25
Sep
2005

Sprachliche Fernen

sprachliche-ferne

Die meisten Menschen lesen nicht gern wissenschaftliche Texte. Das liegt nicht an diesen Menschen, sondern an den Texten. Wissenschaftliche Texte sind für diese Menschen zu wenig bildhaft. Sie können sich unter den Inhalten kaum etwas vorstellen. Man sagt von diesen Texten, dass sie zu abstrakt sind. Das Eigenschaftswort abstrakt kommt aus der lateinischen Sprache. Dieses Wort bedeutet, dass etwas mit großem Abstand gesehen wird. Für jene Menschen, welche wissenschaftliche Texte nicht gern lesen, ist dieser Abstand zu groß.

Was bedeutet das? Das Wort Sonnenblume erzeugt eine klare Vorstellung von einer bestimmten Blume. Fast alle Menschen wissen, was eine Sonnenblume ist. Spricht man dagegen nur von Blume, dann ist nicht klar, um welche Blume es sich handelt. Das Wort Blume hat also einen größeren Abstand von der Wirklichkeit des sinnlich Vernehmbaren als das Wort Blume. Aber an dieser Art von Abstand stört sich niemand. Wer das Wort Blume liest oder hört, kann sich unter dem Inhalt dieses Wortes sofort etwas vorstellen. Dabei spielt es keine Rolle, ob er diese Vorstellung verwirklicht oder nicht. Es spielt also keine Rolle, ob er sich eine bestimmte Blume vorstellt oder nicht. In jedem Fall gewährleistet das Wort Blume jederzeit das Verwirklichen einer genauen Vorstellung. Im Gegensatz dazu erlaubt das wissenschaftliche Wort so etwas nicht.

Für die meisten Menschen erlaubt das wissenschaftliche Wort Funktion keine klare Vorstellung von dem, was das Wort meint. In diesem Fall ist es ziemlich klar, dass das wissenschaftliche Wort das Erzeugen einer klaren Vorstellung verhindert. Wissenschaftliche Wörter wie Funktion laden dann zum Nachschlagen der Bedeutung ein. Das wissenschaftliche Wort Funktion selbst liefert diese Aufforderung zum Nachschlagen.

Wissenschaftliche Wörter dieser Art sind deshalb auch nicht problematisch. Problematisch sind dagegen jene wissenschaftlichen Wörter, die diesen Aufforderungscharakter nicht haben. Das sind wissenschaftliche Wörter, die als solche nicht auffallen.

Häufig handelt es sich sogar um Wörter, die in der Sprache des Alltags ebenso vorkommen wie in der Sprache der Wissenschaft. Dazu gehört zum Beispiel das Wort Erziehung. Erziehung ist ein ebenso umgangssprachliches wie wissenschaftliches Wort. Dieses Wort ist besonders kurios. Auch im wissenschaftlichen Bereich tut man sich nämlich schwer damit, dieses Wort zu erklären.

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Wolfgang F.A. Schmid

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