottesglauben.

Dass Kinder eine natürliche Tendenz, an Übernatürliches zu glauben, besitzen, ergibt sich aus einem Ungleichgewicht zwischen Vernunft und Verstand. So wird alles Unerklärbare durch Glauben und nicht durch Wissen geregelt. Auch Erwachsene regeln in ihrem Alltag Vieles noch mit Aberglauben.

Aber nicht nur der Glaube, sondern auch unser Wissen erscheint uns vereinzelt zunächst als Glaube. Ein Axiom beispielsweise gelangt gleich einem Dogma zum Vorschein. “Ich glaube an die Identität ‘a = a’ ” wie an die Dreifaltigkeit.

Viele Sätze beweisbaren Wissens waren ursprünglich nicht beweisbare Glaubenssätze. Eigene Vorstellungen sind häufig mehr als negative Utopie oder eine Art Fata Morgana des Bewusstseins.

Es scheint aber oft sehr schwierig, auszumachen, ob das Schauen innerer Spiegelungen des Unbewussten auf irgendeine Art und Weise schließlich doch Wahrheit offenbart.

Wird davon ausgegangen, dass der Mensch vernunftbegabt ist und die mythischen Hinweise eines Sokrates, Platons oder Moses zutreffen, dann könnte das menschliche Erbgut tatsächlich doch eine Art Gen enthalten, das religiöses Empfinden ermöglicht.

Den kanadische Neuropsychologen Michael Persinger[2] veranlasst dies zu folgender Überlegung: Wenn ich die fürs Religiöse zuständigen Hirnregionen eines Menschen stimuliere, verschaffe ich ihm damit auch religiöse Gefühle? Er entwickelte einen Helm, der ein sich bewegendes Magnetfeld erzeugt. Diesen Helm liess er Versuchspersonen zwanzig Minuten lang tragen. Vier von fünf Probanden beschrieben die ausgelösten Empfindungen als übernatürlich oder spirituell. Sie fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens, eine Berührung Gottes, Transzendenz.
Demnach könnte ein allgegenwärtiges Wesen (“Geist in der Materie”) sich offenbaren, indem es das Gehirn beeinflusst und auf dem Weg der Spiegelungen religiöse Vorstellungen und Empfindungen erzeugt. Erscheinungen der Heiligen bekämen dann eine “natürliche” Erklärung.

Der “Umweg” über Spiegelungen des Glaubens sichert das kulturell bedingte, individuelle Verstehen und Auslegen des allgegenwärtigen Wesens. Alle Versuche, diesen Glauben in Wissen umzuwandeln, versagen.

Der göttliche Funke bleibt eine innere Entladung, die sofort nach Absinken höchster Konzentration erlischt.

20
Sep
2013

Angelus

Abt Angelus begrüßt Aesthe herzlich. Aesthe betrachtet den Abt immer noch als ehemaligen Kommilitonen und duzt ihn deshalb nach wie vor. Er hatte zudem das vertraute "Du" nie korrigiert. Aesthe erklärt noch einmal den Anlass ihres Besuches. "Wer hat denn diese merkwürdige Anzeige aufgegeben?" Aesthe darf das nicht preisgeben und lässt diese Frage unbeantwortet. Sie möchte wissen, welche Chancen überhaupt bestehen, ein Verschwinden Gottes zu bemerken? Der Abt lächelt. "Das ist reiner Ulk!" "Gott ist ein sehr persönlicher Gott, der allein im jeweiligen Selbst eines Ichs wohnt". Der verwunderte Gesichtsausdruck von Aesthe veranlasst Angelus, noch zu ergänzen, dass jedes Lebewesen aufgrund seines angeborenen religiösen Triebes gleichsam seinen eigenen Gott erfährt. Und er fährt fort, dass Visionen immer wieder zu Erscheinungen führen, die einen Schöpfer glauben machen. Ganz offensichtlich existiert Gott also für Heilige in ihren Visionen. Er frage sich, ob diesen hoch sensiblen Menschen die Fantasie nach hartem Ringen und Entbehren endlich das vermittelt, wonach sie sich so sehr sehnen? Ist Gott etwa ein Phänomen, das sich allein in fantasievollen, sensiblen Menschen konstituiert? Um seine Ausführungen noch zu unterstreichen, zitiert Angelus den Dichter und Mystiker Angelus Silesius, der im Cherubinischen Wandersmann schreibt:

„Gott lebt nicht ohne mich

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,

Werd' ich zunicht', er muß von Not den Geist aufgeben.

Gott ergreift man nicht

Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier:

Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.“

19
Sep
2013

Es kann nicht sein, was nicht ist.

Dass nichts ist, lässt sich nur philosophisch denken. Und es lässt sich auch glauben, dass sich etwas an einem Ort befindet, wenn sich dieses nicht (sinnlich) wahrnehmen lässt.
Der Glaube eröffnet nämlich Möglichkeiten des Wahrnehmens, die den Sinnen verschlossen bleiben.
Aesthe Logkat ist sehr schnell klar, dass sie einen Gläubigen braucht, um in diesem Fall weiterkommen zu können. So beschließt sie, nach Heimbach in der Eifel zu fahren. Sie ist nämlich mit Angelus befreundet, der seit kurzem Abt im dortigen Trappistenkloster Maria Wald ist. Sie kennt den Mönch seit ihrem Studium an der Universität Köln. Sie hatten sich dort in einer studentischen Arbeitsgruppe während des Philosophiestudiums kennen gelernt. Also ruft Aesthe Angelus an und erhält bereits für morgen Vormittag einen Termin.
Einige Minuten vor zehn parkt die Kommissarin ihren Wagen vor dem Gästehaus des Klosters.
Bruder Kunibert, der Pförtner, erwartet sie bereits und führt sie in eines der Gästezimmer. "Der Abt wird gleich kommen!" erklärt er.

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7760 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development