2
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen I

Die Geschichte der Wahrnehmung vollzieht sich als mehr oder weniger gefühlsmäßiges Wechselspiel zwischen sinnlichen und geistigen Erfahrungen. Aus diesem Spiel gestaltet sich ja das jeweilige Bild, das sich Menschen von ihrer Welt machen. Dem Zusammenspiel von Gefühl, Sinn und Geist entspricht das Zusammenwirken von Religion, Physik und Philosophie zu Beginn unserer abendländischen Kultur.

mythos-logos1

Religion, Physik und Philosophie unterscheiden sich, weil Empfindungen, Sinneseindrücke und gedankliche Auseinandersetzungen unterschiedlich dominieren. Man könnte sagen, dass zu Anfang das Empfinden dominiert und deshalb zu Beginn unserer Kulturgeschichte vor allem magische und mythische Bilder erscheinen.

Das Weltbild der Menschen wird durch die Herrschaft ihrer Götter geprägt. Man spricht vom Zeitalter des Mythos.

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Julio Lambing - 8. Mai, 12:17

Glücklicherweise kommt Persephone zurück...


„Man könnte sagen, dass zu Anfang das Empfinden dominiert und deshalb zu Beginn unserer Kulturgeschichte vor allem magische und mythische Bilder erscheinen.“

Nun man könnte auch sagen, dass dies eine alte Sichtweise in unserem akademischen Mainstream ist, in dem man sich bis heute immer wieder eine Fortschrittsgeschichte zur Selbstbestätigung und Selbstermutigung erzählt – eine Geschichte, in der der Mythos immer die Kindheit der Zivilisation markiert und der Logos zumindest die Pubertät, wenn nicht gar die Adoleszenz.

Man könnte sagen, dass dieses Erzählmuster wohlbekannt ist, bei dem man Mythen und Magie dem Gefühl - und damit der Irrationalität - zuordnet und die späteren, antimythischen Sprachspiele und Kulturen dem Geist - und damit der Rationalität. Man könnte sagen, dass diese Erzählung selbst schon lange zum Mythos geworden und heute - gleich der Ilias in Athen - immer und immer wieder neu vorgetragen wird.

Und man könnte im 25. Jahrhundert der abendländischen Philosophie hoffen, dass doch zumindest kritische Randbemerkungen eingeflochten werden, wenn die Geschichte der angeblichen Wandlung von dem exaltierten Mythos zum gesitteten und wohlgeordneten Logos erzählt wird. Kleine kritische Randbemerkungen zu den verwendeten stereotypen Kategorien, Randbemerkungen, die zeigen, dass sich der selbst schon in die Jahre gekommene Logos-Mythos zumindest der eigenen kulturellen Bedingtheit bewusst ist, wenn er über andere Mythen sein Lied singt.

Aber man könnte sich auch sagen, dass der Frühling kommt und ohnehin frische Düfte durchs Land bläst. Und dass auch solche Einwürfe wie dieser hier schon längst modisch und stereotyp geworden sind (wir alle kennen die schick angezogenen Derrida-Groupies der europäischen Größstädte, die dem abendländischen "Logophallozentrismus" in jedem Hörsaal zu Leibe rücken und ihn um einen kürzer machen wollen). Und dass die Orte, in denen in unserer Kultur über den Status des Mythos und der Magie verhandelt wird, schon länger nicht mehr die Universitäten und die Schulen sind.

Vor allen Dingen könnte man sich sagen, dass es doch viel wertvoller ist, dass norddeutsche Dozenten über Weblogs philosophische Gedanken ins Netz tragen und so zum kritischen Hinterfragen anregen - etwas was schließlich ja immer schon sowohl dem Mythos als auch der Magie genutzt hat.

wfschmid - 8. Mai, 18:13

Danke und Bitte um Geduld

Man könnte auch sagen, dass die Geschichte Geduld verlangt, denn das ist ja nun wirklich nur eine Sichtweise! Und wahrscheinlich leidet sie unter der Euphorie des 'aufleuchtenden Logos'. Aber Ihr Kommentar ermahnt mich auch zu mehr Vorsicht.

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Wolfgang F.A. Schmid

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