26
Jun
2012

Wissen oder Glaube

 
urs
 

<<== Wissen der Seele

Das Wissen der Seele ist der Glaube. Es ist nicht das Wissen der Vernunft, die sich nur auf das verlässt, was sich sinnlich vernehmbar zeigt. Es verlangt eine grundsätzliche existentielle Entscheidung, welches Wissen für die Gestaltung des Daseins maßgeblich bestimmend sein soll. Die Wahl zwischen intuitiver und vernünftiger Wahrnehmung geschieht selten bewusst, sondern wird in der Regel durch Vorbilder erzieherisch beeinflusst. In manchen Fällen verlässt sich die Vernunft von Anfang an auf die Intuition und entscheidet sich dann für Kunst, Philosophie oder Mathematik, in genialen Ausnahmefällen sogar für alle drei.
Meistens sind es frühe Fragestellungen, welche die Entwicklung der Vernunft beeinflussen. Aber es existieren auch Fragen, die ein Leben lang beschäftigen. Dazu gehört die Frage der Existenz nach dem Tod. Hier interessiert vor allem, ob das Hoffen auf eine "Überlebenschance" nur eine schöne Illusion ist.
Oft wendet sich diese Frage auch in die Frage nach der Existenz Gottes.

Lässt sich die Frage in Hinsicht auf eine Existenz nach dem Tod oder auf eine Existenz überhaupt richtig beantworten?

Mit Sicherheit nicht, denn die Existenz nach dem Tod oder nach der Existenz Gottes ist ein Phänomen des Geistes und nicht eines der Sinne. So können wir eine Antwort auch nur aus dem Bereich der Philosophie erwarten. Also müssen wir uns diesem Bereich zuwenden. Aber wie gelangen wir dorthin?

Der einzige Weg, der dorthin führt, ist das absolute Denken. Absolutes Denken ist von den Sinnen losgelöstes Denken, also ein Denken, das gewöhnlich erst mit dem Sterben beginnt. Da die Philosophie diesen Vorgang zu antizipieren vermag, bestimmt sie Platon als Übung im Sterben.

"Die Philosophie ist eine Übung im Sterben. Diese Wesensbestimmung der Philosophie erwächst aus dem Philosophieren selbst, dessen Grundakt in dem Unterscheiden zwischen dem besteht, was die Sinne zeigen, und dem nichtsinnlichen Wesen der Dinge." (K.-H. Volkmann-Schluck 3)

Aber das, was der Tod den Sinnen zeigt, gelangt nicht gerade als hoffnungsvoll Bleibendes zum Vorschein. Aber darauf kommt es gar nicht an, denn es geht darum, was die geistige Wahrnehmung erfasst. Die innere Wahrnehmung verzichtet in der Regel auf Außenbilder und widmet sich den Innenbildern ihrer Intuition. Es kommt also nicht darauf an, was die Sinne dem Bewusstsein zeigen, sondern was die Seele empfindet und die Vernunft in Innenbildern spiegelt. Platon sieht in solchen Spiegelbildern die Quelle von Ideen, denen er eher vertraut als Sinneseindrücken.

Um sich das klarzumachen, muss man sich noch einmal vergegenwärtigen, dass Denken "Bilderleben" bedeutet, d.h., dass sich Ideen aus dem Spiel des Bilder-Lebens der Fantasie mit Bild-Erlebnissen der Vernunft entwickeln. Und in diesem Spiel der Innenbilder gelangt auch die Idee vom sterblichen Körper als Haus der unsterblichen Seele zum Vorschein. Diese Idee zeigt sich allerdings nicht in der Schattenwelt der sinnlichen Wahrnehmung. Solange sich sinnliche und geistige Wahrnehmung vermischen, vermag das Göttliche nicht in den Blick zu gelangen.

Spiegelungen des Unendlichen werden allein von einem nach innen gerichteten Blick wahrgenommen. In den Innenbildern der Seele gelangt das unveränderliche Sein selbst hinter dem ständig veränderten Dasein zum Vorschein. Die Empfindlichkeit solchen Vorscheins ist so hoch, dass das Begreifen selten vor dessen zarten Zeigen zurückweicht.
Nicht mehr das Wissen, sondern Glaube verweist dann behutsam auf Wesentliches, das sich in der Natur des Vorscheins offenbart. Zögernd entnimmt das nach innen gewandte Wesen mit leichtem Ekel dem reinen Strom des Denkens Verunreinigungen durch voreiliges sprachspielerisches Abstrahieren.

So sehr es auch den sprachgewaltigen Geist verärgert, der Anfang allen Denkens ist nicht das Wort, sondern das Bild, nicht das Wissen, sondern das Glauben. Der Geist spielt mit mythischen Innenbildern, bis er die augenblickliche Gestalt der Seele als Moment seines Lebens gewinnt.

Umgekehrt, auf dem Rückweg dorthin, beginnt sich die harte Philosophie des Wortes in der sanften Philosophie des Bildes zu verlieren, um das längst verlorene Eigentliche wieder zu entdecken.

Als Bilderleben vollzieht sich das Denken durch Spiegelung des gefühlten sinnlichen und/oder geistigen Wahrnehmens, das selbst wiederum geschaut werden kann. Durch dieses Schauen des inneren Auges (Kontemplation) erfährt sich das vernunftbegabte Wesen nicht nur in seinem Dasein, sondern vermag darüber hinaus auch das Sein selbst zu schauen und mythisch, künstlerisch oder philosophisch zu erfahren.

Manche vernehmen den inneren Zuspruch des Seins sogar als Zuspruch eines Gottes, andere sehen oder hören, was sie dann künstlerisch oder philosophisch als Idee ins Werk setzen. Unabhängig von Religion oder Kultur gilt diese Wesensschau als Vollendung allen Wahrnehmens. Dieser Vorgang lässt sich weder durch Erziehung noch Bildung erreichen, sondern entfaltet sich als Dichtung, Komposition oder Bild einzig und allein aus einer ganz individuellen Begabung heraus.

Durch das Bild-Erleben wird ein Augenblick des Bilderlebens erfasst. Das geschieht nachts im Traum ebenso wie untertags im Tagtraum. Tagtraum, das kann eine Vorstellung der Fantasie (Spiel mit Möglichkeiten) oder Imagination (Einbildung) sein. Zwei Drittel unseres Tages verbringen wir tagträumend, meistens ohne das zu merken. Es fällt nur dann auf, wenn wir uns bei geistiger Abwesenheit ertappen. Das innere Wahrnehmen ist empfindlicher als das äussere Sehen. Wir können den anderen Menschen intuitiv wahrnehmen und in etwa seine Gedanken und Gefühle erfahren. Als Wahrnehmungsfeld des Denkens bildet das Bilderleben die Brücke zwischen Unbewusstsein oder Vorbewusstsein und Bewusstsein.

Diese Brückenfunktion hat in der Geschichte des Menschen zu tragischen Missverständnissen geführt. Da das (innere) Wahrnehmen wie das (äußere) Sehen das Bild-Erleben ebenfalls auf das Wahrnehmungsfeld als Bilderleben zu reflektieren vermag, kann es bei Unachtsamkeiten zur Verwechslung der Wahrnehmung von Ursache und Wirkung kommen.

Um das verstehen zu können, muss man wissen, dass während des Bild-Erlebens das Bilder-Leben gefiltert und vereinfacht reflektiert wird.

Das so veränderte Bilder-Leben offenbart sich dann als Inhalt der Wahrnehmung. Auf diese Weise wird in einem rauschähnlichen Zustand das Selbst-Gespräch zur inneren Stimme, die dann als Stimme eines Gottes verkannt werden kann.

So sitzt beispielsweise Pythia auf einem Dreifuß im Adyton. Dieser Dreifuß steht unmittelbar über einer Erdspalte, aus der Gas austritt. Es wird angenommen, dass es sich um Ethylen oder eine Mischung aus Methan und Kohlendioxid handelt. Das Gas bzw. Sauerstoffmangel versetzt Pythia in Trance.

Man glaubt, dass in diesem entrückten Zustand der Gott Apollon aus ihr spricht, weil durch Sauerstoffmangel ein Trancezustand hervorgerufen wird.

Mystiker versetzen sich durch besondere asketische Übungen in Ekstase und hören so in sich die Stimme Gottes oder nehmen himmlische Erscheinungen wahr.

Auf vergleichbare Art und Weise ist wahrscheinlich auch jene Sammlung von Schriften entstanden, welche Juden und Christen als Wort Gottes anerkennen und als Heilige Schrift zu Urkunden ihres Glaubens machen.

Und in welchem Bewusstseinszustand mag sich Moses, der Autor der ersten Heiligen Schriften, befinden, wenn er in der Wüste einen brennenden Dornbusch erblickt, aus dem Gott zu ihm spricht?


Das selbstreflektierende Bilder-Leben bringt schließlich tief nachdenkliche Mensch dazu, ihre Erfahrungen nicht mehr dem neuronalen Zusammenspiel von Impulsen zu überlassen und die selbstreflexive Kraft des Gehirns mit Hilfe einer bestimmten techne (Methode bzw. Technik) zu nutzen, um dieses Spiel selbst bewusst zu regeln.

Die Kunst dieser Regelung nennen sie sophia und sie verstehen sich dementsprechend als Freunde der Weisheit (sophia). Dieser Auffassung gemäß bezeichnen sie sich als Philosophen.

Sokrates, einer der ersten Philosophen, versucht zunächst, einen geeigneten Zugang zur Philosophie zu finden.

Er entdeckt vor allem drei wichtige Abschnitte eines solchen Weges.

1. Die erste Strecke besteht aus dem Bemühen um die Selbsterkenntnis gemäß der delphischen Forderung: “Erkenne dich selbst!”, denn wenn ich weiß, was ich bin, weiß ich auch, was ich soll.

2. Die zweite Strecke besteht im Resultat der Selbsterkenntnis, das einem zum Bewusstsein verhilft, dass man nichts weiß. Diesen Zustand des Bewusstseins des Nichtwissens erklärt Sokrates als seine einzige Weisheit.

3. Die dritte Strecke besteht für Sokrates darin, dass er sich diese Erkenntnis aktiv umsetzt. Die Stufe der Erkenntnis eigener Unwissenheit wird zum Ausgangspunkt bzw. Motiv, das wahre Wissen zu suchen.

Sokrates folgt nicht mehr dem mythologischen Weg, einfach das zu tun, was die Götter in den Tempeln durch Priester oder Priesterinnen zeigen oder sagen, sondern er entdeckt einen eigenen inneren logischen Weg, selbst zu erkunden und zu verstehen, was sich zeigt.

Der Mensch erfährt, dass er wahrzunehmen vermag, ohne sinnlich zu sehen. Diese Erkenntnis ist eine Leistung der Vernunft aufgrund von Intuition

Dem sechsten Sinn der Philosophen eröffnet sich eine Welt jenseits des sinnlich Vernehmbaren. Die Alternative "Wissen oder Glauben" stellt sich hier nicht mehr.


==>> Urgrund des Daseins
 

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Wolfgang F.A. Schmid

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