13
Mai
2005

Philosophie V

Der Philosoph Martin Heidegger beklagt, dass der philosophierende Mensch eine seltene Pflanze geworden sei und durchaus zu den aussterbenden Arten zu zählen sei.

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Der Mensch verliert zunehmend beschleunigt an Boden. Er verliert sich immer mehr in der Bodenlosigkeit technischer Vereinnahmung und digitalisierter Verwaltung. Die menschliche Existenz wird zur Tortur einer Auseinandersetzung des natürlichen Lebens, das sich gegen seine Digitalisierung wehrt. In "La Tortura" stellt Shakira Isabel Mebarak Ripoll diese Auseinandersetzung beispielhaft dar in der ständigen Bedrohung einer jungen Frau durch das alter Ego einer technischen Schlampe.

Dass wir nicht mehr genau wahrnehmen, unvoreingenommen betrachten, trennscharf beobachten und klar verstehen, darauf hat zum letzten Mal der Philosoph Friedrich Nietzsche vor gut hundert Jahren hingewiesen.

12
Mai
2005

Philosophie IV

Wo bitte, geht es zur Philosophie?

Wer Zugang zur Philosophie haben will, muss sich entsprechend zurecht machen. Wer dem prüfenden Blick des inneren Auges nicht standhält, erhält keinen Einlass in die Welt der Philosophie.

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Wer ist dieser unbestechliche Türsteher, der so viele nicht ins Denken lässt?

Ist es die eigene Vernunft, die uns am Denken hindert. Nein, sie ist es nicht, die uns draußen vor der Tür stehen lässt. Der Vernunft begegnen wir erst, wenn wir uns im Denken finden.

Ist es etwa die Seele, der wir nicht feinfühlig genug sind? Das kann nicht sein, denn wer nicht einfühlsam ist, findet den Ort des Denkens erst gar nicht.

Doch nicht etwa der Körper! Was hat der denn mit dem Denken zu schaffen?

Alles! Es ist der Philosoph Friedrich Nietzsche, der das Denken als Ernährung beschreibt, nicht wissend, das gut hundert Jahre später die
Hirnforschung das Denken als Selbst-Ernährung des Gehirns beschreibt. Philosophie, eine Frage des Nahrungstriebs?

„Davon haben wir ja noch nie etwas gehört!“ – Schlimm genug! Wer nicht denkt, lässt sein Hirn verhungern. Die Rausschmeisserin Natur hat ganze Arbeit geleistet. Diese Armen irren umher, nichts sehend, weil ihr inneres Auge erblindet ist, nichts hörend, weil ihre innere Stimme stumm ist, nichts-sagend, weil ihnen die eigenen Worte ausgegangen sind, nichts mehr empfindend, weil ihr Gefühl längst taub ist.

Philosophie und Mathematik bilden die kürzesten neuronalen Strecken im Gehirn. Angesichts der hohen Signalgeschwindigkeit wird so kurz ins Bewusstsein projiziert, dass dieses hoch empfindlich sein muss, um überhaupt Bilder zu erkennen.

11
Mai
2005

Philosophie III

Die Philosophie gestaltet dieses Bilder-Leben und Bild-Erleben zu einem Weg in die schöpferische Welt der Möglichkeiten. Philosophie lehrt Möglichkeiten sehen.

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Was aber hat jemand von der Philosophie, wenn er eh schon schöpferisch tätig ist? Die Philosophie zeigt ihm die gedankliche Seite seines schöpferischen Tuns und führt ihn so zu neuen Schaffensmöglichkeiten.

Natürlich gibt es Kinder, die philosophieren, während ihrer Schulzeit Philosophie weiter betreiben und schließlich als Erwachsene auch Philosophie studieren. Aber das sind Ausnahmen. In der Regel begegnen die meisten Menschen der Philosophie erst später, zum Beispiel, wenn sie eine Universität besuchen. Eine solche Begegnung zu ermöglichen ist der tiefere Grund für eine Einführung in die Philosophie.

Wer eine der gestellten Prüfungsfragen bejahen kann, wird mit offenen Augen durch die Welt gehen. Mit offenen Augen durch die Welt gehen, das bedeutet das Vermögen, die Dinge zu durchschauen. Die Augen werden durch das innere Auge geöffnet. Die Sinne werden erst durch den Geist geschärft. Insofern ist Philosophie auch eine Sehschulung.

10
Mai
2005

Philosophie II

Die Regulation des Denkens ist jenes Zeitfenster, welches das Gehirn am längsten offenhält. Wird dieses Zeitfenster durch die pubertären Stürme nicht zugeschlagen, bleibt es ein Leben lang offen.

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Da Denken und Philosophieren dasselbe ist, kommt eine Einführung in die Philosophie nicht umhin, eine Eignungsprüfung vorzunehmen. Eigne ich mich zum Philosophieren oder nicht? Diese Prüfungsfrage lässt sich in Einzelfragen auflösen. Kann nur eine einzige dieser Einzelfragen bejaht werden, dann erscheint die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn die Regulation des Denkens aufrechterhalten hat, sehr hoch. Die einzelnen Prüfungsfragen sind einfach zu beantworten. Allerdings gilt die jeweilige Antwort erst dann und nur dann, wenn sie durch Taten ausgewiesen werden kann. Die Fragen stellen keine Rangfolge dar.
  • Schreibe ich regelmäßig eigene Texte?
  • Male, zeichne oder gestalte ich regelmäßig räumlich?
  • Komponiere ich regelmäßig?
  • Spiele ich seit meiner frühen Kindheit ein Instrument und übe leidenschaftlich?
  • Betreibe ich leidenschaftlich Mathematik?
  • Interessiere ich mich seit meiner Schulzeit für eine Wissenschaft und forsche leidenschaftlich?
  • Bringe ich seit meiner Kindheit besondere sportliche Leistungen und trainiere ich leidenschaftlich?
Allen Antworten ist gemeinsam, dass sie ein nach wie vor spielendes Gehirn voraussetzen. Das Spielen des Gehirns ist ein anderer Ausdruck für das Regulieren von Gedanken. Ein Gedanke ist nichts Anderes als eine Momentaufnahme des Bildergeschehens im Kopf.

9
Mai
2005

Philosophie I

Typischer Fall von Denkste.

Jugendliche und erst recht Erwachsene glauben, das Gehirn reguliere das Denken so wie das Atmen. Aber im Gegensatz zur Atemregulation geschieht die Regulation des Denkens nur unter gewissen Voraussetzungen. Das Gehirn reduziert das Erzeugen von Gedanken im Verlauf der Kindheit und stellt es gewöhnlich spätestens mit beginnender Pubertät ganz ein. Mit Einstellen des Denkens schließt sich gleichzeitig das innere Auge, und die Fähigkeit, die Wirklichkeit in fantasievoll gestalteten möglichen Welten durchzuspielen, erlischt. Das Gehirn reduziert das Gestalten des Daseins auf Reprojizieren von Erfahrungen (Identifikation) und Projizieren von Modellen (Interpretation).

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Das Kind stellt das Philosophieren ein und ersetzt es durch Reproduzieren. Da Reproduktionen nicht so hohe Intelligenz und Begabung erfordern wie Produktionen, werden Intelligenz und Begabung gemindert. Die ökonomische Ressourcen sparende Arbeitsweise des Gehirns ist der natürliche Grund für diese Fehlentwicklung. Wenn das Hirn von seiner Umgebung nicht gefordert wird, fördert es auch keine schöpferischen Beiträge für diese Umgebung mehr.

8
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen VII

Der Neurophysiologe Sperry hatte festgestellt, dass beide Gehirnhälften (Hemisphären) an der Steuerung der höheren kognitiven Funktionen des Menschen beteiligt sind und dass sie Informationen auf unterschiedliche Weise verarbeiten. Im Hinblick auf die Meditation beinhaltet das ein Phänomen, das sich erst aus dem Dialog beider Hemisphären ergibt ('interhemisphärische Kommunikation') und nicht etwa nur aufgrund der Leistung einer der beiden.

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Es ist nicht nur nicht zu einfach, gegen die "Linkslastigkeit" (logische Vermögen der linken Hemisphäre) eine "Rechtslastigkeit" (schöpferische Vermögen der rechten Hemisphäre) zu setzen, sondern auch gefährlich. So leisten viele Meditationskurse und Meditationsmusik, wie sie auf dem Esoterikmarkt angeboten werden, nicht mehr, als die Sinne und den Geist 'einzuschläfern'. Für diese neue Form von Droge geben Unternehmen Unsummen an Geld aus; es werden Meditationskurse veranstaltet, deren Niveau bereits Studierende in den Anfangssemestern in Erstaunen versetzt. Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht des Menschen, die sinnentleerte Wirklichkeit durch Verzauberung und Ekstase zu ersetzen. Da wird eine Entdeckung mit großen Versprechungen vermarktet, bevor diese überhaupt erst zum Vorschein gelangen kann. Die Esoteriker geben sich als Sophisten, wecken Hoffnungen, die sie natürlicherweise nicht einzulösen vermögen. Dabei gibt es solide Hinweise, auf welche Weise sich der Dialog der Hemisphären nutzen läßt.

So hat die Amerikanerin Betty Edwards (Betty Edwards: Garantiert zeichnen lernen, Reinbek 1982) überzeugend nachgewiesen, dass es durchaus Fähigkeiten gibt, die verkümmern, weil die rechte Hemisphäre nicht angesprochen wird. Sie hat nachgewiesen, dass z.B. das Zeichnen eine natürliche Fähigkeit ist, die zurückgewonnen werden kann, sobald nur geeignete links- und rechtshemisphärische Übungen gemacht werden. Diese Übungen bewirken eine Veränderung der Wahrnehmung, führen von der ein-seitigen Wahrnehmung weg hin zur ganzheitlichen. Wer diese Übungen auf sich nimmt, wird tatsächlich in die Lage versetzt, andere zu porträtieren, eine Fähigkeit, die sich die meisten von uns nicht zutrauen. Denn: gewöhnlich bleibt unsere zeichnerische Begabung in etwa auf der Stufe Ende vierten Schuljahres stehen, und so sähen dann eben auch unsere Porträts aus, sollten wir versuchen, so etwas anzufertigen.

Die inneren Kräfte des Menschen bedürfen keiner Heiler, die sie wecken, sondern vielmehr jener Ruhe, aus der heraus sie sich entfalten können. Der Heiler stört da eher als er hilft. Albert Einstein beschreibt die Phase der Ruhe so: "Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein kommt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, und wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, daß das Unerforschliche wirklich existiert und daß es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können - dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität." (H.J.Störung, Kleine Weltgeschichte der Philosophie in zwei Bänden, Frankfurt 1971, Abs.: Albert Einstein)

In der Praxis des Zen bringt sich diese Ruhe durch eine besondere Form des Schweigens zum Ausdruck. Sprachlos entsteht eine Erkenntnisquelle, deren Beredsamkeit von der Tiefe der inneren Stille abhängt.

7
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen VI

Protagoras hat seine dialektischen Fähigkeiten von Zenon von Elea (490 - 430) erworben, dem Urheber der Dialektik, also der Methode, gesprächsweise Erkenntnisse zu entwickeln. Dieses Verfahren wurde später von Demokrit aus Abdera (460 - 410) verfeinert. Von ihm ist folgender Dialog überliefert:

"Erst spricht der Verstand zu den Sinnen und sagt: 'Die Leute meinen zwar, es gebe euch: das Bunte, das Süße, das Bittere, aber in Wirklichkeit gibt es nur die Atome und leeren Raum.' Darauf kehren die Sinne den Spieß um und erwidern: 'Du armer Verstand. Von uns nahmst Du doch die Beweisstücke, wie kannst Du uns damit besiegen wollen!'" (vgl. W.Kanz, Vorsokratische Denker, Berlin 1939, S.147)

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Dieser innere Dialog ist gleichsam ein mythisches Überbleibsel: die Fähigkeit, sich von der inneren Stimme (daimonion) etwas zeigen zu lassen. "Der Mythos argumentiert nicht, sondern stellt dar. Er ist kein Produkt des abstrakten Verstandes, sondern der schöpferischen Einbildungskraft." (G.Scherer, Das Problem des Todes in der Philosophie, S.81/82) Die Kraft mythischen Denkens wird bis heute in bestimmten Formen der Kontemplation und Meditation geübt.

Im 'Glasperlenspiel' beschreibt Hermann Hesse die Aufgabe der Meditation so: "Je mehr wir von uns verlangen, oder je mehr unsere jeweilige Aufgabe von uns verlangt, desto mehr sind wir auf die Kraftquelle Meditation angewiesen, auf die immer erneute Versöhnung von Geist und Seele. Und je intensiver eine Aufgabe uns in Anspruch nimmt, und bald erregt und steigert, bald ermüdet und niederdrückt, desto leichter kann es geschehen, daß wir diese Quelle vernachlässigen. Die wirklich großen Männer der Weltgeschichte haben alle entweder zu meditieren verstanden oder doch unbewußt den Weg dorthin gekannt, wohin Meditation uns führt. Die andern, auch die begabtesten und kräftigsten, sind alle am Ende gescheitert und unterlegen, weil ihre Aufgabe oder ihr ehrgeiziger Traum so von ihnen Besitz ergriff, sie so besaß und zu Besessenen machte, daß sie die Fähigkeit verloren, sich immer wieder vom Aktuellen zu lösen und zu distanzieren." (Hermann Hesse, Glasperlenspiel,Suhrkamp TB 79,1972)

Und Carl Friedrich von Weizsäcker: "Meditation ist eine Aneignung einer Wahrheit durch das Bewußtsein, bei der nicht nur der Inhalt, sondern die Struktur des Bewußtseins verändert wird. Sie hängt damit zusammen, daß Erkenntnis selbst ein Lebensvorgang ist... Stetes Anschauen, Durchdenken, Sichvergegenwärtigen und Einüben der Wahrheit, im Wechsel zwischen dem Durchwandern des schon bekannten Gebietes und dem immer wiederholten Anklopfen an Türen, die sich noch nicht geöffnet haben, in der ständigen Bereitschaft, das eigene Wesen der erkannten Wahrheit anzugleichen - das etwa ist der Beitrag, den der Wille zur Meditation leistet. Der Vorgang, der sich dann vollzieht, wenn diese Willenseinstellung da ist, stammt aus den Kräften des Unbewußten und besteht in einer langsamen aber tatsächlichen Verwandlung der Beschaffenheit des Bewußtseins. Er ist in seinem Wesen nicht verschieden von jedem Vorgang des Reifwerdens. Auch der Erwachsene hat ein anderes Bewußtsein als das Kind; er hat andere Willenseinstellungen und Triebe, und er verwendet Vorstellungen und Begriffe mit einer Selbstverständlichkeit, die für das Kind überhaupt keinen begreiflichen Sinn haben. Alle höhere Erkenntnis aber kann nicht ohne eine bewußte Einstellung des Willens auf den Erkenntnisvorgang gewonnen werden, und es gibt Erkenntnisse, die nur auf dem im strengen Sinn meditativen Wege zugänglich sind... Alle Schulen systematischer Meditation kennen den Begriff der Meditationsstufen. Es liegt im Wesen der Meditation, daß sie sich die Wahrheit, die nicht auf einmal erflogen werden kann, allmählich aneignet. Auf diesem Wege gibt es Stationen, die der Reihe nach durchlaufen werden müssen... Selbstverständlich bedeutet dies kein starres Schema: es sind plötzliche Durchblicke in eine an sich noch unzugängliche Tiefe oder Höhe möglich. Aber es ist immerhin erstaunlich, wie gesetzmäßig sich die Entwicklung des Bewußtseins vollzieht." (Zum Weltbild der Physik, Stuttgart 1958,7.Aufl.)

Neuerdings wird Meditation auf der Grundlage der Arbeiten des Medizin-Nobelpreisträgers Roger W.Sperry vor allem als Tätigkeit der rechten Gehirnhälfte (bzw.bei Linkshändern als Tätigkeit der linken) beschrieben. (R.W.Sperry: Bridging Science and Values - A Unifying view of Mind and Brain, American Psychologist 32 no.4, April 1977, S.237-245)

6
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen V

Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte macht es uns leichter, weil uns verständlicher wird, warum wir die Vorstellung von uns mehr lieben als uns selbst, warum wir von dem, was wir zu tun beabsichtigen eher träumen, als es zu verwirklichen.

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Wir stammen mehr oder minder alle von Menschen ab, die auf die Gefahren der Existenz nur eine Antwort wußten: Geschichten über unberechenbare oder mißgestimmte Gottheiten zu 'erfinden'. Die menschliche Phantasie erschuf sich Götterwelten, um Erklärungen für die Katastrophen und Konflikte zu haben. Im Griechenland Homers gab es noch Götter für alle natürlichen Erscheinungen. Bis dann vor 2500 Jahren in Ionien Leute auftraten, die glaubten, dass alles aus Atomen bestehe, dass Menschen und andere Lebewesen aus einfachen Formen entstanden seien, dass Krankheiten nicht von Dämonen oder Göttern verursacht würden, dass die Erde nur ein die Sonne umkreisender Planet sei.

Diese Revolution des Denkens schuf das Chaos (gr. Name für Un-Ordnung) zum Kosmos (gr.Name für Ordnung) um. Dieser Übergang wird von den Philosophen unter dem Aspekt des Denkens als Ablösung des Mythos durch den Logos beschrieben. Wird dieser Wandel auf die Wahrnehmung bezogen, dann erscheint er als Beginn der Herrschaft vernunftgesteuerter Wahrnehmung (Beobachtung) über die gefühlsmäßige Wahrnehmung (Betrachtung). An die Stelle des leidenschaftlich-religiösen Denkens tritt das distanziert-wissenschaftliche.

Diese 'Veräusserung' wird von jenem merkwürdigen Vorgang begleitet, welchen man gewöhnlich als den Beginn der Pädagogik bezeichnet. Analog zu den sogenannten Unternehmens- und Kommunikationsberatern heutzutage treten um 460 v.Chr. Sophisten (allen voran Protagoras) auf, die behaupten zu wissen, wie man erfolgreich wird. "Sophist", das bedeutet übersetzt: jemand der besonders klug ist. "Die Sophisten bieten wie reisende Händler gegen Bezahlung allerlei Kenntnisse an; sie sind Wanderlehrer. Der Unterricht wird als Mittel gepriesen, zum Staatsbürger zu bilden, sich im Leben durchsetzen zu können, zum Redner zu befähigen, der imstande ist, durch die Macht des Wortes die Volksmasse zu beeinflussen, zur politischen Führung zu gelangen. Die Sophisten erstreben Gewandtheit der Sprache, logisches Denken und allseitiges Wissen." (W. Ruß, Geschichte der Pädagogik, Bad Heilbrunn 1968, S.15) 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge!' lautet ihr Wahlspruch. Vor Protagoras waren die Dichtungen Homers Mittelpunkte kultischer Feiern, jetzt werden sie zum Gegenstand der Deutungs- und Erklärungsversuche.

In Athen soll man sich über Protagoras folgende Geschichte erzählt haben. Er hatte einen gewissen Euatylos Unterricht erteilt. "Dabei hatten sie vereinbart, dass das Honorar erst zu bezahlen sei, nachdem Euatylos seinen ersten Prozeß gewonnen hätte. Nun führte aber Euatylos keinen Prozeß. Daraufhin verklagte ihn Protagoras auf Honorarzahlung. Die Beweisführungen waren folgende: Protagoras sagte: Euatylos muss auf jeden Fall bezahlen; denn gewinnt er diesen, seinen ersten Prozeß, dann muss er nach unserer Vereinbarung zahlen. Verliert er, dann muss er laut Richterspruch zahlen. Demgegenüber argumentierte Euatylos: Ich muss auf keinen Fall bezahlen: denn, wenn ich diesen Prozeß gewinne, dann brauche ich es laut Richterspruch nicht; verliere ich aber, dann brauche ich es nicht, weil ich diesen meinen ersten Prozeß nicht gewonnen habe. Die Richter sollen daraufhin die Verhandlung des unauflösbaren Dilemmas wegen auf unbestimmte Zeit vertagt haben." (C.Friedlein, Geschichte der Philosophie, Berlin 1984, 14.Auflage, S.36)

5
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen IV

Unsere Wahrnehmung wird vor allem durch unser Weltmodell bestimmt wird. So geht zwar die Metaphysik gar auf das Sein im Ganzen zu, aber gerade durch diesen Zugang verbaut sie dem Philosophierenden eine ganzheitliche Sicht.

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Unvermeidbare Übungen in der Abstraktion gehen zu Lasten der Erfahrung im Konkretisieren. Die allmählich wachsende Vertrautheit im Umgang mit dem 'Ganzen' reduziert das Gefühl für das Einzelne.

Wir Menschen lernen nur aus Bildern, die uns unsere sinnlichen Erfahrungen im Bewußtsein gestalten. Diese Erfahrungsbilder werden zunehmend mehr durch Begriffe ersetzt, also durch Muster, nach denen unsere Wahrnehmungen strukturiert werden. Indem wir in die Lage versetzt werden, trennscharf zu beobachten, wird für uns das unvoreingenommene (ganzheitliche) Betrachten immer fremder. Diese Art von Selbstentfremdung läßt uns das Gespür für das Besinnliche verlieren. Indem wir zunehmend von Begriffen abhängig werden, die nicht auf natürliche Weise in uns gewachsen sind, schwindet in uns das Selbstwertgefühl. Der oft beklagte Werte-Verlust unserer Zeit ist auch eine natürliche Folge der Entsinnlichung unserer Erfahrung. An die Stelle
des Sinns tritt die Funktion. Dasein wandelt sich zum fremdbestimmten Sosein. Dieser Wandel erfährt zwar gegenwärtig eine high-tec-bedingte Beschleunigung, aber angelegt ist diese Entwicklung bereits in den Anfängen Abendländischer Kultur.

Indem die Metaphysik den Blick für das Wesentliche beansprucht, verliert sie das Verständnis für das, was den Menschen eigentlich bestimmt: die besonderen Merkmale seiner Persönlichkeit. Sogenannte Wesensbegriffe - die Pädagogik ist voll davon - helfen dem Menschen nicht weiter, weil sie ihn formelhaft auf ein Sein reduzieren, das ihm in den konkreten Situationen seines Daseins niemals begegnet. Wenn wir unsere Wahrnehmungsfähigkeit wieder zurückgewinnen wollen, dann sollten wir damit beginnen, unsere erziehungsbedingten Wahrnehmungsfilter abzubauen und aufhören, so zu tun, als seien diese naturgegeben und deshalb unüberwindbar. Andererseits müssen wir bedenken, dass die ganzheitliche Sicht - die Einsicht etwas bleibt - uns ziemlich selten gelingen wird. Das läßt sich leicht erklären: Würden wir uns selbst ständig mit Einsicht begegnen, könnten wir vieles von dem, was wir treiben, nicht mehr tun. Dennoch: die EINsicht bleibt eine positive Utopie unseres Alltags, eine Kraft, die uns antreibt, unsere eigenen Grenzen möglichst weit zu verschieben, damit unser Handlungsspielraum wächst.

4
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen III

Der Übergang vom Mythos zum Logos vollzieht sich allmählich. Die Ideenlehre Platons läßt sich gleichsam als Überführungsfunktion begreifen. Natürliche Erscheinungen werden nicht mehr dem Wirken von Gottheiten zugeschrieben, sondern der Teilhabe an den ihnen zugrundeliegenden Ideen, vorsichtig ausgedrückt: durch die Beziehung zu ihren Urbildern. Idee heißt griechisch "eidos". "Eidos" enthält sowohl "idein" (= sehen) als auch "eidenai" (= wissen).

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Idee, das ist demnach sowohl etwas, das man anschauen kann (= konkret), als auch etwas, das sich denken läßt (= abstrakt). Die Bestimmung des Wesens von Gerechtigkeit ist abstrakt, aber der einzelne gerecht handelnde Mensch ist konkret. Die Idee selbst ist wie der Anfang (Ursprung eines
natürlichen Vorganges = arche) im mythischen Sinn zeitlos und göttlich. Arche und Idee spiegeln sich im Endlichen wider, sofern es an ihnen teilhat. Aber während der mythische Anfang (arche) immer als Gottheit personifiziert in Erscheinung tritt, gelangt die Idee selbst nicht mehr zum Vorschein, da sie raum- und zeitlos gedacht wird.

Das Denken gibt das Bild einer personifizierten Gottheit auf, behält aber das Göttliche als wesentliche Eigenschaft allen Anfangs (Archetypus) bei. Die Götterwelt repräsentiert eine personifizierte Ordnung mit dem Göttervater Zeus und seiner Gemahlin Hera an der Spitze. Indem Platon diese 'Spitzenfunktion' durch die Idee des Guten als höchste Idee schlechthin ersetzt, bereitet er die Möglichkeit vor, Welt anders zu ordnen, nämlich begrifflich durch eine Ideenhierarchie. Damit wird die Bedingung der Möglichkeit geschaffen, die Ordnung "Kosmos" durch die Ordnung "Logos" so zu komplementieren, dass der Kosmos nunmehr systematisch erforscht werden kann.

Wir wollen uns die skizzierten Vorgänge exemplarisch vor allem an zwei Gestalten ansehen: 1. am Beispiel des Sokrates, dem Lehrer Platons, 2. Am Beispiel des Eratosthenes. Dabei wollen wir das historische Umfeld nicht außer acht lassen.

3
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen II

Homer (wahrscheinlich zwischen 750 und 650 v. Chr.) erzählt, Prosperina, die Tochter der Demeter, sei von Hades, dem Gott der Unterwelt, geraubt worden. Demeter verklagt Hades bei Zeus. Zeus fällt folgenden Spruch: "Die Tochter sollte ein Drittel / Jedes laufenden Jahres im dämmrigen Düster verbringen / Zwei aber dann mit der Mutter vereint und den anderen Göttern." ("An Demeter", in: Homerische Hymnen, übers. von A. Weiher. München 1970, Vers 445-47)

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Seither gibt es das Gesetz der Jahreszeiten: Frühling und Sommer, wenn Prosperina in der Oberwelt weilt, Herbst und Winter, wenn sie wieder im dunklen Hades verschwindet. Die Menschen erzählen sich Geschichten von Göttern und Göttinnen, weil sie sich alles Entstehen und Vergehen in der Natur als Wirken göttlicher Kräfte erklären.

Mythisch besteht das Naturgesetz in der Wiederkehr der immer gleichen Verhältnisse göttlicher Kräfte, durch welche natürliche Ereignisse wie die Jahreszeiten bestimmt werden. Die Nacht gebiert den Tag, aus der Nacht entfalten sich auch der Schlaf, der Traum, die Moiren und Keren, sowie die Hesperiden, die im Westen wohnen, wo die Sonne untergeht. (Vers 123 f und 212-219)

Das ist nur ein Beispiel für die Genesis des Kosmos nach Hesiod (um 700 v. Chr.). Die Menschen gestalten ihre Wirklichkeit, indem sie Strukturen und Systeme personifizieren. Das Bild der einzelnen Gottheit ist gleichsam ästhetisches Abstraktum in bezug auf konkrete Ereignisse. So ist Demeter - Schwester des Zeus - als die Göttin des Ackerbaus und der Feldfrüchte die Kraft, die "in den großen Schollen der Äcker... Früchte / Wachsen (läßt), daß weithin die Erde strotzt von Blättern und Blüten" (Vers 470-473).

Im mythischen Zeitalter erscheinen Naturgesetze aufgrund von Regeln, welche bestimmte Gottheiten festgelegt haben. Der Mythos bestimmt diese Gesetze nicht mit Hilfe von Symbolen, sondern mittels Bildern von Göttern oder Göttinnen.

2
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen I

Die Geschichte der Wahrnehmung vollzieht sich als mehr oder weniger gefühlsmäßiges Wechselspiel zwischen sinnlichen und geistigen Erfahrungen. Aus diesem Spiel gestaltet sich ja das jeweilige Bild, das sich Menschen von ihrer Welt machen. Dem Zusammenspiel von Gefühl, Sinn und Geist entspricht das Zusammenwirken von Religion, Physik und Philosophie zu Beginn unserer abendländischen Kultur.

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Religion, Physik und Philosophie unterscheiden sich, weil Empfindungen, Sinneseindrücke und gedankliche Auseinandersetzungen unterschiedlich dominieren. Man könnte sagen, dass zu Anfang das Empfinden dominiert und deshalb zu Beginn unserer Kulturgeschichte vor allem magische und mythische Bilder erscheinen.

Das Weltbild der Menschen wird durch die Herrschaft ihrer Götter geprägt. Man spricht vom Zeitalter des Mythos.

1
Mai
2005

Die Philosophie des freien Geistes

Philosophieren heißt nicht nur Fragen, sondern auch Sammeln. Wer am Denken der anderen vorbei denkt, zeigt sich entweder naiv oder arrogant. Philosophierende sind leidenschaftliche Gedankensammler. Nicht selten setzt sich diese Leidenschaft in Denkpausen im Alltag durch. Da werden dann neben Büchern häufig die merkwürdigsten Dinge gesammelt.

freier-geist

Das Sammeln von Gedanken fördert das Denken insofern, als es sich durch die Gedanken der anderen in Frage gestellt sieht. So wird das eigene Denken vorsichtiger und zugleich besser abgesichert.

Wer wirklich frei denkt, wird immer in den Gedanken anderer einen Schritt finden, der ihn auf dem eigenen Denkweg voranbringt. So können wir von Thales lernen, was Denken bedeutet, von Pythagoras, dass sich Denken als Wahrnehmen, Betrachten, Beobachten und Begreifen in eins zugleich vollzieht und dass Denken mit Hilfe der Logik am sichersten geschieht, von Heraklit, dass es zu allem, was wir sagen, auch das gibt, was wir verschweigen, von Parmenides, dass wir darauf achten müssen, uns nicht in irgendeiner Provinz des Denkens anzusiedeln.

Wir bewahren unseren freien Geist nur, indem wir Wahrheit als Weg verstehen. Und jedes Denken zeichnet ein Stück dieses Weges.

30
Apr
2005

"Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!"

"Der Streit ist der Vater aller Dinge!" Dieser Satz Heraklits betont, dass alles Werdende aus Gegensätzlichem hervorgeht und während seines Erscheinens ständig von dieser Gegensätzlichkeit bestimmt wird. Sobald der Mensch geboren wird, ist er alt genug zu sterben. (Jean Paul Sartre). Im Leben ist die Möglichkeit des Sterbens ständig anwesend. Alles Werdende ist zugleich Entstehen und Vergehen. Im Herbst zeigt sich bereits der Frühling in den Knospenansätzen. Heraklit sieht in der Einheit des Gegensätzlichen das alles bestimmende Gesetz.

streit

Das Denken sowohl des Parmenides als auch das des Heraklit zeigt, was geschieht, wenn freies Fragen zu früh abbricht und so verfrüht Grenzen setzt, die dem Denken Schranken setzen. Die beiden Philosophen zeigen aber auch, dass dies menschlich allzu menschlich ist. Persönliche Eitelkeit und Intoleranz dem anderen gegenüber setzt geistigem Wachstum ein jähes Ende.

Die Geschichte unserer Kultur ist voller geistiger Abstürze aus Eitelkeit. Und viele tun so, als folge die Geschichte allein einer inneren Logik.

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

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