1
Okt
2012

4.1 (19) Erziehen heißt positiv erfahren lassen

 




 

Alle Erziehung, die über eine Hilfe zur Selbsthilfe hinausgeht, führt zur Selbstentfremdung des anderen. Lehren, das nicht Hilfe zur Selbsthilfe ist, entartet zum Unterrichten. Unterrichten bedeutet „unter eine Richtung zwingen“. Unterricht verkehrt Erziehung als Befreiung zu sich selbst in Dressur.

Jedoch wird jedes Lebewesen in die Abhängigkeit von seinen Eltern hineingeboren. Ohne Hilfe seiner Bezugspersonen vermag es nicht einmal zu überleben. Seine Eltern helfen ihm, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Aber schon durch die Art und Weise wie sie das tun, vermitteln sie dem kleinen Wesen, in welchem Verhältnis sie zu ihm stehen. Ein liebevolles, einfühlendes Verhalten erlaubt es der erwachenden Vernunft, sich frei zu entfalten.

Aber oft reichen Kraft und Möglichkeiten nicht aus, dem zu entsprechen. Die kaum auf die Erziehung vorbereiteten Eltern werden in der Regel ohne Hilfestellung allein gelassen. Sie bleiben auf das verwiesen und angewiesen, was in den Medien an beratender Information zu finden ist. Aber letztlich handeln sie nach Gutdünken und von eigenen Wünschen gesteuert.

An die Stelle einer positiv geträumten Utopie treten tradierte Topoi.

Wer ein Lebewesen erzeugt, muss auch für es sorgen. Das gilt unter allen Herdentieren als ungeschriebenes Gesetz. Die gesetzliche Fürsorgepflicht wirkt prägend. Der Prägestempel des Charakters wird aufgedrückt.

Bevor wir überhaupt in der Lage sind, uns selbst zu regeln, werden wir auf vorgegebene Sollgrößen hin eingeregelt. Wenn wir diesem Mechanismus entkommen wollen, müssen wir uns im Ungehorsam üben. Statt einfach nur alles zu befolgen, müssen wir von Grund auf alles in Frage stellen.

Wenn sich das Ich jemals aus entfremdetem Selbst befreien will, muss es aus seinem Leben eine Geschichte des Ungehorsams machen.

Eine Anleitung zu solcher Rebellion hält gewöhnlich jedes Gehirn von Natur aus vor. Spätestens mit der Pubertät ist die Zeit gekommen, zur Selbstbefreiung aufzurufen. Pubertät ist jener neuronale Gewaltakt, welcher für die Empörung der Seele über alle ausfgedrückten Verhaltensmuster sorgt. Schließlich befinden sich alle neuronalen Netze im Umbruch. Über die Hälfte erfährt sogar den totalen Zusammenbruch. Angesichts dieses inneren Krieges fällt es schwer, sich nach außen hin noch friedlich zu verhalten.

In den Zeiten totalen neuronalen Umbruchs bietet das Gehirn individuell angemessene Waffen für den persönlichen Freiheitskampf an. Äußerlich flüchtet sich die Fantasie in Abenteuergeschichten.

Abenteuerromane werden verschlungen. In solchen Abenteuern probiert sich die Fantasie aus, und bei schöpferisch begabten Wesen spielt sie mit vollem Risiko.

Allerdings ergreift ein durch Erziehung unterdrücktes Gehirn höchst selten die eigene Initiative, sondern folgt eher den Regeln einer unauffälligen Anpassung. Durch die Vorherrschaft des Verstandes bleiben Vernunft und Gefühl auf der Strecke. Das Bilderleben der Vernunft und das Empfinden der Seele können sich nicht hinreichend ausbilden, um noch einer sich offenbarenden Wahrheit glauben zu können.
 

30
Sep
2012

4 Lernen

 
 

29
Sep
2012

3.6 (18) Der erste Schritt

 




 

Der erste Schritt zur Auflösung eines Traumas ist das Vergegenwärtigen der Erfahrung seiner Auslösung. Der Erfolg eines solchen Versuchs hängt natürlich von der Erinnerungsfähigkeit ab.

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Dieser Erfahrungssatz versagt bei einem Trauma. Als seelische oder geistige Verletzung bzw. Wunde lässt sich ein Trauma (τραύμα) durch keinen helfenden Gedanken heilen.

Ein Trauma wird durch eine starke seelische Erschütterung aufgrund eines schrecklichen Ereignisses hervorgerufen. Solche Ereignisse lösen extremen Stress aus, indem sie Gefühle völliger Hilflosigkeit bzw. des Entsetzens auslösen, welche das Selbstbild dauerhaft oder auch nur vorübergehend erschüttern oder gar zerstören.

Ein Trauma zerstört einen Teil des neuronalen Netzes oder blockiert zumindest neuronale Prozesses im Gehirn. In diesen Bereichen fällt dann auch natürlicherweise die Selbstkontrolle aus und Angst wird ausgelöst. So besteht dann auch ein typisches Symptom eines Traumas darin, dass sogar ein alltägliches oder gewöhnliches Ereignis es auslösen kann, weil entsprechende neuronale Strukturen eines entsprechenden Verhaltensmusters ausgefallen sind.

Dieser Ausfall verhindert dann auch eine Annäherung an das auslösende Ereignis durch Erinnerung. Entscheidend bleibt, wie jemand mit einem Trauma umgeht. Wenn die eigene Angst als unbegründet angenommen werden kann, dann vermag auch das Denken weiter zu helfen, indem es die angstvolle Antizipation durch Vergleichen mit erfolgreichen Fällen zunächst abschwächt und dann auflöst. Falls es gelingt, sogar einen erfolgreichen Ausgang zu antizipieren, lässt sich mit der vorhandenen Angst sogar „leben“.

Die durch ein Trauma ausgelöste Angst lässt sich nicht auflösen, sondern doch zumindest so weit abschwächen, dass es sich damit umgehen lässt. Meistens ist das ohne therapeutische Hilfe nicht zu erreichen.
Aber jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt!
 

28
Sep
2012

3.5 (17) Trauma

 




 

„Du gehst ja nur mit geschlossenen Augen durch die Welt!“ Das masochistische Kindheitstrauma, das ohnehin bereits den ganzen Tag über höchst sensibel empfangsbereit auf so etwas wartet, empfängt den ausgerechnet im Wartezimmer eines Augenarztes dahin geworfenen, tief verletzenden, aber wahrscheinlich nur humorvoll gemeinten Satz dankbar. Humor ist dann auch die Hilfestellung, um, nach außen hin, diesen Satz erst einmal mit einem Lächeln überspielend zu vertuschen. Die Betroffenheit bleibt dennoch.

Betroffenheit ist das gefühlte Betreffen, eine Botschaft an das Ich „Betreff: Selbst“. Spielt das Kind eines blinden Vaters dessen Behinderung so überzeugend nach, bis es diese Rolle verinnerlicht und seine Augen vor den sinnlichen Botschaften verschließt? In der Tat hilft dem sensiblen mutterlosen Kind die frühe Gründung einer stabilen Innenwelt über viele Katastrophen draußen hinweg.

Eines Tages schlägt diese Innenwelt in philosophisches Interesse um, aber vielleicht nur deshalb, um die Visionen des Kindes für den Erwachsenen retten zu können. Aber Gedanken allein räumen draußen noch nichts auf. Der Ruf der Innenwelt drängt in einen Beruf, der es erlaubt, dass sie sich auch endlich nach draußen hin ausbreiten darf.

Trifft der betreffende Satz jetzt die Sorge, dass dieser mühsame Transfer vielleicht doch nicht erfolgreich war? In der Tat, darüber müssen andere urteilen.
 

27
Sep
2012

3.4 (16) Bitte an das Unbewusste

 




 


Fühlen, nach innen schauen, ohne zu sehen.
Geschehen lassen, nachspüren, ohne zu ahnen.
Verdichten empfinden, ohne zu betrachten.
Glauben an das Entstehen. Gewissheit:
Es wird ein Gedicht.

Worte wirbeln auf, ohne sich zu binden.
Folgen von Sätzen wollen in keinen Sinn.
Gedanken verweigern annehmbare Sätze.
Angestrengt suchen, ohne zu finden.
Es wird kein Gedicht.



Die Bitte an das Unbewusste war, eine Idee zu finden, um das Entstehen einer Idee zu zeigen. Ein Versuch, das zeichnerisch zu lösen, scheiterte. Ideen, Möglichkeiten zu zeichnen, mögen mich offenbar nicht. Da interessiert dann auch nicht die Lust.

Da blieb nur noch der künstlerische Bereich des Textens, also ein Gedicht wenigstens. Ein Gefühl meldet sich, dass etwas in mir diesem Wunsch zu entsprechen gedenkt, wenn ich nur meine Schwierigkeit dabei zu Wort kommen lasse. Ich habe es gemacht, ohne jetzt zu wissen, ob daraus auch ein Gedicht geworden ist. Irgend etwas in mir flüstert mir zu, dass das jetzt nicht interessiert. Es wird betont, dass ich mich doch gefühlsmäßig verhalten habe. Also versuche ich jetzt in mir zu beschreiben, was mit mir geschehen ist.

Wider Erwarten ist es in einer Zeit geschehen, die ich gewöhnlich totschlage. Wegen eines Kindheitstraumas ängstigt mich der bevorstehende Arztbesuch. So entsteht innerer gefühlsmäßiger Druck, die verbleibende Zeit so gut wie irgendwie möglich sinnvoll zu verbringen, vor allen Dingen, um mich vom bevorstehenden Ereignis abzulenken. Das bedeutet zu schaffen, möglichst schöpferisch zu sein. Vielleicht erschien deshalb die Idee, die Aufgabe in einem Gedicht zu lösen, beschleunigt.

Fühlen, nach innen schauen, ohne zu sehen.
Geschehen lassen, nachspüren, ohne zu ahnen.
Verdichten empfinden, ohne zu betrachten.
Glauben an das Entstehen.


Das ist wahrscheinlich die typische Anfängersituation einer Idee. Diese Antwort gewährt aber noch kein deutliches Gefühl für die Herkunft einer Idee. Ich will mich noch nicht damit abfinden, dass solches Erleben vielleicht einem zu stark wortgebundenen Wesen verwehrt bleibt. Dann aber bliebe für das Erscheinen einer Idee allein Malerei, Musik und Tanz, also die wortlos sprechende künstlerische Bewegung.
 

26
Sep
2012

3.3 (15) Die andere Welt

 




 

Die erzieherisch verrückte Welt ist der Natur abgewandt. Die schulische Erkundung der Natur ist naturfeindlich und bringt das vernunftbegabte Lebewesen als einziges Lebewesen dazu, den eigenen Lebensraum durch Unterdrückung der Natur zu zerstören.

Die Macht des Kapitals maßregelt das Leben. Medien bestimmen durch die Anzahl der Wiederholung des immer Gleichen den Öffentlichkeitswert eines Gesichts wenigstens so lange wie für das Ansehen bezahlt wird.

Die andere Welt aber liegt jenseits der Grenzen der Gültigkeit irgendwelcher kapitalistischer Werte. Zu dumm nur, dass auch diese Welt auf Medien angewiesen scheint.

Die andere Welt zeigt sich als Utopie, indem sie Bewegungen als Zeichen sendet. Durch das Werden lässt sie die Vergänglichkeit des Augenblicks hervorscheinen. Die ständige Veränderung des Werdens verweist auf die Abwesenheit allen Ordnens und auf die Vorherrschaft zufälligen Spielens.

Das Lesen und Deuten dieser Zeichen hängt wesentlich davon ab, dass sie zureichend deutlich empfangen werden. Gewöhnlich nämlich existieren kaum Erfahrungen im Umgang mit Zeichen aus der anderen Welt. Es sind nicht die Sinne, welche die entsprechenden Signale übertragen, sondern Gefühle.

Gefühle aber sind bereits Widerspiegelungen eines tief inneren Geschehens. Je nach Begabung bilden sich diese Spiegelungen in Ideen für Musik, Lyrik, Malerei, Tanz oder Theater ab und zeigen den Künstlern und Künstlerinnen in ihren Träumen und Visionen Möglichkeiten auf.
 

25
Sep
2012

3.2 (14) wahr werden

 





 


Wahrheit ist kein Ergebnis, sondern Entwicklung. Wahrheit antwortet nicht, sondern fragt. Als Vergegenwärtigung der Wahrheit gründet vor allem das Gefühl das Bewusstwerden. Wahrheit wird demnach nicht durch Sinne oder Geist vernommen, sondern durch die Seele.
Wahrheit ist keine Angelegenheit des Verstandes. Begriffliches Denken darf deshalb auch keinen Einfluss nehmen. Begriffe, Funktionen und Formeln sind niemals wahr, sondern allenfalls richtig.

Somit wird klar, dass Wahrheit nicht zum Gegenstand von Wissenschaft werden kann. Es handelt sich weder um verifizierbare noch falsifizierte Inhalte.

Das Erscheinungsfeld der Wahrheit gestaltet sich vor allem mystisch oder künstlerisch. Während Kunst Wahrheit für alle möglichen Betrachtungen offen ins Werk setzt, steht Mystik in der Gefahr ihre Visionen so zu versprachlichen, dass sie in die Nähe von Belehrungen geraten.

Wahrheit setzt Reinheit der Seele und intuitive Begabung voraus. Die reine Seele eines vorurteilsfreien Selbst vermag allein Bilder zu schauen und in ihnen Wahrheit zu schauen.
Die reine, selbstlose Seele ist ein künstlerisches Wesen. Um so mehr muss sich dieses Wesen vor irgendwelchen Selbst-Auslegungen schützen und sich im Loslassen üben.

Die Selbstreinigung der Seele vollzieht sich allmählich, indem alle erziehungsbedingten Selbstverurteilungen als aberwitzige Irrtümer nach und nach abfallen. Von allen Häresien befreit findet sich die Seele in Freiheit im ursprünglich natürlich kindlichen Selbstvertrauen wieder.

Dem kleinen Kind ist wie allen Lebewesen die Lüge noch fremd. Erst durch Erziehung nistet sich das Vermögen zu täuschen in der Vernunft ein. Durch Verstellen wird das vernunftbegabte Wesen dem Schauen der Natur entrückt. Die so ver-rückte, gewendete Seele verliert das innere Licht.

Durch solche Verrückung geblendet wendet sich das vernünftig werdende kleine Wesen vom traumhaften Spiel seiner Fantasie ab, um nach und nach erzieherische Vorgaben zu verinnerlichen.

Inneres Wahrnehmen wandelt sich in Äußeres Wahr Nehmen. Das ursprüngliche Verhältnis zur Natur verändert sich radikal durch anerzogenes Filtern von Erfahrungen. Höchst selten entwickelt sich dabei eine Resistenz gegen schulischen Missbrauch natürlicher Vernunft.

Das aber zwingt das Resistente in eine scheinbare eigene, weil von Gewohnheiten abgewandte Welt.

24
Sep
2012

3.1 (13) Wahrheit

 




 

Wahrheit ist hoch sensibel und hoch wahrscheinlich unmoralisch und gewissenlos. Wahrheit entzieht sich jeglichem Ordnen. Die Freiheit der Wahrheit lässt sich nicht binden.
Wer vorgibt, Wahrheit zu lehren oder zu verkünden, ist ihr nie begegnet.

Wahrheit gibt keine Antworten, denn Wahrheit existiert nur während des Suchens. Wer als zutreffend angenommene Antworten besitzt, sitzt fest. Wahre Antworten formulieren Fragen.

Ist Wahrheit eine Utopie, die das vernunftbegabte Wesen unentwegt unterwegs sein lässt?

Das Bewusstsein des vernunftbegabten Wesens ist gewöhnlich für Wahrheit gar nicht offen. Bevor nämlich etwas überhaupt von außen oder innen her bewusst werden kann, ist es auch schon gefiltert für uns zurecht gemacht.

Ganz offensichtlich sollen wir nicht erfahren, was in Wahrheit ist. Es scheint eine wesentliche Aufgabe des Gehirns zu sein, uns vor der Wahrheit zu schützen.

Wegen der Ich-Bezogenheit der Wahrheit des Glaubens flüchten wir uns seit Aristoteles (* 384; † 322 v. Chr. ) in die Richtigkeit des Wissens.

Als Abwesenheit von Wahrheit existiert Unwahrheit in Form von bloßen Meinungen, die durch Statistiken als annehmbar dargestellt werden. So hängt Glaubhaftigkeit plötzlich von der Größe der Medien und vom Bekanntheitsgrad ihrer Meinungsmacher ab.

In Gestalt von Meinungen wird Richtigkeit zur Ware, die sich jeder nach Belieben aussuchen kann.
 

23
Sep
2012

3 (13) Entbergen

 
 

22
Sep
2012

2.7 (12) verflüchtigen

 


 


bleiben verlieren
benennen aufgeben
ordnen verlieren
verflüchtigen

Sich retten durch Substantivieren?
Doch Sein gewinnen und festhalten?
schwinden aushalten
verflüchtigen

noch bleiben
halten wollen
fantasieren öffnen
verflüssigen

wahrnehmen
betrachten
beobachten
dichten
 

Eigenschaften erst ermöglichen das Unterscheiden von Werden als Beobachten von Vorgängen.

Betrachten beschreibt und hält Schwinden durch das Bestimmen als Wesen anwesend.

Das hilft Werden zu übersehen und mit allen Mitteln zu versuchen, den Verfall aufzuhalten.

Vernunftbegabte Wesen träumen vom Bleiben, während ihnen alles entschwindet.
 

1.
Ach wie flüchtig,
ach wie nichtig
ist der Menschen Leben!
Wie Ein NEBEL bald enstehet
und auch wie der bald vergehet
so ist unser LEBEN sehet!
2
Ach wie nichtig,
ach wie flüchtig
sind der Menschen Tage!
Wie ein Strom beginnt zu rinnen
und mit Laufen nicht hält innen,
so fährt unsre Zeit von hinnen.
3
Ach wie flüchtig,
ach wie nichtig
ist der Menschen Freude!
Wie sich wechseln Stund und Zeiten,
Licht und Dunkel, Fried und Streiten,
so sind unsre Fröhlichkeiten.
4
Ach wie nichtig,
ach wie flüchtig
ist der Menschen Schöne!
Wie em Blümlein bald vergehet,
wenn ein rauhes Luftlein wehet,
so ist unsre Schöne, sehet!
5
Ach wie flüchtig,
Ach wie nichtig
Ist der Menschen Stärke!
Der sich wie ein Löw erwiesen,
Überworffen mit den Riesen,
Den wirfft eine kleine Drüsen!
6
Ach wie flüchtig,
ach wie nichtig
ist der Menschen Glücke!
Wie sich eine Kugel drehet,
die bald da, bald dorten stehet,
so ist unser Glücke, sehet!
7
Ach wie flüchtig,
Ach wie nichtig
Ist der Menschen Ehre!
Über den, dem man hat müssen
Heüt die Hände höflich küssen,
Geht man morgen gar mit Füssen!
8
Ach wie nichtig,
Ach wie flüchtig
Ist der Menschen Wissen!
Der das Wort konnt prächtig führen
Und vernünfftig discurriren,
Muß bald alle Witz verlieren!
9
Ach wie flüchtig,
Ach wie nichtig
Ist der Menschen Dichten!
Der, so Kunst hat lieb gewonnen
Und manch schönes Werck ersonnen,
Wird zu letzt vom Todt erronnen !
10
Ach wie nichtig,
ach wie flüchtig
sind der Menschen Schätze!
Es kann Glut und Flut entstehen,
dadurch, eh wir es versehen,
alles muß zu Trümmern gehen.
11
Ach wie flüchtig,
Ach wie nichtig
Ist der Menschen Herrschen!
Der durch Macht ist hoch gestiegen,
Muß zu letzt aus unvermügen
In dem Grab erniedrigt ligen!
12
Ach wie flüchtig,
ach wie nichtig
ist der Menschen Prangen!
Der in Purpur hoch vermessen
ist als wie ein Gott gesessen,
dessen wird im Tod vergessen.
13
Ach wie nichtig,
ach wie flüchtig
sind der Menschen Sachen!
Alles, alles, was wir sehen,
das muß fallen und vergehen.
Wer Gott fürcht', wird ewig stehen.
 
--
Michael Franck (Text)
Johann Sebastian Bach
Kantate. BWV26
 

21
Sep
2012

2.6 (11) Kontrast

 




 

Konträres Denken wendet sich gegen bereits Gedachtes. Es versteht sich als Probe aufs Exempel. Aber ein solcher Versuch ist schwierig. Das Gehirn widersetzt sich allen Veränderungen gewohnter ausgeprägter neuronaler Strukturen. Die Erfolgs-Wahrscheinlichkeit eines Veränderungsversuches wächst durch die Einnahme einer Gegenposition. Das Formulieren von Pro und Contra erleichtert das.

Pro: Wissenschaftliche Sätze folgen festen Regeln formalisierender Verallgemeinerung.
Contra: Künstlerische Sätze folgen intuitiven Bildern gefühlter Fantasie.
Pro: Wissenschaft ist ihrer Beweiskraft verpflichtet.
Contra: Kunst ist der Wahrheit verbunden.

Pro und Contra ist jedoch ein zu rationaler Vergleich, um sich von eingefahrenen Spuren lösen zu können.
Eher hilft ein Ausbruch aus der Wissenschaft (in die Kunst).

Das Wort ist ein Anfang. Ein Wort ist ein Zeichen.
Es zeigt uns ein Bild. Während der Betrachtung entstehen Gefühle. Vorstellungen zum geschauten Bild gestalten sich und kleiden sich wiederum in Worte. Eine Geschichte entwickelt sich. Die Fantasie spürt, was sie erzählen will. Und eine Idee scheint aus den Tiefen des Unbewussten hervor.

Es ist schwierig, überhaupt einen Weg zu finden, wenn sich ein Wort an das andere klammern muss, um wenigstens irgend etwas geschehen zu lassen.

In der dunklen wort- und gedankenlosen Welt beginnt es zu dämmern. Der erste Anschein eines Ideenlichts zeigt sich in der Finsternis des entschwundenen Dagewesenen. Die Dämmerung vertreibt die Nacht des spielenden Chaos neuronaler Unverbundenheiten.

Fragen machen sich auf die Suche nach Antworten für helfende Schritte. Fragen, das hilft immer, wenn man sich in einer gedankenlosen Wüste nicht mehr zurechtfindet.
Aber Fragen sind auch gefährlich, orientieren sie sich doch an erfahrenen Vorgehensweisen.

Der Blitz des Sturzes durch den Raum-Zeit-Tunnel treibt alles Ordnen auseinander, und der Kosmos löst sich in eine raumlose Unendlichkeit auf. Worte verlieren ihre Sicherheit. Inmitten des Werdens erscheinen Hauptwörter als Lügen, heucheln sie doch nicht existierendes Seiendes.

Verunsicherte Hauptwörter nehmen Sätzen ihre Standfestigkeit. Blumen blühen nicht mehr. Blühen überlässt es der Fantasie, selbst zu wählen und zu entscheiden, was blühen soll. „Blühen fantasieren“.
Aufforderung, sich das Blühen selbst auszumalen.
Angestecktes, Aufgestecktes (lateinisch: suffixum) gewährt Geschehen wenigstens etwas Halt. Unter Umständen helfen auch Begleiter (Artikel). „Das Blühen fantasieren“ fordert stärker auf als „Blühen fantasieren“. Es sei denn, man nimmt einen Nullartikel an und fühlt sich angesprochen.

Als Hauptwort aufgegeben bleibt für „Totzeit“ „sterben“ und nicht einmal „Sterben“. Aber mit „sterben“ lässt sich sehr viel sensibler malen.

sterben
ableben, abscheiden, absterben, auflösen, dahinscheiden, eingehen, einschlafen, einschlummern, entschlafen, entschlummern, erfrieren, erlöschen, ersticken, ertrinken, fallen, heimgehen, hinübergehen, schwinden, umkommen, verdursten, verenden, vergehen, verhungern, verlöschen, verscheiden, verschwinden, versterben
(Quelle: Wortschatz.Uni-Leipzig)

„sterben“ ist Synonym von: abberufen, abkratzen, ableben, abrufen, absterben, aufgeben, aushauchen, dahingehen, dahinscheiden, eingehen, einschlafen, einschlummern, entschlafen, entschlafen, erfrieren, erleiden, erlöschen, ersticken, erwischen, fallen, heimgehen, hinraffen, krepieren, scheiden, umkommen, verbluten, verdursten, verenden, verlöschen, verrecken, verscheiden, versterben, versterben, wegsterben
(Quelle: Wortschatz.Uni-Leipzig)

Synonyma sind gefühlte Färbungen eines Wortes. Die durch das Wort vermittelte Stimmung oder Einstellung verändert sich.

Wandeln von „Totzeit“ in Sterben:
Auf Bleiben durch Übergehen verzichten
Auflösen im Werden
Loslassen.

Kein Trösten nach Verabschieden
Vergehen von Glauben, Hoffen, Lieben im Werden
Loslassen.

Ewiges Werden, Fließen ohne Eigenschaften
Verlieren im Werden
Loslassen
Gott ist kein Hauptwort
 

20
Sep
2012

2.5 (10) Ontische Herms

 




 

Naturcode heißt jene Information, welche das Überführen von Energie in Materie ermöglicht und umgekehrt die Rückführung der Materie in Energie. Materie gelangt vorübergehend als informierte Energie zum Vorschein. Information ist das Substrat jeglicher Substanz. Sie ist gleichsam Sein, das alles Seiende in sich vereint. Die Ur-Information ist sowohl der Physik als auch der Metaphysik zugänglich. Sie ist gleichsam Theorie der Praxis von Energie. Insofern lässt sie sich sowohl denken als auch berechnen und messen. Das Unterrichten der Energie durch Information lässt sich in entsprechender Materie nachweisen, und zwar aufgrund des Verhaltens ihrer Elementarteilchen.[1] Unter den kleinsten Elementarteilchen bewegt sich der Zwitter[2], mit griechischem Namen Hermaphroditos, auf der Grenze zwischen Sein und Nichts oder zwischen Metaphysik und Physik. Insofern ist dieses kleinste Elementarteilchen das einzige dem Denken zugängliche Teilchen, denn es ist in gleicher Weise geistig wie materiell und kann deshalb metaphysisch wie physikalisch erforscht werden. Hoch wahrscheinlich ist Hermaphroditos, kurz: Herm(s), das, ‘was die Welt im Innersten zusammenhält’.[3]

Herms sind Platzhalter in der Sphäre möglicher Möglichkeiten. Als solche bilden sie das Substrat aller Substanzen und beinhalten Formen, um wirkliche Möglichkeiten zu gestalten. Diese Gestaltung folgt jenen Vorschriften, welche der Ur-Information zugrunde liegen. Danach geht etwas als Grund etwas als Ursache voraus, und etwas als Ursache folgt auf etwas als Grund, wobei Grund und Zweck hinter Ursache und Wirkung allen Berechnungen verborgen bleiben und deshalb auch nicht messbar sind. Die Kohärenz der Herms sorgt für eine Vernetzung aller Teilchen zu einem Ganzen, wobei jedes Ganze jederzeit wiederum ein Teilchen sein kann. Angesichts einer kohärenten Vernetzung können Teilchen verschiedener Bereiche nur daran erkannt werden, ob sie identisch, gleich, ähnlich, unterschiedlich oder entgegengesetzt sind. Je nach Nichtigkeitsgrad sind Herms des Nichts aneinander gebunden oder voneinander gelöst, und sie beschleunigen oder verlangsamen sich, und sie fügen sich in ein Ganzes ein oder entfernen sich daraus. Der Makro- und Mikrokosmos folgen derselben Information und die Entstehung der Universen folgt den selben Gesetzen wie die Entstehung neuronaler Welten. Die Geburt der Vernunft ergibt sich aus der Spiegelung des Makrokosmos im Mikrokosmos. Diese grandiose Reflexion ermöglicht der Vernunft, die kosmischen Erscheinungen zu schauen und deren Gesetzmäßigkeiten für sich zu nutzen.
 
__________
[1] Bausteine der Materie
[2] ερμαφρόδιτ|ος <-η, -ο> [ɛrmaˈfrɔðitɔs] ADJ
[3] aus Goethe’s Faust I
 

19
Sep
2012

2.4 (9) Naturcode

 




 

Naturcode, das ist die Menge aller natürlichen Zeichen, welche vom Sein des Seienden her auf dessen Ursprung (zurück) verweisen.
So weisen Ordnung der Natur und Naturgesetze auf eine schöpferische Intelligenz hin. Die Hochbegabung aller Kinder von Geburt an deutet auf eine dem physischen Werden innewohnende künstlerisch informierte, leistungsstark initiierte Energie hin.

Dem Ursprung alles Seienden ist gemeinsam, dass er die Grenzen einer schulisch reduzierten Vernunft und eines durch Bildung deduzierten Verstandes sprengt.

So vermag das Wissen des Verstandes den Glauben der Vernunft nicht anzunehmen. Und so fordert das Leben vom vernunftbegabten Wesen eine Entscheidung zwischen konstruierter Welt des Wissens und unentschiedener, frei spielerischer Welt des Glaubens.
Es ist die Alternative „Entweder mechanisiertes technisch algorithmiertes oder intuitives spielerisch freies Existieren.“

Wie der Blinde dem glaubt, was er wahrnimmt, und der Taube der Bedeutung der Zeichen vertraut, so vernimmt der Glaubende, was ihm die Intuition seiner Vernunft eingibt.

Dem Wissenden bleibt die Natur als Schöpfung verborgen, weil sich der Naturcode als Schlüssel zu diesem Geheimnis nicht rechnerisch, sondern intuitiv erschließt.

Der Wissende ist eingeschlossen und gefangen von seinem ordnenden Verstand. Um sich aus dieser Gefangenschaft befreien zu können, muss er so viel wissen, bis er endlich weiß wie wenig er weiß. Sokratisches Nichtwissen befreit in die Akzeptanz des Glaubens (Paradoxon des Wissens). So wird niemand einen genialen Menschen finden, der nicht glaubt.

Der Wissenssatz wird natürlicherweise zum Glaubenssatz.

Der Wissenssatz lautet:

Ich erfasse wissend etwas dann, wenn ich über dessen Grund und Zweck in Hinsicht auf seine Ursache und Wirkung verfüge, und zwar nach Art/Weise und Umstand der auffälligen Eigenschaften seines Wesens unter Berücksichtigung des Mittels und Ausmaßes in Raum und Zeit seines Vorscheinens.

Und das Paradoxon des Wissens ist das Credo der rationalisierten Vernunft:

Ich glaube an den Sinn zweckvermittelter Gründe und an die eine Ursache aller Wirkungen.
Ich glaube, dass sich jedes Wesen durch (seine) besonderen Eigenschaften auszeichnet und auf je eigene Art und Weise unter entsprechenden Umständen zum Vorschein gelangt.
Ich glaube an die mir in hinreichendem Maß geschenkten Mittel.
Ich glaube an die vollkommene Übereinstimmung von Ich und Selbst in der Selbstverwirklichung durch geglücktes Existieren in Raum und Zeit.
Amen

Es ist das Bekenntnis des Glaubens durch Wissen. Wer hinreichend viel weiß, dem offenbart sich die bislang nur gewusste Welt als freie Welt eines unendlich schöpferischen Gottes.

Die Gottesfrage entscheidet sich also am Phänomen des Naturcodes und dessen wissender Entschlüsselung.
 

18
Sep
2012

2.3 Schöpfung

 




 

Arten und Weisen solchen Zufallens formen Bedingungen, die Gründen Sinn geben, aus Ursachen Wirkungen zu gestalten.
Sein materialisiert sich in Seiendes und braucht Raum und Zeit. Das Minimum des Universums quantifiziert sich als Maximum des Alls und schafft Mittel und Wege, um maßvoll Seiendes unendlich sein und gleichzeitig für gewisse Zeit werden zu lassen.
Als Gestalt dieser Urformungen erscheint Natur als Zeugnis und Beweis eines unendlich aus sich heraus schaffenden Geistes.

Indem Energie informiert wird, entsteht Materie. Welten entstehen, weil sich Energie achtfach formt und zwölffach gestaltet und so materiell erscheint. Allerdings sind nicht alle Arten und Weisen von Materie, selbst durch die empfindlichsten Messinstrumente nicht, unmittelbar sinnlich vernehmbar.
 

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

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Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

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