30
Mai
2013

Wiederkehr ästhetischer Erziehung als Pädagogik der Zukunft

Ein Erfahrungsbericht aus einer Schule in Utopia erscheint uns sehr viel anschaulicher als eine eher theoretisch gehaltene Wiederholung des zurückgelegten Gedankenganges. Die freie Schule oder Zentrum des Lernens liegt in einem Park zwischen hohen alten Bäumen. Auf den ersten Blick fällt das noch von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Gebäude kaum auf. Das farbenfroh gestaltete künstlerische Haus verbirgt sich hinter dicht gewachsenem Efeu. Das Innere der Schule gestaltete der Künstler gemeinsam mit Schülern. Das mag der Grund dafür sein, dass man sich in dem Gebäude nicht sogleich zurechtfindet. Betritt man das große Foyer, so hat man zuerst das Gefühl, sich in einer buntbemalten Tropfsteinhöhle zu befinden, von der bunt beleuchte Gänge abzweigen. An einem Stand, den man zunächst für einen Informationsstand hält, verkaufen Kinder und Jugendliche Gemüse und Früchte aus dem eigenen Garten. Daneben bieten sie frisch gepresste Frucht- und Gemüsesäfte an. Gewohnheitsmäßig sucht der Besucher heimlich nach Preisschildern. Aber es sind nirgendwo Auszeichnungen von Preisen zu finden. Ein Besucher nimmt sich ein Glas Möhrensaft, greift zum Portemonnaie, um zu bezahlen. Aber die kleine Verkäuferin winkt ab. Der Besucher fragt völlig überrascht, ob denn die Angebote Geschenke sind. Das Mädchen aber zuckt nur mit den Schultern. Unschlüssig bedankt sich der Besucher und wendet sich zögernd ab, nachdem er das leere Glas zurückgestellt hat. Aber das Mädchen hält ihn auf, deutet auf eine Spülschüssel neben dem Stand, und gibt ihm das leere, ungespülte Glas zurück. Der Besucher hat verstanden. Nachdem er das Glas gespült und abgetrocknet hat, erkundigt er sich nach der Schulleitung. Das kleine Mädchen nennt ihm Schulen, an denen es noch Schulleitungen gibt, bedauert aber, dass ihre Lernstätte nicht über eine solche Einrichtung verfügt. Verständnisvoll beruhigt sie anschließend den Besucher, indem sie ihm erklärt zu wissen, was er meint. Sie bedeutet ihm freundlich, ihr zu folgen. Sie betreten einen der geheimnisvoll erscheinenden Gänge, der stark abfällt. Aus Rücksicht auf die elektrisch motorisierten Rollstuhlfahrer weist das Gebäude keine Treppen auf, wohl aber mehrere Aufzüge. Auf der nächsten Ebene verlassen sie den mit bunten Glasfenstern durchsetzten Flur. Sie betreten einen großen hellen Raum, und das Mädchen verabschiedet sich von dem Besucher mit den Worten, dass er nun selbst auswählen und entscheiden könne. Der Besucher entdeckt eine Vielzahl runder Tische, um die Kinder, Jugendliche und Erwachsene sitzen und zu diskutieren scheinen. Der Besucher spricht einen der Erwachsenen an, um zu erfahren, wo er sich hier eigentlich befindet. Der Erwachsene erklärt ihm, dass er sich im großen Beratungsraum befindet. In den einzelnen Lerngruppen hier geht es darum, welchem Thema sich die Gruppe als nächstes zuwenden möchte. Und der Erwachsene erklärt, dass er selbst zur Zeit der Interessengruppe Naturwissenschaften angehört. Interessengruppen finden sich für eine gewisse Zeit zu einem Thema zusammen, dem sie sich besonders widmen wollen. Bei seiner Gruppe geht es gerade um das Thema Demenz. Dieses Thema wurde von Jugendlichen angeregt, die an einigen Tagen der Woche Demenzkranke betreuen und sich über diese Krankheit selbst informieren wollen. "Sind Sie einer der Lehrer hier?", will der Besucher wissen. Der angesprochene verneint. "Soweit ich weiß, gibt es es hier keine Lehrer, sondern nur beratende Fachleute, Wissenschaftler, Künstler, Philosophen und Pädagogen." Und er fügt hinzu, dass er selbst in seiner Eigenschaft als Wissenschaftsjournalist eingeladen worden ist. Die Jugendlichen wollen gemeinsam mit Medizinern und Hirnforschern in einigen Serien von dieser Krankheit berichten. Der Besucher will vom Journalisten wissen, wer denn eigentlich für ein solches Projekt finanziell aufkommt. "Jedes Projekt hier finanziert sich selbst, Unkosten werden von dem von Wirtschaft und Industrie stark gesponserten Förderverein dieser Einrichtung vorgestreckt." Der Journalist betont, dass es dank des enormen Ansehens dieser Einrichtung keinerlei finanzielle Probleme gibt. "Und womit beschäftigt sich diese Gruppe im Augenblick?", will der Besucher wissen. "Setzen Sie sich doch einfach dazu!", fordert der Journalist den Besucher auf. Ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen fasst gerade Zwischenergebnisse der Gruppe zusammen. "Die im Augenblick von Karlheinz geleitete Gruppe "Alt und nicht Basta!" hat bei Demenzkranken, mit denen sie gemeinsam flippern, festgestellt, dass sie nach dem Spiel sehr viel fröhlicher und flexibler wirken. Die Demenzkranken haben Spass an diesen Spielen, bei denen sie durchaus gewinnen. Nach mehreren Besuchen in der Abteilung Neurologik des Instituts für Neurologie hat diese Lerngruppe die Hypothese entwickelt: Grund für die Ursache von Demenz ist vor allem das alte Ästhetik feindliche Schulsystem, denn mangelnde Betrachtung während des Lernens führt zu mangelnder Bindefähigkeit neuronaler Verbindungen. Dadurch kann sich im Gedächtnis keine stabile Neurologik ausbilden. Eine stabile Neurologik des Gehirns gewährleistet aber störungsfreie Vergegenwärtigungen und Erinnerungen!" Die Fünfzehnjährige verweist auf ihren Artikel "Grundlagen der Neurologik" und gibt den Link dazu an.
Der inzwischen sehr beeindruckte Besucher muss bedauerlicherweise wegen eines wichtigen Termins aufbrechen, verspricht aber am anderen Tag wiederzukommen.

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Wolfgang F.A. Schmid

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