29
Jun
2012

David

 

bewegt3
 

<<== Leitmotiv

Wir begegnen David kurz vor seiner Einschulung. Der fünfeinhalbjährige David lebt in einer süddeutschen Fabrikstadt, in der er auch geboren ist. Im Alter von vier Jahren werden seine Eltern geschieden. David und seine Schwester Marie wurden vom Gericht dem kriegsblinden Vater zugesprochen. Dieser stellt eine Haushälterin an, die ihn und seine Kinder versorgen soll. Der Mann dieser Frau gilt als Soldat im Krieg vermisst. Marie und David nennen sie Tante Betty. Sie ist es auch, die David zur Einschulung begleitet. Nach der Begrüßung durch den Grundschulrektor werden den Kindern ihre zukünftigen Klassenzimmer gezeigt und die Plätze zugewiesen, die sie ab dem morgigen Unterricht einnehmen sollen. Heute zählt der Rektor die ersten Verhaltensregeln auf. Jedoch bei der zweiten Regel "Haltung, gerade und still sitzen" platzt David der Kragen und er flüstert seinem Nachbarn etwas zu laut zu: "Der Rektor ist ein Arschloch, er hat mir gar nichts zu sagen!" Dieser aber hat das gehört und schickt David zur Strafe vor die Tür. Der kleine Junge aber bleibt keineswegs stehen, sondern haut ab. In den kommenden Tagen ist er durch kein Argument oder Strafe dazu zu bewegen, den Unterricht zu besuchen.

Warum verhält sich der kleine Junge so, dass er umgehend dafür bestraft wird? Und noch interessanter: Warum lässt er sich dadurch nicht einschüchtern und zwingen, den Unterricht zu besuchen? Diese Fragen sind insofern interessant, als sich das Verhalten des Jungen nicht unmittelbar aus seiner Erziehung, die wie üblich hausbacken ist, ergibt. Es liegt nicht im Wesen einer spießigen Erziehung, Aufbegehren zu dulden. Nun liegt es aber in der Natur eines Lebewesens, sich gegen das zu wehren, was missfällt. Das verhält sich bei David nicht anders. Seine Mutter hat sich in den ersten Lebensjahren weder um David noch Marie gekümmert und beide Kinder verwahrlosen lassen. Frau Fuchs und Fräulein Gilbert haben sich wohl aus Mitleid zu dem blinden Vater um die beiden kleinen gekümmert, die durch ständiges heftiges Schreien längst sehr auffällig geworden waren. David war wahrscheinlich auch misshandelt worden, denn der Zweijährige kam auf das Drängen von Fräulein Gilbert, einer Krankenschwester, ins Krankenhaus. Frau Fuchs hatte ihre Tochter vermutlich auf diese Misere aufmerksam gemacht. David selbst weiß das, denn die Nachbarin hat es ihm einige Jahre später, als er sie nach seiner Mutter fragte, erzählt. Diese Fragen lagen nahe, nachdem die Haushälterin mit den beiden Kindern einen Spaziergang zum Gefängnis machte, um ihnen zu zeigen, wo sich ihre Mutter befindet und vor allem David klarzumachen, dass er mit Sicherheit dort auch einmal hinkommen werde. Tante Betty hasste den kleinen stillen Jungen, der ihr nicht folgte, von Anfang an. Ihre bevorzugte Strafe war das stundenlange Einsperren im Vorrats- oder Kohlenkeller. Unermüdlich machte sie David klar, dass seine Zukunft in einer Erziehungsanstalt sein werde. Aha, mit Tante Betty hat wohl David frühzeitig den Widerstand und das Erdulden von Bestrafungen geprobt. Dadurch wird wohl klar, dass ihn auch Grundschulrektor Salkoski nicht mehr schrecken konnte. Tanne Betty aber hatte selbst einen Sohn, den sie bei ihrer Mutter unterbrachte. Hugo, der einige Jahre älter war und wohl schon so ein rechter, aber liebenswerter Taugenichts, sollte ihr gegen David beistehen. Sie baute auf dessen Einfluss auf das Kind. Aber Tante Bettys Rechnung ging nicht auf. David und Hugo freundeten sich an und unterstützten sich gegenseitig. David hatte zwar auch seinen Vater auf seiner Seite, aber dieser war nicht stark genug, um sich gegen seine Haushälterin durchsetzen zu können.

Der Versuch, sich ein erstes Bild von David zu machen, zeigt, dass eine Geschichte mehr zu zeigen vermag als eine bloße begriffliche Erörterung. Erziehung erscheint hier eher mit der Entwicklung einer Pflanze unter schlechten Bedingungen vergleichbar. Erziehung baut Hindernisse auf, die das Kind zu überwinden versucht, etwa unter dem pädagogisch pervertierten Motto "Was mich nicht umbringt, macht mich stark!"

==>> Flucht


 

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david (Gast) - 29. Juni, 07:33

Wie kommt es eigentlich, dass "David" mitten im text zu "Daniel" wird?

wfschmid - 29. Juni, 11:12

Danke! Das war ein Versehen.

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Wolfgang F.A. Schmid

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