2
Jun
2013

Natürliche Antizipation

Die erste natürliche Antizipation des Unterrichtens geschieht im Spiel. Bevor die Bärin, welche in einer Klasse der Bärenschule unterrichtet, den selbst eingerichteten Unterrichtsraum betritt, überlegt sich das kleine Mädchen sehr genau, was es als Bärenlehrerin den kleinen Bären beibringen möchte. So ist heute eine Exkursion in den kleinen Kaufladen nebenan vorgesehen. Die kleinen Bären sollen lernen, wie man einkauft. Als Vorbilder dienen der kleinen Lehrerin natürlich die Einkäufe der Erwachsenen sowie ihre eigenen Einkaufserfahrungen. Da sich das Mädchen spontan zum Spielen mit ihrer Bärenschule entschlossen hat, bleibt kaum Zeit, sich über die Vorgehensweise Gedanken zu machen. Aber das ist auch nicht erforderlich, da seine Fantasie eine ausgezeichnete Beraterin ist. Schon nach Sokrates' und Platons Auffassung bezieht sich die Fantasie immer dann auf die Gesetze der Natur, wenn es in einer Situation an Orientierung mangelt. Eines dieser Gesetze besagt, dass etwas immer etwas vorausgeht, und umgekehrt etwas immer auf etwas folgt. Also erkundigt sich die Lehrerin bei den kleinen Bären, wer von ihnen schon eingekauft hat. Der kleine Otto meldet sich und erzählt, dass er am liebsten Honigbonbons einkauft. Otto nennt dann auch zwei Cent für ein Bonbon als Bezahlung. Wie im Bärenunterricht üblich, darf jeder, der eine Frage beantwortet hat, auch selbst eine Frage stellen. Otto erklärt, dass in einer kleinen Tüte fünf Bonbons sind und will wissen, wie viel er bezahlen muss. Der kleine Per meldet sich und antwortet richtig "Zehn Cents!" Hier folgt die Fantasie im Spiel dem Gesetz, dass jedes Ganze aus Teilen besteht, und umkehrt Etwas immer auch Teil von Etwas ist. Jetzt will die Lehrerin von den Bären wissen, was man bedenken muss, bevor man einkaufen geht. Heidi meldet sich und erklärt stolz, dass man einen Einkaufszettel braucht und fragt die Klasse, warum das so ist. Mia meldet sich: "Damit man nicht vergisst, was man braucht!" Peter meldet sich, weil er noch etwas dazu sagen möchte. Heidi ruft ihn auf, und Peter erklärt stolz: "Wenn man einen Einkaufszettel hat, dann kauft man nichts Unnötiges!" "Sehr gut!", lobt Mia. Hinter dieser Spielszene verbirgt sich das Gesetz des Vergleichens, denn bei sorgfältigem Vorgehen befindet sich im Einkaufswagen das, was auf dem Einkaufszettel steht. Da Mia keine Frage mehr hat, ruft sie eine Mitschülerin auf, um mit Lilly zusammen den Unterricht fortzusetzen. Lilly fordert nun die Klasse auf, einen Einkaufszettel zu schreiben und sich in der gewohnten Ordnung auf den Weg zum Kaufladen zu machen. Die kleinen Bären stellen sich vor der Bushaltestelle ordentlich in einer Schlange auf, um auf den Bus zu warten. Nach kurzer Zeit fährt der Bus vor, vom Bruder der Lehrerin geschoben. Die Bären steigen ein, und nach sehr kurzer Zeit kommen sie beim Kaufladen an. Heidi ist als erste an der Reihe. "Ich brauche neue Turnschuhe!" Die Verkäuferin sagt freundlich zu Heidi: "Wir haben keine Schuhe! Die bekommst Du im Schuhgeschäft. Hier kannst Du nur Lebensmittel bekommen!" Nachdem alle Bären eingekauft und die Erfahrung gemacht haben, dass es in einem Laden nicht alles zu kaufen gibt, fahren sie zur Bärenschule zurück, um ihre Erfahrungen auszutauschen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Da die kleinen Bären der Meinung sind, noch nicht gut genug rechnen zu können, beschliessen sie, das im Mathematikunterricht noch zu üben. Der Bruder, der seine Schwester beim Schule Spielen beobachtet hat, meint, dass das kein richtiger Unterricht gewesen sei, weil man in der Schuhe so etwas nicht macht. Die Bärenlehrerin wehrt sich mit dem Hinweis, dass sie das selbst von ihrer Lehrerin gelernt hat.
Kinderunterricht zeigt in der Regel, dass Kinder gewöhnlich zunächst ihre Lehrer nachahmen, dann aber sehr schnell zu ihrem eigenen Stil finden. Kinder bereiten sich auf Unterricht vor, indem sie dessen Verlauf antizipieren. Antizipationen ergeben sich für Platon aufgrund von Innenbildern, das sind fantasierte Wiedererinnerungen ursprünglicher Ideen zur Bewältigung einer Situation. Ein schöpferischer Lehrer erkennt das, was zu tun ist, durch das innere Licht.

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Wolfgang F.A. Schmid

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