Wer sagt uns, dass wir denken?
Wer sagt uns, dass wir denken? Diese Frage überrascht, denn jeder von uns hält das Denken für so selbstverständlich wie das Atmen. Wir meinen, dass wir ununterbrochen denken. Wir können sogar gar nichts anderes als zu denken. Was also soll überhaupt diese merkwürdige Frage?
Vergegenwärtigen wir uns aber als die einzigen Lebewesen auf der Erde, die den eigenen Lebensraum zerstören, dann sieht es durchaus so aus, dass wir eher nicht nachdenken, also dem nicht nachsinnen, was wir eigentlich tun. Und werfen wir einen Blick in unsere Schulen, dann erweist sich das Unterrichten eher als Auswendiglernen als Erziehung zum Denken. Unsere Gesellschaft beweist geradezu, wie gedankenlos sie ist, wenn sie einem Lehrer zutraut, mehr als zwanzig Schüler und Schülerinnen individuell unterrichten zu können. Völlig überforderten Lehrern fehlt es schlichtweg an Zeit, sich angemessen auf ihren Unterricht vorzubereiten. Und was tut man, wenn man keine Zeit hat? Man verlässt sich auf das, was man schon kann. Lernende mögen gewöhnlich keinen Unterricht, weil sie dort in der Regel nichts erleben, sondern sich mit Wiederkäuen abquälen. Das Erleben ist aber ein wichtiges Indiz dafür, dass Denken überhaupt stattfindet.
Wer denkt, ist auf der Suche, will etwas in Erfahrung bringen. Neues erfahren aber ist ein weiteres Indiz für das Denken. Wer denkt, ist neugierig, will entdecken. Es ist die Neugier, die zum Denken antreibt. Neugier ist geradezu der Beweggrund des Denkens. Denken organisiert Bewusstwerden körperlich bzw. sinnlich, seelisch und geistig, indem es Bilderleben inszeniert. Diese Inszenierung kann jeder selbst beobachten, indem er nach innen schaut. Der Blick nach innen wird durch die Frage ausgelöst, was ich mir gerade vorstelle. Dabei stellt sich gewöhnlich heraus, dass wir uns sowohl mit der augenblicklichen Situation (primäre Vorstellung) als auch damit, wie wir uns verhalten sollen (sekundäre Vorstellung) beschäftigen. Nur wenn wir uns besonders darauf konzentrieren, können wir beide Situationen voneinander unterscheiden. Nehmen wir an, jemand hat vor, in die Stadt zu gehen. Mit einem Blick aus dem Fenster wird er sich über das aktuelle Wetter informieren (primäre Vorstellung) und sich klar werden, was er anziehen soll (sekundäre Vorstellung). Betrachten wir diesen Vorgang noch genauer, dann können wir feststellen, dass wir uns primär ein Geschehen wie z. B. die Bewegung der Wolken vorstellen und uns sekundär ein Bild wie „Es wird nicht regnen!“ davon machen. Das Abbild (sekundär) der primären Wahrnehmung ist eine Leistung des Verstandes. Es entstand durch sorgfältiges Betrachten und Beobachten von Zusammenhängen. Eine Leistung des Denkens besteht also darin, dass Bilderleben durch den Verstand in Bilder-Leben und Bild-Erleben geschieden wird, wobei das Bild-Erleben sehr oft den Charakter einer Soll- oder Führungsgröße hat.
Wir stellen also fest, dass wir durch Selbstbeobachtung viel über unsere inneren Vorgänge herausfinden können. Selbstbeobachten ist neben Suchen Erleben ein weiteres Indiz für das Denken.
Allmählich wird klarer, dass Denken nicht einfach ständig abläuft, sondern besonderer Konzentration (Ausrichtung nach innen) bedarf. Ich denke nicht einfach, sondern ich muss eigens denken wollen. Wenn ich denke, bin ich voller Neugier auf der Suche nach etwas, das ich entdecken oder aufdecken will.
Ein wenig haben wir darüber erfahren, dass wir uns wahrscheinlich selbst die Frage beantworten können, ob wir denken oder nicht. Aber um diese Wahrscheinlichkeit erhöhen zu können, müssen wir uns auf den Weg machen, um noch mehr darüber zu erfahren, was in uns mit uns geschieht.
wfschmid - 10. Mai, 04:00
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