17
Okt
2011

Was fehlt eigentlich?

 
 
Das Gehirn sucht, indem es fragt.

Wenn die Vernunft fragt, versucht sie das Wesentliche des Selbst herauszufinden.
Wenn der Verstand fragt, treibt es ihn hinaus, um zu entdecken.
Die Vernunft wird in ihrer Suche maßgeblich vom Eros bestimmt, der Verstand von der Neugier.
Da sowohl für die Vernunft als auch für den Verstand das Suchen das Lebenselixier bedeutet, be­schließen sie beide, ihr Suchen zu synchronisieren.
Sie hegen die berechtigte Hoffnung, das Suchen auf diese Weise verbessern zu können.
Sie einigen sich schnell darauf, dass es das Empfinden von Mangel ist, das Fragen auslöst, denn in der Regel ist Fragen immer ein Suchen nach etwas, das fehlt.

So fragen sie sich beide zuerst, welcher Mangel sie eigentlich dazu antreibt, unentwegt suchend zu schaffen.
Die Vernunft sieht als Grund ihres Suchens die Sehnsucht, sich selbst zu erfahren. “Wer nicht mehr sucht, geht rückwärts!”
Das Suchen bedeutet für sie die einzige Möglichkeit, vorwärts zu kommen. Wer sich ihrer Meinung nach als Suchender aufgibt, spürt sich selbst nicht mehr. Weil er auf das Empfinden verzichtet, gibt er das Wahr Nehmen auf. Sein inneres Licht erlischt und er irrt umher.
Der Verstand hält sich zurück und sagt nichts zu dem, was er doch letztlich für ein sysiphoshaftes In-sich-kreisen hält. Stattdessen versucht er, dieser Art des hermeneutischen Zirkels irgendwelche Vorteile abzugewinnen. Er vermutet, dass es sich um eine Art Tanz handeln muss, denn wie anders als ein Kreisel soll man sich um sich selbst drehend fortbewegen. Natürlich erkundigt er sich bei der Vernunft danach, woran sie eigentlich merke, dass sie sich fortbewegt. Die Antwort der Vernunft überrascht den Verstand außerordentlich, denn sie erklärt ihm, indem sie sich letztlich wiederholt, dass sie dichtet, an einem Roman schreibt, Musik komponiert und Bilder malt. Sie erkennt ihre Fortbewegung also in ihren Werken. Sie bewegt sich, indem sie schafft. Das aber genau unterscheidet sie in keiner Weise vom Verstand.
Der Verstand erkennt, dass er sich auf genau die selbe Weise fortzubewegen versucht. Und jetzt erscheint ihm auch die Neugier nichts Anderes zu sein als Selbstberührung. Dass er dabei unbekannte Welten entdeckt, hält er für etwas, das ihn nicht wesent­lich von der Vernunft unterscheidet, denn dergleichen offenbart sich auch in ihren Werken. Um nun aber in seinen Überlegungen doch weiter­ zu kommen, erkundigt er sich bei der Vernunft und bittet sie, ihre Suche zu beschreiben.
 

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Wolfgang F.A. Schmid

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