Denken
Denken organisiert unser Bewusstwerden und projiziert davon einen gefühlten Moment als Bewusstsein. Die Erfahrung eines solchen Augenblicks lässt zugleich Zeit als Werden empfinden. Bewusstsein erscheint als Jetzt inmitten ständiger Veränderung. Aber bevor das jetzt überhaupt erscheint, ist es bereits vergangen. Die Erfahrung des unmittelbaren, unaufhaltsamen Rückfalls des Jetzt in seine Vergangenheit, provoziert das Denken, Bewusstwerden als Zukunft erleben zu lassen. So lebt das denkende Wesen ständig im Blick nach vorn, indem es unaufhaltsam etwas vorhat. Im Raum unendlichen Werdens erscheint die Zeit als unaufhörliche Illusion eines Augenblicks. Das vernunftbegabte Lebewesen rettet sich aus dem Schlund ständigen Schwunds, indem es sich in seiner Sprache festhält. Weil aber das Denken in Sprache länger als für die Geschwindigkeit des Werdens verträglich dauert, entsteht die Illusion des Beständigen, während unbeständiges Leben abfließt. Im Anfang war das Wort, welches gewisse Lebewesen aus dem Raum des Werdens vertreibt, indem es sie in Sprache verfängt und zugleich mit Vernunft begabt. Vernunft ist das Vermögen, sich wieder aus der Gefangenschaft des Wortes zu befreien.
wfschmid - 25. April, 04:00
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