27
Jun
2010

Das andere Bewusstsein Folge 7


UR und der weiße Vogel

Während der Heilige doch von der Schrift der Eremitin sichtlich enttäuscht sich auf den Heimweg macht, lässt sich ein großer weißer Vogel auf einem Busch am Rand des Feldweges nieder und spricht Ur an: "Ur, was hast du von einer gottlosen Eremitin erwartet. Weil Du selbst voller Zweifel bist, hofftest Du, von ihr etwas Zuverlässigeres über Deinen Gott zu erfahren. Und sie? Stattdessen zeigt sie Dir das älteste Buch aus dem alten Indien über die Zwölf Gebote über die menschliche Natur. Warum also zeigst Du Dich unzufrieden?" Ur muss für sich erst einmal klarmachen, dass da ein Vogel zu ihm gesprochen hat. In seiner Niedergeschlagenheit ist er schon wieder in Gefahr, an ein Wunder zu glauben. "Wer bist Du, dass Du zu mir sprechen kannst?" "Störe Dich nicht an der Oberflächlichkeit meiner Gestalt. Ich bin eine buddhistische Seele aus der Welt danach. Ich sehe Dein großes Problem. Du möchtest irgend etwas ganz Besonderes sein und so hast Du Dich aufgrund Deiner religiösen Erziehung tüchtig verlaufen und möchtest so ein eitler Heiliger sein. Aber ich kann Dir versichern, dass das, wonach Du suchst, nirgendwo in der Welt danach existiert. Dort existieren wir alle rein geistig und gestaltlos. Ich habe nur die Gestalt eines weißen Vogels angenommen, weil Du Vögel magst. Das war ein Tipp des buddhistischen Mönches Franz von Assisi, den Du ja auch sehr verehrst." Der Heilige war zu überrascht, als dass er diesem Wesen widersprechen wollte. Aber Franziskus als Buddhisten zu bezeichnen, das schien ihm doch zu großzügig ausgelegt. Stattdessen wollte er von diesem Wesen sehr viel lieber wissen, warum es denn in der Welt keinen Gott finden könne. Also erkundigte er sich. Und das Wesen antwortet ihm: "Um in dieser meiner jetzigen Welt etwas finden zu können, musst Du ganz genau wissen, wonach Du suchst. Und was Ihr in Eurer Welt noch Gott nennt, das kann hier niemand finden. Das jedenfalls scheint es hier nicht zu geben. Selbst Platons sehr viel bescheidenere Gestalt der höchsten Idee des Guten ist hier vollkommen unbekannt. Ich empfinde es hier überhaupt als äußerst angenehm, dass die ganzen irdischen Spinnereien sich ins Nichts aufgelöst zu haben scheinen. Hier gibt es nämlich absolut nichts, woran irgend jemand glauben würde. Selbst Eure Heiligen konnten ihren irdischen Glauben an einen Gott mit himmlischer Leichtigkeit ablegen und keiner von ihnen erwartet noch so etwas wie einen Vater oder eine Mutter im Himmel. Nein, nein der Himmel ist gottlos und engelfrei!"
Ur fiel es schwer, das anzunehmen, was er hier hörte.
Da der Heilige sich noch ganz in der Nähe der Eremitage befindet, hört die Eremitin das Gespräch. Der Vogel spürt, dass sie sich nähert und entschwindet gleichsam ins Nichts.

Trackback URL:
https://wolfgangschmid.twoday-test.net/stories/6398713/modTrackback

Sanne (Gast) - 27. Juni, 14:32

eins

Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir einsam beisammen
und sind festlich, wie Flammen
fühlen: Alles ist Eins.

Halten uns fest umfaßt;
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.

Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders:
sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.

Meine Seele spürt,
daß wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf..

Und wir sind nichtmehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.

Rainer Maria Rilke
Aus: Dir zur Feier (1897/98)

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7775 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development