Beschneidung
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Der Geist umklammert sinnlich Gefühltes, das sich unter diesem Druck zu einem Begriff verformt, eine Attrappe bar jeglicher Gefühle und Erleben. Unter dem Griff der Krebszange von Vernunft und Verstand verliert sich das lebendige Besondere im Allgemeinen. Worthülsen zerschnittener Erfahrungen bleiben liegen, bis sie der allgegenwärtige Hauch der Unvernunft verweht.
Wenn neuronale Impulse in einem Feld wie zwischen den Schneiden einer Schere zusammenlaufen und sich zu einem Netz verbinden, spiegelt sich das Ausgeschnittene während des Bewusstwerdens als Gedanke wider.
Dieser zeigt sich je nach Einfluss durch Sinne, Gefühl, Vernunft bzw.Verstand oder Intuition im Bewusstsein inhaltlich als Vorstellung, Wunsch, Vorhaben oder Idee.
Für das Bewusstsein ergibt sich so sehr kurzfristig die Gelegenheit zuzugreifen, um Inhalte zu verändern. Wie alles Bewusstwerden so lässt sich auch eine solche Konstellation introspektiv vergegenwärtigen, entsprechende Sensibilität vorausgesetzt. Sensibilität meint hier die Empfindlichkeit bzw. Empfindsamkeit des Denkens. Was bedeutet das?
Wir können nicht nur sehen, hören, riechen, schmecken und tasten, sondern auch denken. Das Denken ist als Sinn vollkommen in Vergessenheit geraten.
Aber ohne diesen Sinn wären wir Lebewesen überhaupt gar nicht existenzfähig. Trotzdem wundert uns, dass Denken zu unseren Sinnen zählt. Das ist nicht erstaunlich, da viele nie gelernt haben, diesen Sinn zu gebrauchen.
Es sind vor allem blinde Menschen, denen dieser Sinn das innere Wahrnehmen schenkt.
Blinde müssen zwar auf das Sehen, das die meisten für den wichtigsten Sinn halten, verzichten. Aber dennoch sind sie nicht weniger in der Welt als Sehende.
Denn wir hören, sehen, riechen, schmecken und fühlen, aber erst im Gehirn entsteht durch das Zusammenspiel von Milliarden von Nerven die Welt in unserem Kopf. Sie wird beeinflusst und gesteuert oder geregelt von unseren Erfahrungen, Stimmungen, Einstellungen und Erwartungen.
Was wir sinnlich erfassen, geht in ein Feuerwerk von elektrischen Impulsen über. Nur diese Nervenimpulse vermag das Gehirn zu verarbeiten. Dies geschieht in verschiedenen Bereichen zugleich in spezialisierten Gebieten. Doch diese spezialisierten Areale sind nicht streng voneinander abgegrenzt, sondern tauschen sich sogar wechselseitig aus.
Unser Gehirn ist ein kompliziertes Netzwerk, in dem unzählige Verarbeitungsschritte gleichzeitig ablaufen und in dem die unterschiedlichen Bereiche pausenlos miteinander Information austauschen. Dennoch lassen sich grundlegende Verarbeitungswege unterscheiden. Zum einen gibt es den Was-Pfad, zum anderen den Wo-Pfad. Sie führen in verschiedene Gehirnbereiche. Im Wo-Pfad (hauptsächlich im Parietallappen) wird unter anderem analysiert, wo genau die Objekte sind, wie groß sie sind und in welchem Abstand sie sich zueinander befinden. Die genaue Form und Art der Objekte wird dabei kaum beachtet.
Es existieren insgesamt zwölf Pfade, die sich bewusst als Perspektive, Aspekt oder Kategorie (vgl. Klammerausdruck) fassen lassen:
1. Was-Pfad (Sein, Wesen)
2. Welche-Pfad (Eigenschaften)
3. Wie-Pfad (Art und Weise)
4. Wo-Pfad (Raum, Ort)
5. Wann-Pfad (Zeit)
6. Wobei-Pfad (Umstand)
7. Wie viel-Pfad (Maß)
8. Womit-Pfad (Mittel, Material)
9. Weshalb-Pfad (Grund)
10.Wofür-Pfad (Zweck, Ziel)
11.Warum-Pfad (Ursache)
12.Wozu-Pfad (Wirkung)
Alle diese Pfade werden vom Verstand organisiert und bilden gleichsam die Wege der Vernunft. Sie ermöglichen die mehrdimensionale komplexe Wahrnehmung.
Benachbarte Gehirnbereiche bilden die Aspekte und/oder Perspektiven, unter denen wir Personen, Objekte oder Ereignisse erfassen.
Zum Beispiel sind für die dreidimensionale Wahrnehmung die benachbarten Gehirnbereiche der Wo- und Wann-Pfade verantwortlich: Welche Tiefe haben die Objekte und wie weit sind sie vom Betrachter entfernt und wann treten sie auf? Ohne diese Aspekte würden die gesehenen Gegenstände flach wie aus Pappe ausgeschnitten wirken. Erst durch Perspektive und Tiefe entsteht bei Sehenden wie bei Blinden eine dreidimensionale Wahrnehmung.
Andere Nervenzellen sind wiederum darauf spezialisiert, Bewegungen wahrzunehmen. Dabei reagieren unterschiedliche Neuronen auf jeweils ganz bestimmte Geschwindigkeiten. Wo die Bewegung stattfindet spielt dabei kaum eine Rolle.
Bewegung wird nur sehr grob einem Ort zugeordnet.
Der Was-Pfad für optische Impulse (hauptsächlich Temporallappen) klärt, was für Gegenstände, Personen oder Landschaften das Auge da sieht. Damit das Gehirn die Objekte einordnen kann, muss es sie zunächst von ihrem Hintergrund trennen. Dabei ist es günstig, dass bereits die primäre Sehrinde besonders gut auf Kanten und Übergänge anspricht. So lassen sich die Konturen der Objekte schnell erfassen. Diese Konturenwahrnehmung funktioniert so gut, dass das Gehirn teilweise über das Ziel hinausschießt und Formen sieht, die es eigentlich gar nicht gibt. Objekte werden mit bekannten Dingen aus dem visuellen Gedächtnis verglichen.
Innerhalb von rund einer viertel Sekunde hat das Gehirn jede relevante Information aller Pfade aus dem Bild gewonnen und verrschiedene Aspekte zu einem Gesamteindruck kombiniert. Das alles geschieht innerhalb eines Augenblicks (drei Sekunden) gleichzeitig. Alle Areale tauschen mit allen in einem Netzwerk ständig Information aus. Es existiert keine Hierarchie oder Zentrum.
Offenbar werden sogar von den höheren Verarbeitungseben wieder Impulse zum Beispiel in die primäre Sehrinde zurück geschickt. Sie wirken wie eine Verstärkung oder Rückkopplung und machen das Bewusstwerden hoch wahrscheinlich erst möglich.
Bei Blinden werden solche Reflexionen aufgrund des Ausfalls des Sehens durch die übrigen Sinne kompensiert.
Von Natur aus ist das Bewusstsein so organisiert, dass es alles wahrzunehmen und zu verarbeiten vermag. Verschiedene Kulturen installieren aber durch Erziehung unterschiedliche Scheren im Kopf und beschneiden dadurch das unvoreingenommene natürliche Wahrnehmen der Natur.
Dennoch: wir vermögen das "Zurück zur Natur", und zwar durch Umkehrung von Erziehung.
wfschmid - 13. März, 05:00
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