7
Jan
2005

Bedürfnisse – „basic instinct“

7. von 365 Begriffen, die Sie brauchen können

basic-instinct

Die verschiedenen Bedürfnisse ergeben sich aus dem unterschiedlichen körperlichen, seelischen oder geistigen Bedarf. Die Maslowsche Bedürfnispyramide ordnet Bedürfnisse aufgrund ihrer Dringlichkeit.

Vorrangig werden elementare körperliche Grundbedürfnisse befriedigt. Dazu gehören Atmen, Durst, Hunger, Schlaf, Bewegung, das Bedürfnis nach Sex. Erst wenn diese weitgehend befriedigt sind, melden sich Sicherheitsbedürfnisse, dann die Bedürfnisse nach Beziehungen zu anderen Menschen und erst danach werden nach Maslow die Wertschätzungsbedürfnisse und die Bedürfnisse, sich selbst zu verwirklichen, wach.

Die fünfstufige Bedürfnishierarchie von Maslow berücksichtigt instinktive Bedürfnisse, die allen Lebewesen gemeinsam sind, obgleich sie sich natürlicherweise recht unterschiedlich zeigen. Beim Revierverhalten lassen sich Gemeinsamkeiten am leichtesten feststellen.

Die instinktiven Bedürfnisse spiegeln sich in den vernunftbedingten Bedürfnissen wider. So sprechen wir von Wissensdurst oder vom Hunger nach Herausforderungen. Der Spruch „Wissen ist Macht!“ steht für Grenzziehung und Absicherung. Das politische bzw. berufliche Engagement will gesellschaftliche oder auch wirtschaftliche Verhältnisse verbessern helfen. Und Idealismus dient häufig der Aufrechterhaltung von Werten wie dem der Nächstenliebe durch Hilfsaktionen.

Dreiplusneun beruht darauf, dass sich geistige Bedürfnisse gezielt wecken lassen, so zum Beispiel die Lust, eine Fremdsprache zu lernen. Wichtiger noch als das Wecken von Bedürfnissen ist deren Befriedigung. Als nicht befriedigtes Bedürfnis wirkt Frustration lähmend.

Die Befriedigung geistiger Bedürfnisse vollzieht sich nicht von einem Augenblick zum andern. Wissen muss wie alles in der Natur erst einmal wachsen.

6
Jan
2005

Ärger – Wer sich ärgert, macht sich abhängig

6. von 365 Begriffen, die Sie brauchen können

Unangenehme Gefühle wie Belästigung, Unbehagen, Missfallen, Verdruss, Verstimmung sind Beispiele für emotionale Anzeigen dafür, dass dem eigenen Streben und Bestreben etwas zuwiderläuft.

Ärgernisse rauben gewöhnlich Ressourcen. Das hat zur Folge, dass der Abstand zu einem Ereignis oder einer Situation verloren geht und die Wahrscheinlichkeit von Fehlverhalten wächst. Aus diesem Grund sollte man aus einer Verstimmung heraus nie einen Entschluss fassen oder eine Entscheidung fällen.

rger

Destruktive Kritik oder Vorwürfe vermindern die Wahrnehmungs- und Beobachtungsfähigkeit. Das Vermögen, klare Gedanken zu fassen, wird blockiert und macht vorschnellen unvorsichtigen Reaktionen Platz.

Um übereilten Verhaltensweisen keine Gelegenheiten zu geben, sollten Ärgernisse im wortwörtlichen Sinn vertagt, also überschlafen werden. Wer sich ärgern lässt, macht sich von anderen abhängig. Befreien Sie sich aus dieser Abhängigkeit auf vernünftige Weise, indem Sie Zeit und damit Abstand gewinnen. Unter Stress können Sie von sich keine vernünftige Reaktion erwarten.

Sie können sich natürlich auch selbst ärgern, indem Sie Missgeschicke und Fehlverhalten hochspielen, statt aus Fehlern zu lernen. Sie können sich einreden, dass es Ihnen an Intelligenz und Begabung fehlt und durch diese Selbstinduktion dafür sorgen, dass Sie sich vorübergehend wirklich blöd verhalten. Dann sehen Sie sich schließlich sogar noch bestätigt.

Am meisten ärgern uns am anderen Menschen unsere eigenen Fehler. Es handelt sich dabei um Mängel, die wir uns nicht eingestehen wollen und deshalb aus unserem Bewusstsein verdrängen, bis sie dann durch andere wieder gegenwärtig werden.

Ärger ist gewöhnlich ein Zeichen mangelnden Abstands. Das Gegenteil von Ärger ist die Auseinandersetzung mit aufgetretenen Fehlern.

5
Jan
2005

Arbeitsteilung – „Links vor rechts!“ für Erfahrungen – „Rechts vor links!“ für Ideen

5. von 365 Begriffen, die Sie brauchen können

Die linke und die rechte Hemisphäre teilen sich die Verarbeitung von Information. Die linke Hemisphäre regelt die Aufmerksamkeit, die rechte Hemisphäre dagegen die Konzentration.
Im beruflichen Alltag gilt links vor rechts. Gegenstände, Ereignisse oder Situationen werden linkshemisphärisch identifiziert und rechtshemisphärisch mit Hilfe vorhandener Erfahrungen interpretiert. Handelt es sich dagegen um Fertigkeiten bedarf es nicht einmal einer Beteiligung der rechten Hemisphäre. Das dient in diesem Fall der beschleunigten Bewältigung von Routineangelegenheiten.
Die ‚Verkehrsregel’ „Links vor rechts!" gilt nicht, wenn keine Erfahrungen vorliegen. Sobald Ungewöhnliches auftritt, leitet die linke Hemisphäre einen Suchvorgang ein, den sie an die rechte Hemisphäre delegiert. Versuchen Sie einmal ein Alphabet Ihrer Fehler, die Sie nur sich selbst eingestehen, zusammenzustellen. Das geht nicht linkshemisphärisch. Sie müssen Sich nämlich dazu selbst betrachten. Eine gute Übung übrigens. Wie heißt es doch: „Selbsterkenntnis bzw. Selbstwahrnehmung ist der erste Schritt zur Besserung!“
Sich etwas einfallen lassen können, das ist ein von Natur aus vorhandenes Vermögen. Allerdings wird dieses durch neuronal verkehrswidrigen Unterricht zumindest gehemmt. Beklagen Sie sich über Einfallslosigkeit, sollten Sie üben, Ihre rechte Hemisphäre wieder zu Bildern kommen zu lassen. Gehen Sie zu diesem Zweck unmittelbar vor dem Einschlafen vorstellungsmäßig Ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Je genauer sich die Innenbilder dabei entwickeln, um so erfolgreicher verläuft das Reaktivieren des bildnerischen Potentials der rechten Hirnhälfte.

Sie können auch über Tage oder gar Wochen zuschauen, wie Ihr Wunschhaus gebaut wird. Sie können sich ja alles aussuchen, was Sie sich wünschen. Das Grundstück kann sich auch in einem Fantasieland befinden.

4
Jan
2005

Anfangshemmung – Wir tun etwas nicht, weil es schwierig ist, sondern es ist schwierig, weil wir es nicht tun (Spruch, gelesen im ICE)

4. von 365 Begriffen, die Sie brauchen können

Wer geistig arbeiten möchte, aber daran gehindert wird, weil ihm nichts einfällt, hat es sehr wahrscheinlich mit Hemmungen oder gar Blockaden zu tun.
Ich werde daran gehindert, mit etwas anzufangen, wenn es mir weder liegt (1) noch Ansehen bringt (2), wenn ich mich in einer Sache nicht genug auskenne (3) oder mir dafür keine Zeit lasse (4), wenn ich weder neugierig (5) noch fantasievoll bin (6), wenn ich zu bequem (7) und über mich selbst im Unklaren bin (8).
Der Erfahrungssatz "Aller Anfang ist schwer" beruht auf der Erfahrung von Desorientierung. Obgleich man gern zu arbeiten beginnen möchte, scheint sich dieser Wunsch angesichts ungeordneter Gedanken nicht zu erfüllen. Man sucht nach einem Thema, über das man schreiben könnte, oder nach einem Motiv für ein Bild, das man gern malen möchte. Anfängliches Chaos hemmt schöpferisches Tun erst dann und wirklich nur dann, wenn mit ihm auf eine Weise umgegangen wird, die ihm unangemessen ist, und das ist der Wunsch, das zu ordnen, was doch wesentlich unordent-lich ist.

bahnhof

Jeder Anfang schöpferischen Tuns muss verspielten Charakter haben. Sie können chaotische Zustände allein spielerisch überwinden. Das funktioniert wie bei einem Brettspiel. Obgleich Spielbrett und Spielsteine fest vorgege-ben sind, lassen die Regeln offen, wie man damit umgeht. Gedanken, die zwar um ein Thema kreisen, sich aber noch nicht fassen lassen, gleichen Spielfiguren, von denen man noch nicht weiß, welche man wo zuerst einsetzen soll.
Nehmen Sie ein Blattpapier und schreiben Sie auf, was Ihnen gerade einfällt. Achtung: das braucht nichts mit Ihrem Vorhaben zu tun haben. Ihre Einfälle, das sind die Spielfiguren. Suchen Sie die ersten Zusammenhänge zwi-schen Ihren Gedanken und das Gehirn schenkt Ihnen die Regeln, nach denen Sie nun anfangen können.

3
Jan
2005

Ablenkung – Der Grad der Ablenkbarkeit entspricht dem Grad innerer Unausgewogenheit

3. von 365 Begriffen, die Sie brauchen können

Es gibt vermeidbare und unvermeidbare Ablenkungen.
Es gibt Ablenkungen, die zur Unterbrechung führen wie das Annehmen eines Telefonats oder das Gespräch mit einem Kollegen oder einer Kollegin.
Vor allem Unterbrechungen - und seinen sie noch so kurz - verbrauchen sehr viele Ressourcen, weil sich Aufmerksamkeit und Konzentration erst wieder aufbauen müssen. Der Reibungsverlust aber bleibt, weil Aufmerksamkeits- und Konzentrationsgrad von Mal zu Mal abnehmen.
Störungen zulassen, heißt Dinge nicht wirklich tun wollen! Ich werde weniger durch meine Umgebung als durch mich selbst gestört. Selbst-Störungen sind schlechte Stimmung, negative Einstellung, unerledigte Aufgaben, Termindruck oder Bedürfnisse, die nicht mit der augenblicklichen Beschäftigung zu tun haben.

schatten

Legen Sie Ihre anstehenden Aufgaben fest und diskutieren Sie anschließend nie, ob sie nicht doch ein anderes Mal erledigt werden könnten. Sie sorgen sonst nur dafür, dass Ihnen das Gehirn Ressourcen verweigert, bevor Sie diese vergeuden können.
Wer sich leicht ablenken lässt, ist nicht sonderlich stabil. Er zeigt sich wenig in der Lage, angesichts von Störungen das innere Gleichgewicht zu erhalten.
Ablenkungen sind Zeit- und Ressourcenfresser. Sie können Ihre geistige, seelische Stabilität erhöhen, indem sie Ihren Tagesablauf morgens etwa ein, zwei Minuten vorstellungsmäßig durchspielen.
Das Gehirn stellt sich darauf ein, indem es die anstehenden Aufgaben in einer Art Warteschleife bereithält und Ihnen hilft, diese auch tatsächlich aufzulösen. „Morgen, morgen nur nicht heute!“, sagen alle instabilen und faulen Leute. Der Grad der Ablenkbarkeit entspricht dem Grad innerer Unausgewogenheit.

2
Jan
2005

Auffassungsgabe

2. von 365 Begriffen, die Sie brauchen können

Auffassungsgabe, das ist die Fähigkeit, eine Situation rasch zu erfassen oder eine Sache schnell auf den Punkt zu bringen.
Die Spielregel, die das Gehirn hierbei anwendet lautet: Dinge erfassen, vergleichen und Gemeinsamkeiten festhalten.
Das lateinische Wort für diesen Vorgang heißt "abstrahieren".

fantasie

Beispiel: Bleistift, Kugelschreiber, Füller. Was ist diesen Dingen gemeinsam? Es handelt sich um Schreibgeräte.

Übung: Räumen Sie Ihren Schreibtisch auf, indem Sie die verschiedenen Gegenstände auf diese Weise sortieren.
Es genügt, wenn Sie drei Oberbegriffe finden. Diese Übung können Sie natürlich auch mit Ihrer Tageszeitung machen, indem Sie die Artikel entsprechend gruppieren.
Und spätestens jetzt fällt Ihnen auf, dass Sie schon immer so vorgehen. Sie wählen die Artikel, die Sie lesen wollen genau nach diesem Prinzip aus.
Aber nicht nur das. Sie haben schon immer bei allem, was Sie auswählen, eine Vorentscheidung getroffen. Sie sehen, nichts Neues, aber jetzt ist es Ihnen bewusst und Sie können das trainieren, wenn Sie Ihre Auffassungsgabe schulen wollen.
Bevor Sie jetzt sagen "Das brauche ich nicht!", testen Sie doch ganz einfach Ihre Auffassungsgabe!
Erklären Sie, warum die beschriebene Spielregel A in folgenden Situationen über Erfolg oder Misserfolg entscheidet: eine Diskussionsrunde moderieren, einen Bericht schreiben, eine Diagnose oder Prognose stellen, kochen ohne Rezeptbuch, sich sicher im Straßenverkehr bewegen.

Hinweis: 1 von 365 Begriffen kommt zum Schluss! Um welchen Begriff handelt es sich? Sie haben 11 Monate und 30 Tage Zeit, das herauszufinden!

1
Jan
2005

31
Dez
2004

30
Dez
2004

Interview von Stephan Richter in den Ausgaben des sh:z von heute

„Ich habe gelernt, das Kind in mir zu bewahren“

Eine Zufallsbegegnung mit keinem Geringeren als dem berühmten Philosophen Martin Heidegger hat dem Flensburger Pädagogik-Professor Wolfgang Schmid den Anstoß zu seiner wissenschaftlichen Laufbahn gegeben. Nach 30 Jahren Forschung und Lehre blickt einer der außergewöhnlichsten Vertreter seines Fachs im Norden zurück. Im Gespräch mit Stephan Richter analysiert Schmid Bedeutung und Wandel so zentraler Begriffe wie Intelligenz, Sprachkompetenz und Lernfähigkeit.
Als Kind hat er seinem blinden Vater - einem Sozialrichter - die Sozialgesetzgebung und Akten vorgelesen, die dieser mit nach Hause nahm. Mit 30 begann er 1974 als einer der damals jüngsten habilitierten Professoren Deutschlands, Vorlesungen zu halten. Und heute - gerade 60 geworden - denkt Wolfgang Schmid nicht ans Aufhören. „Ich denke nicht daran, mit 65 in den Ruhestand zu gehen“, sagt der Erziehungswissenschaftler an der Universität Flensburg und fügt hinzu: „Es gibt im Ausland Universitäten, die diese Altersgrenze nicht setzen!“

Es gibt gleich mehrere Schlüsselerlebnisse in der Kinder-, Jugend- und Studentenzeit des Professors für Pädagogik und Kybernetik; Sprach- und Gehirnforscher aus Leidenschaft. Er wuchs zusammen mit seiner Schwester bei seinem alleinerziehenden, kriegsblinden Vater auf. Wöchentlich kam eine Vorleserin ins Haus, um dem Juristen die Arbeit als Sozialrichter zu ermöglichen. Das weckte beim Sohn den Ehrgeiz, möglichst früh so gut zu lesen, um seinem Vater helfen zu können. Mit zehn Jahren übernahm Wolfgang Schmid den Part der Vorleserin und wurde dadurch selbst zu einem kleinen Experten in Sachen Sozialrecht. Gleichzeitig begann sich der Schüler für die Philosophie zu interessieren. Vor allem Martin Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ hatte es ihm angetan. Mit Blick auf seinen blinden Vater fasziniert ihn die Suche Heideggers nach der Synthese von Erkennen und Gegenstand. Von seiner Heimatstadt Singen am Hohentwiel radelt der 16-Jährige eines Tages ins 40 Kilometer entfernte Meßkirch. Schmid schaut sich im Ort um und will schließlich die Barockkirche St. Martin besichtigen. Vor der Dorfkirche begegnet er einem älteren Herrn, der ihm die Kunstschätze erklärt und ihn schließlich nach Hause einlädt. Denn schnell ist aus dem Gespräch über den Kirchenbau ein philosophischer Diskurs geworden. Schmid erzählt dem älteren Herrn von philosophischen Aufsätzen, die er als Jugendlicher mehr oder weniger heimlich verfasst hat. Darin ging es vor allem um die Frage, wie man mit der Sprache „sehen“ kann. „Schicke mir sie doch ruhig einmal zu“, sagt der ältere Herr beim Abschied und nennt neben der Postanschrift seinen Namen: Martin Heidegger.

Der Brief wurde abgesandt; und es kam auch eine Antwort. „Mache weiter“, fordert Heidegger den Jungen auf und empfahl, nach dem Abitur bei dem Philosophieprofessor Karl-Heinz Volkmann-Schluck in Köln zu studieren. Schmid befolgte die Empfehlung. Als Erstsemestler erzählte er seinem Pädagogikprofessor Clemens Menze von der Begegnung in Meßkirch und von dem Manuskript, das er als Jugendlicher verfasst hat. Menze wollte es wie Heidegger sehen und reichte es nach der Lektüre an den Alois-Henn-Verlag weiter. So war Wolfgang Schmid bereits mit 20 Jahren Autor des philosophischen Werkes „Totzeit“. Viele weitere Bücher sind seitdem von ihm erschienen.

Als er 29 Jahre alt war, besaß Schmid Doktortitel und Habilitation und bewarb sich im November 1973 an die Flensburger Pädagogische Hochschule, die damals noch zu einer Technischen Universität ausgebaut werden sollte. Er wurde als Professor „angenommen“ und war mit 30 nur wenige Jahre älter als einige seiner Studenten. Zwar konnte er seine Forschungsarbeiten auf seinem Spezialgebiet - der Kybernetik - nur begrenzt fortsetzen, da die Bildungswissenschaften bis heute Schwerpunkt der Flensburger Universität sind. Doch wurde der Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik von 1989 bis 1992 auch als Rektor aktiv. In dieser Zeit wurden für die damalige Pädagogische Hochschule wichtige Weichen gestellt: Die deutsch-dänischen Studiengänge starteten, und der Bau eines neuen Campus wurde beschlossen. In diesem Jahr ist er 30 Jahre Hochschullehrer in Flensburg.

Herr Prof. Schmid, üblicherweise wollen Kinder später einmal Lokomotivführer oder Piloten werden. Bei Ihrem Lebenslauf hat man den Eindruck, Sie hatten immer vor, Professor zu werden. Stimmt's?

Schmid: Überhaupt nicht. Irgendwie hat sich das entwickelt. Das Schicksal meines Vaters zwang mich gerade in der Pubertät zur Auseinandersetzung mit Fragen nach dem Sein. Dann traf ich Heidegger, der mich ermunterte, auf diesem Weg weiterzumachen. So studierte ich Philosophie und Pädagogik und erhielt nach einer Assistenzzeit an der Gesamthochschule Siegen den Ruf als Professor nach Flensburg.

Klingt wie eine Bilderbuchkarriere.

Schmid: Natürlich spielte auch Ehrgeiz eine Rolle. Und dann hatte ich das Glück, sowohl in der Schule als auch an der Universität von guten Lehrern sehr früh gefördert worden zu sein. Man hätte mich auch für verrückt halten können. Immerhin war ich ein ungewöhnlicher Junge. Gibt es solche verständnisvollen Lehrer noch heute?

Schmid: Ich glaube, sie sind noch heute in der Mehrzahl. Aber sie haben immer weniger Zeit, sich neben der normalen Arbeit um ihre Schüler zu kümmern. Im Übrigen fallen wie in jedem Beruf meistens nur die so genannten schwarzen Schafe auf.

Seit 30 Jahren sind Sie als Professor tätig. Was haben Sie in dieser Zeit von Ihren Studenten gelernt?

Schmid: Ich habe - um mit dem Philosophen Ernst Bloch zu sprechen - gelernt, das Kind in mir zu bewahren.

Das Kind?

Schmid: Ich bin vor allem neugierig geblieben.

Was unterscheidet die Studenten aus den 70er Jahren von den Studenten von heute? Sind die Jahrgänge besser oder schlechter geworden?

Schmid: Was die Eingangsvoraussetzungen angeht, sind die Studenten schlechter geworden.

Woran liegt das?

Schmidt: Eindeutig an der Schule. Die Standards, die früher bei Abiturienten selbstverständlich waren, werden heute nicht mehr mitgebracht.

Also doch kein Lob für die Lehrer, wie Sie es eingangs verteilten?

Schmid: Nicht die Lehrer sind an diesem Zustand Schuld, sondern das System. Es verschleißt Lehrer wie Schüler gleichermaßen. Heute bestehen viel weniger persönliche Verbindungen zwischen Lehrern und Schülern. Erfolgreiches Lernen aber setzt das voraus. Lehrer und vor allem Hochschullehrer sind heute meist nur noch so etwas wie Service-Stationen.

Als Professor für Pädagogik können Sie uns sicher sagen, welche Eigenschaften eine gute Lehrerin, ein guter Lehrer haben muss.

Schmid: Die wichtigste Qualifikation für einen guten Pädagogen ist die Fähigkeit, sich vorurteilsfrei eines anderen Menschen anzunehmen und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Sie oder er muss die Intuition besitzen, jeden einzelnen Schüler zu verstehen. Einen anderen Menschen auf seinen eigenen Weg zu bringen, ist die größte Herausforderung eines guten Pädagogen.

Die Pisa-Studie stellt den deutschen Schülern mittelmäßige Noten aus. Woran liegt das?

Schmid: Ich habe meine Probleme mit der Pisa-Studie, weil nur Intelligenzleistungen gemessen werden - nicht zum Beispiel die Kreativität. Große Denker oder Erfinder, die so genannten Genies, waren meist schlechte Schüler. Wer gute Noten hat, ist leider oft auch sehr anpassungsfähig, indem er kräftig paukt oder Nachhilfeunterricht bekommt. Wer diese Anpassungsfähigkeit nicht zeigt, muss keineswegs der Dümmere sein.

Sie haben sich schon früh mit Sprachforschung befasst. Nun bescheinigt die Pisa-Studie deutschen Schüler unzureichende Lesefähigkeiten. Wie wichtig ist das Lesen noch?

Schmid: Es ist und bleibt eine Schlüsselqualifikation. Jeder Gedanke, der nicht in Sprache gefasst werden kann, ist umsonst gedacht. Wenn ich nicht über ausreichende Sprachkompetenz verfüge, kann ich auch nicht trennscharf denken. Dann bleiben die schöpferische Kraft und die Kreativität auf der Strecke.

Besteht ein Unterschied zwischen dem Lesen in einem Buch oder in der Zeit und der Bildschirm-Lektüre auf dem Computer?

Schmid: Ja, ganz einfach: Wenn ich etwas richtig lesen will, dann lasse ich es ausdrucken. Das gedruckte Wort ist nicht zu schlagen, weil zum Begreifen auch der haptische und motorische Vorgang gehören.

Damit wären wir bei Ihrem eigentlichen Forschungsgebiet, der Kybernetik. Können Sie in wenigen Sätzen erklären, was unter Kybernetik zu verstehen ist?

Schmid: Um es gleich vorweg zu sagen: Kybernetik ist keine Wissenschaft, sondern eine wissenschaftliche Methode. Kybernetik bildet natürliche Prozesse ab. Es wird auf naturwissenschaftlicher Basis ein Prozess beobachtet. Danach werden die beobachteten Zusammenhänge so mathematisiert, dass sie auf ein technisches Gerät übertragen werden können. Das technische System muss genau so arbeiten wie der Naturprozess.

Können Sie ein praktisches Beispiel nennen?

Schmid: Die Computertomographie bildet zunehmend genauer Prozesse ab, die im menschlichen Gehirn ablaufen. Und genau hier wird die Kybernetik spannend.

Warum?

Schmid: Der Mensch kann nicht in sein Gehirn hineinschauen. Durch die kybernetische Forschung gelingt es trotzdem, Denkprozesse zu verstehen und transparent zu machen.

Und auf welchen Gebieten forschen Sie gerade?

Schmid: Ich muss mir die Zeit zum Forschen förmlich stehlen, weil wir an unserem Institut nur noch zwei von fünf Stellen für die Schulpädagogik besetzt haben. Man stelle sich das bitte vor: Für die gesamte Lehrerausbildung im Grund-, Haupt- und Realschulbereich in Schleswig-Holstein stehen im Fach Schulpädagogik nur noch zwei Professoren zur Verfügung.

Bleibt damit die Forschungsarbeit auf der Strecke?

Schmid: Nein, nur wird es immer schwieriger, die Zeit zu finden. Hauptziel meiner Forschungsarbeit ist es herauszufinden, warum der Mensch - wie es schon Nietzsche formuliert hat - das einzige Lebewesen ist, das seinen eigenen Lebensraum zerstört. Dieses Verhalten muss mit Denkprozessen zu tun haben, die sich größtenteils in Sprache abbilden. Diese Daten versuche ich so neutral wie möglich zu erfassen und auf Gesetzmäßigkeiten hin zu untersuchen.

Gibt es schon Ergebnisse?

Schmid: Zum Beispiel verstehen wir durch die systemische Sprachanalyse heute besser, welche neuronalen Prozesse im Gehirn eines Menschen ablaufen. Praktische Anwendung für den schulischen Bereich: Das Pauken hilft sehr wenig und ist die falsche Lernmethode. Viele Dinge müssen wir - zum Beispiel beim Erlernen einer Sprache - einfach nur auf unser Gedächtnis wirken lassen. Lernen können wir nicht erzwingen. Geglücktes Lernen schafft Glück. Insofern ist Lernen Glücksache.

Sie sind in diesem Jahr 60 geworden. Was haben Sie bislang vor allem im Leben gelernt?

Schmid: Lange Zeit dachte ich, dass meiste habe ich an der Kölner Universität von den Philosophen gelernt. Aber mit zunehmendem Alter wird mir immer klarer, dass ich das meiste von meinem blinden Vater gelernt habe. Wenn ich ihn als Kind zur Arbeit führte, dann habe ich mich regelrecht auf diese Aufgabe vorbereitet. „Wie kann ich meinem blinden Vater die Welt erklären?“ Diese Herausforderung hat mich geprägt.

Leben wir heute nicht viel zu sehr in einer oberflächlichen Bilderwelt?

Schmid: Leider ja. Wir haben nicht zuletzt durch das Fernsehen einen Tunnelblick bekommen und lassen uns nicht mehr hinreichend auf die wesentlichen Informationen ein. Wir werden durch oberflächliche Visualisierungen förmlich zugemüllt.

Was würden Sie mit Blick auf Ihren bisherigen Werdegang heute anders machen?

Schmid: (lacht) Ich würde früher zum Friseur gehen. Erst mit 60 konnte ich mich von meinen langen Haaren trennen


Das Vorbild: Martin Heidegger und die Lehre vom Sein
Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 in Meßkirch geboren. Der deutsche Philosoph gab seiner Wissenschaft vor allem durch sein 1927 erschienenes Werk „Sein und Zeit“ entscheidende Impulse. Heidegger studierte in Freiburg Theologie und Philosophie. Nach einer außerordentlichen Professur in Marburg 1923-1927 wurde Heidegger 1928 in Freiburg Professor. Er beeinflusste zahlreiche Philosophen wie Hans-Georg Gadamer, Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Emmanuel Levinas und Hannah Arendt. Als Heideggers Verdienst in „Sein und Zeit“ gilt, die von Husserl entwickelte phänomenologische Methode zu einer phänomenologischen Ontologie, also einer Lehre vom Sein, weiterentwickelt zu haben, indem er die spezifische Seinsweise des Daseins (= Mensch) unter dem Titel „Existenz“ phänomenologisch erhellt hat. Heidegger stellt in „Sein und Zeit“ die Frage nach dem Sinn von Sein, also die Frage nach dem, was wir meinen, wenn wir „ist“, „bin“ oder Ähnliches sagen. Das Dasein zeichnet sich laut Heidegger dadurch aus, dass es dem Menschen in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. Die Entwicklung seines Denkens im Anschluss an „Sein und Zeit“ führt Heidegger ab Mitte der 30er Jahre in die so genannte „Kehre“. Zuvor verblieb sein Philosophieren trotz aller Destruktionsabsichten der Geschichte der Ontologie durchaus noch im Rahmen der traditionellen Philosophie verpflichtet. Nach der Kehre führt Heideggers Denken jedoch hin zu einer Besinnung auf die „Seinsgeschichte“. Wichtige Themen des späten Heideggers waren die Technik und die Sprache.

Heidegger starb am 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau.

301204

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

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