16
Mrz
2012

Blickfang

 

© urs


Sinnlich Auffälliges, emotional Aufdringliches und/oder geistig Interessantes aktivieren gegenwärtiges Bewusstsein als Moment des Bewusstwerdens und lassen es zum Blickfang innerer Wahrnehmung werden.

Trotz aller intensiven philosophischen Beschäftigung mit dem Denken ist das Phänomen der Selbstbeobachtung (Introspektion) ziemlich unklar geblieben. Das ist umso erstaunlicher als Philosophieren doch letztlich nahezu ausschließlich auf innerer Wahrnehmung beruht. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass Philosophie von Anfang an die Kunst als ihren Ursprung vernachlässigt hat. Demzufolge ist auch vollkommen in Vergessenheit geraten, dass alles Verstehen mit der Kunst innerer Wahrnehmung beginnt. Durch die Art und Weise der Annäherung der Vorsokratiker an die Wirklichkeit wird das Verstehen von Anfang an an die Gewinnung einer Funktion oder Definition gekoppelt. Durch diesen Anspruch wird die künstlerische Umgebung eines Bewusstseinsinhalts ausgespart. Seit Thales gilt die Suche nach dem klaren Begriffs als die das Denken maßgeblich bestimmende Aufgabe. Als Blickfang des Denkens aber erfasst der Begriff weder sinnlich Begreifbares noch persönlich Erfahrbares. Die sinnliche und seelisches Konstituente des Bewusstwerdens fallen also aus.

Die Ablösung der Philosophie von der Kunst hat dann letztlich den Bruch zwischen Wissenschaft und Leben zur Folge.

Denken wird, wenn überhaupt, nicht systematisch und schon gar nicht in einfachen Schritten angeboten. Die Organisation des Denkens, wie sie Nietzsche[1] geschildert hat, hat sich seitdem nicht geändert.
So sind seine Bemerkungen zu diesem Thema noch immer höchst aktuell:

"Wie wenig Vernunft, wie sehr der Zufall unter den Menschen herrscht, zeigt das fast regelmäßige Mißverhältnis zwischen dem sogenannten Lebensberufe und dem ersichtlichen Nichtberufensein: die glücklichen Fälle sind Ausnahmen wie die glücklichen Ehen, und auch diese werden nicht durch Vernunft herbeigeführt. Der Mensch wählt den Beruf, wo er noch nicht fähig zum Wählen ist; er kennt die verschiedenen Berufe nicht, er kennt sich selbst nicht; er verbringt seine tätigsten Jahre dann in diesem Berufe, verwendet all sein Nachdenken darauf, wird erfahrener; erreicht er die Höhe seiner Einsicht, dann ist es gewöhnlich zu spät, um etwas Neues zu beginnen, und die Weisheit hat auf Erden fast immer etwas Altersschwaches und Mangel an Muskelkraft an sich gehabt.
Die Aufgabe ist meistens die, wieder gutzumachen, ungefähr zurechtzulegen, was in der Anlage verfehlt war; viele werden erkennen, daß der spätere Teil des Lebens eine Absichtlichkeit zeigt, die aus ursprünglicher Disharmonie entstanden ist; es lebt sich schwer. Am Ende des Lebens ist man's aber doch gewohnt – dann kann man sich über sein Leben irren und seine Dummheit loben: bene navigavi cum naufragium feci, und gar ein Preislied auf die »Vorsehung« anstimmen.

Ich frage nun nach der Entstehung des Philologen und behaupte

1. der junge Mensch kann gar nicht wissen, wer Griechen und Römer sind,
2. er weiß nicht, ob er zu ihrer Erforschung sich eignet,
3. und erst recht nicht, inwiefern er sich mit diesem Wissen zum Lehrer eignet. Das, was ihn also bestimmt, ist nicht Einsicht in sich und seine Wissenschaft, sondern
a) Nachahmung,
b) Bequemlichkeit, dadurch, dass er forttreibt, was er auf der Schule trieb,
c) allmählich auch die Absicht auf Broterwerb.

Ich meine, 99 von 100 Philologen sollten keine sein."[2]

Und weiter:

„Da aber die Philologen vornehmlich mit Hilfe des griechischen und römischen Altertums erziehen, so könnte die im ersten Falle angenommene Mangelhaftigkeit ihrer Einsicht einmal darin sich zeigen, daß sie das Altertum nicht verstehen; zweitens aber darin, daß das Altertum von ihnen mit Unrecht in die Gegenwart hineingestellt wird, angeblich als das wichtigste Hilfsmittel der Erziehung, weil es überhaupt nicht oder jetzt nicht mehr erzieht. Macht man ihnen dagegen die Ohnmacht ihres Willens zum Vorwurf, so hätten sie zwar darin volles Recht, wenn sie dem Altertum jene erzieherische Bedeutung und Kraft zuschreiben, aber sie wären nicht die geeigneten Werkzeuge, vermittels deren das Altertum diese Kraft äußern könnte, das heißt: sie wären mit Unrecht Lehrer und lebten in einer falschen Stellung: aber wie kamen sie dann in diese hinein? Durch eine Täuschung über sich und ihre Bestimmung. Um also den Philologen ihren Anteil an der gegenwärtigen schlechten Bildung zuzuerkennen, könnte man die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Schuld und Unschuld in diesen Satz zusammenfassen: Drei Dinge muß der Philologe, wenn er seine Unschuld beweisen will, verstehen, das Altertum, die Gegenwart, sich selbst: seine Schuld liegt darin, daß er entweder das Altertum nicht oder die Gegenwart nicht oder sich selbst nicht versteht.“[3]

Will man Pädagogik wirklich ernst nehmen, dann sollte man unbedingt nur jene zulassen, welche über eine tatsächlich praktische Begabung dafür verfügen, nebst der Intelligenz, die erforderlich ist, um diese Begabung auch verstandesmäßig nutzen zu können. Es ist ganz offensichtlich eine nicht alltägliche Intelligenz erforderlich, um überhaupt anständig pädagogisch arbeiten zu können. Und genau diese Intelligenz wird bei jungen Menschen, welche über sie noch verfügen, viel zu wenig herausgefordert und gefördert. So sind sie völlig auf sich allein gestellt und müssen sehen, wie sie ihre pädagogischen Aufgaben mit Anstand bewältigen.
Aber ohne die Hilfe der Philosophie geht das häufig schief, sie verkommen geistig und gehen in der Praxis des Alltags unter. Da dieser Untergang wie in den meisten Berufen in der Regel mit zunehmend unscharfen Denken beginnt und das nachlassende Denken im Burn-out-Syndrom unterzugehen droht, werden insbesondere Vorkehrungen erforderlich, welche mit einem Minimum an Maßnahmen und einem Maximum an Wirkungen das Denken stabilisieren und das ursprünglich schöpferische „Bilderleben“ im Bewusstsein wiederherstellen. In diesem Sinne handelt es sich bei dieser Schrift um ein Vorhaben, das genau das unternimmt. Nichts ist dabei einfach nur ausgedacht, sondern alles wird durch intensive Betrachtung und konzentrierte Beobachtung der Natur abgeschaut und auf die wenigen, sicherlich nicht einfachen Regeln der Natur beschränkt.

Diese Regeln lassen sich wiederum auf die sich immer wiederholende alles umfassende Maßnahme der Natur zusammenfassen: Im Spiel mit den möglichen Möglichkeiten die wirklichen Möglichkeiten unermüdlich suchen und die möglichen Wirklichkeiten unaufhörlich versuchen, bis nach allen Irrtümern eine erfolgreiche Wirklichkeit hervorscheint.
„Versuch und Irrtum“ ist der Weg der Natur, dem dann im Spiel ständiger Veränderung Bleibendes zufällt.

Das Geheimnis der Schöpfung besteht darin, dass sie bei aller Wiederholung des immer Gleichen für den Zufall offen bleibt. Das Geheimnis der Natur besteht in ihrer Offenheit. Wahrheit ist zugleich der beste Schutz gegen jede Art von Infektion. Nur im Fall von Unoffenheit kann ein Virus im Gehirn überhaupt seine Aktivitäten entfalten.


_______

[1] 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen; † 25. August 1900 in Weimar

[2] Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Band 3, Herausgegeben von Karl Schlechta. München: Hanser, 1954. Band 3, S. 323-332.

[3] ebd.

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Wolfgang F.A. Schmid

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