10
Jun
2005

Vom richtigen Umgang mit der Geschichte

Kant vergleicht die Ethik des Konfuzius (551 - 479 v. u. Z.) mit Sokrates. Die Jesuiten machen die Lehre des Meister Kong (lat. Confucius) in Europa bekannt. Konfuzius lehrt wie Sokrates und Buddha das rechte Leben. Konfuzius hält nichts vom Rückzug aus dem täglichen Leben und der politischen Auseinandersetzung. Nur in der beständigen Auseinandersetzung miteinander und der eigenen Geschichte können die Menschen ein besseres Leben erreichen.

umgang-mit-geschichte

Konfuzius ist der Auffassung, dass in der Geschichte der Menschheit alle Weisheit verborgen ist. Sie zu entbergen beschleunigt das Fortschreiten auf dem eigenen Weg. Er warnt aber davor, überkommene Werte einfach zu übernehmen. Es bedarf immer wieder der Prüfung ihrer Tragfähigkeit für die Gegenwart. Überkommene Werte können durch egoistische Interessen ihrer Lehrer oder durch Machtgehabe verfälscht sein. Das gilt auch für die eigenen Werte und Normen, Gesetze und Regeln, Verbote und Gebote, Ideale und Ziele. Sie müssen durch tägliche Besinnung immer wieder gereinigt werden.

9
Jun
2005

Gigs und Gags

Wird das Daimonion zum Gegenstand der Vernunft, dann erfährt es vielfältige Auslegungen. Das reicht von Engeln bis hin zu inneren Beratern wie der innere Arzt oder der innere Lehrer. Das sind - vor allem im esotherischen Bereich - Versuche, das Phänomen der inneren Stimme für alle bewusst und damit erfahrbar zu machen.

gigs-gags

Das Problematische solcher Versuche liegt in der Besetzung der inneren Stimme mit einer bestimmten Rolle. Wird das Daimonion beispielsweise als innerer Arzt ausgestattet und zum inneren Berater für gesundheitliche Angelegenheiten erklärt, dann werden die Möglichkeiten des Daimonions gefiltert. Der Vorteil solcher Filterung liegt darin, dass das Daimonion leichter zur Spache gelangt. Der ganz entschiedene Nachteil aber ergibt sich aus der Vermischung von intuitiven Mitteilungen mit Argumenten der Vernunft. Dadurch wird die natürliche intuitive Verlautbarung des Daimonion verfälscht und zu einer Art Selbstgespräch gemindert.

Die Mitteilungen der inneren Stimme in Gestalt eines Engels, eines inneren Arztes oder eines inneren Lehrers werden zu Gags der Vernunft, sobald sie sich mit eigenen Erfahrungen färben. Das Daimonion verfälscht sich dann zu Gags und veranstaltet narzißstische Gigs, also spontane verführerische Selbstvergnügungen.

8
Jun
2005

Daimonion

In der Geschichte der Philosophie wird das Phänomen der inneren Stimme zum ersten Mal von Sokrates beschrieben. Sokrates nennt sie ‘daimonion’: Wesen und Wirkung des Göttlichen.

daimonion

Nach Sokrates Auffassung wird jedem Menschen von Geburt an ein göttlicher Schutzgeist mit auf den Weg gegeben, der ihn vor Unheil bewahrt. Erst wenn der Mensch diesen Schutzgeist vernachlässigt und damit den Unwillen der Götter erregt, wird das Dämonische in ihm zur Verblendung und Besessenheit.

Das sokratische Daimonion hat eine Stimme und stellt sich schützend vor die ihm Anvertrauten. Für Sokrates ist das ein klar erkennbares Faktum. Es ist so selbstverständlich anwesend, dass dies nicht erst diskutiert zu werden braucht. Das Daimonion berät zwar, aber es trägt nicht zum Erkennen bei. Das Daimonion ist streng getrennt vom Verstand, es sagt das, was der Verstand nicht erkennen kann. Es ist nicht das sittliche Gewissen. Was Sokrates zu tun hat und was nicht, sagt ihm sein Verstand. Das Daimonion bedeutet die Stimme, die ihn warnt, sobald er gegen seine Intuition handelt.

Der griechische Schriftsteller Plutarch (45-120) hat das sokratische Daimonion ausführlich erörtert. Hinweise auf die Existenz eines Daimonion finden sich auch in den Schriften der römischen Autoren Seneca (4-55 n. Chr.) und Marc Aurel (121-180 n. Chr.). Augustinus deutet das Daimonion als Gewissen und legt die innere Stimme als Stimme Gottes aus. Thomas von Aquin deutet es sogar als Erkenntnisorgan der praktischen Vernunft.

7
Jun
2005

Erleben ist die Zeit des Lebens

Zeit ist Widerspiegelung der Einstellung zum Leben. Wer keine Zeit hat – und dies nicht nur aus Selbstschutz behauptet – hat auch nichts vom Leben. Der Wert des Lebens sinkt mit der Anzahl von Fremdbestimmungen. Je fremdbestimmter ein Mensch lebt, um so weniger lang lebt er auch. Das Erleben ist die Zeit des Lebens. Je weniger erlebt wird, um so schneller fließt die Zeit. Das Altern verzögert sich mit der Anzahl beglückender Erlebnisse.

erleben-ist-die-zeit

Je weniger Besinnung Raum geschenkt wird, um so weniger Zeit steht zur Verfügung.

Einige philosphische Notizen aus der Antike zur Zeit: Die Zeiten sind mit der Welt entstanden. Sie beziehen sich nur auf das Werden, nicht auf das Sein (Platon). Die Zeit ist gleichsam das Maß des Gewordenen (Xenokrates). Und Aristoteles: Zeit ist ohne Veränderung bzw. Bewegung nicht möglich. Wir nehmen die Zeit zugleich mit der Bewegung außer oder in uns wahr. Die Zeitvorstellung ist die Vorstellung des Früher und Später in der Bewegung. So ist denn die Zeit das Maß, die Zahl der Bewegung (Veränderung) nach dem Früher und Später. Mit anderen Worten: die Zeit ist das an der Veränderung Gezählte, nicht das, wodurch wir zählen. Das Unveränderliche ist nicht in der Zeit. Die Stoiker dagegen betrachten die Zeit als etwas Gedankliches. Oder Plotin: Die Zeit ist eine Eigenschaft der Subjektivität der Seele. Die Zeit ist nicht außerhalb der Seele, sondern eine Bestimmtheit des seelischen Lebens selbst. Zeit ist Leben der Seele und als solche ein in der Seele Geschautes.

Augustinus (354 – 430) betont die Subjektivität der Zeit. Die Zeiten des Erfahrens von Veränderungen sind bei den Menschen unterschiedlich. Je mehr erlebt wird, um so schneller scheint die Zeit zu vergehen. Die Tiefe des Erlebens bestimmt in der Rückschau auf das eigene Leben die Zeitdauer. Wer wenig erlebt, für den erscheint das Leben von kurzer Dauer.

6
Jun
2005

Erlösung statt Entsagung

Plotin (205 – 270) lehrt das ursprüngliche Alleine, das er mit dem Göttlichen gleichsetzt. Alles Seiende fließt aus dem Sein und wieder in das Sein zurück. Plotin spricht von einer "Weltseele", die zwischen Geist und Materie vermittelt und die chaotische Füller einer ständig im Wechsel befindlichen Welt schafft. In der Einzelseele des Menschen wohnt die Sehnsucht nach einer Rückkehr in das allumfassende Sein.

erloesung-statt-entsagung

Der neu-platonische Anfang des Johannesevangeliums weist starke Übereinstimmungen auf zu dem, was Plotin lehrt: "Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort. Und das Wort ist Fleisch geworden."

Nicht Lebenslust, nicht Enthaltsamkeit, sondern der Rückzug aus der Welt durch Ausrichtung einer Rückkehr in eine andere Welt prägt das Dasein der Menschen zur Zeit Plotins.

Letztlich stehen Epikur, Zenon und Plotin für die gefühlsbetonten Möglichkeiten des Menschen, sein Dasein zu gestalten: das lebenslustige Aufgehen im Jetzt, das entsagungsvolle Einkehren in sich selbst und das religiös gefärbte Hoffen auf eine bessere Welt.

5
Jun
2005

Stoische Ruhe

Wenn du es eilig hast, gehe langsam! Eine der Aussagen aus der Sammlung der Stoa. Der Begründer der Stoa (Philosophie der Selbstdisziplin) ist Zenon von Kition (um 334 - 263 v. u. Z.).

stoische-ruhe

Zur Zeit des Zenon befindet sich die ganze griechische Welt in einer Krise. Das Reich Alexander des Großen befindet sich in Auflösung. Die Athener interessieren sich nicht mehr für große philosophische Gedanken, sondern sind vielmehr auf ein Denken aus, das ihnen angesichts allgegenwärtiger Unsicherheiten Sicherheit bietet. Sie verlangen nun von den Philosophen, dass sie ihnen klare Grundsätze für ihr Leben vermitteln, also Orientierungshilfen geben.

Für Zenon stellt sich eine anspruchslose Lebensführung als Voraussetzung für Unabhängigkeit dar. Im Gegensatz zu Epikur sieht er das ideale Verhältnis zu den Dingen nicht in einer jeden Abstand aufgebenden Begeisterung, sondern in einer Ruhe schenkenden Gelassenheit.

Zenon will nicht, dass sich der Mensch in seiner Begeisterung Menschen und Dingen ausliefert, sich von sich selbst entfremdet, sondern er will, dass sich der Mensch sich selbst bleibt, indem er alles loslässt, auch sich selbst.

Selbstdisziplin und konsequente Erfüllung seiner Pflichten lassen die menschliche Seele zur Ruhe kommen. Das erinnert etwas an den Buddhismus, dessen verschiedene Schulen auch das Loslassen lehren.

4
Jun
2005

Lebenslust

Noch zu Lebzeiten des Aristoteles beginnt Epikur (341 – 270 v. u. Z.) sein Studium in Athen. Zu dieser Zeit existieren verschiedene philosophische Ausrichtungen. Die einen folgen der Lehre des strengen Lebens, die anderen der Lehre des eher lustbetonten Lebens.

lebenslust

Erstere nennen sich Kyniker und bezeichen sich diesem Namen entsprechend als arme Hunde. Zu ihnen zählt auch Diogenes, von dem man sagt, dass er sogar in einer Tonne haust.

Zweitere nennen sich Hedoniker, was frei übersetzt Lüstlinge bedeutet. Kyniker wie Hedoniker berufen sich auf Sokrates. Den Kynikern ist er Vorbild wegen seiner allenorts bekannte Sittenstrenge. Den Hedonikern ist Sokrates ein Vorbild, weil er sich darauf versteht, das Leben zu genießen. Sokrates liebt gutes Essen und Trinken und lässt sich aus diesem Grund oft zu den Gastmahlen der reichen Athener einladen.

Epikur unternimmt sehr bald den Versuch, die Sinnesfreuden philosophisch zu rechtfertigen. Epikur geht von der Feststellung aus, dass alle Menschen nach Lust, nach Sinnengenuss streben. Dieses Streben gelangt allenfalls dann nicht zum Vorschein, wenn die Lebensumstände es erfordern, die Gestaltung des Daseins aus Not anders zu begründen. Dem armen Hund bleibt nichts Anderes übrig – so Epikur – als aus seiner Not eine Tugend zu machen. Epikur nennt seine Schule, in der er seine Auffasung von der Lebenslust des Menschen vertritt, "Garten".

Epikur lehrt in seinem 'Lustgarten', dass nur die sinnliche Erfahrung Grundlage allen Erkennens sein kann. Und je erfreulicher diese sinnliche Erfahrung für uns ist, um so offener begegnen wir auch allem, was uns diese Freude ermöglicht. Der Mangel an Lebenslust schafft den Boden für Lebenslügen. Ja selbst das Abstrahieren ist der Versuch, sich vom Sinnlichen abzukehren, um sich jenseits aller sinnlichen Erfahrung wenigstens noch ein wenig mit Gedankenspielen amüsieren zu können.

Beeindruckt von Demokrits (460 – 370) Atomtheorie erklärt Epikur: Alle Materie besteht aus Atomen, also aus unteilbaren kleinsten Grundbestandteilen, die sich fortwährend in Bewegung befinden und nur vorübergehend zu Gebilden zusammentun. Die so entstandene Natur lässt keinen Spielraum für Geistiges wie das Sokrates, Platon und Aristoteles vertreten.

Da alles endlich ist und nur vorübergehend als etwas Bestimmtes erscheint, kommt es ganz entschieden darauf an, nicht für ein irgendwie zu gestaltendes Morgen zu leben, sondern das Jetzt des Heute zu genießen. Um das erreichen zu können, müssen die Menschen dafür sorgen, dass sie in Frieden und ohne Angst leben können. Die Menschen müssen sich folglich die Voraussetzungen schaffen, um ihr Leben genießen zu können.

Epikur heute? Dr. Peter Hartz hat maßgeblich dafür gesorgt, dass in Deutschland die Gruppe der 'Kyniker' zunehmend beschleunigt wachsen konnte. Epikur verstand nicht unter seiner Lehre, dass sich die Reichen an den Armen bereichern sollten sondern forderte, dass alle Menschen dazu beitragen, dass alle – und nicht nur wenige – das Leben genießen dürfen.

3
Jun
2005

PAUSENZEICHEN

Leben verbraucht sich durch Schwingungen. Übergänge zwischen einzelnen Schwingungen sind gleichsam die kurzen Pausen, die das Leben für den ständigen Wechsel im stetig sich verändernden Werden braucht.

pausenzeichen

Pausenzeichen sind jene Signale unseres Körpers, unserer Seele und unseres Geistes, welche wir gewöhnlich überhören. Wir spüren unseren Atem nicht. Wir nehmen den Wechsel von Einatmen und Ausatmen in der Regel nur wahr, wenn wir uns überanstrengt haben. Wir überhören die Klopfzeichen unseres Herzen selbst dann noch, wenn es durch Unregelmäßigkeiten Gefahr signalisiert.

Pausenzeichen sind wie Morsezeichen, die uns ständig über innere Vorgänge benachrichtigen. Die Pausenzeichen der Seele sind die geglückten Augenblicke unseres Alltags, in denen unser Körper die Seele mit Glückshormonen auflädt. Da genügen schon kurze bewusst in Anspruch genommene besinnliche Momente.

Die Pausenzeichen des Geistes sind Signale der Freude, der kleinen Aha-Erlebnisse, wenn uns etwa klar geworden ist.

Wer keine Erfahrungen mit Pausenzeichen hat, erfährt dadurch zumindest, dass er zu arglos mit sich umgeht. Er sollte sich möglichst umgehend darum kümmern, bevor er das aufgrund einer Zwangspause in einem Rehabilitationszentrum nachholen muss... Krankheit ist zwar eine Chance, sein Verhalten zu ändern, aber es wäre besser, es nicht auf diese oft allerletzte Gelegenheit ankommen zu lassen.

2
Jun
2005

Gedanken sind Aufforderungen

Denken geschieht als Bilderleben. Und Zoomen ist eine Weise mit Bildern zu spielen.

gedanken-sind-aufforderunge

Denken ist das Spielen mit Bildern in unserer Vorstellung. Die Philosophie schenkt uns die Möglichkeit, dieses Spiel immer besser zu beherrschen und so mit Bildern zu spielen, dass sie sich zu schöpferischem Gestalten vereinigen.

Das Spiel mit Bildern, das Bilder-Leben und das Bild-Erleben also, muss behutsam erweitert werden, wenn es sich entwickeln können soll.

Wir haben das Zoomen, die Nähe und Ferne zu Bildern in unserer Vorstellung, vergegenwärtigt. Die Beschreibung des Zoomens als Annähern und Entfernen reicht zwar für das geistige Wahrnehmen und Betrachten aus, aber sie lässt noch keine geregeltes Überführen in Beobachten zu.

Die Schwierigkeiten, solche Überführungen zu leisten, ergeben sich vor allem aus der Sprache. Worte bleiben weit hinter dem zurück, was Bilder zeigen. Die Aufforderung, einen Grashalm zu zoomen, vermag nur anzugeben, was mit dem Bild getan werden soll. Über den Inhalt des Bildes wird nichts ausgesagt. Der Inhalt wird lediglich beim Namen genannt.

Zur Sprache gebrachtes Denken vermag nicht mehr widerzuspiegeln als das, was mit etwas zu tun ist. Eine klare Aufforderung, mit etwas Bestimmten etwas Bestimmtes zu tun, heisst Gedanke. Zoomen ist ein solcher Gedanke.

Alle Sätze, die zu einem Tun auffordern, enthalten folglich Gedanken. Beispiel: Nehmen Sie den Grashalm wahr. Betrachten Sie ihn. Beobachten Sie ihn...

1
Jun
2005

Ein Gedanke gestaltet sich

Denken lässt sich einfach sichtbar machen! Das geschieht durch die Sprache. Ein Wort ohne Bild ist wie ein leerer Rahmen. Ein Wort mit einem unbewegten Bild ist noch kein Gedanke.

ein-gedanke-gestaltet-sich

Zum Beispiel erzeugt das Wort "Grashalm" sofort ein Bild. Um aus diesem Bild einen Gedanken zu erzeugen, muss dieser Grashalm zum Leben erwachen. Die Vorstellung von diesem Grashalm muss lebendig werden. Der Grashalm wiegt sich in einem leichten Windhauch. An diesem Grashalm perlen die letzten Tautropfen des frühen Morgen ab. Ein Marienkäfer lässt sich von diesem sich im Wind wiegenden Grashalm hin und her schaukeln. Das sind einige Bilder, die aus den Vorstellungen von diesem Grashalm einen Gedanken entstehen lassen.

Während dieser Gedanke sich zu gestalten beginnt, laufen viele Prozesse ab, die uns gewöhnlich nicht als Denken bewusst werden. Über die wichtigsten Vorgänge, die das natürliche Denken auszeichnen, werden wir in den kommenden Tagen mehr erfahren. Heute betrachten wir den ersten dieser Vorgänge.

Sobald wir das Wort "Grashalm" lesen oder hören, erscheint ein Grashalm in unserer Vorstellung, und zwar in einem Abstand, der uns gemäß ist. Wir nehmen diesen Grashalm geistig wahr. Denken entsteht spontan, sobald wir diesen Abstand verändern, um den Grashalm zu betrachten. Wir können diesen Grashalm näher betrachten und dichter zu uns heranholen, um uns seine Oberfläche genauer anzusehen. Wir können diesen Grashalm aber auch aus einem größeren Abstand betrachten, weil wir seine Umgebung miteinbeziehen wollen.

Das Denken, das den Abstand zu etwas, das wir betrachten, regelt, heißt Zoomen. Die Abstandsregelung ist die natürliche Form der Abstraktion. Abstrahieren bedeutet: etwas unter bestimmten Voraussetzungen konkretisieren. Wenn wir den Grashalm zu uns heranzoomen, schneiden wir ihn gleichsam aus seiner Umgeben heraus. Das Zoomen ermöglicht uns die Entscheidung über bestimmte Bildausschnitte.

Das Zoomen regelt die Sprache durch das Zusammensetzen von Wörtern. Die Zusammensetzung von Wörtern zeigt, wie nah oder fern wir etwas sind. So bestimmt die Zusammensetzung der Wörter: Sonnenblumen – Blüten – Blatt – Farbe (Sonnenblumenblütenblattfarbe) eine größere Nähe als das Wort Sonnenblume.

31
Mai
2005

Lässt sich Denken sehen?

Diese Frage scheint sich von Aristoteles her bejahen zu lassen. Aber Aristoteles spricht nicht vom Denken, sondern vom Erkennen.

denken-sehen

Er-Kennen bedeutet aber jenen Weg beschreiten, welcher das Wissen erweitert, also den Bestand von Handlungsentwürfen, Handlungsmodellen und verwirklichten Handlungsmustern. Diese Wege können empirisch sein wie zum Beispiel in der Physik oder konstruktiv wie zum Beispiel in der Mathematik. Obgleich Aristoteles also nur mittelbar auf das Denken eingeht, hat er wesentliche Grundlagen dafür geschaffen, um das Denken überhaupt denken zu können. Später hat Immanuel Kant diese Grundlagen einer bis heute maßgeblichen Kritik unterzogen. Kants erweiterte Grundlegung des Denkens hat wenigstens den mittelbaren Zugang für das Wahrnehmen, Betrachten, Beobachtens und Begreifens des Denkens selbst geschaffen. Aber ohne Ausweis durch Veranschaulichung bleibt ein unmittelbarer Zugang verwehrt.

Solange sich Denken nicht empirisch ausweisen lässt, verbleibt dieser Prozess im spekulativen Bereich und lässt sich religiös, mythisch, esotherisch oder pseudowissenschaftlich behaupten. Und vor allem muss vorweg akzeptiert werden, dass Denken mehr ist als das, was sich in herkömmlicher Weise wissenschaftlich erfassen lässt.

Denken lässt sich natürlich für alle sehen. Schließlich machen wir alle unsere Erfahrungen damit. Aber es ist nach wie vor offen, wie es sich so betrachten und beobachten lässt, dass es ganzheitlich begriffen werden kann.

Der Begriffskalender will dazu nicht nur Anregungen liefern, sondern auch Möglichkeiten eröffnen, um auf dem Weg des Denkens voranzukommen.

30
Mai
2005

Aristoteles 2 – Die Entdeckung der Wissenschaft

Im Gegensatz zu den griechischen Naturphilosophen betrachtet Aristoteles nicht mehr das Werden als Ursache und Grund allen Seins sondern befragt das Sein selbst. "Worin besteht die Ursache allen Seins?"

aristoteles2

Mit dieser Fragestellung löst sich die Philosophie von den eingegangenen Verbindlichkeiten mit der Natur und begründet ihren Gegenstandsbereich unabhängig von allem Werden. Damit wird die Einheit von Theorie gespalten und Theorie wird fortan zum Wahrnehmen, Betrachten, Beobachten und Begreifen des Denkens selbst. Das ist der eigentliche Geburtsvorgang wissenschaftlicher Theorie. Aristoteles entdeckt letzlich die Möglichkeit für das Denken, sich selbst zu denken.

Seitdem bemüht sich jede Wissenschaft, vor aller Erfahrung zunächst einmal ihre Art und Weise des Vorgehens zu klären (Methodik), bevor sie sich auf empirische Untersuchungen einlässt. Dass das funktioniert beweist die Mathematik und deren Anwendung durch die Naturwissenschaften. Dagegen folgt die Physik noch nahezu zwei Jahrtausende der Vorgehensweise der griechischen Naturphilosophen und entwickelt ihre Gesetze aufgrund von Experimenten. Eine Kehre von "Theorie aufgrund von Experimenten" zu "Experimente aufgrund von Theorie" erfolgt erst im letzten Jahrhundert. Albert Einstein ist der bekannteste Repräsentant dieser Kehre.

Das Problem, das sich die Wissenschaft durch die Abkehr von der Unmittelbarkeit des Werdens einhandelt, zeigt sich heutzutage besonders deutlich in der Medizin, die nicht mehr den einzelnen Menschen, ja nicht einmal den menschlichen Körper insgesamt wahrnimmt, sondern hochspezialisiert nur noch einzelne körperliche Funktionen betrachtet. Aus der Sicht der Medizin ist das nicht anders zu machen, denn kein Arzt wäre auch nur entfernt in der Lage, das medizinische Wissen gegenwärtig zu haben. Das hoch spezialisierte Vorgehen der Medizin kann den zureichenden Grund durch eine deutliche Verlängerung des menschlichen Lebens ausweisen.

Während das Problem für die Medizin durch die Entscheidung für die Verlängerung der Lebenszeit gelöst erscheint, tun sich andere Wissenschaften sehr schwer damit. So hat beispielsweise die Pädagogik gerade durch ihre Theorien die Praxis aus den Augen verloren. Trotz aller reformpädagogischen Bemühungen, diese Wissenschaft doch wieder vom Menschen aus zu betreiben, setzt die Pädagogik vor alle Praxis immer noch eine ihrer vielen Theorien. Pädagogik erweist sich so als eine Wissenschaft, die wahrscheinlich Aristoteles am gründlichsten mißverstanden hat, wohl aus Unwissenheit über das, was Aristoteles "praktische Wissenschaft“ nennt.

29
Mai
2005

Aristoteles 1 – Kühles Denken

(384 bis 324 v. u. Z.)
Es wird kälter in der Welt des Denkens.

aristoteles1

Aristoteles folgt Sokrates und Platon, was die Forderung nach allgemeinen Bestimmungen angeht. Aber er löst das Erkennen von den alltäglichen Bezügen. Für ihn ergibt sich die Notwendigkeit, den Prozess des Erkennens unabhängig von der sinnlich vernehmbaren Welt zu untersuchen. Er nennt "theoretische Wissenschaft" jene Wissenschaft, welche alles, was unabhängig vom Menschen geschieht, untersucht. Die theoretische Wissenschaft macht sich ausschließlich den Prozess des Erkennens selbst zum Gegenstand. Damit folgt zwar Aristoteles den Ansätzen vor allem von Thales und Pythagoras, aber er geht über diese weit hinaus, indem er die Philosophie von allen Ausweisen und Beweisen durch sinnlich Vernehmbares löst. Als Bilderleben wird das Denken selbst zum Gegenstand des Denkens.

Durch diesen Vorgang schließt Aristoteles Wirklichkeitsbezüge nicht aus. Die "praktische Wissenschaft" macht sich die menschlichen Handlungen zum Gegenstand. Aber sie kann seiner Ansicht nach nicht mehr leisten als wiederum Handlungen hervorzubringen.

Die "poietische Wissenschaft" untersucht dagegen das, was im Bereich des schöpferisch hervorbringenden Verhaltens des Menschen liegt, wobei sich Aristoteles vorwiegend auf die Dichtung bezieht.

Durch diese 'Dreiteilung' der Wissenschaft sieht sich Aristoteles vor die Aufgabe gestellt, ein übergreifendes wissenschaftliches System zu schaffen, das für alle Wissenschaften Gültigkeit hat. Den alle Wissenschaften übergreifenden Weg nennt Aristoteles Logik.

Im Gegensatz zu Platon, der Philosophie als Einheitswissenschaft auffasst, also als eine Wissenschaft, die alles Bereiche menschlichen Wissens zum Gegenstand hat, löst Aristoteles die Wissenschaft gleichsam in Einzelwissenschaften auf. Mit dieser Auflösung beginnt quasi die vorgeburtliche Zeit des heutigen 'Fachidioten'. Die Einzelwissenschaften als einzelne Disziplinen sind geboren.

28
Mai
2005

Philosophische Bilder VIII – Die dreizehnte Frage

Die dreizehnte Frage bildet gleichsam die Summe (summa summarum) der zwölf Fragen. Es ist die Frage nach sich selbst. Diese Frage beantwortet sich nicht aufgrund von irgendwelchen Selbst-Grübeleien.

philosophische-bilder8

Die Antwort auf die Frage:

13. Wer bin ich?

ergibt sich durch Widerspiegelung meiner Persönlichkeit in meinem Verhalten als Person anderen Menschen gegenüber. Viele, die lange über sich selbst ergebnislos nachdenken, würden eine sehr schnelle Antwort erhalten, wenn sie sich über jene Menschen Gedanken machen würden, zu denen sie Beziehungen eingegangen sind. Sie sollten sich fragen, in wiefern sie diesen Menschen genügen.

Starkes Selbst-Bewusstsein ist eine Frage von Selbstlosigkeit. Umgekehrt zeugt ein schwaches Selbst-Bewusstsein von Selbst-Sucht. Wir Menschen sind soziale Lebewesen und auf andere angewiesen. Die Ich-Stärke kann allein durch das Du des anderen wachsen. Da hilft einem kein Gott! Wenn wir zu uns selbst kommen wollen, müssen wir auf den anderen zugehen!

Seit 16 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Wolfgang F.A. Schmid

Ergänzende Webseiten

 

Archiv

Mai 2021
April 2021
März 2021
Februar 2021
Januar 2021
Dezember 2020
November 2020
Oktober 2020
September 2020
Juni 2020
Mai 2020
April 2020
März 2020
Februar 2020
Januar 2020
Dezember 2019
November 2019
Oktober 2019
Juni 2019
Mai 2019
April 2019
März 2019
April 2018
März 2018
Februar 2018
Januar 2018
Dezember 2017
November 2017
Oktober 2017
September 2017
August 2017
Juli 2017
Juni 2017
Mai 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Januar 2017
Dezember 2016
November 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Juni 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
Dezember 2015
November 2015
Oktober 2015
September 2015
August 2015
Juli 2015
Juni 2015
Mai 2015
April 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
Oktober 2008
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005
Januar 2005
Dezember 2004

Aktuelle Beiträge

. . .
Man muss alle Bewegungen der Natur genau beobachten,...
wfschmid - 25. Mai, 09:45
Unsichtbare Welt
Neuronale Dämmerung im Dunkel des Unbewussten. Der...
wfschmid - 24. Mai, 06:44
glaub' oder glaube nicht was...
glaub' oder glaube nicht was geschehen ist schuf dich ich...
wfschmid - 15. Mai, 04:07
Annähern
Loslassen können Es erinnern Leuchtende Bilder An diesen einzigartigen...
wfschmid - 14. Mai, 08:30
Magische Linien 1
Magische Linien 1 Geschützte Markierung Gefühle der...
wfschmid - 13. Mai, 09:26
Magische Linien 1
Geschützte Markierung Gefühle der Atem die Energie ein...
wfschmid - 13. Mai, 09:23
Sehr schön
Lieber Wolfgang, meine Emails kommen offenbar nicht...
snafu - 6. Mai, 10:55
. . .
So offenbart sich im Stillleben Vincent van Goghs „Ein...
wfschmid - 30. April, 10:52

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7779 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Juli, 02:02

Suche (AND, OR erlaubt) - Nächste (leere) Zeile anklicken!

 

Credits

 

 

Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

 wfs


development