20
Feb
2012

Hybris

 
hybris

© urs

"Das griechische Wort ὕβρις meint sowohl Übermut als auch Anmaßung. Beim Menschen gelangt Hybris vor allem als Selbstüberhebung zum Vorschein. Selbstüberheblichkeit beruht gewöhnlich auf einer Fehleinschätzung, die in einer Missbildung durch Erziehung wurzelt. Jede Erziehung gegen die Natur führt nämlich zwangsläufig zu solcher Missbildung.

Das fängt bereits mit ganz kleinen Schritten an. So erscheint es zwar auf den ersten Blick als wahr, dass jedes heranwachsende Lebewesen auf Belehrung durch seine Erzieher angewiesen ist, aber ein solcher Anschein darf nicht dazu führen, dass Eltern nicht mehr intuitiv zu erfassen versuchen, wessen die Kleinen bedürfen, sondern das tun, von dem sie bloß meinen, dass es es richtig sei. Allerdings ist schon dieser ‘erste Blick’ eine erziehungsbedingte, übernommene Projektion bzw. Vorurteil.

Besonders auffällig wird das in der Grundschule, wenn sich Lehrer nicht mehr in das Denken ihrer Kinder hineinversetzen, sondern diesen ihre eigenen Gedanken aufzwängen. Irgendwann führt solches Verhalten dazu, dass Lehrer den Glauben an ihre eigene Kompetenz entwickeln, sich dann auf diesen Irrglauben verlassen und gar nicht mehr nachdenken."

Die Vernunft zeigt sich gar nicht einverstanden mit dem, was Lethe hier sagt. “Du tust doch gerade das, wogegen Du Dich eigentlich wendest. Woher willst Du denn das alles wissen, was Du uns hier zu vermitteln versuchst?“

Lethe reagiert erstaunt: “Naürlich spreche ich nur an, was Ihr selbst gleichsam von Natur aus schon als Wissen in Euch tragt. Ich bin also gleichsam nur Moderatorin, denn jede Information sollte vernünftigerweise nicht mehr als ein Anstoß oder Anregung sein.

Information bedeutet ja etwas, das in Form bringt. Information, die nicht in Aufregung für eine Idee versetzt und in hoher Weise interessiert, taugt letztlich nichts.”

“Demnach wird in der Schule nicht informiert, jedenfalls den gelangweilten Gesichtern nach zu schließen”, bemerkt die Vernunft. Lethe fügt sehr ernst hinzu: “Das vernunftbegabte Wesen hat nicht gelernt, sich selbst und andere zu informieren!” Diese Aussage erschreckt die Vernunft, und sie will natürlich wissen, warum es sich so verhält.

“Das vernunftbegabte Wesen verengt seine Existenz zu sehr auf seine Vernunft hin und vergisst dabei, dass es auch Fantasie und Verstand besitzt. Informieren aber bedeutet inhaltlich fantasievoll gestalten, verstehbar formen bzw. formulieren und vernünftig spielerisch umsetzen!”

Als Beispiel nimmt Lethe das kleine Kind, welches von sich aus seine Muttersprache im Wesentlichen ohne Lehrer erlernt. Es ist noch in der Lage, ohne lehrerhafte einengende Vorgaben hoch aufmerksam wahrzunehmen, unvoreingenommen, konzentriert für sich auszuwerten und damit auch spontan zu behalten, um es dann nach eigenem Gutdünken anzuwenden. Dazu gehört auch, eigene Irrtümer zu beobachten und diese zu korrigieren. Diese spontane Entwicklung wird aber durch schulmeisterhafte, vorprägende Eingriffe empfindlich gestört und damit gehemmt oder sogar blockiert!

Hybris ist folglich der angenommene Grundirrtum, etwas zu können, das andere nicht auch unter vergleichbaren Bedingungen von sich aus vermögen.
 

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Wolfgang F.A. Schmid

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